14.02.2020 Antisemitische Verschwörungstheorien

Von Juliane Wetzel

Anat Manor aus der Serie: „In der Gegenwart leben, an die Vergangenheit erinnern" (1998). Collage auf Schachteln, 12, 2 x 17 cm

Jede politische oder wirtschaftliche Krise, jede Epidemie oder Naturkatastrophe dient heute als Trigger zur Bildung von Mythen und Gerüchten, aus denen sich rasch – zumal in der Welt der ungehinderten Datenflut des Internets – Verschwörungstheorien entwickeln können. Im eigentlichen Sinn handelt es sich nicht um eine Theorie, sondern eher um ein verschwörerisches Denken oder um Verschwörungsfantasien.

Eine solche Katastrophe war etwa der Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März 2015 auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf. 150 Menschen fanden den Tod. Bereits kurz nach Bekanntwerden des Unglücks kursierten die ersten abstrusen Gerüchte. Die einen behaupteten, die USA hätten das Flugzeug mit einem neu entwickelten Laser-System abgeschossen, um die angebliche Annäherung der Bundesrepublik an China bzw. an die Länder im „Osten” aufzuhalten. Andere glaubten, der Co-Pilot, der nachweislich einen erweiterten Suizid begangen hatte, sei ein zum Islam konvertierter Christ, der einen terroristischen Anschlag verübt habe, wieder andere – wie etwa der ehemalige Schlagersänger und Verschwörungsmythen verbreitende Impfgegner Christian Anders, der auch behauptet, der AIDS-Erreger sei unter Beteiligung der Weltgesundheitsorganisation kreiert worden - unterstellten vor allem in YouTube-Videos, im Flugzeug hätten Leichen gesessen, die bereits vor dem Absturz der geheimen Entnahme von Organen zum Opfer gefallen seien. Schließlich kamen auch die sogenannten Chemtrail-Vertreter zu Wort. Sie behaupteten, das Flugzeug habe Chemikalien versprühen wollen, die die Menschen auf dem Boden vergiften sollten. Durch ein Versehen bzw. durch Fehlfunktionen der Elektronik wären die Giftstoffe in das Innere des Flugzeugs geraten und die Crew wäre nicht mehr handlungsfähig gewesen, was zum Absturz geführt hätte.[1] Fehlen durfte in diesem Konglomerat aus Absurditäten natürlich auch nicht die Behauptung, die israelische Luftwaffe habe das Flugzeug abgeschossen. Belege bleiben die Vertreter dieser Verschwörungstheorien allesamt schuldig.

Nicht minder absurde Mythen kursierten im Internet nach den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo” in Paris im Januar 2015. Behauptet wurde, „die Franzosen” oder „die Amerikaner” steckten hinter dem Attentat bzw. „der israelische Geheimdienst Mossad” sei dafür verantwortlich.  Die Verschwörungsgläubigen sahen darin eine Operation unter „falscher Flagge” (false flag), wie sie es nennen. Die als Täter ausgemachten Personen seien nur vorgeschoben, um die eigentlichen Hintergründe zu verschleiern. Das Wiener Magazin „Contra” – bekannt für die Verbreitung von Mythen und laut eigener Aussage das scheibend, „was der Mainstream verschweigt“ - unterstellte, das niederländische Wirtschaftsjournal „Quote“ habe behauptet, „Charlie Hebdo” gehöre einem Spross der jüdischen Familie Rothschild, die Verlagsanteile an der französischen Zeitung „Libération” erworben habe.[2] Diese Zusammenhänge sind konstruiert und verkehren die Tatsachen ins Gegenteil. „Libération” hatte der Redaktion des Satiremagazins nach den Anschlägen Unterschlupf gewährt und in dem niederländischen Journal war lediglich ein Bericht erschienen über die Besitzverhältnisse der französischen linksliberalen Tageszeitung.[3]

Verschwörungstheorien als Religionsersatz

Verschwörungstheorien sind in vielen Ländern Europas, in Nord- und Südamerika und in der arabischen Welt fester Bestandteil tradierter, tief verwurzelter Narrative, die von Generation zu Generation überliefert werden.[4] Sie bieten einfache, monokausale Erklärungsmuster für komplizierte Sachverhalte und erfüllen soziale Funktionen bzw. befriedigen psychologische Bedürfnisse.[5] Sie basieren auf einem geschlossenen dichotomen Weltbild, das in säkularisierten Gesellschaften als Religionsersatz dienen kann. Dabei handelt es sich nicht um wissenschaftlich nachprüfbare Theorien, sondern vielmehr bestenfalls um Halbwahrheiten, eher jedoch um Fantasien und Mythen, die sich bis hin zu wahnhaften Vorstellungen steigern können. Grundlage ist ein Gedankenkonstrukt, das unterstellt, Personen hätten sich im Geheimen verabredet, um obskure Ziele durchzusetzen. Jegliche rationale Erklärung wird ad absurdum geführt, weil behauptet wird, alles sei im Voraus geplant und nichts sei, wie es scheine. Naturkatastrophen, Terroranschläge, aber auch politische oder wirtschaftliche Entwicklungen, wie sie etwa aus dem komplexen Geflecht der globalisierten Wirtschafts- und Finanzmärkte entstehen, scheinen mit solchen imaginierten Modellen, die Zusammenhänge beschreiben, deren Wahrheitsgehalt gering bzw. gänzlich konstruiert ist, begreifbarer zu werden. Damit einher geht ein binäres Weltbild, das von einer imaginierten guten „Wir“-Gruppe und einem angeblich schlechten/bösen Gegenpart – „den Anderen“ ausgeht. Die „Wir“-Gruppe unterstellt eine Verschwörung des Bösen und schöpft damit vielfach aus dem Fundus religiös überlieferter Ideenwelten. Insofern können solche Fantasien Formen einer Ersatzreligion annehmen, die sich stereotyper Feindbilder bedienen. Ein solches Verschwörungsdenken ist nicht auf bestimmte politische Lager oder Schichten begrenzt, es kann ebenso im Diskurs intellektueller Eliten wie an Stammtischen auftreten, es kann Bestandteil volkskultureller Narrative genauso sein wie der Erzählkultur des Bildungsbürgertums.

