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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

und Schmutz bewahren wolle, kenne die heutige Jugend

nicht. Diese Jugend sei weitaus kühner und sachlicher und

weitaus selbständiger den Dingen des Lebens gegenüber,

als man gemeinhin annehme; vor allem hungere sie nach

einem freien und befreienden, vorwärtsweisenden Geist.

17

Graf war zwar ein begehrter Redner, Unterstützer von

Resolutionen und Organisator von Protesten, wie Ger-

hard Bauer schreibt, seine Zurückhaltung und Skepsis

gegenüber Politikern oder Parteien blieb jedoch Zeit sei-

nes Lebens bestehen.

18

Sein

frei schwebender Sozialismus

hat es parteigebundenen Kol-

leginnen und Kollegen immer

schwer gemacht, mit ihm aus-

zukommen. Er wollte keine

Spaltung der Linken, sondern

sie zusammenführen. Im Mit-

telpunkt stand für Graf der

einzelne Mensch. Mit dieser

Haltung konnte er jederzeit

die Toleranz seiner Mitmen-

schen gegenüber der Freiheit

anderer ausprobieren.

Literatur und Engagement

Engagement meint bei Graf nicht nur, sich sozial zu betä-

tigen, sondern auch, mit Mitteln der Literatur Einfluss

auf die Gesellschaft zu nehmen. Er gehörte zu Beginn der

1920er Jahre zu einer Gruppe junger Literaten, Künst-

ler und Intellektueller, die sich politisch links verorteten.

Dazu zählten Autoren und Künstler aus dem Umfeld des

Malik-Verlags von Wieland Herzfelde, wie Franz Jung,

Georg Grosz oder John Heartfield. Graf suchte dabei

nach einer eigenständigen literarischen Position. Er arbei-

tete sich an Erich Mühsam ab, dessen Gedichte er als zu

unmodern kritisierte. In einem anderen Punkt befand sich

Graf wiederum in der Nähe zu Mühsam. Beide lehnten

den Gedanken ab, Literatur und Kunst seien an eine sozi-

ale Klasse gebunden.

19

Sozialismus ist für Mühsam eine

Kulturfrage. Für ihn, wie für Gustav Landauer, die Graf

beide als seine Lehrer verstand, war der Zusammenhang

von Kunst und Politik von entscheidender Bedeutung für

17 Recknagel (wie Anm. 15), S. 154 f.

18 Bauer (wie Anm. 14), S. 196 ff.

19 Dieter Schiller: Persönlichkeit und Solidarität, oder: Über Ausdruck und

Tendenz in Erich Mühsams Kunstdenken, in: Ian King/Steffen Ille (Hg):

Schriftsteller und Revolution. Dokumentation der Jubiläumstagung 2013,

St. Ingbert 2015, S. 137-150, hier S. 140.

gesellschaftliche Veränderungen. Graf befand sich ent-

sprechend zwischen der Position Mühsams, dem Konzept

einer Arbeiterliteratur („Proletkult“), und den avantgar-

distischen Ansätzen der Zeit.

Ein exemplarisches Beispiel für die literarisch-politi-

sche Position gibt Graf in einer späten Selbstverortung in

der Zeitschrift „Die Linkskurve“. Sie ist das Organ des

„Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“, eines

Zusammenschlusses von Autoren, die Mitglieder der

KPD waren oder ihr nahe standen.

20

Nach einer kritischen

Besprechung des Romans „Wir sind Gefangene“ antwor-

tet Graf „an einen und viele Genossen“:

„In dem Aufsatz ‚Betriebsarbeiter als Literaturkriti-

ker‘ in Nr. 5 der ‚Linkskurve‘ wird erzählt, ein russi-

scher Genosse Metallschmelzer hätte sich über meine

Lebensgeschichte so geäußert: ‚... Komische Kritik bei

euch, wo so ein Buch von Oskar Maria Graf ‚Wir sind

Gefangene‘ als links bezeichnet wird. Ein schöner Revo-

lutionsheld! Der geht mit seinem Liebchen Sekt saufen

und lässt andere für sich kämpfen …‘

Um es gleich zu sagen: Aehnliches habe ich von mei-

nen deutschen Genossen auch schon oft gehört und

habe es nie bestritten, nur richtiggestellt. Und wenn-

gleich es mir ziemlich gleichgültig ist, was ‚linke‘ und

‚rechte‘ Kritiker und sonstige siebengescheite Leute über

meine Bücher sagen – Genossen stehe ich gern Rede und

Antwort. Ich schreibe ja nicht für Kritiker, Dichterkolle-

gen und Intellektuelle, sondern für das Volk. Und dieses

Volk ist etwas anderes wie die Bevölkerung, es setzt sich,

so meine ich wenigstens, zusammen aus Genossen, wäh-

rend die Bevölkerung immer Mischmasch ist.

Also – es stimmt vollkommen, lieber russischer

Genosse, ich war ein ‚schöner Revolutionsheld‘, und

ich bin, während andere kämpften, Sekt saufen und zu

Huren gegangen. Allerdings habe ich nirgends in mei-

nem Buch behauptet, dass ich revolutionärer Mitkämp-

fer war. Ich war ein unentschiedener, leicht angereb-

belter, kopfloser Bohèmetyp, weiter nichts. Eine völlig

undiskutable, bürgerliche Erscheinung also. Und als

solche habe ich mich nach bestem Wissen und Gewis-

sen dargestellt: 1. weil mich alle sogenannte Literatur

anekelte, 2. weil ich sie grundverlogen fand und end-

lich 3. weil es mir darauf ankam, an meinem Beispiel

20 Vgl. zur Geschichte Christoph M. Hein: Der Bund proletarisch-revolutio-

närer Schriftsteller Deutschlands. Biographie eines kulturpolitischen Ex-

periments in der Weimarer Republik, Münster 1991.

Von der Revolution zum Exil

Graf 1927

Foto: Bayerische Staatsbiblio-

thek München / Bildarchiv