13.12.2019 Das Thema „Antisemitismus“ in der schulischen Bildung

Von Dr. Robert Sigel

Anat Manor © aus der Serie „Among Equals“


Antisemitismus – die Arbeitsdefinition der Bundesregierung
„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.[1]

Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland ist kein neues Phänomen, er prägt die deutsche Nachkriegsgesellschaft seit 1945, unterschiedlich nur in seiner Virulenz und Sichtbarkeit. Auf besonders sichtbare Manifestationen von Antisemitismus reagierte die Politik, so beispielsweise 1960 die Bundesregierung mit einem Weißbuch und der Verabschiedung eines Gesetzes zur Strafbarkeit von Volksverhetzung, so 1982, als das Zentrum für Antisemitismusforschung gegründet wurde, so etwa auch 2008 und erneut 2013, als der Bundestag die Einrichtung eines Expertenkreises zum Thema Antisemitismus beschloss. Die Ablehnung von Antisemitismus und seine Bekämpfung waren zwar der stets betonte Grundkonsens der relevanten politischen Entscheidungsträger, eine auch nur ansatzweise systematische Auseinandersetzung fand allerdings in all den Jahrzehnten nicht statt. Es herrschte die Überzeugung vor, dass der schulische Unterricht zu Nationalsozialismus und Holocaust, dass der Besuch von Gedenkstätten, dass Holocaust Education im weitesten Sinne antisemitische Einstellungen gleichsam nebenbei beseitigen würden.

Dass dies nicht der Fall war, ist nicht mehr zu übersehen. Zwar hatte bereits im Jahre 2006 die damalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland in einem Interview davon gesprochen, dass der Antisemitismus in Deutschland eine neue Qualität erreicht habe,[2] in den mehr als zehn Jahren seither aber hat er in Ausmaß und Intensität zugenommen, nicht zuletzt in den sozialen Medien.[3] Der Abschlussbericht des zweiten Expertenkreises vom April 2017 konstatiert denn auch: „Es fehlt ein schlüssiges Gesamtkonzept zur Bekämpfung des Antisemitismus.“[4] In seinen vielfältigen Formen findet sich Antisemitismus tendenziell überall, im Sport wie in der Kultur, auf dem Land ebenso wie in den großen Städten, an Universitäten wie in Schulen, in den sozialen Medien und an den Stammtischen, in allen gesellschaftlichen Milieus. Der zunehmende Antisemitismus ist dabei kein bloß deutsches Phänomen, er zeigt sich in zahlreichen europäischen Staaten und darüber hinaus. Norwegen hat, als wohl erster Staat, 2015 einen nationalen Aktionsplan beschlossen.[5] Seit Dezember 2015 gibt es auch bei der Europäischen Kommission eine Koordinatorin zur Bekämpfung von Antisemitismus.

Für die Bundesrepublik steht ein Gesamtkonzept noch aus, die Bedingungen eines solchen umfassenden Konzeptes sind komplex: Voraussetzungen sind die Einigung auf eine Definition dessen, was unter Antisemitismus zu verstehen ist, die Diskussion des Themas in den gesellschaftlichen Verbänden und Institutionen sowie in der Öffentlichkeit, die Bereitschaft zur nachhaltigen Prävention und Auseinandersetzung und gegebenenfalls auch zur entschiedenen Sanktionierung sowie die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen. Staat und Gesellschaft, so scheint es, werden sich indessen der Notwendigkeit bewusst, umfassend zu handeln; die Ernennung eines Bundesbeauftragten gegen Antisemitismus, die Ernennung von Beauftragten in den Ländern sind wichtige Schritte dahin.

Die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten, aber auch davor, auch bereits vor 1933, hat die wissenschaftlichen Grundlagen bereitet. Zur Bekämpfung des Antisemitismus wurden inzwischen Förderprogramme eingerichtet, schulische und vor allem außerschulische Bildungsträger in nationalem und internationalem Rahmen untersuchen das Phänomen in seinen verschiedenen Aspekten, befassen sich mit Handlungsstrategien und entwerfen Modelle.  Betrachtet man diese Modelle, analysiert man die existierenden Konzepte und Materialien zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus, so wird deutlich, dass es vielen von ihnen an einem grundlegenden Verständnis dessen mangelt, was Antisemitismus ist. Rassismus, Antisemitismus, unterschiedliche Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Homophobie, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie etc. werden als bloß unterschiedliche Ausprägungen ein und desselben Problems angesehen.[6]  Entsprechend greifen die Inhalte und Methoden dieser Auseinandersetzung meist zu kurz.