Alles, was sich in einer Gesellschaft ereignet, so wird suggeriert, sei immer Ergebnis eines Plans mächtiger Individuen oder Gruppen. Auf diese Weise wird die Komplexität gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder sozialer Entwicklungen negiert, die das Ergebnis einer Vielzahl von ineinander wirkenden Mechanismen ist. Wer Verschwörungsmythen zu widerlegen versucht bzw. Erklärungen anbietet, warum die angebotene Theorie jeglicher Wahrheit entbehre, gilt entweder als getäuscht, erpresst oder gar als Mitwisser der Verschwörung. Die Gegenseite hingegen glaubt sich im Besitz der Wahrheit. Sie setzt sich über offizielle Erklärungen hinweg und wird nicht nur skeptisch, wenn generalisierende Narrative präsentiert werden, sondern stellt sie grundsätzlich in Abrede.[6]

Je rationaler und vernunftgeleiteter das Denken und Handeln im Verlauf der Jahrhunderte wurde, desto eher verfing Verschwörungsdenken. Konspirationsmythen haben Konjunktur, weil Schicksalsschläge, negative Lebensumstände bis hin zu Naturkatastrophen nicht mehr mit göttlicher Hilfe und einem tiefen Glauben bewältigt werden können, sondern Schuldzuschreibungen Ebenen finden müssen, die außerhalb eines theologischen Wertesystems liegen. Verschwörungsdenken kann aber nicht nur zur Ersatzreligion mutieren, sondern ebenso zu einer Begleiterscheinung von religiösem Fundamentalismus werden. Es ist in allen radikalen politischen, aber auch fundamentalistischen Auslegungen des Christentums und des Islams präsent und es findet sich ebenso bei Esoterikern und Ufologen. Soziale Netzwerke, Blogs und Diskussionsforen im Internet sind willfährige Medien, um derartige Gerüchte und Legenden in Umlauf zu bringen und damit einen noch nie dagewesenen Streuungsgrad zu erreichen.

Fiktion und Wirklichkeit

Zum Handwerk der Verschwörungstheoretiker gehören fingierte Dokumente, nicht nachprüfbare Quellen und die Konstruktion irrealer Zusammenhänge. Verfechter derartiger Mythen versuchen den Anschein zu erwecken, als wären ihre Theorien das Ergebnis ernsthafter Forschung und Quellenrecherche. Zudem spielen sie mit der Unwissenheit ihrer Rezipienten, indem sie sich ständig gegenseitig zitieren und durch Zirkelschlüsse den Anschein der Seriosität zu vermitteln versuchen.

Nicht immer sind Verschwörungstheorien gänzlich abstruse Konstrukte und nicht zwingend Mythen, ein Ergebnis von Wahnvorstellungen oder Projektionen; entsprechende Inhalte können sich durchaus auch zwischen Fiktion und Wirklichkeit bewegen, in einer Grauzone, die es zu dechiffrieren gilt. Auch ist nicht jede Verschwörung ein bloßes Konstrukt. Die Ermordung Julius Cäsars etwa war tatsächlich Folge einer Verschwörung von Senatoren. Dies gilt auch für den Mord an dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo 1914 durch Mitglieder des serbischen Geheimbundes „die Schwarze Hand“.

Jene, die an Verschwörungstheorien glauben, bloß als sektiererische Randgruppe abzutun, würde bedeuten, den Verbreitungsgrad solcher Erklärungsmuster nicht ernst zu nehmen. Das ZDF ließ 2012 durch die Forschungsgruppe Wahlen eine repräsentative Umfrage durchführen, die ergab, dass 38 Prozent der unter 40-Jährigen glauben, die US-Regierung sei an den Anschlägen des 11. September 2001 beteiligt gewesen; 45 Prozent stimmten der Aussage zu, dass der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel 1987 in Genf ermordet wurde. 43 Prozent schließlich glaubten, die britische Prinzessin Diana sei einem Mordanschlag zum Opfer gefallen.[7]

Eine Studie von Forschern der Universität Kent, der eine Umfrage von 137 Psychologie-Studenten im ersten Studienabschnitt zugrunde liegt, zeigt, dass Verschwörungsmythen durchaus auch Gegensätze vereinen können. Dasselbe Ausgangsnarrativ wird in unterschiedliche Richtungen interpretiert, bleibt aber trotzdem erhalten und scheint in sich stimmig. Je stärker die Befragten etwa die Aussage befürworteten, dass Prinzessin Diana ihren eigenen Tod nur vorgetäuscht habe, um vermeintlich unentdeckt verschwinden zu können, desto mehr waren sie auch davon überzeugt, dass sie ermordet wurde. Das gleiche Phänomen zeigte sich bei einer Erhebung unter 102 Studenten zum Tod des Terroristen Osama bin Laden. Je mehr die jungen Leute der Aussage zustimmten, dass der einstige Al-Qaida-Chef bereits tot war, als US-Streitkräfte sein Versteck in Pakistan überfielen, desto mehr stimmten sie auch der Aussage zu, er sei noch am Leben.[8] „Der Glaube an die grundlegende Böswilligkeit der Bürokratie – oder an die spezifische Böswilligkeit einer mächtigen Instanz – lässt viele Verschwörungen wahrscheinlicher erscheinen”, so das Ergebnis der Psychologen. Somit ist die Grundlage von Verschwörungsdenken eher ein Nichtglaube, denn ein positiver Glaube.[9] Die scheinbaren Diskrepanzen lassen sich damit erklären, dass jene, die eine bestimmte Verschwörungsfantasie für wahr halten, auch leicht zugänglich sind für andere. Offensichtlich kann dies so weit gehen, dass Menschen sich grundsätzlich widersprechenden Theorien in gleichem Maße zustimmen können.

Antisemitische Wendungen

Nicht alle Verschwörungsmythen sind judenfeindlich, aber häufig können auch solche Denkmuster, die vordergründig keine antisemitische Komponente aufweisen, in diese Richtung gewendet werden. Verschwörungsdenken ist dennoch häufig antisemitisch konnotiert, weil Juden im Verlauf der Jahrhunderte zum klassischen Sündenbock mutiert sind und weil ein mannigfaches Repertoire von Stereotypen existiert, aus dem sich nur allzu leicht Begründungen für schwer erklärbare Ereignisse und Entwicklungen konstruieren lassen. Es wird unterstellt, „die Juden“ würden grundsätzlich im Geheimen lavieren. Da ein Geheimnis zu besitzen gleichzeitig bedeutet, eine Ausnahmestellung innezuhaben,[10] die mit Macht in Verbindung gebracht wird, passen die antisemitischen Zuschreibungen, Juden hätten sich verschworen, agierten im Geheimen, ausgezeichnet zu den Vorstellungen, Juden besäßen Macht und würden die Welt, die Banken, die Medien usw. beherrschen, in diesen Kontext. Die Besonderheit der antisemitischen Verschwörungsmythen gegenüber anderen unterstellten Komplotten liegt genau in dieser weltumspannenden Zuschreibung. Standen die Katholische Kirche und die Freimaurer zumindest zeitweise auch im Fadenkreuz solcher Weltherrschaftskonstrukte, so sind „die Juden“ die einzige Gruppe, die sich seit Jahrhunderten bis heute im Zentrum solcher Legenden wiederfindet. Weil Juden in der Regel als Gruppe imaginiert werden, die angeblich nach einem Plan agiert und weltweit Einfluss nimmt auf die Zeitläufte, genügt alleine der Hinweis, jemand sei Jude, um sich sogleich mindestens eine der antisemitischen Weltverschwörungslegenden, die im kollektiven Gedächtnis verankert sind, wenigstens unbewusst, wenn nicht gar bewusst zu vergegenwärtigen.

