Table of Contents Table of Contents
Previous Page  12 / 88 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 12 / 88 Next Page
Page Background

Aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus und ihre Geschichte

12

Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 I 2020

Antisemitismus seit 9/11

Ein wichtiger Wendepunkt in der jüngeren Geschichte

antisemitischer Ressentiments waren die islamistischen

Terroranschläge von 9/11, die erklärtermaßen nicht nur

den USA, sondern der gesamten freien Welt und der

aufgeklärten Moderne galten.

5

Sie stellten aber auch,

wie Osama bin Laden und andere islamistische Terroris-

ten stets betont haben, in zentraler Weise antisemitische

Anschläge dar

6

– denn Jüdinnen und Juden stehen eben

in der islamistischen Lesart für alles, was gehasst wird. So

wurde 9/11 vor allem in der arabischen Welt auch als Ini-

tialzündung für eine weltweite antisemitische Mobilisie-

rung verstanden, die aber nicht nur auf radikalislamische

Gruppierungen beschränkt blieb.

Versucht man vor diesem Hintergrund eine Syste-

matisierung des Antisemitismus, fallen mindestens drei

Momente auf: seine Entgrenzung, seine Trivialisierung

und seine Bagatellisierung. Was heißt das? Die Ent-

grenzung sah man exemplarisch im Sommer 2014, als

unter Federführung von palästinensischen Organisatio-

nen in zahlreichen deutschen Städten Antisemit(inn)en

aller Couleur gemeinsam demonstriert haben – neben

islamistischen Antisemit(inn)en eben auch deutsche

Neonazis und linke Antiimperialist(inn)en. Sind die

Antiimperialist(inn)en auch nur ein marginaler Flügel in

der deutschen Linken – die Mehrheit steht nach wie vor

in Opposition zum Antisemitismus – so zeigt das Beispiel

eine Entgrenzung, bei der das antisemitische Weltbild so

zentral geworden ist, dass alle anderen weltanschaulichen

Differenzen zurücktreten.

Hieran schließt sich die Trivialisierung an: Die heute

dominante Form von Antisemitismus richtet sich gegen

Israel als Staat, nur allzu gern versuchen Antisemit(inn)en

sich aber hinter der Formel, dass Israelkritik doch nicht

Antisemitismus sei, zu verstecken und auf diese Weise

Antisemitismus zu trivialisieren. Dabei ist der Unter-

scheid leicht zu erkennen: Wenn der israelische Staat

delegitimiert werden soll, wenn seine Politik dämonisiert

wird oder wenn doppelte Standards bei der Bewertung

israelischer Politik angelegt werden, handelt es sich nicht

um Kritik, sondern um Antisemitismus.

7

Wer heute als

5 Vgl. Samuel Salzborn: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den

Abgründen der Moderne. Mit einem Vorwort von Josef Schuster, Wein-

heim 2018.

6 Vgl. David Gelernter: Warum Amerika? Bin Ladins Haß ist Judenhaß, in:

Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.10.2001.

7 Vgl. Salzborn (wie Anm. 4), S. 103–115.

Antisemit/in behauptet, er/sie werde nur von der Kritik

zu einer solchen „gemacht“, trivialisiert Antisemitismus.

Und schließlich die Bagatellisierung: Antisemit(inn)en

wenden sich mit ihremWeltbild nicht nur gegen Jüdinnen

und Juden, sondern gegen alles, was die moderne, aufge-

klärte Welt kennzeichnet: gegen Freiheit und Gleichheit,

gegen Urbanität und Rationalität, gegen Emanzipation

und Demokratie. Deshalb ist der Kampf gegen Antisemi-

tismus stets auch ein Kampf um die Demokratie – seit

9/11 wird Antisemitismus aber zunehmend bagatelli-

siert, indem man ihn zum Randproblem der Gesellschaft

erklärt. Und mehr noch: Jüdische Kritik wird oft einfach

vom Tisch gewischt, als sei nicht der Antisemitismus das

Problem, sondern die, die von ihm betroffen sind.

Insofern ist die antisemitische Bedrohung seit 9/11

gerade in Europa auch eine doppelte: einerseits durch

den virulenten islamistischen und rechtsextremen Terro-

rismus, andererseits aber auch durch das oft viel zu laute

Schweigen der Demokrat(inn)en, das sich seit vielen Jah-

ren tradiert. In diesem Spannungsverhältnis muss auch die

Dynamik des Antisemitismus seit 9/11 gesehen werden,

da in der Gegenwart drei theoretische Großerzählungen

in ihrem weltpolitischen Alleinvertretungsanspruch aufei-

nanderprallen: der radikale Islamismus mit der Idee einer

allumfassenden umma (Gemeinschaft), der gegenwärtig

oft populistisch agierende Rechtsextremismus mit der Idee

einer völkischen Segmentierung der Welt und die – gerade

im Kampf gegen Antisemitismus und in der Verteidigung

der Demokratie eben oft viel zu passiv und zu defensiv

agierende – Idee der liberalen Demokratie mit ihrer Über-

zeugung einer aufgeklärten Universalität.

8

Zwei dieser drei Konzepte wollen die liberalen Grund-

lagen und den universalistischen Anspruch der Aufklärung

bekämpfen und agieren dabei dezidiert antisemitisch. Der

Rechtsextremismus, der durch seine populistische Mimi-

kry ideengeschichtlich nur ungern mit den faschistischen

Bewegungen identifiziert werden möchte (obgleich er mit

diesen sogar das populistische Antlitz teilt), basiert auf

einer selbstverliebten Omnipotenz-Phantasie, dem Wil-

len zur unbedingten und unbegrenzten Macht. Im Zent-

rum steht die Idee eines als homogene Einheit gesehenen

Volkes, dem eine historische Verbindung mit einem geo-

grafischen Ort zugeschrieben wird, wobei in antiaufklä-

rerischer Absicht aus dem

demos

das

ethnos

wird, aus der

8 Vgl. Samuel Salzborn: Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Theori-

en im Kontext, Baden-Baden 2017.