21.04.2020 Ein Gespräch mit Jugendlichen aus Israel und Deutschland

"Prinz Yussuf" von Marion Kahnemann. Fotografin: Christine Starke, Dresden.

„Wir müssen versuchen, Antisemitismus und Rassismus durch Bildung aus den Köpfen der Menschen zu löschen.“

Im Rahmen eines Austauschprojekts begegneten sich Jugendliche aus Deutschland und Israel 2018 in Nürnberg und 2019 in Kfar Silver/Aschkelon und setzten sich dabei auch mit dem Thema Antisemitismus auseinander. Wie Jugendliche aus beiden Ländern das Phänomen wahrnehmen, beschreiben sie in diesem Gespräch: Emanuel Adamiak und Selin Cicek aus Nürnberg sowie Toren Sigron und Lihi Barshishat aus Aschkelon/Israel über Antisemitismus und Vorurteile, aber auch Verständnis und Toleranz. 

EuP: Könnt ihr zu Beginn definieren, was ihr unter dem Begriff „Antisemitismus“ ganz persönlich versteht?

Lihi: Antisemitismus bedeutet für mich, jemanden zu hassen, aufgrund seiner Religion oder seines Glaubens, ohne wirklichen Grund.

Emanuel: Ich würde noch hinzufügen, dass es auch um Herkunft geht, wenn man die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur als Bezugspunkt nimmt: Hier wurde ja teilweise, z.B. mit den Nürnberger Gesetzen, ein System der Diskriminierung geschaffen, das nichts damit zu tun hatte, ob jemand ein praktizierender Jude war oder nicht. Deshalb würde ich hier den familiären Hintergrund noch anführen. Die Essenz des Ganzen wirkt, als wollte man jemanden für etwas diskriminieren, für das er nichts kann und wogegen er auch nichts unternehmen kann.

Toren: Es gibt den Antisemitismus, der dich dafür verurteilt, was du tust, indem er gläubige Juden diskriminiert. Und dann gibt es den Antisemitismus, der dich als Juden ausweist, selbst wenn du dich nicht dem jüdischen Glauben oder jüdischer Kultur zugehörig fühlst. Hier spielt dann dein „Blut“ eine Rolle, oder wie man es auch nennen will. 

Selin: Für mich gehört zum Antisemitismus auch noch, Menschen und deren Menschenrechte nicht zu respektieren. Denn jede/r sollte das Recht haben, an das zu glauben, woran sie/er glauben möchte, wenn sie/er damit niemand verletzt. 

EuP: Ist euch Antisemitismus schon einmal in irgendeiner Form begegnet?

Toren: Wenn ich ins Ausland fahre, werde ich manchmal komisch angesehen, weil ich eine Kette mit dem David-Stern trage; oft verstecke ich diese dann unter meinem T-Shirt. Persönlich wurde ich bisher noch nicht angegangen. In Gesprächen werde ich aber oft auf die Politik meines Landes angesprochen, teilweise auch verantwortlich gemacht. Das haben mir auch meine Bekannten erzählt, die im Ausland unterwegs waren. 

Selin: Mir persönlich ist Antisemitismus noch nicht begegnet. Vielleicht hat die Berichterstattung gerade über Israel auch antisemitische Hintergründe, wenn etwa einseitig berichtet wird. Aber das muss ja nicht sein, es ist aber auch möglich. 

Lihi: Mir ist Antisemitismus vor allem in den sozialen Medien begegnet; wenn etwa auf Instagram kommentiert wird, wenn dort behauptet wird, es sollte Usern verboten sein, etwas zu sagen oder zu posten, wenn sie Israel mögen. Das ist so verrückt. Wenn wir ins Ausland fahren, sagen meine Eltern immer, dass wir nicht so laut Hebräisch sprechen sollten, weil es auch heute noch Antisemitismus gibt. Das macht mich eigentlich traurig, weil ich das nicht verstecken will. 

Emanuel: Ich habe Antisemitismus v.a. im Geschichtsbuch gesehen und nehme ihn auf einer politischen Ebene auch noch heute wahr. Er ist schon im Mittelalter zu sehen, auch heute verwenden Politiker ihn in manchen Ländern noch, um Stimmung zu machen oder ihre Macht auszuweiten. Und auch die Auseinandersetzungen im Nahen Osten haben meiner Meinung nach nicht nur geopolitische Motive, das ist zumindest meine Wahrnehmung. 

EuP: Habt ihr das Gefühl, dass Antisemitismus heute auch noch so gefährlich ist?

Emanuel: Diese Frage sollte sich nicht nur um Antisemitismus drehen, sondern um Rassismus im Allgemeinen. Jede Form der Diskriminierung kann nämlich auch heute noch gefährlich sein. 

Lihi: Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich die sozialen Medien hier nicht richtig einschätzen kann, ob das lediglich Sprüche sind oder ob diesen Sprüchen dann auch Taten folgen würden. Deswegen weiß ich nicht, ob das gefährlich ist, was dort teilweise steht. 

