Ein Gespräch mit Eva Haller, Maximilian Feldmann und Sofija Pavlenko von der EJKA

„Nur durch gegenseitiges Kennenlernen, durch Respekt und einen Dialog auf Augenhöhe können wir etwas bewegen“

v.l. Eva Haller/Foto: privat Maximilian Feldmann/Foto: privat Sofija Pavlenko/Foto: privat

Wieso gibt es immer noch Berührungsängste und Unsicherheiten im Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland? Und welche Formen der Begegnung brauchen wir, um diese Ängste hinter uns zu lassen? Die Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA) mit Hauptsitz in München entwickelte Formate wie „Rent a Jew“, in dessen Rahmen Menschen jüdischen Glaubens von sich erzählen und den Fragen der Gruppen und Zuhörer*innen Rede und Antwort stehen. Andere Projekte der EJKA wie etwa „YouthBridge – Jugend baut Brücken“ versuchen Begegnungen und gemeinsame Projekte v.a. von jungen Menschen aller Glaubensrichtungen und mit verschiedensten Biografien zusammenzubringen. Warum es solche Formate braucht, welche Erfahrungen sie bei ihren Begegnungen gemacht haben und was sie sich für unsere Gesellschaft wünschen, das erläutern Eva Haller, Max Feldmann und Sofija Pavlenko von der EJKA im gemeinsamen Gespräch.

EuP: Wie kam es zu der Idee zu Ihren Programmen, weshalb wollten Sie mit (jungen) Menschen über Ihr Jüdischsein sprechen?

Eva Haller: Ein Fokus unserer Akademie ist der interkulturelle Dialog zwischen allen Menschen, egal welcher Religion oder ethnischer Zugehörigkeit vom Kindesalter bis ins Rentenalter hinein. Neben dem Dialog auf Augenhöhe und Respekt wollen wir auch Raum für Begegnungen schaffen, die dann eine etwas andere Ausrichtung haben. Ein Programm wie „Rent a Jew“ stand dabei für den Dialog, bei etwa „YouthBridge“ stehen die Begegnungen und die gemeinsamen Projekte im Vordergrund.

Sofija Pavlenko: Während bei einem Programm wie „Rent a Jew“ im Fokus stand, eine jüdische Person kennenzulernen, liegt der Fokus bei „YouthBridge“ auf gemeinsamen Projekten von Menschen mit verschiedenen Religionen oder kulturellen Hintergründen. Dabei lernen sich die Jugendlichen hier einfach als Menschen kennen und nicht als Teil ihrer Communitys. Hier gehen alle gemeinsam gegen z.B. Rassismus oder Antisemitismus vor. Im Programm bilden wir im Leadership auch zukünftige Projektleiter*innen aus, denn die Kernidee sollte sein, dass wir derartige Probleme in der Gesellschaft nur gemeinsam bekämpfen und besiegen können, egal, welchen Hintergrund wir haben. Idealerweise tragen dann alle Teilnehmer*innen in ihre Communitys wieder den Gedanken des Zusammenlebens mit gegenseitigem Respekt hinein.

EuP: Welche Motivation stand hinter diesen Programmen: Ging es darum, über das Jüdischsein zu sprechen, die Kultur und Religion kennenzulernen und Vorurteile auszuräumen? Oder vielmehr sogar darum, eben langfristig nicht mehr darüber sprechen zu müssen, also hier darauf hinzuarbeiten, dass jüdisches Leben in Deutschland nichts Außergewöhnliches ist?

Maximilian Feldmann: Ich glaube, das hängt sehr von der Zielgruppe ab. Es gibt selbstverständlich Menschen, die sich mit dem Judentum in gewisser Hinsicht auskennen, aber wir können nicht davon ausgehen, dass es die Mehrheit tut. Wenn man z.B. an Schulen geht, merkt man eine gewaltige Bildungslücke, was elementare Bestandteile der jüdischen Kultur (z.B. das Wissen über einfache Rituale usw.) angeht, das ist sehr bedauerlich. Wenn man daran denkt, dass es schon bis in die Zeit, als germanische Stämme auf deutschem Gebiet gelebt haben, immer auch jüdische Menschen gab, die ihre Kultur und Religion pflegten, ist es schon bedauerlich, dass die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft bis heute so wenig davon weiß bzw. aufgenommen hat. Im Hinblick auch auf die Erklärung der Geschehnisse des 20. Jahrhunderts scheint es umso notwendiger, den Leuten diese elementaren Dinge über das Judentum zu erklären. Oftmals haben gerade jüngere Menschen überhaupt gar keine Ahnung, was jüdische Menschen sind. Die haben noch nie etwas von einer jüdischen Kultur gehört. Sie wissen nur bzw. denken: „Es gab mal diese Leute und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es diese Leute nicht mehr.“ Das ist fast schon absurd, das hat wohl beinahe den Anschein, dass Menschen jüdischen Glaubens so was wie Aliens sind, die mal kurz auf der Erde waren und dann auf ihren Heimatplaneten zurückgeflogen sind. Umso wichtiger ist es, dieser Generation zu erklären, dass Menschen jüdischen Glaubens ganz normale Menschen mit Kultur und Religion sind, die nicht im Verborgenen leben, sondern mit denen man in Kontakt treten kann – denen man begegnen kann.