Eine Analyse der Gesamtheit judenfeindlicher, antisemitischer Stereotype und Einstellungen – in Vergangenheit und Gegenwart –  ergibt, dass Antisemitismus im Wesentlichen aus drei Zuschreibungen besteht:

            - der Zuschreibung von Andersartigkeit,
            - der Zuschreibung besonderer Macht,
            - der Zuschreibung konspirativer Pläne und Handlungen.

Die unterschiedlichen Ausprägungen von Antisemitismus – christlicher, völkisch- rassistischer, sekundärer, islamisch/islamistischer sowie Antisemitismus in Form von Israelfeindlichkeit – äußern sich im Bereich dieser drei Zuschreibungen, wobei die Attribuierung besonderer Macht in der christlichen Judenfeindschaft noch von eher geringer Bedeutung ist. Erhebliche Übereinstimmungen und gemeinsame Schnittmengen mit anderen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, mit Rassismus, gibt es dabei in der Zuschreibung von Andersartigkeit – die Zuschreibung von besonderer Macht hingegen, im Finanzwesen, in den Medien, wo auch immer, und die Zuschreibung weltverschwörerischen Handelns finden sich in den Denkstrukturen und Begründungsmustern von Rassismus und in den Konstruktionen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht. Es sind dies die zwei entscheidenden Merkmale, die den Antisemitismus zu einem singulären Phänomen machen, sie finden sich in keiner anderen Form von Diskriminierung und Rassismus.[7]

Themen und Inhalte schulischer Prävention

Angesichts der Komplexität des Phänomens Antisemitismus erfordert die schulische Auseinandersetzung ein dieser Komplexität entsprechendes Konzept, das systematisch und insofern grundsätzlich strukturiert, als es von grundlegenden Merkmalen gesellschaftlichen Zusammenlebens ausgeht.

Voraussetzung für eine nachhaltige Prävention ist zunächst das Verständnis und die Vermittlung gesellschaftlicher Othering-Prozesse[8]: Wie kommt es zu Konstruktionen von Mehrheit und damit zur Konstruktion von Gruppen, die nicht zur Mehrheit gehören? Welche sozialpsychologischen Abläufe führen zur Gruppe der Eigenen und der Anderen, der Fremden, zu Eingrenzung und Ausgrenzung? Was bedeutet es, wenn individuelle Eigenschaften zu Gruppeneigenschaften erklärt werden? Welche Folgen haben Diskriminierung und Ausgrenzung für Minderheit und Mehrheit?[9]

Um sich dieser Folgen bewusst werden zu können, ist die Erziehung zu Selbstverstehen und Selbstwertschätzung eine Voraussetzung, denn diese sind eine Grundlage für die Wertschätzung von Verschiedenheit und Vielfältigkeit und eine Grundlage für ein Verständnis der Allgemeingültigkeit von Rechten und Pflichten.[10]  Solche Erziehung eines Verständnisses von Identität und Kategorisierung sowie einer Wertschätzung von Vielfalt muss in der Grundschule, besser schon im Kindergarten beginnen.