Selin: Ich glaube, wer so etwas schreibt (also z.B. antisemitische Sprüche), der glaubt es – zumindest in seinem Unterbewusstsein – auch. Das ist auf jeden Fall schon eine Bereitschaft, jemand zu diskriminieren, deshalb sollte man auch so etwas definitiv ernst nehmen. 

Emanuel: Ich denke, soziale Medien sind in vielerlei Hinsicht fantastisch, um miteinander weltweit zu kommunizieren. Aber gleichzeitig ist es unglaublich gefährlich, was wir ja auch sehen können, wenn durch Algorithmen Filterblasen entstehen und wir dadurch auch in unserer Wahrnehmung beeinflusst werden können. Wenn also Menschen in solche Zirkel hineinrutschen, dann halte ich das für sehr gefährlich. Weil gerade diese Leute dann eben über soziale Medien zusammenfinden und sich dann auch in der „realen Welt“ vernetzen können. 

EuP: Ihr habt im Rahmen eines Begegnungsprojektes nun sowohl Israel als auch Deutschland kennengelernt – hattet ihr irgendwelche Vorstellungen oder Bilder im Kopf, die sich durch eure Reisen nun erledigt oder vielleicht auch bestätigt haben?

Toren: Ich hatte keine (schlechten) Bilder im Kopf, habe aber natürlich auch damit gerechnet, dass an diesem Projekt sehr offene Menschen teilnehmen. Aber auch in Deutschland habe ich sehr nette Menschen getroffen. Auch wenn ich in die Vergangenheit sehe, muss ich sagen, dass ich zwar nicht sagen kann, dass ich verstehe, was passiert ist, aber dass ich etwas verstehen kann, wie es Schritt für Schritt dazu kam, was passiert ist. 

Selin: Ich muss traurigerweise zugeben, dass ich schon ein bestimmtes Bild von Israel im Kopf hatte, bevor ich hierherkam; ich habe es mir viel konservativer vorgestellt. Ebenso hatte ich befürchtet, dass ich vielleicht anders gesehen werde, weil ich türkische Vorfahren habe und die Türkei und Israel politisch nicht unbedingt einer Meinung sind. Aber genau deshalb wollte ich ja sehen, ob diese Bilder stimmen. Und diese Vorstellungen sind jetzt aber komplett zerstört, denn ich sehe nur noch, dass wir viel mehr gemeinsam haben als etwas, das uns trennt. 

Lihi: Ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen die Mühe machen, sich selbständig Gedanken zu machen und eigene Erfahrungen zu sammeln. Wir selbst sagen über uns oft, dass wir laut sind und chaotisch, vielleicht habt ihr das ja auch gehört. Und wir haben natürlich von euch gehört, dass ihr ordentlich und diszipliniert seid. Aber das sind ja nur Vorurteile!

Emanuel: Leider glaube ich, dass wir alle noch viele Vorurteile haben, wir erwarten ja immer irgendetwas. Ich war zum Beispiel überrascht, dass ihr hier so gutes Internet habt, das hatte ich einfach nicht erwartet. 

EuP: Was denkt ihr, was kann man gegen Vorurteile im Allgemeinen und Antisemitismus im Speziellen aus eurer Sicht unternehmen? 

Lihi: Man muss Begegnungen (wie diese) arrangieren, Leute sollen sich treffen, sich unterhalten – selbst wenn sie nicht wollen. Sie müssen sich einfach treffen, um Stereotype abzubauen. 

Emanuel: Und die Ausbildung ist extrem wichtig, man muss einfach wissen, wie gefährlich Diskriminierung und Antisemitismus sein können. Ich habe vor einigen Wochen eine Führung einer 8.Klasse über das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg begleitet. Die Schülerinnen und Schüler wussten nicht, was Konzentrationslager sind und konnten auch dem Wort Propaganda keine Bedeutung zuordnen. Das hat mich fast etwas schockiert. Wir müssen also hier unbedingt aktiv bleiben und vielleicht in der Erziehung noch aktiver werden. 

Toren: Da stimme ich zu. Wir müssen versuchen, Antisemitismus und Rassismus durch Bildung aus den Köpfen der Menschen zu löschen. Menschen sind Menschen, und es ist doch einfach egal, wo man geboren ist oder woran man glaubt. Es kommt doch nur darauf an, dass man den Kindern beibringt: Beurteilt die Menschen danach, was sie tun – und nicht danach, wie sie aussehen oder woran sie glauben. 

Selin: Und ich glaube, dass es immer wichtig ist (so wie wir es in Yad Vashem gesehen haben), einfach auch persönliche Geschichten zu kennen und persönliche Bindungen zu haben – denn wenn man diese persönlichen Geschichten kennt und diese Verbindungen hat, ist es sehr schwer, die vielleicht vorhandenen Vorurteile noch aufrechtzuerhalten.

Das Gespräch wurde am 10.04.2019 in Kfar Silver/Israel aufgezeichnet. 

Die Aussagen der Interviewpartner/innen stellen keine Meinungsäußerung der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit dar. Für die Inhalte der Äußerungen tragen die Befragten die Verantwortung.

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