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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 | 18

wiesen. Neue Aufgabenbereiche waren dem Staat auch im

Wissenschafts- und Kulturbereich zugewachsen, wo er

im Gefolge von Säkularisation und Mediatisierung nun

Akademien, wissenschaftliche Sammlungen, Bibliotheken

und Archive übernahm und begründete. So kündigte sich,

aus dem Zwang der Verhältnisse geboren, auch bereits der

Kulturstaat an, der reglementierend und unterstützend

das kulturelle Leben des Landes zu betreuen hatte. Der

Finanzverwaltung, aber auch der Landesplanung dien-

ten die Ämter für Statistik, Topographie und Landesver-

messung

14

, denen angesichts des staatlichen Defizits eine

erhebliche Bedeutung zukam. Unverzichtbar war auch

eine erneuerte Forstverwaltung

15

, die zunächst vor allem

die planmäßige Einbeziehung der im Zuge der Säkulari-

sation verstaatlichten Klosterwaldungen zu leisten hatte.

Das Funktionieren all dieser Ämter und Behörden

war entscheidend abhängig von einer qualifizierten und

in besonderer Weise an den Staat gebundenen Beamten-

schaft. Die Staatsdienerpragmatik von 1805 schuf die Vor-

aussetzungen für diese neue Sozialgruppe, die sich durch

Vorbildung, Staatsprüfungen und Qualifikationen aus-

zeichnete, dafür aber auch die sichere Alimentation, das

heißt Besoldung und Hinterbliebenenversorgung, und

den Schutz vor willkürlicher Entlassung garantiert bekam.

Diese Privilegierung erfolgte aber nur um den Preis einer

Disziplinierung, die in bedingungsloser Dienstverpflich-

tung und Loyalität bestand. So entstand eine Art neuen

Dienstadels, der dem Staat nicht nur als Instrument zur

Verfügung stand, sondern ihn geradezu verkörperte.

16

Immer wieder ist deswegen im Verlauf des Jahrhunderts

der Vorwurf erhoben worden, dass der Bürgerstaat, den

die Liberalen wünschten, sich zum Beamtenstaat entwi-

ckelt habe. Gerade die Ministerialbürokratie ist in Bayern

zum eigentlichen Kontinuitätselement geworden, das alle

Brüche des 19. und 20. Jahrhunderts im Kern unbescha-

det überstanden hat. Insgesamt sind Beamtenrecht und

Bürokratie derart typische Kinder der Montgelas-Zeit,

dass man auch in der heutigen Reformdiskussion nicht

auf den Blick zurück zu den Anfängen verzichten sollte.

14 Wie Bayern vermessen wurde, hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte,

Augsburg 2001.

15 Bayerns Wälder. 250 Jahre Bayerische Staatsforstverwaltung. Hg. vom

Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2002.

16 Bernd Wunder, Privilegierung und Disziplinierung. Die Entstehung des

Berufsbeamtentums in Bayern und Württemberg (1780–1825), München

1978, S. 329.

1808 als Meilenstein bayerischer Verfassungsgeschichte

Als Zusammenfassung und zugleich Gipfelpunkt der

seit 1799 durchgeführten Maßnahmen wurde 1808 eine

Konstitution

17

erlassen, die gemeinsam mit einer Reihe

von so genannten organischen Edikten das vielleicht pro-

gressivste bayerische Verfassungswerk des 19. Jahrhun-

derts darstellte. Eine integrative Staatsidee, eine alle ver-

pflichtende Gemeinwohlbindung anzubieten, war wohl

Zweck dieses Verfassungswerkes, wenngleich auch fiska-

lische und außenpolitische Überlegungen eine gewichtige

Rolle gespielt haben mögen.

Die Trennung von Staat und Dynastie war klar vollzo-

gen, der König nur noch Organ des Staates, der nun selbst

zum eigentlichen Souverän aufstieg. Die Verfassung war als

Gesellschaftsvertrag gedacht und sollte „ein Rahmengesetz

für künftige verfassungspolitische Entwicklungen“

18

sein.

Dieser dynamische Verfassungsbegriff war offen für Erzie-

hungsprozesse, bei denen Schulen, Kirchen, Repräsenta-

tivgremien und das Militär eine besondere Rolle spielen

sollten. Nach Ausschaltung aller anderen Herrschaftsträ-

ger war „die Konstitution von 1808 die Grundlage für

die Reform der Gesellschaft, aus der sich die bayerische

Nation formen konnte“.

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Grundrechte und Grundpflich-

ten beschrieben ein neues Verhältnis zwischen Staat und

Gesellschaft, zwischen Bürger und Obrigkeit.

Im Zentrum der Forderungen der bürgerlichen Öffent-

lichkeit standen auch die Bestimmungen über eine Nati-

onalrepräsentation, die allerdings nie ins Leben trat. Aus

vom König bestellten Kreisversammlungen sollten die

Vertreter durch ein dreigliedriges Wahlverfahren, das

einen hohen Zensus vorschrieb, bestimmt werden. Dem-

gemäß waren als Repräsentanten vorwiegend Grundei-

gentümer, Kaufleute und Fabrikanten vorgesehen, denen

17 Alois Schmid (Hg.): Die bayerische Konstitution von 1808. Entstehung-

Zielsetzung-Europäisches Umfeld, München 2008; dort besonders: zur

Nationalrepräsentation Dirk Götschmann, Die „Nationalrepräsentation“

der Konstitution vom 1. Mai 1808 im Kontext der Verfassungsgeschich-

te, S. 229-256; detailliert zur Verwaltungs- und Rechtspflege Estaban

Mauerer/Reinhard Stauber: Verwaltung und Rechtswesen des Königreichs

Bayern in der Konstitution von 1808, S. 257-315, und zur Kirchenpolitik

Hans-Michael Körner, Die Konstitution von 1808 und das System des bay-

erischen Staatskirchentums, S. 317-335. Wichtig auch der materialreiche

Ausstellungskatalog des Bayerischen Hauptstaatsarchivs von 2008: Bay-

erns Anfänge als Verfassungsstaat. Die Konstitution von 1808, hg. von

der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, München 2008. Vgl.

auch Hartwig Brandt: Die Verfassung des Königreichs Bayern von 1808,

in: Rheinbündischer Konstitutionalismus, Frankfurt am Main 2007, S. 53-

64.

18 Karl Möckl: Die bayerische Konstitution von 1808, in: Reformen im rhein-

bündischen Deutschland, hg. von Eberhard Weis: München 1984, S. 154.

19 Ebd. S. 158.

Mit Krone und Verfassung ins neue Jahrhundert