Auf einem solchen grundsätzlichen Verständnis von Diskriminierung und Ausgrenzung können dann Erziehung und Unterricht gegen Rassismus und Antisemitismus aufbauen – in zahlreichen Unterrichtsfächern. Aufzuzeigen in einem gleichsam geschichtlichen Längsschnitt, wie der Antisemitismus die Geschichte Europas, des Mittelmeerraumes durchzog, seine religiösen Begründungen zu analysieren, seine Folgen, wird insbesondere die Aufgabe des Geschichtsunterrichts und des Ethik- wie Religionsunterrichts sein, mit einem Schwerpunkt selbstverständlich auf Nationalsozialismus und Holocaust und einem zweiten Schwerpunkt auf der Entstehung des Staates Israel und seinem noch stets von Antisemiten bestrittenen Existenzrecht. Von Bedeutung ist dabei, aufzuzeigen, dass die verschiedenen Formen von Antisemitismus, christlicher, völkisch-rassistischer etc. nicht aufeinander folgen und einander ablösen wie etwa kunstgeschichtliche Epochen, sondern häufig nebeneinander bestehen, dass Stereotype und Beschuldigungen tradiert werden und wiederkehren, den neuen Antisemitismen bloß angepasst. Eine der Anschuldigungen christlicher Judenfeindschaft ist beispielsweise die des Ritualmordes an Kindern, sie war stets in Wort und Bild ein Bestandteil des christlichen Antisemitismus, der wiederkehrt in der antisemitischen Kritik am Staat Israel und seinem militärischen Agieren, ebenso das Stereotyp des geldgierigen jüdischen Wucherers, das abgewandelt, aber in seinem Kernvorwurf unverändert enthalten ist in der Behauptung der jüdischen Dominanz der Finanzmärkte. Lehren und Lernen über Judenfeindschaft und Antisemitismus wird dabei immer wieder auf Übereinstimmungen von Antisemitismus und Rassismus stoßen und darauf eingehen – besonders augenfällig bei der Thematisierung des Nationalsozialismus, seiner antisemitischen Grundlage und seinem rassistischem Weltbild; gerade hier aber muss auch analysiert und festgehalten werden, worin die fundamentalen Unterschiede bestehen: in der Zuweisung besonderer Macht und der angeblichen Zielsetzung, diese Macht zur verschwörerischen Planung einer „Weltherrschaft“ zu nutzen. Dass das nationalsozialistische Konstrukt der „jüdischen Weltverschwörung“ seine Vorläufer in zahlreichen antisemitischen Verschwörungstheorien hatte und dass das Ende des NS-Regimes nicht das Ende solcher Verschwörungstheorien bedeutete, muss Unterricht über Antisemitismus sichtbar machen,[11] ebenso natürlich, dass alle diese Zuschreibungen haltlos und frei erfunden sind. Auf die Dekonstruktion von Verschwörungstheorien, aber auch auf die Analyse ihrer emotionalen und kognitiven Attraktivität muss dabei besonderes Augenmerk verwandt werden.

Die historische Permanenz antisemitischer Einstellungen und Haltungen zu vermitteln, ist unabdingbar, dennoch darf die schulische Auseinandersetzung mit Antisemitismus nicht die Zeiten friedlichen, konfliktfreien Zusammenlebens übergehen und ebenso wenig die enormen Beiträge von jüdischer Seite zu Wissenschaft, Kultur, Sport, Politik und anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Zu den skizzierten Inhalten einer Bildung und Erziehung gegen Antisemitismus gehört, soweit dies möglich ist, die Begegnung mit Juden und jüdischem Leben in Deutschland; ganz besonders wertvoll ist darüber hinaus die Begegnung mit Israel und dessen Bürgern; Studienfahrten, Austauschprogramme, Schulpartnerschaften sind zwar alleine für sich nicht ausreichend, im Zusammenhang mit einer systematischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus aber außerordentlich fruchtbar.

Ein solches Konzept schulischer Antisemitismusprävention benötigt keine eigenen, spezifischen Herangehensweisen für Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Religionszugehörigkeit, unterschiedlicher Herkunft, sondern bezieht das Wissen um die Heterogenität der Schülerschaft selbstverständlich in die pädagogischen und methodischen Überlegungen mit ein. Ein Wissen um spezifische antisemitische Denkmuster und Einstellungen, insbesondere in islamisch geprägten Gesellschaften, ist hierzu allerdings notwendig.[12]

