18.12.2020
Themenforum Flucht und Vertreibung
Polen als „Erbe“ der Ostgebiete

Skulpturengruppe DER ÜBERGANG (1977-2005 von Jerzy Kalina) in Wroclaw/Breslau Foto: snapshot-photography/Fotograph: K.M.Krause

von Thomas Urban

Alle Parlaments- und Präsidentenwahlen in Polen im 21. Jahrhundert führten zu ähnlichen Resultaten: Im Norden und im Westen des Landes haben liberale oder gemäßigt konservative Kandidaten, die auf gute Zusammenarbeit mit den deutschen Nachbarn setzen, das Rennen gemacht. In den Wahlkreisen im Osten und Süden des Landes siegte dagegen stets die nationalkonservative, populistische Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die nationale Interessen und Traditionen durch die Europäische Union bedroht sowie in den Deutschen eine Art Erbfeind der Polen sieht. Mitten durch das Land geht also eine politische wie psychologische Grenze.

Bemerkenswerterweise ist diese Trennlinie nahezu deckungsgleich mit den deutsch-polnischen Vorkriegsgrenzen. In den Gebieten, die einst deutsch waren, setzt die Mehrheit der polnischen Wähler auf gute Nachbarschaft. Auf den ersten Blick wirkt dies paradox: Denn die einstigen deutschen Ostgebiete waren ja Jahrzehnte lang ein gewichtiger Streitpunkt zwischen den beiden Nachbarn. Die Polen hatten die Deutschen von dort nach dem Krieg vertrieben und sahen diese als permanente Bedrohung für ihre Staatsgrenzen an Oder und Neiße an. Die Propaganda des kommunistischen Regimes in Warschau warnte vor einer Rückkehr der Deutschen.

Auf den zweiten Blick aber ist diese Deutschfreundlichkeit durchaus logisch: In den westlichen und nördlichen Woiwodschaften (Regierungsbezirken), darunter Schlesien, Pommern, Ermland und Masuren, gehört der Kontakt zu Deutschen zum Alltag der Bevölkerung. Denn dorthin sind in den letzten drei Jahrzehnten Zehntausende von Heimatvertriebenen gereist – die allermeisten der nun in diesen Regionen lebenden Polen sehen sie nicht mehr als Bedrohung an, manche Politiker und Geschäftsleute sehen in den „Heimwehtouristen“ und ihren Kindern sogar einen Wirtschaftsfaktor.

Mehr als 500 Gemeinden und Pfarreien haben seit Anfang der neunziger Jahre die Heimattreffen der einstigen deutschen Einwohner organisiert, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westen vertrieben worden waren. Die Landsmannschaft Ostpreußen organisierte gemeinsam mit polnischen Amtsträgern aus der Woiwodschaft Ermland und Masuren mehrere Konferenzen über die Geschichte sowie die wirtschaftlichen Perspektiven der Region. Auch die anderen Landsmannschaften unterhalten vielfältige Kontakte nach Polen.

Hinzu kommt, dass die in die Oder-Neiße-Gebiete übergesiedelte polnische Bevölkerung zu einem beträchtlichen Teil aus den Gebieten Polens stammt, die im Zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion annektiert wurden. In deren kollektives Gedächtnis hat sich tief der sowjetische Terror der Jahre 1939 bis 1941 eingegraben, als Zehntausende Angehörige der polnischen Elite ermordet wurden. Bekanntestes Beispiel: In einem Wald unweit des russischen Dorfs Katyn sowie in einem halben Dutzend weiterer Orte hat der NKWD, der militärisch organisierte Geheimdienst Stalins, rund 22.000 Offiziere und Fähnriche, meist Reservisten mit Hochschulbildung, sowie Staatsbeamte erschossen. Auch wurden Hunderttausende Polen in das sowjetische Hinterland deportiert, nach Sibirien, an den Polarkreis und in die Steppen Kasachstans; nur ein kleiner Teil von ihnen überlebte die Deportation.

Hingegen ist die kollektive Erinnerung der Einwohner Zentral- und Südpolens an den Zweiten Weltkrieg vom deutschen Besatzungsterror geprägt: die Ermordung mehrerer Millionen Menschen durch die SS in den Vernichtungslagern, Massenexekutionen, Zwangsarbeit, die totale Rechtlosigkeit und Ohnmacht gegenüber den Deutschen, die sich wie Herren über Leben und Tod aufführten, Kirchen, Museen und Bibliotheken zerstörten und auch das Zentrum der Hauptstadt Warschau dem Erdboden gleichmachten. Deutsche Heimwehtouristen kommen nicht in den Süden und Osten Polens, weil diese nie zum Deutschen Reich gehört hatten. Die Einwohner dieser Regionen haben deshalb auch wenig Gelegenheit, Deutsche näher kennenzulernen und somit die an die nächsten Generationen weitergegebenen Bilder vom grausamen Besatzer zu korrigieren.

Viele Einwohner der ehemaligen deutschen Ostgebiete bringen auch deshalb Verständnis für die Heimatvertriebenen auf, weil die ältere Generation Augenzeuge von deren Vertreibung wurde und davon auch ihren Kindern und Enkeln berichtet hat. Jedenfalls haben offenkundig die meisten Politiker, Pfarrer, Intellektuelle in den Oder-Neiße-Gebieten keine Berührungsängste gegenüber  den Deutschen. Aus all diesen Kontakten folgt, dass die Warnungen des nationalkonservativen Lagers vor den Deutschen in diesen Gebieten nur ein geringes Echo finden.

Auslöschung aller Spuren des Deutschtums

Allerdings war es ein weiter Weg von der Nachkriegszeit zum entspannten Umgang mit den ehemaligen deutschen Einwohnern und der Pflege des deutschen Kulturerbes. 1945 hatte der großangelegte „Bevölkerungsaustausch“ begonnen, wie die kommunistische Führung in Warschau Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen sowie die Ansiedlung von Polen nannte. Diese kamen nicht nur aus den von der Sowjetunion annektierten Regionen, die den Sowjetrepubliken Litauen, Weißrussland und Ukraine zugeschlagen worden waren, sondern auch aus dem zerstörten Warschau.

Weder die deutsche Bevölkerung, noch die amerikanischen und britischen Verbündeten des Kremls wussten, dass Stalin längst über die Zukunft der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße einschließlich Stettins entschieden hatte: Sie sollten polnisch werden. Moskau hatte am 26. Juli 1944 einen diesbezüglichen Geheimvertrag mit der Provisorischen Polnischen Regierung geschlossen, der vor allem in Moskau geschulte polnische Kommunisten angehörten, darunter der spätere Parteichef Władysław Gomułka. Daher übergab die sowjetische Militärkommandantur im Frühjahr 1945 Schlesien, Pommern, Danzig und den Südteil Ostpreußens offiziell an die polnischen Behörden. Der Nordteil Ostpreußens wurde dagegen zu sowjetischem Territorium erklärt.

Die Verdrängung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße war 1945 das Hauptziel der vom Kreml eingesetzten neuen polnischen Führung. Bei dieser Politik wurde zwar der Tod vieler Betroffener billigend in Kauf genommen, doch handelte es sich nicht um eine Vernichtungspolitik, es gab weder staatlich durchgeführte Massenmorde, noch Vernichtungslager wie unter der deutschen Besatzung während des Krieges. Zunächst waren sich Politiker aller Lager einig darin, dass mit der Errichtung einer polnischen Verwaltung in den Oder-Neiße-Gebieten die Zeit von Rache und Abrechnung gekommen sei. Sogar katholische Bischöfe verteidigten das Recht der Polen auf Vergeltung und rechtfertigten Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit akzeptierte wohl die überwältigende Mehrheit der Polen die Formel: Nun erfahren die Deutschen am eigenen Leib, auf welche Weise die Nazis im Krieg die Polen gequält haben. Politiker wie Publizisten rechtfertigten, dass Repressalien kopiert wurden, die Polen selbst unter der deutschen Besatzung während des Krieges erduldet hatten. Damals galten alle Deutschen als „Hitleristen". Der Gebrauch des Deutschen in der Öffentlichkeit war verboten. Entgegen der polnischen Orthographie wurde, auch in offiziellen Dokumenten, in den ersten Nachkriegsjahren das Wort „Deutscher" klein geschrieben, also niemiec statt Niemiec. In vielen Orten mussten sie Armbinden mit einem „N“ für Niemiec tragen. Die Rede war fast ausschließlich vom „bösen Deutschen", dem Erbfeind der Polen. In den ersten Nachkriegsjahren erschienen Hunderte von Artikeln und Dutzende von Büchern über den heldenhaften Kampf der Polen gegen die Besatzer, die Abneigung und Hassgefühle gegen alle Deutschen verstärken sollen. 