Der imaginierte Jude, der im Mittelpunkt solcher antisemitischen Weltverschwörungstheorien steht, erhält aktuell durch Israel einen neuen konkreten Bezugspunkt. Mindestens Versatzstücke dieser israelbezogenen antisemitischen Stereotype sind in allen politischen Spektren virulent, in subtilen Formen bis in die Mitte der Gesellschaft und in offen geäußerten hetzerischen Varianten im rechtsextremen und radikal islamistischen Spektrum.

So wurden die Gerüchte über die angeblich israelische/jüdische Urheberschaft der Schweinegrippe auf rechtsextremen ebenso wie auf radikal islamistischen Seiten und in Karikaturen arabischer Medien verbreitet. Die Unterstellung, ein US-amerikanischer/israelischer Nukleartest hätte den Tsunami vor der Insel Sumatra 2004 ausgelöst, wurde in denselben politischen Spektren als Wahrheit verkauft.[11] Dies gilt auch für die Unterstellung, „die Juden“ hätten den Holocaust nur erfunden, um Deutschland finanziell unter Druck zu setzen oder die Bundesrepublik bzw. andere Länder für eine pro-israelische Haltung zu gewinnen. Dass die Deutschen systematisch mit Chemikalien vergiftet würden, die israelische Flugzeuge versprühten, scheint eine verschwörerische Legende besonders unter rechtsextremen Sektierern zu sein.

Die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon waren geradezu ein Fanal für Verschwörungstheoretiker. Eine Reihe von arabischen Zeitungen und Internetauftritten (z.B. in Jordanien und Syrien) unterstellten, die Anschläge seien vom israelischen Geheimdienst oder gar von der israelischen Regierung initiiert worden, weil diese angeblich eine Annäherung zwischen den USA und der arabischen Welt unterbinden wollte, um damit freie Hand für ihr Vorgehen gegen die Palästinenser zu bekommen. Dieses Gerücht hat sich auch in Europa verbreitet. Nicht nur im Internet, sondern auch bis in bürgerliche Kreise hinein tauchte die obskure Frage auf, warum die angeblich 4000 jüdischen Personen, die im World Trade Center angeblich gearbeitet hätten, an jenem 11. September 2001 nicht zur Arbeit erschienen seien. Diese vermeintlich harmlose Frage, die bereits die Antwort impliziert, diente der Verschleierung eines tatsächlichen antisemitischen Hintergrunds. In Griechenland wurde dieser Verschwörungsmythos sogar Thema einer Parlamentsdebatte.[12]

Für die Internet-Experten der Amadeu Antonio Stiftung, Jan Rathje und Julia Schramm, ist 9/11 ein „regelrechter Feiertag der Verschwörungsideologen und Antisemiten“ geworden. Das Internet und die sozialen Medien seien dabei die wichtigsten Verbreitungskanäle:[13] Der „verschwörungsideologischen Szene war sofort klar, was sich am 11. September 2001 ereignet hatte: Der geheime Plan der Weltelite zur Bildung einer Neuen Weltordnung (NWO) war in eine neue Phase überführt worden. So wurde aus 9/11 ein Baustein in einer Weltsicht, die mit der circa 100 Jahre alten antisemitischen Fiktion der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ begann. […] 9/11 ist seit nunmehr 14 [bald 20] Jahren der zentrale Verschwörungsmythos unserer Zeit. Überall sieht man ‚9/11 was an inside job‘-Shirts, -Poster und Gratis-DVDs.“ Der 11. September eignet sich hervorragend, um unter dem Banner der „Wahrheit“ und „Aufklärung“, so Ratje und Schramm, „antisemitischen Vernichtungsfantasien freien Lauf zu lassen“.[14]

Was sich infolge von 9/11 im Internet abspielte, wiederholte sich bei den Anschlägen in Madrid am 11. März 2004, in London im Juli 2005 und ebenso in Boston am 15. April 2013. Immer waren für einen Teil der Bevölkerung „die Juden“ schuld an den Ereignissen, wie das eben auch bei politischen und ökonomischen Krisen, bei Naturkatastrophen und Epidemien der Fall ist. Nicht nur extremistische Gruppierungen bedienen sich solcher Inhalte in ihrer Agitation auf einschlägigen Webseiten oder Homepages, sondern – oft subtiler und weniger offensichtlich – auch Menschen aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft. In Zuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die Botschaft Israels in Berlin lassen sich derartige Gerüchte über Juden ebenso identifizieren, wie in online-Kommentarspalten seriöser Tageszeitungen, in denen die Verfasser glauben, Juden bzw. Israel geheime Machenschaften unterstellen zu müssen. Für solche Äußerungen bietet sich seit Beginn der Zweiten Intifada im Herbst 2000 immer wieder der Nahostkonflikt als willkommene Plattform an. Vermeintlich gelingt es auf diese Weise, das in der bundesrepublikanischen Geschichte gesetzte Tabu, sich antisemitisch zu äußern, zu umgehen. Israel mutiert zum Feind Nummer eins und findet synonym zum Begriff „Jude“ Gebrauch. Jahrhundertealte judenfeindliche Stereotype werden in neuem Gewand, den Zeitläuften angepasst und gegen Israel gewendet. Jene, die solche Haltungen äußern, glauben sich im Recht und weisen jegliche Ähnlichkeiten mit antisemitischen Ressentiments weit von sich. Sie glauben, wenn sie solche Zuschreibungen Israel gegenüber äußern wie sie aus dem breiten Kanon antisemitischer Vorurteile und Verschwörungsmythen bekannt sind, dann sei dies nur Kritik und könne keinerlei judenfeindliche Konnotationen enthalten. Von Antisemitismus, so ihre Auffassung, könne nur dann die Rede sein, wenn es sich um rassistische Formen gegen Juden handele, die während des Nationalsozialismus zum Massenmord an den Juden geführt haben. Über den „Umweg“ („Umwegkommunikation“) Israel werden antisemitische – nicht selten auch verschwörungstheoretische - Inhalte auf subtile Weise geäußert, in der festen Überzeugung, es könne sich deshalb nicht um Antisemitismus handeln, weil keine Juden, sondern Israel oder Israelis gemeint seien.