Von den Schwierigkeiten der Umsetzung

Der Bereich der schulischen Erziehung und Bildung umfasst zahlreiche Beteiligte: Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie die zuständigen Ministerien und weiteren Bildungsbehörden.[13] Die wesentlichen Akteure sind die Lehrkräfte sowie die Schülerinnen und Schüler. Die Schwierigkeiten einer Umsetzung der oben skizzierten proaktiven Auseinandersetzung mit Antisemitismus umfassen mehrere Ebenen. Antisemitismus ist als Gegenstand in der universitären Lehrerausbildung im Grunde nur als Teilaspekt größerer Zusammenhänge vorhanden, etwa im Kontext der Kirchengeschichte oder des Nationalsozialismus. Für den Bereich der universitären Fachdidaktiken zu diesem Thema gilt diese Feststellung ebenso. Auch in der Lehrerfortbildung sind thematische Angebote ein Desiderat, was wenig verwunderlich ist, da die Lehrpläne das Thema kaum benennen. Wissensdefizite existieren vor allem in jenem Bereich, der die Geschichte des Zionismus, die wechselnde arabische Haltung zur jüdischen Einwanderung, von Zustimmung zu entschiedener Gegnerschaft, ferner die Mandatsherrschaft, den UNO-Teilungsplan und dessen Ablehnung durch die arabischen Staaten angeht; diese Wissensdefizite sind häufig die Grundlage irriger, unbegründeter Urteile über Israel und damit häufig Einfallstor und Nährboden antisemitischer Einstellungen. Wissensdefizite gibt es auch dort, wo dies eher nicht erwartet wird: Der nationalsozialistische Völkermord an den Juden hat den Blick auf den Antisemitismus und die Einschätzung seiner Gefährlichkeit verändert. Zwar ersetzt Unterricht über den Holocaust nicht Unterricht über Antisemitismus, dennoch ist ein genaues Wissen dessen, was zwischen 1933 und 1945 geschah und wie es geschah, unabdingbarer Bestandteil schulischer Befassung mit Antisemitismus. Erhebungen allerdings zeigen, dass auch das Thema Nationalsozialismus und Holocaust an deutschen Universitäten keineswegs in einem dafür ausreichenden Maße gelehrt wird, ein Defizit, das sich zwangsläufig auch auf die unterrichtliche Thematisierung auswirkt.[14]

Die große Zahl von Lehr- und Lernmaterialien zum Thema Antisemitismus umfasst sowohl Angebote zur Wissensvermittlung für die Lehrkräfte selbst wie auch Materialien zur Verwendung im Unterricht, sie alle beleuchten in der Regel allerdings nur Teilaspekte.[15] Nützlich und hilfreich sind sie nichtsdestoweniger, insbesondere, wo sie Phänomene aus der Lebenswelt Jugendlicher aufgreifen, wie etwa den Antisemitismus in der Rap-Musik oder im Bereich des Sportes bzw. von dessen Fanszene. Wissensunsicherheiten bei Lehrerinnen und Lehrern mindern bei diesen zudem die Bereitschaft, zu intervenieren, Stellung zu beziehen und sich mit Äußerungen und Manifestationen von Antisemitismus im schulischen Leben auseinanderzusetzen und auf diese angemessen zu reagieren.  Solche Intervention – und gegebenenfalls auch die Sanktionierung – aber muss unabdingbarer Bestandteil pädagogischen Handelns sein.

Eine vor allem Anderen entscheidende Voraussetzung erfolgreicher schulischer Antisemitismusprävention ist die Haltung der Lehrerinnen und Lehrer selbst; sie müssen notwendigerweise frei sein von antisemitischen Einstellungen und Vorurteilen. Davon aber kann nicht selbstverständlich ausgegangen werden, die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstreflexion und Überprüfung eigener Einstellungen muss initiiert werden. Eine sinnvolle Gelegenheit hierfür bieten die an Regelschulen verbindlichen jährlichen „Pädagogischen Tage“, schulinterne Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer; dort kann nicht nur grundlegendes Wissen vermittelt werden, eine Voraussetzung jeder Selbstreflexion, sondern können auch die pädagogischen sowie methodischen und fachspezifischen Implikationen erörtert und festgelegt werden.[16] Zu den methodischen Herausforderungen gehört dabei, darauf zu achten, dass die Auseinandersetzung mit antisemitischen Stereotypen wirklich zu deren Dekonstruktion führt und nicht zu deren Verfestigung.[17]

Verständnis, Wissen und Kompetenzen

Worüber also sollten Schülerinnen und Schüler – und auch die Lehrkräfte – verfügen, wenn sie ihre schulische Ausbildung beenden?  Über ein Verständnis dessen, wie und weshalb gesellschaftliche Othering-Prozesse funktionieren, über die Sensibilität, diese zu erkennen, und über die Fähigkeit zur Reflexion der eigenen Position; ferner über ein sicheres Wissen, was Antisemitismus ist, in welchen Formen und mit welchen Folgen er die Vergangenheit prägte und bis heute fortdauert, sowie über drei wesentliche Kompetenzen: historische Kompetenz, gesellschaftliche Kompetenz und Medienkompetenz.[18]