Die in den Oder-Neiße-Gebieten zurückgebliebenen Deutschen hatten ihre Wohnungen und Häuser zu räumen, ihr Besitz wurde zu polnischem Staatseigentum erklärt. Zehntausende wurden in Lager, die die deutschen Besatzer während des Krieges eingerichtet hatten, interniert und mussten Zwangsarbeit leisten. In einigen Städten mussten die Deutschen, bevor sie zwangsausgesiedelt wurden, in besonders gekennzeichnete Bezirke ziehen, die die lokalen Behörden „Deutschen-Ghettos“ nannten.

Der Kommunist Edward Ochab, der Generalbevollmächtigte der Regierung für den Aufbau einer polnischen Verwaltung, fasste das Ziel der Maßnahmen gegen die Deutschen in dem Satz zusammen: „Wir treiben sie in Haufen hinter Oder und Neiße.“[1] Władysław Gomułka, Generalsekretär der Kommunistischen Partei, der später auch das Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete übernahm, befand: „Wir müssen sie alle hinauswerfen, denn einen Staat baut man aus einer Nation und nicht aus vielen Volksgruppen.“[2] Der Begriff „wiedergewonnene Gebiete“ bezog sich darauf, dass Schlesien und Pommern im Mittelalter zum Königreich Polen gehört hatten.

Alle maßgeblichen politischen und gesellschaftlichen Kräfte Polens – Kommunisten, Nationalisten, katholische Kirche – waren sich einig darin, dass die Zwangsaussiedlung politisch unausweichlich sei. Mit drei Kernargumenten wurde diese Politik einhellig jenseits aller ideologischen Schranken begründet:

- Polen wird dadurch sicherer.
- Polen wird eine ethnisch homogene Nation.
- Die historische Gerechtigkeit ist wiederhergestellt.

Die in die Großstädte wie Breslau, Danzig, Stettin strömenden Polen begannen unverzüglich, Kirchen, Schulen, Theater instandzusetzen, sofern sie nicht völlig zerstört waren. In Breslau, das nur noch Wrocław genannt werden durfte, eröffnete die nun polnische Universität im Oktober 1945 pünktlich das Wintersemester; Vorlesungen und Seminare fanden in mehreren halb zerstörten Gebäuden statt.

Gleichzeitig wurden systematisch alle deutschen Spuren entfernt, von Aufdrucken auf Biergläsern und Kaffeetassen über Straßenschilder und Inschriften auf Gebäuden bis hin zu Privatbibliotheken. Zehntausende deutschsprachiger Bücher wurden in den ersten Nachkriegsjahren verbrannt, Denkmäler geschleift und Friedhöfe eingeebnet. Mit den Grabplatten wurden die Seiten des Breslauer Stadtgrabens verstärkt, sie wurden beim Bau der Tribüne des Fußballstadions ebenso verwendet wie für die neuen Freigehege des Zoos.[3]


[1] Zit. nach: Wanja W. Ronge: Und dann mussten wir raus/I wtedy nas wywieźli. Wanderungen durch das Gedächtnis. Von Vertreibungen der Polen und Deutschen 1939-1949, Berlin 2000, S. 40.

[2] Zit. nach: Piotr Madajczyk: Niemcy w Polsce 1944-1989, Warschau 2001, S. 17. 

