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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

vagabundiert, stiehlt, mordet und begeht im Gefängnis

am Schluss Selbstmord. Auf die Zellenwand ritzt er den

Spruch „Krieg aus, Friede überdrüssig“ ein. Graf stellt in

diesem Roman wie in anderen auch Denunziation und

Korrumpierbarkeit in den Vordergrund, dieses Mal aber

als Auswirkung auf Außenseiter.

Der Titel des Romans ist ein Kommentar zu Artikel

163 der Weimarer Verfassung, der den Verfassungsauftrag

der staatlichen Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversi-

cherung regelt. Das Motto „einer für alle, alle für einen“

wendet Graf in „einer gegen alle“ um – 1932, in Zeiten der

Massenarbeitslosigkeit mit über sechs Millionen betroffe-

nen Menschen, liest sich die Wendung als Kritik am Ver-

sagen der Politik seit dem Ende der Revolution 1918/19.

Es geht Graf zugleich um mehr. Wie nebenbei wird in

einem Erzählkommentar ein weiterer Hinweis gegeben:

Es gebe einzelne Menschen, wie es in „Einer gegen alle“

heißt, die eine „scharfe Witterung“ für die Zeitverhält-

nisse hätten, „eine unerklärliche Unruhe treibt sie der grö-

ßeren unklaren Unruhe entgegen“, denn „sie riechen den

schwelenden Brand in der Luft“.

Der Brand war längst gelegt,

als Graf München im Februar

1933 verließ, um auf eine Lese-

reise durch Österreich zu gehen.

Mit seiner Lebensgefährtin

Mirjam Sachs hatte er verein-

bart, dass sie unmittelbar nach

der Reichstagswahl am 5. März

1933 nachkommen solle. Mir-

jam Sachs wollte noch wählen

gehen, danach aber mit Graf

die Entwicklung in Deutsch-

land aus der Ferne beobachten.

Ihre Wohnung überließen beide

zwei Freunden aus der „Roten

Hilfe“ als Unterschlupf. Als am

10. Mai 1933 in Deutschland

Bücher brannten, veröffent-

lichte Graf am 12. Mai in der

„Wiener Arbeiterzeitung“ den

Aufruf „Verbrennt mich!“, in

dem es u.a. heißt: „Und die Vertreter dieses barbarischen

Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch

schon gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als

einen ihrer ‚Geistigen‘ zu verstehen, mich auf ihre soge-

nannte weiße Liste zu setzen, die vor dem Weltgewissen

nur eine schwarze Liste sein kann! Diese Unehre habe ich

nicht verdient. [...]“ Es ist dies Grafs Beitrag zur demo-

kratischen Verfassung, in dem das ganze Gewicht auf der

Stimme jedes Einzelnen liegt.

Von der Revolution zum Exil

Graf mit seiner Lebensgefährtin Mirjam Sachs (1930)

Foto: Bayerische Staatsbibliothek München / Bildarchiv