Historische Kompetenz meint in diesem Zusammenhang ein grundsätzliches Verständnis davon, dass zwischen Vergangenheit und Geschichte ein Unterschied besteht, dass das, was wir unter Geschichte verstehen, ein historisches Narrativ ist und dass solche Narrative keineswegs beliebig konstruiert werden. Aus diesem Verständnis erwächst die Erkenntnis, dass Geschichte eine Relevanz für die Gegenwart besitzt, dass die jeweilige Vergangenheit und Geschichte nationale und europäische Identität konstituiert und dass wir aus der Geschichte lernen können, insofern, als wir zwar keine Handlungsanleitungen für die Gegenwart erhalten, aber doch verstehen lernen, warum und wie geschah, was geschah. Eine solche historische Kompetenz unterscheidet sich vom Kompetenzbegriff didaktischer Modelle, schließt aber deren Teilkompetenzen wie Fragekompetenz, Orientierungskompetenz, Urteilskompetenz etc. mit ein.

Gesellschaftliche Kompetenz meint hier ein Verständnis vom Wesen und Funktionieren pluralistischer Gesellschaften, die Einsicht in die Komplexität gesellschaftlicher Prozesse und die Fähigkeit zur Wertschätzung demokratischer Haltungen und Verhaltensweisen.

Medienkompetenz setzt das Wissen voraus, wie soziale Medien funktionieren, das Wissen, dass diesem Funktionieren Algorithmen zugrunde liegen, die nicht unparteiisch, nicht objektiv sind, sondern von ihren Entwicklern nach Vorgaben und Interessen geschaffen werden. Notwendig ist ferner ein Verständnis dafür, welche Art von Öffentlichkeit diese Medien herstellen, und das Bewusstsein der ungeheuren Vorzüge, aber auch Risiken öffentlicher Interaktivität, die jeden Beteiligten zum Autor wie zum Leser macht. Zur Medienkompetenz gehört ferner die Fähigkeit, Fake und Fakten, Fälschung und Wahrheit zu erkennen bzw. herausfinden und zuordnen zu können. Insgesamt also eine Fähigkeit einer kritischen medialen Rezeption und Partizipation, die es ermöglicht, Informationen kritisch zu reflektieren, zu kontextualisieren und schließlich eine eigene Position zu beziehen.

Dazu benötigen Lehrerinnen und Lehrer die Einsicht, dass der Kampf gegen Antisemitismus ein fächerübergreifendes Bildungsziel ist, sie benötigen ein ausreichendes Wissen, die notwendigen Kompetenzen und den Mut, sich in eine mühselige und fordernde Auseinandersetzung zu begeben, die eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung besitzt.

„Der Antisemitismus [...] ist ein Mangel an Kultur und Menschlichkeit, etwas, was im Gegensatz zu Theorie und Wissenschaft steht. Davon hat sich jeder überzeugt, der Gelegenheit hatte, mit einem Antisemiten eine jener hoffnungslosen Diskussionen zu führen, die immer dem Versuch ähneln, einem Tier das Sprechen beizubringen."[19] Leszek Kolakowskis pointierte Aussage stellt implizit die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Auseinandersetzung mit Antisemiten. Davon zu unterscheiden aber ist selbstverständlich die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Da Antisemitismus unsere Gesellschaft in ihren Grundlagen bedroht, ist seine Bekämpfung notwendig. Aber auch die Auseinandersetzung mit Antisemiten selbst kann sinnvoll sein, sinnvoll insbesondere, da sie deren Konstrukten, Mythen, Theorien, Vorurteilen etc. Argumente entgegensetzt und so andere davor bewahrt. Sie ist damit notwendiger Bestandteil von Präventionskonzepten in Erziehung und Bildung.


[1] Bei dieser Definition handelt es sich um die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) in der von der Deutschen Bundesregierung angenommenen Form, vgl. https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/themen/kulturdialog/-/216610 [Stand: 31.08.2019]. Zur Geschichte und Entwicklung dieser Arbeitsdefinition und zu den Schwierigkeiten einer Antisemitismusdefinition siehe das entsprechende Kapitel im Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus an den Deutschen Bundestag vom 07.04.2017, S. 23 ff., vgl. https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/119/1811970.pdf [Stand: 16.09.2019].