[3] Wlodzimierz Kalicki: Breslau – das Zuhause von Paweł und Małgorzata, in: Transodra. Deutsch-polnisches Informationsbulletin 17 (1997), S. 21.

 

Verfälschung der Geschichte

Die staatliche Propaganda trommelte zunächst, die Enteignung und Zwangsaussiedlung der Deutschen seien Vergeltung für den deutschen Besatzungsterror während des Zweiten Weltkrieges. Bald aber galten andere Vorgaben der Parteiführung. Die Umstände der Zwangsumsiedlung der Deutschen durften nicht mehr als gerechte Strafe beschrieben, sondern überhaupt nicht mehr erwähnt werden. Der Begriff „Vertreibung“ wurde nur in Anführungszeichen geschrieben, er galt als westdeutsche Propagandavokabel.

Offiziell war von „Repatriierung der Deutschen“ die Rede. Die polnische Führung habe mit dem „Transfer“ der Deutschen aus den historisch polnischen Gebieten in ihre „Heimat“ nur die Anordnungen ausgeführt, die die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 beschlossen hätten. Polen sei verpflichtet worden, diese Beschlüsse auszuführen, und habe dies „auf humanitäre Weise“ getan. Sie seien auch als Entschädigung für die Verluste zu sehen, die Polen im Zweiten Weltkrieg durch die deutschen Besatzer erlitten habe. Dass es zwischen 1945 und 1949 zu Verbrechen an Deutschen gekommen sei, wurde grundsätzlich bestritten, die Aussiedlung sei überdies Folge der deutschen Verbrechen im Krieg.

Ebenso war jegliche Andeutung, geschweige denn Erörterung verboten, dass Polen durch die Verschiebung seines Territoriums nach Westen auf Kosten des Deutschen Reichs langfristig vom politischen und militärischen Schutz durch die Sowjetunion abhängig war; die Sowjetarmee habe Polen vor den westdeutschen Revanchisten zu schützen. Dass laut dem Potsdamer Protokoll die deutschen Ostgebiete zunächst nur „unter polnische Verwaltung“ kommen sollten und die neue polnische Westgrenze erst auf einer künftigen Friedenskonferenz festgelegt werden sollte, erfuhr die Bevölkerung nicht. In der gleichgeschalteten Presse war ebenso wie in den Schulbüchern von „urpolnischer Erde“ die Rede.

In der Geschichtsschreibung wurde konsequent die deutsche Vergangenheit der 1945 unter polnische Hoheit gekommenen Gebiete ignoriert oder bagatellisiert. Die Westgebiete seien vor Jahrhunderten gewaltsam vom polnischen Staat abgetrennt worden, der „deutsche Drang nach Osten“ habe auch zur Germanisierung der Bevölkerung geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien diese Gebiete „zum Mutterland zurückgekehrt". Es wurde der Bogen geschlagen von den Rittern des Deutschen Ordens über Friedrich den Großen bis zu Bismarck, die alle Vorläufer Hitlers gewesen seien. Alle hätten dasselbe Ziel gehabt: Polen zu unterjochen.

Die Geschichte Schlesiens, Pommerns, West- und Ostpreußens wurde mit großem Aufwand umgeschrieben. Für Schlesien galt beispielsweise, dass bis Anfang des 14. Jahrhunderts das Land polnisch gewesen und anschließend tschechisch geworden sei. Dass der König von Böhmen damals ein Deutscher war, nämlich Johann von Luxemburg, dass es zum Deutschen Reich gehörte, durfte nicht erwähnt werden. Auf der Verbotsliste für die Historiker stand ebenso die Aufbauleistung der deutschen Siedler, die die schlesischen Herrscher aus dem polnischen Geschlecht der Piasten eingeladen hatten. Dass die schlesischen Piasten einen eigenen Weg gegangen waren und sich von der polnischen Krone gelöst hatten, war ebenfalls ein unerwünschtes Thema: Sie betrieben die Aufnahme ihres Herrschaftsgebiets in das Deutsche Reich, der polnische König Kasimir III. musste im 1335 geschlossenen Vertrag von Trentschin den Verlust Schlesiens anerkennen.