Eine solche „Umwegkommunikation“, diesmal mit dem Hinweis auf Kindeswohl und Kinderrechte und weniger auf Menschenrechtsverletzungen wie im Falle Israels, ließ sich auch während der Beschneidungsdebatte im Jahr 2012 beobachten. Auf einen Artikel von Jörg Lau zum Beschneidungsverbot vom 5. September 2012 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurden innerhalb von acht Tagen 1064[15] Kommentare gepostet. Hier schien es, so ein Eintrag, „mitnichten nur um Kinderrechte oder Kinderschutz“ gegangen zu sein: „Da brach sich also etwas Bahn, was aus anderen Schichten als der reinen Vernunft kommen muss.“ Lau hatte in seinem Artikel die antisemitischen Konnotationen in der Beschneidungsdebatte explizit angesprochen: „Die Entwertung der jüdischen Religion, diesmal nicht im Zeichen des rassistischen Antisemitismus, sondern im Zeichen der Aufklärung und der Menschenwürde. Endlich kann man den Juden am Zeug flicken, ohne sich dem Verdacht des Antisemitismus auszusetzen, denn es geht ja um den Kinderschutz, hier verstanden als Schutz jüdischer Kinder vor den Juden.“[16]

In einem Kommentar argumentiert ein gewisser „F. Klein” im aus der Geschichte antisemitischer Stereotypisierungen bekannten Verfahren und schiebt „den Juden“ selbst die Schuld zu: „Nachdem ich ihren Artikel zu Ende gelesen habe kommt mir irgendwie der Eindruck hoch, den Juden ginge es nicht darum ihren Kindern einen Teil ihres Penis abzuschneiden, um so den Jungen Teil einer religiösen Gemeinschaft werden zu lassen. Es geht nur noch darum den Krieg, gegen diese verdammte deutsche Gesellschaft und deren Gerichte zu gewinnen. Egal mit welchen Mitteln und egal mit welcher Rhetorik. […] Die wahre Größe eines ‚Volks‘ liegt darin einem anderen Volk für dessen Fehler verzeihen zu können. Wer das nicht fertig bringt, wird auch nie mit diesem Volk befreundet sein können oder wollen. So oft wie Menschen jüdischen Glaubens die Holocaust-Karte zücken darf man sich am Ende nicht wundern, wenn die Menschen in Deutschland die Juden nicht mehr für Voll nehmen.“[17] Abgesehen von deutlichen Formen des sekundären Antisemitismus, also einer Schuldabwehr und einer Entlastungsstrategie bzw. einer Zuschreibung an „die Juden”, Vorteile aus der Vergangenheit zu ziehen und schuld daran zu sein, dass kein „Schlussstrich” unter die NS-Zeit gezogen werden könne, zeigen sich hier auch verschwörungstheoretische Elemente. Es wird eine geheime Absprache unter Juden unterstellt, die „deutsche Gesellschaft” im Sinne der eigenen Ziele zu einer Kehrtwende zu zwingen.

Historische Wurzeln

Im Zentrum von Verschwörungstheorien standen in der Frühen Neuzeit „Hexen” und Jesuiten, später, neben Geheimdiensten und Geheimbünden, Freimaurer und Juden, heute häufig Israelis bzw. der Staat Israel. Es ging und geht bis heute also immer darum, Konkurrenten auszuschließen, sei es nun auf religiösem oder gesellschaftlichem Gebiet oder in territorialen Fragen wie etwa in der Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis. „Hexen” verkörperten das „Böse”, Juden durch die Jahrhunderte ebenso, weil sie als Symbol für den „Antichrist”, den Satan, standen und in manchen christlich-religiösen Zirkeln bis heute so imaginiert werden. Nicht selten wird von sektiererischen Gruppen dafür die biblische Zahl 666 als Code eingesetzt, der den Szenekennern sofort signalisiert, dass es sich um den Antichristen handelt, der wiederum für Juden steht.

Es gibt wohl kaum einen politischen radikalen Umbruch im Laufe der Geschichte, hinter dem nicht eine jüdische Verschwörung vermutet wird, sei es die Französische Revolution, der Liberalismus, der Kommunismus, die bolschewistische Revolution in Russland oder die sozialistische Erhebung in Deutschland 1918/19. Dies gilt ebenso für Epidemien wie die Pest, die Vogel-, die Schweinegrippe und zuletzt Ebola oder Zika. Solche Zuschreibungen hatten für die jüdische Bevölkerung häufig fatale Folgen. Während die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa wütete, kamen schnell Gerüchte auf, „die Juden“ hätten die Brunnen vergiftet und die Seuche ausgelöst, um die nicht-jüdische Bevölkerung auszurotten. Der aufgehetzte Mob wütete gegen die jüdische Bevölkerung. Die Pogrome löschten einige der bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Frankreich und Deutschland aus.[18]

Verschwörungstheorien, so der Historiker Johannes Heil in seiner umfangreichen Studie zu religiös konnotierten derartigen Konstrukten im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, haben eine komplexe Vorgeschichte. Heil bezeichnet die „Jüdische Weltverschwörung“ als persistentes „Langzeitstereotyp, das alle Zeitenwenden überstand, ohne an Attraktivität einzubüßen“.[19]

Zum ersten Mal Erwähnung fand eine angebliche jüdische Weltverschwörung wohl bei dem heidnischen Poeten Philostratos, der 200 nach Christus unterstellte, die Juden hätten sich „nicht nur gegen die Römer, sondern gegen die gesamte Menschheit erhoben“. Die Juden, so der Dichter, lebten in „undurchdringlicher Absonderung“ und verweigerten der übrigen Welt die Tischgemeinschaft.[20] In den nächsten 200 Jahren kam es auch im Christentum zu immer massiveren antijüdischen Zuschreibungen, in denen der Jude zum „Antichrist” und letztlich zu einer satansgleichen Figur mutierte. Gerüchte über die Juden und ihre angeblich verborgenen Praktiken wurden immer komplexer und verdichteten sich schließlich zu einer Weltanschauung, deren Kern antijüdische Verschwörungsmythen bildeten. Die Kreuzzüge haben solchen Zuschreibungen gegen Juden als vermeintliche Verschwörer neuen Auftrieb gegeben. Es wurde unterstellt, dass sie mit dem äußeren Feind und, falls es einen solchen nicht gab, mit dem „Antichrist“ verbündet wären, sich also einem teuflischen Bündnis verschrieben hätten und später dann angeblich als „Ritualmörder“[21] oder „Hostienschänder“[22] gegen die Christenheit agierten. Solche Unterstellungen sind bis heute nicht gänzlich verschwunden, werden aber überlagert von den klassischen Motiven des Juden als „Wucherer“, der in der neuen, zeitgerecht angepassten Version zum Medienunternehmer und politischen Akteur mutiert ist, um vermeintlich die Gesellschaft in großem Stil zu unterwandern und sich die Weltmacht zu sichern.

Antisemitische Verschwörungsmythen waren wesentlicher Bestandteil der Rassenpolitik der Nationalsozialisten, die in der Vernichtung der europäischen Juden endete. Zu den propagandistischen Kernthemen gehörten das vermeintlich judeo-bolschewistische Komplott ebenso wie die Unterstellung, „die Juden” hätten Deutschland den Krieg erklärt, oder die bösartigen Stürmer-Karikaturen des „Börsenjuden“, aber auch die visuelle Indoktrination durch Filme wie „Der ewige Jude”, in dem Ratten sich als „jüdisches Ungeziefer” über die ganze Welt verteilen, oder „Die Rothschilds”, in dem suggeriert wird, dass die als widerliche Fratzen dargestellten Mitglieder der Familie Rothschild die Finanzmärkte weltweit beherrschten.