Die zitierte Definition birgt in ihrer Kürze den Vorteil einer Arbeitsdefinition, für die konkrete Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Erziehung und Bildung bereiten jedoch andere Definitionen in Ergänzung dazu ein umfassenderes Verständnis, so etwa die definierende Beschreibung von Samuel Salzborn und Alexandra Kurth: „Antisemitismus ist eine Verbindung aus Weltanschauung und Leidenschaft, eine grundlegende Haltung zur Welt, mit der sich diejenigen, die ihn als Weltbild teilen, alles in der Politik und Gesellschaft, das sie nicht erklären und verstehen können oder wollen, zu begreifen versuchen“; Samuel Salzborn/Alexandra Kurth: Antisemitismus in der Schule. Erkenntnisstand und Handlungsperspektiven. Wissenschaftliches Gutachten, Januar 2019, S. 5, vgl. https://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Dokumente/Antisemitismus-Schule.pdf [Stand: 16.09.2019].

[2] Charlotte Knobloch in einem Interview mit dem Spiegel, 29. 08.2006: „Ich habe das noch nie in dieser Form erlebt. Das ist eine neue Qualität. Diese Anti-Stimmung ist jetzt stärker in der Öffentlichkeit wahrnehmbar als früher. Sie ist in alle Kreise und Schichten eingedrungen“, vgl. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/zentralratspraesidentin-knobloch-absolute-anti-stimmung-gegen-juden-a-434132.html [Stand: 13.09.2019].

[3] Siehe hierzu den Artikel von Monika Schwarz-Friesel in dem bald erscheinenden Themenheft zu diesem Themenforum: „Antisemitismus im Internet: Alter Judenhass im Reload“.

[4] Patrick Siegele: Mitglied des Expertenkreises bei der Vorstellung des Berichtes im Bundestag, vgl. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw17-antisemitismus-502770 [Stand: 11.09.2019].

[5] Actionplan against antisemitism 2016 – 2020, vgl. https://www.regjeringen.no/contentassets/dd258c081e6048e2ad0cac9617abf778/action-plan-against-antisemitism.pdf [Stand: 13.09.2019].

[6]  Was „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ meint, definieren Beate Küpper und Andreas Zick folgendermaßen: „Als Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnen wir abwertende und ausgrenzende Einstellungen gegenüber Menschen aufgrund ihrer zugewiesenen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Eine in diesem Sinne menschenfeindliche Haltung kann sich auch in ausgrenzender oder sogar gewalttätiger Handlung zeigen oder Einfluss auf die Gestaltung von diskriminierenden Regeln und Prozessen in Institutionen und den Aufbau von diskriminierenden Strukturen haben.“ Beate Küpper/Andreas Zick: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, 20.10.2015, vgl. https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/214192/gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit [Stand: 31.08.2019].

Schwieriger gestaltet es sich, Rassismus zu definieren; siehe hierzu: Naika Foroutan u.a. (Hg.): Das Phantom »Rasse». Zur Geschichte und Wirkungsmacht von Rassismus, Köln 2018. Albert Memmis Definition etwa „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“ ist eher eine Art Funktionsbeschreibung; Albert Memmi: Eine Definition, in: Naika Foroutan u.a. (Hg.): Das Phantom »Rasse«. Zur Geschichte und Wirkungsmacht von Rassismus, Köln 2018, S. 63.

[7] Siehe hierzu Sina Arnold: Which Side Are You On? Zum schwierigen Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus in der Migrationsgesellschaft, in: Naika Foroutan u.a. (Hg.): Das Phantom »Rasse«. Zur Geschichte und Wirkungsmacht von Rassismus, Köln 2018, S.189-201.

[8] Othering meint sozialpsychologische Prozesse, in denen im Zuge von Identitätsfindung und Identitätsbildung durch Kategorisierung und Klassifizierung Gruppen von „Eigenen“ und „Anderen“ gebildet werden, wobei den „Anderen“ als Gruppe Eigenschaften und Merkmale zugewiesen werden, die als weniger wertvoll qualifiziert sind. Inhärent sind diesem Prozess deshalb Abwertung, Verweigerung der Zugehörigkeit und Ausschluss.

