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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

sich das Leben auf dem Land in der Moderne gegen-

über sieht. Am Schluss fällt die Familie auseinander. Die

„Kalendergeschichten“ von 1929 versuchen eine Syn-

these der beiden Lebens- und Erfahrungsbereiche Stadt

und Land. Graf verwendet eine für Volkschriftsteller des

19. Jahrhunderts typische Form, die Kalendergeschichte.

Er schildert den Zustand der Gesellschaft und gibt eine

ernüchternde Bilanz seines Wissens über den Menschen.

In „Der Ruhm trügt“ zeichnet Graf seine missliche Lage

in der Stadt nach. Die abschließende melancholische

Geste der Geschichte scheint vor den gesellschaftlichen

Zuständen, vor dem Egoismus und Narzissmus der ande-

ren aufzugeben. Die Geschichte vom „Schmalzerhans“

wiederum zeichnet die Geschichte eines Außenseiters in

Berg nach, der entgegen des Willens einer eigennützigen

Dorfgemeinschaft nicht daran denkt zu sterben, obwohl

er nicht arbeitet und von der Gemeinde ausgehalten wird.

Grafs Blick auf Weimar: Die silbernen Zwanziger

Jahre

Viele der Erfahrungen aus der Weimarer Zeit hat Graf in

dem Erinnerungsband „Gelächter von aussen“ zusammen-

gestellt. Er steht den Entwicklungen in den 1920er Jahre

skeptisch gegenüber. Die Verhältnisse in Berlin erscheinen

ihm als „eine Art Wilhelmitis“: „Bei den Berlinern in den

damaligen ‚goldenen zwanziger Jahren‘ war dieses unduld-

same Lächerlichmachen von ungewohnten Gebräuchen

andernorts ganz besonders übersteigert“.

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Persönlich hat

Graf die 1920er Jahre zwiespältig erlebt. Obwohl sie

für ihn mit dem Durchbruch als Schriftsteller verbun-

den sind, spricht er in den Erinnerungen mehrfach von

einer unbegründeten „neurasthenischen Angst vor dem

Stillstand“,

35

Selbstzweifeln, Langeweile oder Desintegra-

tionserfahrungen.

Das kulturelle Leben in München erscheint in kei-

nem besseren Licht als dasjenige in der Metropole Ber-

lin. Der „anerkannte Spezialitätenschriftsteller“ hält im

„Notizbuch des Provinzschriftstellers Oskar Maria Graf

1932“ fest, München sei „finster und kleinbürgerlich“,

ein „stadtähnliches Dorf“, in dem man nichts anderes tun

könne, als „gemütlich [zu] sterben“.

36

In ironischem Ton

wendet er sich gegen die Verherrlichung der Vergangen-

34 Graf (wie Anm. 3), S. 360.

35 Ebd., S. 297, S. 340. Es heißt an anderer Stelle: „Eine unbestimmte Unlust

war Tag für Tag in mir. Ich kannte mich mit mir selbst nicht mehr aus“,

ebd., S. 398.

36 Oskar Maria Graf: Notizbuch des Provinzschriftstellers Oskar Maria Graf

1932. Erlebnisse, Intimitäten, Meinungen, München 2002, S. 35.

heit der Stadt und stellt einen „Geist des Privaten“ sowie

eine „asoziale, eigensinnige Manier“ fest.

37

In paradoxer

Wendung erklärt er dann seine Liebe zur Stadt, weil die

Mentalität keine Eitelkeiten zulässt. Das Kauzige der

Münchner scheint ihm gegen die moderne Urbanität

gerichtet zu sein. In München gebe es im Gegensatz zu

Berlin „ein wirklich gewachsenes Kollektivum“.

38

Graf verwendet zur Kritik an den Weimarer Verhält-

nissen besonders gerne die Form des Zeitromans, der ein

realistisches Panorama der Gegenwart geben kann, wie z.

B. in „Einer gegen alle“ (1932). Graf greift darin auf das

soziale Phänomen der Obdachlosigkeit zurück. Er wählt

eine Hauptfigur, die als Kriegsheimkehrer ihre Iden-

tität ablegt, weil sie sich in der Gesellschaft nicht mehr

zurechtfindet. Georg Löffler, so der Name des Antihelden,

37 Graf (wie Anm. 35), S. 36.

38 Ebd., S. 39.

Von der Revolution zum Exil

Abbildung: Volk Verlag