Der Name der Familie Rothschild erfüllt bis heute die Funktion, eine vermeintlich jüdische Allmacht über das weltweite Finanzwesen zu konstruieren. Es lag nahe, dass das Internet während der Wirtschaftskrise zur idealen Verbreitungsplattform wurde, um entsprechenden antisemitischen Fantasien freien Lauf zu lassen. Eine der zahlreichen Emails an den Zentralrat der Juden in Deutschland vom 24. Juni 2017 von einem gewissen „Joachim“ aus Rüsselsheim macht deutlich, wie präsent solche abstrusen Thesen bis heute sind: „Man macht Geld mit Geld. Die Presse in USA ist eindeutig jüdisch unterwandert. Juristerei, Banken auch!“[23]

Aktuelle antisemitische Verschwörungsmythen

Die Blaupause antisemitischer Welterklärungsmuster ist bis heute das mehr als einhundert Jahre alte antisemitische Machwerk der „Protokolle der Weisen von Zion“, entstanden Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts vermutlich im Kreis der russischen Geheimpolizei Orchana. Sie finden sich bei Rechtsextremen, Islamisten, aber auch bei links orientierten Gruppierungen, bei Esoterikern, Ufologen sowie in sektiererischen christlichen Webauftritten und nicht zuletzt in sozialen Netzwerken, in Blogs und Diskussionsforen.[24]

Bei der „Google“-Suche nach dem Topos „Protokolle der Weisen von Zion“ erhält man in 0,41 Sekunden ungefähr 106.000 Ergebnisse. Noch vor ein paar Jahren wurde bereits an zweiter Stelle ein Site-Link angeboten, der das antisemitische Machwerk bereitstellte.[25] Es handelte sich um die von dem nationalsozialistischen Antisemiten Theodor Fritsch mit Vor- und Nachwort versehene Ausgabe, die 1933 im Hammer-Verlag in Leipzig erschienen ist.[26] Überdies enthielt die Link-Adresse den Namen Martin Hohmann, jenes ehemaligen CDU-Abgeordneten, der 2003 im Oktober eine Rede zur Wiedervereinigung an einem abgelegenen Ort hielt, in der er eine Reihe von antisemitischen Stereotypen bediente, wie erst viel später bekannt wurde. Hohmann wurde in der Folge aus der CDU ausgeschlossen. Die dänische Webseite „Mosaiks.com“,[27] über die diese Ausgabe der Protokolle zugänglich gemacht wurde, stellte auch die Rede Hohmanns bereit. Erst an sechster Stelle bot die Suchmaschine damals endlich einen Zugang zu aufklärenden Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung.

Heute überwiegen eindeutig seriöse Site-Links, allerdings findet sich auf der ersten Seite der „Google“-Einträge am Ende der Link zur Webseite des AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon, der mit fragwürdigen Argumenten insinuiert, dass die „Protokolle“ ein „Dokument“ jüdischer Provenienz seien.[28]

Die „Protokolle der Weisen von Zion“ geben vor, Geheimdokumente einer Weltverschwörung zu sein. Tatsächlich handelt es sich um einen fiktionalen Text, der aus verschiedenen Quellen montiert worden ist. Den „Protokollen“ und ihren verschiedenen Einführungen und Kommentaren zufolge unterminierten die Juden die europäische Gesellschaft, indem sie die Französische Revolution, den Liberalismus, den Sozialismus, den Kommunismus und die Anarchie heraufbeschworen hätten. Gleichzeitig würden sie den Goldpreis manipulieren und eine Finanzkrise schüren, die Kontrolle über die Medien erwerben und religiöse und ethnische Vorurteile nähren. All diese Aktionen hätten angeblich das Ziel, die Ordnung der Staaten zu zerstören und eine jüdische Weltherrschaft zu errichten.[29]

Die „Protokolle“ bedienen die klassischen Theorien einer „jüdische Weltverschwörung“ und lassen sich nicht von ungefähr in allen weltanschaulichen und politischen Zusammenhängen im Internet finden.[30] Derartige Legenden werden heute u. a. dazu benutzt, zu unterstellen, die amerikanische Politik, aber auch die europäischen Staaten würden auf Druck einer vermeintlich jüdischen Weltmacht im Nahost-Konflikt auf Seiten Israels stehen. Deshalb werden die „Protokolle“ in einer Vielzahl von Sprachen von den meisten rechtsextremen, aber auch von einer ganzen Reihe von pro-palästinensischen arabischen oder radikal islamistischen Seiten sowie von esoterischen Internetauftritten oder gar von manchen Homepages der UFO-Verfechter zum Herunterladen bereitgestellt. Selbst einige Internetpräsentationen von Globalisierungsgegnern nutzen dieses antisemitische Machwerk, um damit ihren Widerstand gegen weltweit vernetzte Finanzmärkte und den „Mondialismus“ – die Globalisierung – zu begründen.[31]

Die „Protokolle“ haben – obgleich sie bereits seit den 1950er/1960er Jahren in der islamischen Welt kursieren - inzwischen auch vehement Einzug in die antizionistische Propaganda radikaler Islamisten gehalten. Solche verschwörungstheoretischen Legenden werden in aktuelle Zusammenhänge gebracht und zur politischen Waffe missbraucht, um zu unterstellen, die amerikanische Politik, aber auch die europäischen Staaten würden auf Druck einer vermeintlich jüdischen Weltmacht im Nahost-Konflikt auf Seiten Israels stehen.[32] Entsprechende Inhalte werden über Satellitenfernsehen und die dort gesendeten Serien, wie etwa „Zahras blaue Augen“ oder „Reiter ohne Pferd“, aber auch über Kinofilme wie „Tal der Wölfe“ nach Deutschland transportiert und dort rezipiert. Noch liegen keine empirischen Forschungen vor, die ein genaueres Bild darüber ermöglichen würden, welche Auswirkungen die mediale Rezeption solcher Inhalte bei den Zuschauern hat und inwiefern dies mögliche Übergriffe auf Juden oder jüdische Einrichtungen zur Folge haben könnte.  

Jüngste antisemitische Verschwörungstheorien bezichtigen Juden nicht nur des illegalen Organhandels - so wurde etwa in einer skandinavischen Zeitung behauptet, Israelis töteten Palästinenser, um sie als Organspender zu missbrauchen, auch der türkische Film „Tal der Wölfe – Irak“ aus dem Jahr 2006 spielt mit ähnlichen Zuschreibungen –,[33] sondern auch als Verursacher des Flugzeugabsturzes von Polens Präsident Lech Kaczynski in Smolensk im April 2010. Evangelikale Sektierer machen auf ihrer Internetplattform „die Juden“ für das Unglück verantwortlich, weil sie den Präsidenten angeblich dafür bestrafen wollten, dass sich in den Reihen seiner Partei Antisemiten befänden. 

