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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Dieser Punkt war Graf vor allem in der Auseinanderset-

zung mit dem Nationalsozialismus wichtig, denn diese

verkehrten die Idee des Volkes ins Negative.

Im Rückblick notiert Graf in „Gelächter von aussen“,

dass ihm gerade die Resonanz auf seine Bücher verdeut-

licht habe, dass er „überhaupt kein Schriftsteller oder

Dichter, sondern ein ausgesprochener Stegreiferzähler“

sei.

28

Diese Selbsteinschätzung ist aufschlussreich, weil sie

die Nähe von Erzählen und Schreiben aufzeigt. „Ich habe

vom mündlichen Erzählen am meisten gelernt“, schreibt

Graf entsprechend. Für das Erzählen nah an der münd-

lichen Tradition hält die Literatur eine Vielzahl von For-

men, Motiven und Techniken bereit, darunter Schwank,

Witz, Anekdote oder, im Rahmen alltäglichen Erzählens,

Erinnerungen oder autobiografische Äußerungen.

Die Komik war Graf dabei immer wichtig, auch aus

seinem politischen Selbstverständnis heraus. Nicht jeder

ernsthafte Schriftsteller, nicht jede ernsthafte Schriftstel-

lerin hätte in einer Zeitschrift wie „Lachen links“ Texte

veröffentlicht.

29

Schon während der Zeit als Dramaturg

hat er sich häufiger gefragt, warum seine Kollegen The-

men humorresistent darstellten. Ihn irritierte die Trocken-

heit der Dramen. Die Offenheit gegenüber dem Humor

zeigt sich auch in der Publikationspraxis, denn seit 1912

schrieb Graf für Zeitungen auch Humoresken und Sati-

ren. Die Geschichten frönen der Kunst des Derbleckens.

Graf spricht auch gerne vom „Frotzeln“.

30

Zugleich ist Graf die Sprache wichtig, ein Lebens- und

im Exil auch Überlebenselexier. In dem Essay „Unser

Dialekt und der Existenzialismus“ bezieht er sich aus-

drücklich auf die dialogische Situation des mündlichen

Erzählens, wenn er schreibt, der Dialekt vernichte alle

unechten Überlegenheiten und verweise den Sprecher in

die „natürlichen Grenzen“.

31

Ein frühes Beispiel für den

Dialekt als erzählerisches Mittel ist das „Bayrische Lesebü-

cherl“ von 1924, ein Sittengemälde der Landbevölkerung,

das Graf den Bayern und „den jeweiligen Reichsministern

zur gefälligen Information allerfreundlichst“ zueignet. Die

Spannweite der Themen wird bereits mit den ersten drei

Texten deutlich gemacht: „Einstiges (verbotenes) bayri-

sches Nationallied“, „Bayrische Gehirnsubstanz“ (ein Ver-

such, Mentalität und Weltsicht der Bayern zu beschrei-

28 Graf (wie Anm. 3), S. 18.

29 Die Zeitschrift kann digital eingesehen werden unter dem Link: https://

www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digilit/artjournals/

lachenlinks.html [Stand: 28.10.2019].

30 Graf (wie Anm. 3), S. 206.

31 Graf (wie Anm. 9), S. 97.

ben) und „Wahl-Begebenheiten einst und jetzt“, in denen

der Autor die frühere und gegenwärtige Begriffsstutzigkeit

der Bevölkerung angesichts freier und geheimer Wahlen

schildert.

Ein anderes Bespiel für die Beschäftigung mit volks-

tümlichen Stoffen

32

ist die 1928 erschienene Auftrags-

arbeit „Das bayerische Dekameron“. Graf schreibt darin

erotische Geschichten, wie diejenige vom Trauzeugen, der

in der Hochzeitsnacht die Braut verführt, oder diejenige

von der Frau, die die sexuelle Potenz des Heiratskandi-

daten ihrer Schwester testet, um ihr dann von der Heirat

abzuraten. Das Buch bringt ihm zwar den Durchbruch auf

dem literarischen Markt und sichert ihm mit vielen Auf-

lagen und Umarbeitungen Einkünfte. Graf fürchtet aber

um die Rezeption des übrigen Werks. Deshalb haderte er

sein Leben lang mit der Rezeption (nicht mit dem Werk!):

„Widerstrebend und verärgert, musste ich es nun hin-

nehmen, dass man mich von jetzt ab nur noch ‚bayrisch‘

nahm. Und frecherweise bedeutet ja für Nicht-einheimi-

sche ‚bayrisch‘ fast immer so etwas wie ein herzerfrischen-

des Hinterwäldlertum auf Bauernart, eine mit dem dicken

Zuckerguss sentimentaler Verlogenheit reizend garnierte

Gebirgsjodler-Idylle, ein schlicht-inniges bierkatholisches

Analphabetentum als Volkscharakter und im besten Falle

eine bäuerlich-pfiffige Gaudiangelegenheit. Rundheraus

gesagt also: etwas entwaffnend Einfältiges, über das jeder

Mensch eben wirklich nur noch lachen kann.“

33

Die Ansprüche Grafs reichen weiter, wie die Darstel-

lung ländlicher Stoffe in der 1924 erschienenen „Chronik

von Flechting“ zeigt. In dem Dorfroman schildert Graf

die Geschichte seiner Familie und die Probleme, denen

32 Vgl. Bauer (wie Anm. 14), S. 149 f.

33 Graf (wie Anm. 3), S. 106 f.

Von der Revolution zum Exil

Foto: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Konv. OMG F 1-2