[9] Kategorisierung ist „[d]er relevanteste psychologische Prozess, der zur Entstehung von Vorurteilen führt [...] Vorurteile, Stereotype, Rassismus und Diskriminierung stützen sich auf die Kategorisierung von Individuen in Gruppen“; Wilhelm Heitmeyer/Beate Küpper/Andreas Zick: Vorurteile als Elemente Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Eine Sichtung der Vorurteilsforschung und ein theoretischer Entwurf, in: Anton Pelinka (Hg.): Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung. Berlin/Boston 2012, S. 290.

[10] Elemente eines solchen Bildungs- und Erziehungsprozesses finden sich in unterschiedlichen Materialien, u.a. im Lions-quest Lebensprogramm für junge Menschen, im Curriculum des US-Bundesstaates New Jersey Titel Lessons on Friendship, Respect, Tolerance, Holocaust/Genoci, das vom Kindergarten bis Grade 4 reicht und Teil des bis Grade 12 reichenden Curriculums zur Holocaust Education ist, vgl.

https://www.lions-quest.de/ [Stand: 12.11.2019] und

https://www.nj.gov/education/holocaust/downloads/curriculum/caring_makes_a_difference_K-4_%20curriculum_guide.pdf [Stand: 11.09.2019].

[11] Siehe hierzu Juliane Wetzels Artikel in dem bald erscheinenden Themenheft.

Eine sehr gelungene pädagogische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien enthält das internationale transmediale Projekt „World Domination“ der TV-Sender ORF, ARTE, BR, SRF (Jungen Römer GmbH Wien) mit einer Dokumentation, einem interaktiven Video und einer überaus ansprechenden medialen Herangehensweise sowie einem gelungenen pädagogischen Angebot, vgl. https://www.jungeroemer.net/cases/world_domination.html [Stand: 11.09.2019].

[12] Siehe hierzu Neron Mendel/Astrid Messerschmidt (Hg.): Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft, Bonn 2018 (Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung); siehe hierzu auch den Artikel von Yehuda Bauer in dem bald erscheinenden Themenheft.

[13] Zur Sichtbarkeit von Antisemitismus im schulischen Alltag siehe die Keynote von Marina Chernivsky zum Fachsymposium „Antisemitismus an der Schule. Ein beständiges Problem?“, in: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (Hg.): Antisemitismus in der Schule. Ein beständiges Problem?, Berlin 2018, S. 10-17.

[14] Die Defizite in der akademischen Lehre zeigte bereits Andreas Wirsching 2011 in einem Vortrag im Rahmen des Dachauer Symposiums zur Zeitgeschichte. Der Befund wurde erneut bestätigt von Verena Nägel und Lena Kahle in einer Studie, welche vier Semester an deutschen Universitäten ins Auge fasst, vom Sommersemester 2014 bis zum Wintersemester 2015/16:

Andreas Wirsching: Geschichte des Nationalsozialismus oder des Holocaust. Schwerpunktsetzungen in der akademischen Lehre, in: Michael Brenner/Maximilian Strnad (Hg.): Der Holocaust in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Bilanz und Perspektiven (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, Bd. 12), Göttingen 2012, S.71-82.

Verena Nägel/Lena Kahle: University teaching about the Holocaust in Germany (Berlin 2018), vgl. https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/22444/Naegel_Kahle_University_teaching_about_the_Holocaust_in_Germany.pdf?sequence=7&isAllowed=y [Stand: 12.09.2019].

[15] Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Arbeitsmaterialien Antisemitismus in Europa. Vorurteile in Geschichte und Gegenwart. Drei Bausteine für Unterricht und außerschulische politische Bildung, Bonn 2008. Die Arbeitsmaterialien sind gedruckt und online vorhanden und thematisieren Antisemitismus als Phänomen vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart in seinen vielfältigen Formen, vgl. https://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Unterichtsmaterialien_Thema_Antisemitismus/bausteine1-3.pdf [Stand: 16.09.2019]. Die Materialien kombinieren Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Homophobie, Islamfeindschaft mit Erscheinungsformen von Rassismus und Antisemitismus. Für den kundigen schulischen oder außerschulischen Pädagogen ist diese Vermischung kein Problem; die Materialien sind mit ihren grundlegenden Informationen und Arbeitsvorschlägen sehr hilfreich; Aspekte wie die antisemitischen Verschwörungskonstrukte kommen ein wenig kurz.