Sofija Pavlenko: Ich glaube auch, dass sich hier unterschiedliche Ansätze ergänzen müssen. Bei einem Programm wie „Rent a Jew“ geht es auch darum, gerade sehr jungen Menschen Begegnungen mit jüdischen Menschen zu ermöglichen, auch oder gerade wenn sie vielleicht Vorurteile haben. In solchen Begegnungen stellt man dann fest, dass die Jugendlichen auf einmal jüdische Menschen als normal und interessant wahrnehmen und nicht etwa als „Opfer“ oder gar „Täter“ historischer und politischer Ereignisse. Bei „YouthBridge“ begegnet man sich dann aber auf einer anderen Ebene, da spielt das Judentum dann keine Rolle mehr im Hinblick auf ein besonderes Merkmal, sondern eher im Sinne von Diversity, dass verschiedene Erfahrungen, verschiedene Werte in das Projekt eingebracht werden – und man dadurch auch besser als Team zusammenarbeiten kann, weil man viele verschiedene Ansätze und Meinungen hat.

Eva Haller: Wie feiern ja in diesem Jahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und leider ist der Antisemitismus um ein Vielfaches in den letzten Jahren gestiegen. Diese Selbstverständlichkeit, die man eigentlich erwarten sollte, einfach zu wissen, dass Juden Deutsche sind, Deutsche mit jüdischer Religion, die nehmen wir nicht immer wahr. Auch wenn akzeptiert wird, dass Juden dazugehören, werden sie oft auch merkwürdig angesehen und der Antisemitismus steigt. Hier wollen wir ansetzen in allen unseren Projekten: Wir wollen die Erkenntnis bestärken, dass wir deutsche Juden sind, dass wir seit 1.700 Jahren Teil der Geschichte sind und dass wir ganz normaler Teil dieser Gesellschaft sein wollen. Und deswegen machen wir auch unsere Projekte, um in dieser Normalität zu leben und in diese Gesellschaft noch weiter hineinzuwachsen.

EuP: Auf welche Art und Weise kommen denn die Zuhörer*innen in Begegnungen auf Sie zu, gibt es da eher Gemeinsamkeiten oder doch mehr Unterschiede?

Maximilian Feldmann: Hier würde ich auch gerne unterscheiden zwischen ganz jungen Menschen, Menschen mittleren Alters und älteren Leuten, hier unterscheidet sich die Art und Weise der Begegnungen oft fundamental. Vorurteile oder gewisse Narrative bei jungen Menschen sind oft nicht so fest verankert, die kann man sehr gut angehen. Oftmals wissen Jugendliche auch gar nicht genau, was sie da sagen. Da hilft schon eine Begegnung, um Vorurteile abzubauen. Bei Menschen mittleren Alters habe ich das Gefühl, da sind, manchmal auch gekoppelt an gewisse politische Positionen, Narrative schon mehr verankert. Da muss man natürlich ganz anders herangehen, etwa indem wir dann mit einem wissenschaftlichen Kontext zu argumentieren versuchen oder historische Hintergründe genauer erklären. Bei älteren Menschen spielt unserem Eindruck nach die Nachkriegszeit eine enorm große Rolle. Ich habe das sehr oft erlebt, dass ältere Menschen dann oft gar nicht z.B. über Vorurteile sprechen wollen im direkten Gespräch, sondern über etwas ganz anderes: ihre eigene Familiengeschichte. Wenn sie Kinder der Tätergeneration sind, dann scheint das irgendwie in ihnen zu schlummern, dann wollen sie etwa auch über die Nazi-Vergangenheit in der eigenen Familie sprechen. Wir nehmen aber alles ernst und versuchen auf alle Menschen zuzugehen, egal, auf welche Voraussetzungen wir treffen: Wenn Sie etwas fragen wollen, dann fragen Sie uns.  Mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ihre „Trigger-Punkte“ zu aktivieren, das ist eigentlich ja unser Ziel.

EuP: Was passiert denn, wenn gerade Jugendliche zusammenarbeiten, wie kann man sich das vorstellen, etwa bei „YouthBridge“? 

Sofija Pavlenko: Man muss dazu sagen, dass „YouthBridge“ bzw. die Teilnehmer*innen des Programms gewissermaßen ein Abbild der Gesellschaft sind, gewissermaßen aber auch nicht. Denn wir wissen natürlich auch, dass wir hier in einer Bubble von Leuten arbeiten, die zu uns kommen, die sich engagieren wollen, die Menschen mit anderen Kulturen und Religionen kennenlernen wollen. Wir wissen, dass wir daher wohl auch viele Jugendliche, die vielleicht Vorurteile haben, mit einem Projekt wie diesem nicht erreichen. Wir haben bei „YouthBridge“ also auch Leute, die mit einem gewissen Vorwissen in das Projekt kommen und sich vorher beispielsweise nicht antisemitisch geäußert haben. Aber natürlich kommen auch hier, zwar unterschwellig, aber dennoch, manchmal Äußerungen, die man vielleicht unter dem Wort „Alltagsrassismus“ erfassen kann. Und daran arbeiten wir dann.