2013 tauchte die abstruse Theorie auf, dass die Muslimbruderschaft eine jüdische Erfindung sei, um Ägypten zu zerstören. Verbreitet wurde diese neue Variante politisch instrumentalisierender Verschwörungstheorien über Twitter vom Polizeichef Dubais, der mehr als 300.000 Follower hat und in diesem sozialen Netzwerk insbesondere gegen die Muslimbruderschaft agiert - der er unterstellt Israel dabei behilflich zu sein, ein Großisrael zu verwirklichen. Diese Zuschreibung ist insofern geradezu abstrus, als Vertreter der Muslimbruderschaft immer wieder Propaganda gegen Israel machen und antisemitische Inhalte transportieren.[34]

Makabre Blüten treiben diese irrwitzigen Verschwörungstheorien, wenn sie gar den Tsunami von 2004 als Folge eines jüdischen Komplotts ausmachen. Ursache der Naturkatastrophe seien, so die Vertreter dieser Theorien aus dem rechtsextremen Lager, die Zündung einer amerikanisch-jüdischen Atombombe im Sumatra-Graben oder Erdölbohrungen gewesen. Der „Bund für echte Demokratie e.V. – Arbeitsloseninitiative Deutschland“, der auf seiner Homepage Hetze gegen Juden betreibt und sonst eher einen ziemlich wirren, obsessiven Eindruck hinterlässt, beschäftigt sich mit dem Thema Tsunami und seiner angeblich von Juden verursachten atomaren Hintergründe ebenso, wie jene Vertreter derartiger Hirngespinste, die sich in Berlin im Januar 2005 trafen. Die ARD-Sendung „Panorama“ berichtete darüber: „Berlin am vergangenen Wochenende, ein Treffen rechtsradikaler Verschwörungstheoretiker. […] Auch wenn sie versuchen, das Wort ‚Juden‘ zu vermeiden - es wissen eh alle Bescheid. Ihre These: Kurz vor der Flutwelle hätten 40.000 israelische Touristen Asien verlassen, ebenso wie ein bekannter Schlagersänger. O-Ton Peter Schmidt: (Verschwörungstheoretiker) ‚Ja, Sie kennen das ja wahrscheinlich schon in der Mehrheit: Es gibt Hinweise, dass nicht nur er informiert worden ist, sondern vor allen Dingen 40.000 von einer gewissen Minderheit. Aber ich habe mir dann auch mal so die gemeldeten Opferzahlen angesehen und mir ist aufgefallen, kein einziger US-Amerikaner war dabei. Ich habe keinen entdecken können. Ein paar Briten, ja, aber nicht viel. Israel hatte erst gemeldet 100, später haben sie gesagt, glaube ich, einen.‘“[35]

Die jahrhundertealte Stereotypisierung von Juden als geldgierig sowie die unterstellte jüdische Dominanz an den Finanzmärkten und den Börsen bilden ein Konglomerat, das, verschwörungstheoretisch konnotiert, dem Muster folgt, Juden zu willkommenen Sündenböcken für weltweite Finanzkrisen zu stilisieren. Komplexe, schwer durchschaubare Finanztransaktionen, vermeintlich jüdische Bankhäuser, Hedgefonds-Manager oder Börsenmakler wie etwa der verurteilte US-Amerikaner Bernard L. Madoff, den eine deutsche Zeitung auf dem Höhepunkt der Affäre explizit als „Juden“ kennzeichnete,[36] werden rasch verschwörungstheoretisch unterlegt, um einer vermeintlich existierenden, klar definierten Gruppe die Schuld für die Finanzmisere zuzuschreiben.

Der in den USA lebende ungarisch-jüdische Philanthrop und Hedgefonds-Manager George Soros ist die neue Projektionsfigur nicht nur im von Viktor Orbán regierten Ungarn, sondern vor allem von Rechtspopulisten und im Internet. Um ihn ranken sich Verschwörungstheorien, die das Gerücht verbreiten, er würde die Flüchtlingsströme nach Europa steuern, um den nationalen Zusammenhalt zu zerstören. Hier lässt sich nur allzu leicht auf über Generationen tradierte Muster zurückgreifen, die Juden stets als Kollektiv wahrnehmen, das im Geheimen agiert und deren unterstellter gemeinsamer Charakter negativ besetzt ist sowie als nicht revidierbar festgeschrieben wird.

Der 2019 in Folge der sogenannten „Ibiza-Affäre“ von all seinen Ämtern zurückgetretene ehemalige Abgeordnete der österreichischen Freiheitlichen Partei (FPÖ), Johann Gudenus, hatte sich in einem Interview mit der Zeitung „Die Presse“ am 21. April 2018 wie folgt geäußert: Soros habe „mit viel Kapitalmacht versucht, alle möglichen Umwälzungstendenzen in Osteuropa zu finanzieren. Und es gibt stichhaltige Gerüchte, dass Soros daran beteiligt ist, wenn es darum geht, gezielt Migrantenströme nach Europa zu unterstützen. So hat er etwa einige NGOs [Nichtregierungsorganisationen] finanziert, die für die Massenmigration nach Europa mitverantwortlich sind.“[37]

Gudenus folgte inhaltlich dem ungarischen Regierungschef Victor Orbán, der behauptet hatte, hinter den Menschenrechtsaktivisten verberge sich der US-amerikanische Philantrop George Soros und seine Open Society Foundation, die sich für Flüchtlinge einsetzt.[38] Auf der Webseite „Alles Schall und Rauch“, die die gesamte Palette antisemitischer Verschwörungsmythen bedient, schrieb der Betreiber der Plattform „Freeman“ am 8. November 2015: „Einer der größten Zerstörer von Gesellschaften und Länder ist die Rothschild-Marionette und Milliardär George Soros.”[39] Die einschlägige Szene erkennt hinter der bloßen Nennung des Begriffs „Rothschild“ den Namen der jüdischen Familie und versteht die gegen Juden gerichtete Zuschreibung, ohne dass sie explizit genannt wird.

Gudenus mag den Unschuldigen spielen, seine Anhänger und die rechtsextreme Szene können seine Aussagen sehr wohl in Richtung ihrer Gedankenwelt interpretieren, ohne dass dies explizit ausgeführt wird. Soros steht inzwischen ebenso wie „die Ostküste“ (gemeint ist der angeblich von Juden dominierte Finanzplatz in New York, die Börse an der Wallstreet) in einschlägigen Kreisen als Code für eine imaginierte angebliche jüdische Welt- und Finanzmacht.

Die jahrhundertealte Stereotypisierung von Juden als geldgierig sowie die unterstellte jüdische Dominanz an den Finanzmärkten bilden ein Konglomerat, das, verschwörungstheoretisch unterlegt, einem Muster folgt, in dem Juden zu willkommenen Sündenböcken für weltweite Finanzkrisen stilisiert werden.

Einfluss auf Jugendliche

Verschwörungsdenken wird auch für Jugendliche immer attraktiver. Die jugendlichen Nutzer, die einen kritischen Umgang mit der Datenflut nicht gelernt haben, sind der Gefahr ausgesetzt, unvorbereitet auf unseriöse und propagandistische Seiten zu gelangen, deren Inhalte sie nicht hinterfragen. Deshalb gilt es, diesem Medium eine größere Aufmerksamkeit im Bildungsbereich zu schenken.

Häufig sind Pädagogen mit dem Thema Antisemitismus in aktuellen Zusammenhängen nur wenig vertraut. Weder in ihrer Ausbildung noch bei Fortbildungsangeboten werden Formen der Judenfeindschaft, wie sie uns heute begegnen – vor allem sekundärer und israelbezogener Antisemitismus – ausreichend thematisiert. So sind Jugendliche etwa offener als mancher Erwachsene für Antiglobalisierungsthesen, deren politischen Hintergrund sie häufig nicht erfassen können oder der für sie keine wichtige Rolle spielt. Als Beispiel sei hier die vom rechtsextremen Kopp-Verlag unterstützte Videoproduktion „Gib mir die Welt plus 5 Prozent. Die Geschichte vom Goldschmied Fabian“ genannt.

Nach der Vorlage eines Textes des Australiers Larry Hannigan aus dem Jahr 1971 transportiert das Zeichentrick-Movie, das von Michael Kent (Hinz), der der Scientology-Sekte nahesteht, und seiner Firma „Neue Impulse e.V.” produziert wurde, auf subtile Weise antisemitische Klischees über „Machtjunkies der Finanzdynastien“, die „Macht über die Massen“ erlangen und die Welt beherrschen. Offensichtlich fallen auch manche Lehrer auf diesen Unsinn herein, wenn sie den Trickfilm als sinnvolles Unterrichtsmaterial bezeichnen, das vermeintlich das Finanz-, Geld- und Zinssystem erklärt. So jedenfalls kann man es Postings auf Youtube entnehmen: „also wir hams in der Schule bis Teil 2 angeschaut … Rest war Hausaufgabe“ oder „Kann man gut als Schulvideo benutzen … Unser Lehrer hat dafür ne ganze Stunde gebraucht!!!“.[40] Auch wenn im gesamten Film nicht ein einziges Mal das Wort „Jude“ oder ähnliche direkte Zuschreibungen auftauchen, ist dem Posting von „Commanderblutwurst“ zu entnehmen, dass der Inhalt im Kreis der Rezipienten durchaus richtig zugeordnet wird: „du hast wohl nicht verstanden, das [sic] fabian mayer amschel bauer (rothschild) symbolisiert“.[41]

Waren jahrelang „Die Rothschilds“ das Codewort für antisemitische Verschwörungsdenker, so ist es heute George Soros. Für die Verschwörungsdenker bedarf es keiner weiteren Erklärung, sie haben die abstrusen Hirngespinste, die sich um die vermeintlichen Theorien ranken, längst verinnerlicht. Sie sind jederzeit abrufbar und werden von den einschlägigen Protagonisten der verschiedenen politischen Lager – falls es die Zeitläufte erfordern - in eine neue Hülle gesteckt, der aber immer denselben Kern enthält. Der US-amerikanische Historiker Richard Hofstadter beschrieb 1966 in einem Essay die Verschwörungstheorie als ein „riesiges, hinterlistiges, außerordentlich effektives internationales verschwörerisches Netzwerk, das entwickelt wurde, um Handlungen von teuflischem Charakter zu verüben“.[42] Diese konstruierte Vorstellungswelt ist, so Hofstadter, kohärenter als die reale Welt, weil sie keinen Platz für Fehler, für Misserfolge oder Mehrdeutigkeiten einräumt und in der nichts unerklärt bleibe und jegliche Realität in eine alles umfassende konsistente Theorie fließe.



[1] Heute v. 09.04.2015: 5 Verschwörungstheorien zum Germanwings-Absturz, vgl. http://m.heute.at/digital/multimedia/art23657,1145069,5# [Stand:07.07.2015].

[2] Alles Verschwörung, oder was? Charlie Hebdo gehört der Familie Rothschild, vgl. http://www.contra-magazin.com/2015/01/alles-verschwoerung-oder-charlie-hebdo-gehoert-der-familie-rothschild/ [Stand:20.08.2019].

[4] Zur Definition des Begriffs „Verschwörungstheorie” siehe Andreas Anton, Unwirkliche Wirklichkeiten. Zur Wissenssoziologie von Verschwörungstheorien, Berlin 2011, S. 17-31.

[5] Viren Swami/Rebecca Coles: The truth is out there, in: The Psychologist 23 (2010)7, vgl. https://thepsychologist.bps.org.uk/volume-23/edition-7/truth-out-there[Stand: 20.08.2019].

[6] Zur Vertiefung siehe Helmut Reinalter (Hg.): Handbuch der Verschwörungstheorien, Leipzig 2018.

[7] ZDFzeit, „Vorsicht Verschwörung!“, hochgeladen auf YouTube http://www.youtube.com/watch?v=kgnr8zCDKl4 [Stand: 30.10.2014 (am 04.07.2017 nicht mehr zugänglich)]; siehe auch „Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben“, in: Der Tagesspiegel v. 11.01.2014, vgl. http://www.tagesspiegel.de/wissen/psychologie-manche-glauben-die-erde-ist-innen-hohl-und-dort-lebt-hitler/9316624-2.html [Stand: 04.07.2017].

[8] Michael J. Wood/Karen M. Douglas/Robbie M. Sutton: Dead and Alive: Beliefs in Contradictory. Conspiracy Theories, in: Social Psychological and Personality Science (2012) 3, S. 767-773; online 25.01.2012, S.1 f., vgl. http://images.derstandard.at/2012/02/22/Dead%20and%20Alive.pdf [Stand: 27.08.2019].

[9] Siehe auch Der Tagesspiegel v. 11.01.2014, vgl. http://www.tagesspiegel.de/wissen/psychologie-manche-glauben-die-erde-ist-innen-hohl-und-dort-lebt-hitler/9316624-2.html [Stand: 27.08.2019].

[10] Vgl. Georg Simmel: Das Geheimnis. Eine sozialpsychologische Skizze, in: Der Tag, Nr. 626 v. 10. Dezember 1907, Erster Teil: Illustrierte Zeitung (Berlin), vgl. http://socio.ch/sim/verschiedenes/1907/geheimnis.htm [Stand: 27.08.2019].

[11] Siehe Panorama v. 27.01.2005, vgl. https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2005/erste8778.html [Stand: 26.08.2019].