Desgleichen wurden in der offiziellen Geschichtsschreibung die österreichische und die preußische Periode Schlesiens als Fremdherrschaft dargestellt. So lernten die Schüler, welche großen Polen in den vergangenen Jahrhunderten Breslau besucht hatten; doch sie erfuhren in der Schule nicht, dass die Stadt in dieser Zeit durch und durch deutsch war.

Die These von den „wiedergewonnenen Gebieten“ vertrat in Polen neben sämtlichen politischen Gruppierungen auch die katholische Kirche. Mit ihr ließ sich begründen, warum mehrere Millionen Deutsche die Oder-Neiße-Gebiete verlassen mussten und polnische Siedler ihr Eigentum übernahmen. Die Kirche beteiligte sich energisch an der Auslöschung aller Spuren der deutschen Vergangenheit. Im traditionell protestantischen Masuren übernahm sie die Kirchen, die katholischen Bischöfe rühmten sich, dort die Reformation rückgängig gemacht zu haben.

Die kommunistische Führung warnte unablässig vor dem „deutschen Revanchismus“. Die der Zensur unterliegende Presse druckte in großer Aufmachung Erklärungen der Führer des Bundes der Vertriebenen nach, die in der Tat eine Revision der faktisch bestehenden Grenzen anstrebten. Sie konnten sich dabei auch auf die Bundesregierung in Bonn stützen. Die polnische Presse publizierte Karikaturen, die Bundeskanzler Konrad Adenauer als Ordensritter zeigten. Im Mittelalter führten der Deutsche Orden und die polnischen Könige mehrere Kriege gegeneinander.

Unter den polnischen Neusiedlern herrschte große Unsicherheit, da die Bundesregierung nach wie vor Ansprüche auf die Oder-Neiße-Gebiete erhob. Wiederholt verbreiteten sich Gerüchte, dass die Polen die „wiedergewonnenen Gebiete“ wieder räumen müssten. So wurde die Aufnahme der Bundesrepublik in die Nato 1955 als erster Schritt zu einem militärischen Angriff des Westens angesehen. Nach den Unruhen in der Provinzstadt Posen im folgenden Jahr, als die Armee einen Streik blutig niederschlug, kursierte das Gerücht, der Kreml habe Gomułka angedroht, Schlesien an die DDR anzugliedern, falls dieser nicht für Ordnung im Land sorgen werde. Auch die Berlin-Krise von 1961 wurde als Auftakt zu einem internationalen Konflikt um die DDR und die deutschen Ostgebiete interpretiert.[1]

Der rechtlich ungeklärte Status der ehemaligen deutschen Ostgebiete, die zu den polnischen Westgebieten geworden waren, hatte weitreichende Folgen vor allem für einige Großstädte: Die Volksrepublik Polen hielt sich mit Investitionen zurück. So gab es in der Breslauer Innenstadt keine großen Bauvorhaben, das Stadtbild prägten stattdessen immer noch viele Ruinen. In anderen Städten sah es ähnlich aus. Doch bedeutete diese Zurückhaltung von Investitionen auch, dass diesen Städten die Verschandelung durch modernistische Bausünden in Glas und Beton erspart blieb, wie sie nicht nur in Westeuropa, sondern auch in Osteuropa Baulücken füllten.

Der psychische Druck auf die Bewohner der Westgebiete verringerte sich erst mit der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages, den Gomułka und Bundeskanzler Willy Brandt ausgehandelt hatten, im Dezember 1970 spürbar. In dem Vertrag sicherte die Bundesregierung die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen zu. Von polnischer Seite wurde der Vertrag auch als völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze interpretiert. Nun stellte die polnische Regierung auch Mittel zum Wiederaufbau vieler im Krieg zerstörter Gebäude zur Verfügung. Dass es sich dabei meist um Baudenkmäler aus dem deutschen Kulturerbe handelte, wurde dabei durchweg verschwiegen, so wie die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg Tabuthema blieb.

