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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Warum können Worte verletzen?

stummen zu bringen‘, ihn davon abzuhalten, weiterhin

seine Meinung zu artikulieren, die verwundbare Achil-

lesferse menschlicher Kommunikation entdeckt, die sich

in der anonymisierten Netzkommunikation weidlich

ausschlachten lässt: Die Angst vor dem ‚Shitstorm‘ lähmt

die freie Meinungsäußerung. Die Sprache als Waffe ein-

zusetzen, heißt immer auch, mit der eigenen Sprache die

Sprache und Sprechfähigkeit des anderen zu zerstören.

Wie aber ist das möglich?

Zur Rhetorik sprachlicher Verletzung

Gibt es eine Rhetorik sprachlicher Verletzung, lassen sich

Schemata in den Formen angreifender Rede identifizie-

ren? Graumann und Wintermantel haben 1989 ein rheto-

risches Schema herauspräpariert:

6

Unterscheidende Separation

: Gerade weil die Fähigkeit,

eine Sprache sprechen und verstehen zu können, Men-

schen als Mitgliedern

einer

Sprachgemeinschaft kennt-

lich macht, liegt der Anfang diskriminierender Rede

zumeist in einem Akt der

Separation

, bei dem zwischen

dem ‚Wir’ und dem ‚Sie’, zwischen denen, die zu einer

Gruppe gehören, und denen, die nicht dazu gehören,

unterschieden wird.

Kategorisierung und Stereotypisierung

: Die durch Sepa-

ration gewonnene Distanz wird stilisiert durch die

Verdichtung von Differenzen zu Stereotypen, die dann

Bausteine ganzer Ontologien und Weltbildern wer-

den. Weiße und Schwarze, Juden, Türken, Blondinen,

Schwule, Ostfriesen: Alles dies sind Kategorisierungen,

welche die Vielgestaltigkeit eines Individuums eineb-

nen zugunsten einer grobmaschigen Typisierung, als

deren Inkarnation der Einzelne dann nur noch zählt.

Abwertung und Herabsetzung

: Die zur Anwendung

kommenden Stereotype sind mit negativen Konnota-

tionen und abfälligen Bewertungen verbunden: Aus

Deutschen werden ‚Krauts’ oder ‚Boches’, aus Türken

‚Kanaken’, aus Afroamerikanern ‚Nigger’. Die Typisie-

rung setzt im buchstäblichen Sinne herab.

Die Rhetorik der Diskriminierung kann als ein Drei-

schritt von ‚Separierung’, ‚Stereotypisierung’ und ‚Abwer-

tung’ rekonstruiert werden. Doch ist noch einen Schritt

weiter zu gehen.

6 Carl Friedrich Graumann/Margarete Wintermantel: Diskriminierende

Sprechakte. Ein funktionaler Ansatz, in: Steffen K. Herrmann/Sybille Krä-

mer/Hannes Kuch (Hg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher

Missachtung, Bielefeld 2007, S. 147-178.

Die Rhetorik verletzender Rede macht Gebrauch vom

sprachlichen Verfahren der Prädikation, mit dem Einzel-

nes als ein Allgemeines charakterisiert wird. Philosophen

wie Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Jacques

Derrida haben in dem grammatischen Verfahren von Aus-

sagesätzen, Einzelnes unter ein universelles Prädikat zu

subsumieren, eine strukturelle Gewalt gesehen, die der

Sprache per se zukommt. Werde ich als ‚Wissenschaft-

lerin‘ bezeichnet, ist zugleich klar, dass mannigfaltige

Aspekte meiner Persönlichkeit, die mich zur unverwech-

selbaren Individualität machen, dabei ausgeklammert

werden zugunsten einer Eigenschaft, die ich wiederum

mit vielen anderen teile. Doch jene Art von sprachlicher

Gewalt, welche dieser Essay erörtern möchte, unterschei-

det sich gerade von diesem ‚strukturalen’ Ansatz, da es uns

hier um die

absichtsvolle

Ausübung sprachlicher Gewalt

geht, um Sprechereignisse, bei denen Personen andere

Personen kränken und beleidigen

wollen

. In dieser Per­

spektive besteht die Grammatik beleidigender Prädikation

nicht darin,

irgendein

Einzelnes als Allgemeines zu fassen,

sondern bestimmte

Menschen

einem diskriminierenden

Stereotyp zu unterwerfen. Dieses Stereotyp wird zumeist

gebildet durch Worte, die sich in den kulturellen Traditi-

onen einer Gesellschaft zu Chiffren des Diskriminierens

und Abwertens verdichtet und sedimentiert haben.

Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass es neben

den expliziten Formen sprachlicher Verletzung auch impli-

zite, indirekte Formen gibt: Wenn gesagt wird „Die Stu-

dentin war blond, aber sie hat ein gutes Referat gehalten“

oder „Es gibt in der Philosophie viele Habilitationen, sogar

von Frauen mit Kindern“, so liegt das Diskriminierungspo-

tenzial solcher Äußerungen nicht in negativen Kategorisie-

rungen, sondern in der Verwendung der Partikel ‚aber’ und

‚sogar’. Der sich auf eine Gruppe beziehende diskriminie-

rende Sinn ist indirekt und erschließbar nur im Horizont

kulturell geteilter Stereotype. Die Verletzung besteht nicht

darin,

zu

jemandem, sondern über jemanden zu sprechen.

Nicht zu vergessen ist auch das Lächerlichmachen. Ein

Gutteil unseres Lachens birgt eine aggressive Komponente

und bewirkt eine ‚Anästhesie des Herzens’: Schadenfreude

arbeitet dem Triumphgefühl der eigenen Stärke zu; Komik

entmachtet ihren Gegenstand; das Verlachen verkleinert.

Die Witzforschung bietet ein reichhaltiges Reservoir indi-

rekter Rhetoriken des Verletzens.