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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 I 2020

Grußwort des Direktors der Bayerischen Landeszentrale

für politische Bildungsarbeit

Bisweilen hat es den Anschein, als habe der Historiker und Nobelpreisträger Theodor

Mommsen mit seiner bereits 1894 geäußerten Ansicht recht, dem Antisemitismus sei mit

Vernunft nicht beizukommen. Die erschreckend hohen Zahlen antisemitischer Straftaten

und die Häufung antisemitischer Äußerungen im Internet und sogar in bundesdeut-

schen Parlamenten sprechen für diese These. Wohl sind der Wirkung der Vernunft und

Pädagogik Grenzen gesetzt und es liegt auf der Hand, dass es auch anderer Mittel bedarf,

um der Gefahr erfolgreich entgegenzutreten. So wurde z.B. 2018 bei der Generalstaats-

anwaltschaft München die Stelle eines Antisemitismusbeauftragten eingeführt, um die

strafrechtliche Verfolgung antijüdischer Kriminalität zu stärken.

Weil die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in der Tradition der Auf-

klärung fest davon überzeugt ist, dass Pädagogik und Bildung sehr wohl probate Mittel

sind, um der Gefahr des Antisemitismus etwas entgegenzusetzen, gibt sie in Zusammen-

arbeit mit dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und

gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, Herrn MdL Dr.

Ludwig Spaenle, dieses Themenheft heraus. Darüber hinaus will das Heft sensibilisieren

für einen durch die sozialen Medien gewandelten und auch verschärften Antisemitismus.

Zudem soll die Bandbreite des Antisemitismus vom vermeintlichen Schulhofscherz bis

hin zur Kritik am Staat Israel verständlich gemacht werden. Neben der bereits formulier-

ten pädagogischen Zielsetzung soll dieses Heft auch gleichzeitig Zeichen der Solidarität

mit den Jüdinnen und Juden unseres Landes sein.

Ein solches Themenheft allein genügt jedoch nicht! Der Ansatz, über Ursachen und

Erscheinungsformen von Antisemitismus zu forschen und zu schreiben, ist unerlässlich

und muss stetig fortgeführt werden. Darüber hinaus, begleitend und erweiternd, müssen

aber noch weitere Mittel eingesetzt werden, um erfolgreich sein zu können. Jüdinnen und

Juden, das Judentum insgesamt und der Staat Israel dürfen nicht nur im Kontext und

damit in negativer Konnotation von Holocaust und Nahost-Konflikt gesehen werden. So

wichtig es ist, die Erinnerung und das Wissen um die Gräueltaten, die von Deutschen

an Jüdinnen und Juden begangen wurden, an die jeweils nächste Generation weiterzuge-

ben und damit auch die Verantwortung für eine unauslöschliche nationale Schuld – so

wichtig ist es auch, jüdische Kultur und jüdische Traditionen als das erlebbar zu machen,

was sie sind: Bestandteil unseres Landes. Das Judentum gehört zu Deutschland. Um auch

dieses Wissen zu verbreiten, bereitet die Bayerische Landeszentrale für politische Bil-

dungsarbeit mit einer Vielzahl von Partnern einen Folgeband zu dem hier vorliegenden

Themenheft vor. Webtalks mit Autorinnen und Autoren des nun veröffentlichten Bandes

sollen demnächst folgen und der Thematik zusätzlich Gewicht verleihen.

Rupert Grübl

Direktor der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit