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Aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus und ihre Geschichte

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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 I 2020

Antisemitismus ist, so schrieb Jean-Paul Sartre schon 1945, eine Verbin-

dung von Weltanschauung und Leidenschaft, er hat eine kognitive und eine

emotionale Dimension.

1

Antisemitische Einstellungen sind geprägt von einer

wechselseitigen Durchdringung von bestimmten, gegen Jüdinnen und Juden

gerichteten Ressentiments und einer hohen Affekthaftigkeit, die vor allem

von Projektion und Hass geprägt ist.

2

Der Antisemit glaubt sein Weltbild nicht

obwohl, sondern weil es falsch ist: Es geht um den emotionalen Mehrwert,

den der antisemitische Hass für Antisemit(inn)en bedeutet. Deshalb muss man

den Blick auch auf die antisemitischen Unterstellungen richten, die immer

ein Zerrbild vom Judentum entwerfen, das letztlich eben ein „Gerücht über

die Juden“

3

ist. In der Geschichte haben sich diese Gerüchte stets verändert,

Antisemit(inn)en haben sich angepasst – so etwa nach 1945, als der offen

rassistische NS-Vernichtungsantisemitismus politisch diskreditiert war und

Antisemit(inn)en einen neuen Schuldabwehrantisemitismus entwickelten.

Dieser machte nun die Opfer verantwortlich für die Störung der deutschen

Nationalerinnerung. Nach dem Massenmord folgte dessen Verleugnung und

Abwehr der Erinnerung in Form einer antisemitischen Täter-Opfer-Umkehr.

4

1 Vgl. Jean-Paul Sartre: Portrait de l’antisémite, in: Les Temps modernes 1 (1945), H. 3, S. 442–470.

2 Vgl. Samuel Salzborn: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt am Main/New York 2010.

3 Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt am Main 1997, S. 125.

4 Vgl. Samuel Salzborn: Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie, Baden-Baden 2014, S. 11–23.

AKTUELLE ERSCHEINUNGSFORMEN

VON ANTISEMITISMUS UND IHRE

GESCHICHTE

von Samuel Salzborn