EuP: Gab es in solchen Begegnungen dann auch besondere Aha-Erlebnisse?

Sofija Pavlenko: Es gab so viele derartige Erlebnisse, dass man schon sagen muss, dass man manchmal vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Was mir aber einfällt: Bei einer Jubiläumsfeier der EJKA zum 10-jährigen Bestehen haben am Abend alle zusammen zu „Hava Nagila“ [Anm. d. Redaktion: ein hebräisches Volkslied] getanzt. Das fand ich so wunderbar, dass Menschen, die zum Projekt kamen, um sich z.B. in der Antirassismusarbeit oder für Feminismus zu engagieren, dann einfach nur zusammen getanzt haben. Für manche ist dieses Lied Bestandteil ihres Alltags seit ihrer Kindheit, andere haben es hier vielleicht zum ersten Mal gehört, aber trotzdem haben wir einfach gemeinsam getanzt und gelacht. Das war für mich so ein Wow-Moment, weil hier das Zusammenleben eine große Selbstverständlichkeit hatte. Das hat sich großartig angefühlt.

Eva Haller: Es ist uns bewusst, dass Antisemitismus, Rassismus, überhaupt Vorurteile schon am Essenstisch zu Hause, in der Familie entstehen oder auch weitergegeben werden. Nicht unbedingt aus bösem Willen, sondern oft einfach, weil diese Vorurteile von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und uns ist natürlich auch bewusst, dass das auch für Peer-Groups zum Beispiel in den Schulen gilt. Gerade hier wollen wir gegenarbeiten, da wo es anfängt, diesen Kreislauf der Vorurteile durchbrechen. So sind daher auch die Projekte angelegt, generationenübergreifend. Bei „YouthBridge“ gibt es zum Beispiel auch ein Projekt, das „Family & Friends“ heißt. Wir laden also nicht nur die Jugendlichen ein, sondern auch ihre Familien.

EuP: Wenn man Sie hier in diesem Gespräch erlebt, spürt man Ihr großes Engagement. Nach 1.700 Jahren kämpfen Sie immer noch um Normalität. Woher nehmen Sie die Energie für Ihre Arbeit, statt etwa zu resignieren oder auch einmal wütend zu werden?

Eva Haller: Ja, ich habe keine Jugendquelle aus der ich jeden Morgen etwas trinke. Es ist einfach wirklich meine innere Überzeugung, dass wir nur durch gegenseitiges Kennenlernen, durch Respekt und einen Dialog auf Augenhöhe etwas bewegen können. Wir können das auch als jüdische Gemeinschaft nicht alleine machen, auch wenn es für uns selbstverständlich ist, wer wir sind und wo wir herkommen. Wir möchten hier gerne eine Normalität leben, da wir hier zu Hause sind. Zwar stellen wir auch immer wieder kleinere und auch größere Rückschläge fest – aber wir geben nicht auf. Das ist in unserer DNA festgeschrieben, wir geben nicht auf.

Maximilian Feldmann: Was wäre auch die Alternative? Wenn man nichts tut, wenn man sich durch Rückschläge aufhalten lässt, das wäre verheerend.

Sofija Pavlenko: Ich will mit meiner Arbeit auch etwas zurückgeben, denn gemeinsame Projekte haben auch meine Perspektive verändert. Natürlich gibt es Rückschläge und manchmal ist man sauer, etwa wenn man am 27. Januar bestimmte Facebook-Kommentare liest und sich dann auch fragt, wozu arbeite ich eigentlich, wenn Menschen immer noch an einem solchen Tag abwertende oder menschenverachtende Kommentare posten. Auf der anderen Seite lerne ich bei „YouthBridge“ aber auch Leute kennen, die sagen, dass diese Begegnungserfahrungen für sie das wichtigste sind, was sie erlebt haben. Und diese Veränderungen, die hier passieren, die finde ich dann wichtiger als negative Erlebnisse. Und, wie Max gesagt hat, welch andere Wahl haben wir auch. Wir persönlich wollen ja z.B. nicht nach Israel ziehen, wir wollen in Europa bleiben, hier sind wir zu Hause, dafür muss man dann auch – im positiven Sinne – kämpfen.

Maximilian Feldmann: Und wenn Menschen, die sich engagieren, dann solchen Kommentaren widersprechen, Hetzern Paroli bieten, dann ist das ein Erfolg. Jeder kleinste Einsatz gegen Hass, Hetze und Antisemitismus ist schon eine große Sache.

Eva Haller: Es ist eine Realität heute, dass wir in einer diversen Gesellschaft leben und diese Gesellschaft beinhaltet uns alle – uns alle. Und wir möchten hier unseren festen Platz haben in dieser Gesellschaft. Diese diverse Gesellschaft muss eine Zukunft haben und die Jugend wird das weitertragen. Und daran glaube ich ganz fest.

 

Interview: Johannes Uschalt

Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit
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