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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 I 2020

Grußwort des Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung

für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus

Wir notieren eine blühende Vielfalt jüdischen Lebens im Freistaat wie auch in Deutsch-

land. In Bayern ist jüdisches Leben bereits seit dem 10. Jahrhundert schriftlich belegt, im

Gebiet des heutigen Deutschland bereits seit dem frühen 4. Jahrhundert nach Christus.

Doch so alt wie das jüdische Leben hier ist auch der Antisemitismus – in unterschiedlicher

Intensität beeinflusste und beeinflusst er das Zusammenleben. Dramatisch ist: Der Antise-

mitismus erhebt seit einigen Jahren seine Fratze wieder neu. Allein 2018 verzeichnete die

Polizei in Bayern rund 220 antisemitische Straftaten – deutlich mehr als im Jahr zuvor. Die

Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland lag 2018 bei rund 1.800 und damit um

rund ein Fünftel höher als im Vorjahr. Im Jahre 2019 stiegen die Zahlen erneut – allein

in Bayern auf 307 und im Bund auf 1839. Und die Zahl persönlicher Anfeindungen und

Übergriffe anderer Art gegenüber Jüdinnen und Juden liegt um ein Vielfaches höher.

Dem müssen wir uns entgegenstellen. Der Antisemitismus tangiert Jüdinnen und Juden

in ihrem Empfinden, er bedroht Jüdinnen und Juden in der freien Gestaltung ihres

Lebens. Der Antisemitismus lässt Assoziationen an die dunkelsten Zeiten der deutschen

Geschichte wieder neu aufkommen. Unsere Aufgabe ist es, Menschenwürde im Alltag zu

gewährleisten – Antisemitismus stellt diese in Frage.

Die Bekämpfung des Antisemitismus ist für mich ein Ausweis des zivilisatorischen

Zustands unserer Gesellschaft. Und gerade wir Bayern und Deutsche haben eine beson-

dere Verantwortung. Jüdinnen und Juden haben vor gerade mal drei Generationen im

deutschen Namen unter dem größten Zivilisationsbruch gelitten – viele Millionen Juden

wurden zunächst ausgegrenzt, entrechtet, deportiert und dann fabrikmäßig ermordet.

Antisemitismus ist ein Krebsgeschwür für unsere demokratische Gesellschaft.

Einen besonderen Brandbeschleuniger für antisemitische Einstellungen bildet das „Nir-

wana des Internet“. Viel leichter als in der nicht-digitalen Realität findet der Antisemitis-

mus in den sozialen Medien einen Resonanzboden.

Im wiedererstarkenden Antisemitismus lassen sich unterschiedliche krude Erklärungs-

muster erkennen:

- rassistisch-rechtsextremistische,

- antisemitische Auffassungen unter der Maske der fundamentalen Israel-Kritik, des Anti-

zionismus, des Antijudaismus,

- der islamistische Antisemitismus

- und Verschwörungstheorien.