[12] Werner Bergmann/Juliane Wetzel: Manifestations of Anti-Semitism in the European Union – First Semester 2002 – A Synthesis Report, Draft 20 February 2003, S. 58.

[13] Jungle World v. 10.9.2015, 9/11 was an inside schmock, vgl. http://jungle-world.com/artikel/2015/37/52661.html [Stand: 27.08.2019].

[14] Ebd.

[15] Noch heute finden sich die Kommentare im Netz und sind damals bereits bis auf über 2000 angewachsen, vgl. http://blog.zeit.de/joerglau/2012/09/05/beschneidungsverbot-und-die-zukunft-des-judentums-in-deutschland_5696#comments [Stand: 26.08.2019].

[17] „F. Klein“, 5. 9. 2012 (Kommentar Nr. 11), vgl.

http://blog.zeit.de/joerglau/2012/09/05/beschneidungsverbot-und-die-zukunft-des-judentums-indeutschland_5696/comment-page-2#comments [Stand: 24.09.2012 und 15.12.2015]. Zitat unkorrigiert übernommen.

[18] Siehe etwa Stefan Rohrbacher/Michael Schmidt: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile, Reinbek bei Hamburg 1991.

[19] Johannes Heil: „Gottesfeinde” – „Menschenfeinde”. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13. Bis 16. Jahrhundert), Essen 2006, S. 16.

[20] Hannes Stein: Hoch die Weisen von Zion!, in Kursbuch 124: Verschwörungstheorien, Berlin 1996, S. 35-48, hier S. 36.

[21] Der Ritualmordvorwurf unterstellt Juden, Kinder anderer Religionsgemeinschaften (v.a. Christen) zu entführen und zu ermorden, um deren Blut zu gewinnen für das Backen des ungesäuerten Brotes zu Pessach. Der erste in Deutschland bekannt gewordene Fall eines solchen Vorwurfs datiert aus dem Jahr 1235.

[22] Der Legende liegt die Beschuldigung gegen Juden zugrunde, das Volk der angeblichen „Gottesmörder“ hätte geweihte Hostien mit Messern, Dornen und Nägeln malträtiert, worauf diese zu bluten begonnen hätten. Mit einem solchen Vorgehen – so der Vorwurf an die Juden – würden sie die Leiden, die Jesus erdulden musste, noch einmal wiederholen, wobei die Hostie als Leib Christi gilt. Mit den Vorwürfen des Hostienfrevels verbindet sich auch immer die Vorstellung des Juden als Satan, als Antichrist.

[23] Zentrum für Antisemitismusforschung, Archiv.

[24] Vgl. Juliane Wetzel: Antisemitismus im Internet. Die Vernetzung der rechtsextremen Szene, in: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (Hg): BPjS Aktuell, Sonderheft Jahrestagung 1999, Mönchengladbach 2000, S. 16-25; dies.: Rechtsextreme Propaganda im Internet. Ideologietransport und Vernetzung, in: Wolfgang Benz (Hg.): Auf dem Weg zum Bürg

erkrieg? Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland, Frankfurt am Main 2001, S. 134-150.

[25] 2005 war dies erst an 14. Stelle der Fall mit der Bereitstellung eines Links zu einer Seite mit eindeutig rechtsextremem Hintergrund. Diverse „Google”-Zugänge [Stand: 18.08.2005]; vgl. u.a. auch https://www.google.de/#q=protokolle+der+weisen+von+zion [Stand: 10.12.2014].

[26] „Die Zionistischen Protokolle. Das Programm der internationalen Geheimregierung - Aus dem Englischen,

übersetzt nach dem im Britischen Museum befindlichen Original. Mit einem Vor- und Nachwort von Theodor Fritsch”, Vierzehnte Auflage, 76. bis 85. Tausend, Leipzig 1933, vgl. http://www.mosaisk.com/Martin-Hohmann/Die-Zionistischen-Protokolle.php [Stand: 02.12.2015].

[27] „Mosaisk Upps! - Mosaic Upps! Oplysning om jødernes rolle i samfundet - Information about the role of Jews in the world“ [Stand: 02.12.2015].

[29] Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung, München 2007. Siehe auch Eva Horn/Michael Hagemeister: Die Fiktion der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der „Protokolle der Weisen von Zion“, Göttingen 2012; Jeffrey L. Sammons (Hg.): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar, Göttingen 1998.

[30] Juliane Wetzel: The Protocols of the Elders of Zion on the Internet: How radical political groups are networked via antisemitic conspiracy theories, in: Esther Webman (Hg.): The Global Impact of The Protocols of the Elders of Zion. A century-old myth, London/New York 2011, S. 147-160.

[31] Ebd.

[32] Vgl. etwa Seiten aus dem Umfeld der Hisbollah. Anti-Defamation League (online-Version): Jihad Online: Islamic Terrorists and the Internet, 2002, S. 27.

[33] BMI (Hg.): Antisemitismus in Deutschland: Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze, Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Berlin 2011, S. 114 f., vgl. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/heimat-integration/expertenkreis-antisemitismus/antisemitismus-in-deutschland-bericht.pdf;jsessionid=5338BBB108C846C9777B1599C639D79B.1_cid373?__blob=publicationFile&v=3 [Stand: 26.08.2019].

[35] Panorama v. 27.01.2005, vgl. http://www.ndrtv.de/panorama/archiv/2005/0127/tsunami_verschwoerung.html [Stand: xx.xx.xxxx].

[36] Kölner Stadtanzeiger v. 29.06.2009, vgl. http://www.ksta.de/wirtschaft/madoff-verurteilt-der-broker-mit-den-zwei-gesichtern,15187248,12601268.html [Stand 29.04.2019]: „Zutiefst verstört nahmen seine jüdischen Investoren in Manhattan oder dem feinen Palm Beach Country Club in Florida zur Kenntnis, dass der Jude Madoff seine eigenen Leute‘ betrogen hat, wie es einer seiner Opfer ausdrückte.“

[37] Die Presse v. 20.04.2018.

[38] Der Tagesspiegel v. 30.10.2015.

[41] http://www.youtube.com/watch?v=69D1K7Q8Y9s&feature=related [Stand: 03.09.2013]; siehe auch Gegenrede. Informationsportal gegen Rechtsextremismus für Demokratie, 13.11.2008, vgl. http://www.gegenrede.info/news/2008/lesen.php?datei=081113_01 [Stand: 27.08.2019].

[42] Richard Hofstadter: The Paranoid Style in American Politics, in: Ders.: The Paranoid Style in American Politics and other Essays, Cambridge/Mass. 1996 (paperback reprint), S. 14, vgl. http://studyplace.ccnmtl.columbia.edu/files/courses/reserve/Hofstadter-1996-Paranoid-Style-American-Politics-1-to-40.pdf [Stand: 31.10.2014].

 

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