erinnern.at (Hg.): EIN MENSCH IST EIN MENSCH: Rassismus, Antisemitismus und sonst noch was …, Bregenz 2012. Gedruckt und online erhältlich, vgl. http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/lernmaterial-unterricht/antisemitismus/ein-mensch-ist-ein-mensch/Ein%20Mensch%20ist%20ein%20Mensch.pdf [Stand: 16.09.2019]. Wie der Titel schon deutlich macht, handelt es sich um eine Handreichung, in der Antisemitismus zwar thematisch dominiert, die mit ihren vielen ausgezeichneten Text- und Bildmaterialien allerdings weitgehend unterschiedslos Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus u.a. kombiniert.

erinnern.at bietet darüber hinaus auf seiner Webseite ein ausführliches Dossier mit Lernmaterialien zum Thema Antisemitismus an, in dem Materialien der Amadeu Antonio Stiftung, der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, der Anne Frank Bildungsstätte in Frankfurt, des Anne Frank Hauses in Amsterdam, von ODIHR und UNESCO enthalten sind, alle unter der Überschrift „Mit welchen Materialien kann über und gegen Antisemitismus gelernt werden?“, darunter allerdings auch ein von der OSZE herausgegebener „Pädagogischer Leitfaden zur Bekämpfung von Diskriminierung und Intoleranz gegenüber Muslimen. Mit Bildungsarbeit gegen Islamophobie“, vgl. http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/e_bibliothek/antisemitismus-1/antisemitismuskritischer-unterricht-2013-materialienauswahl-im-rahme-der-aktionstage-politische-bildung-2018 [Stand: 16.09.2019].

Bildungsprogramme und Bildungsmaterialien, Lehrerfortbildungsprogramme sowie Seminare für Schülerinnen und Schüler zum Zionismus und zur Staatsgründung Israels bietet das Mideast Freedom Forum Berlin, auch außerhalb Berlins, vgl. http://www.mideastfreedomforum.org/index.php?id=273 [Stand: 16.09.2019].

Sehr hilfreich hier auch die von der Wochenzeitung „Die Zeit“ initiierte und betreute Webseite www.stopantisemitismus.de [Stand: 16.09.2019].

[16] Der von der israelischen Mahn- und Gedenkstätte Yad Vashem angebotene online-Kurs für Pädagogen zum Thema  Antisemitismus „Antisemitism: From Its Origins to the Present“  (bislang nur in englischer Sprache angeboten) ist hier als besonders hilfreich  hervorzuheben, vgl. https://www.yadvashem.org/education/online-courses/antisemitism.html [Stand: 16.09.2019].

[17] Elke Rajal formuliert in ihrem äußerst lesenswerten Artikel, dessen Erkenntnisse über die Situation in Österreich hinausreichen, hierzu: „Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Thematisierung von Antisemitismus – in unzureichender Form – die Gefahr problematischer Pseudoerklärungen birgt, in welchen den Opfern eine (Mit-) Schuld gegeben wird. Antisemitismus bzw. eine Verfestigung antisemitischer Stereotype kann entsprechend auch aus der pädagogischen Praxis selbst entstehen – einer ihrer zahlreichen unerwünschten Effekte“; Elke Rajal: Mit Bildung gegen Antisemitismus? Möglichkeiten und Grenzen antisemitismuskritischer Bildungsarbeit, in: SWS-Rundschau (58. JG.), Heft 2 (2018), S.132-152, hier S. 140, vgl. https://www.academia.edu/36927635/Mit_Bildung_gegen_Antisemitismus_M%C3%B6glichkeiten_und_Grenzen_antisemitismuskritischer_Bildungsarbeit?email_work_card=view-paper [Stand: 16.09.2019].

[18] Der Tübinger Amerikanist Michael Butter benennt diese drei Kompetenzen in seiner 2018 erschienenen Studie zur Struktur von Verschwörungstheorien, vgl. Michael Butter: „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien (Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung), Berlin 2018, S.229 ff.

[19] Leszek Kolakowski: Der Mensch ohne Alternative. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein. Deutsch von Wanda Bronska-Pampuch, München 1967, S. 161.
 

 

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