Doch konnten die Parteiführung, die Schulbehörden und die Zensur nicht verhindern, dass eine Generation nach dem Krieg immer mehr Menschen begannen, nach den deutschen Wurzeln der nun völlig polonisierten Städte zu suchen. Man traf sich zu privaten Exkursionen, es entstand ein illegaler Sammlermarkt für deutsche Bücher, alte Ansichtskarten, sogar Uniformen, Orden und Waffen der Wehrmacht, die die Finder entgegen den behördlichen Anordnungen nicht vernichtet hatten. Als mit dem Zusammenbruch des Parteiregimes im Wendejahr 1989/90 auch die politische Zensur verschwand, zeigte sich, dass in jeder Stadt Dutzende von Hobbyhistorikern Zeugnisse vom deutschen Kulturerbe gesammelt hatten.


[1] Norman Davies/Roger Moorhouse: Die Blume Europas. Breslau – Wrocław – Vratislavia. Die Geschichte einer mitteleuropäischen Stadt, München 2002, S. 571.

 

Entdeckung der deutschen Vergangenheit

Die nun keiner Zensur mehr unterliegende Presse berichtete ausführlich, beginnend mit den Regionalzeitungen in den „wiedergewonnenen Gebieten“. Auch erschienen die ersten objektiven Berichte über das Los der Vertriebenen, darunter auch Interviews mit Deutschen, die 1945 ihre polnisch gewordene Heimat verlassen mussten – und sorgten längst nicht mehr für Emotionen. Bald brachten polnische Verlage auch Bildbände über das alte Breslau, Danzig, Stettin und viele andere Städte heraus, die bis zum Zweiten Weltkrieg Jahrhunderte lang deutsch gewesen waren.

Überdies erschienen die ersten wissenschaftlichen Arbeiten über die Vertreibung, sie wurde geradezu ein Modethema junger Historiker. Die polnische Öffentlichkeit bekam nun bislang unbekannte Informationen über die Vertriebenen: Fast ein Drittel waren Kinder unter 14 Jahren. Unter den Erwachsenen waren nahezu 90 Prozent Frauen. Maßstäbe setzte die Publikation von vier Bänden amtlicher polnischer Dokumente zur Enteignung, Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße, darunter auch Untersuchungen zu den Lagern, in denen Deutsche Zwangsarbeit leisten mussten und Tausende umkamen.[1]

Die Publikationen all dieser Zeitungsartikel, Aufsätze und Bücher führten zu einer Debatte, die geprägt war von Mitgefühl für das Schicksal der Vertriebenen und Verständnis für ihre Verbitterung. Ein Sammelband, der die wichtigsten Beiträge dazu zusammenfasste, erschien in Polen unter dem Titel „Müssen wir die Deutschen um Vergebung für die Vertreibung bitten?“[2]

Ebenso nahm sich die Belletristik des Themas an. Der bekannte Danziger Schriftsteller Stefan Chwin stellte in den Mittelpunkt seines Romans „Hanemann“ das Schicksal eines Danziger Arztes und einer dorthin zwangsumgesiedelten Ukrainerin im Jahr 1945. Dem Roman „Deutscher Tanz“ von Maria Nurowska, einer der populärsten polnischen Autorinnen, liegt eine wahre Begebenheit zugrunde: Eine junge Deutsche wird im Sommer 1945 von Polen nackt an den Brunnen auf dem Marktplatz eines Städtchens in Pommern angekettet, um den Hals trägt sie ein Schild mit der Aufschrift "Heil Hitler!" Die Literaten interessierten sich zunehmend auch für die deutsche Vergangenheit der „wiedergewonnenen Gebiete“. So spielen die Kriminalromane des polnischen Bestsellerautors Marek Krajewski im Breslau der Zwischenkriegszeit; einige seiner Romane wurden auch verfilmt. Olga Tokarczuk, 2019 ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur, hatte für ihren frühen Roman, „E. E.“ (1995) um eine junge Frau mit parapsychischen Fähigkeiten denselben Ort und dieselbe Zeit gewählt.   

Auch die junge Politikergeneration, die nach den ersten freien Kommunalwahlen 1991 in den westlichen und nördlichen Woiwodschaften in die Rathäuser einzog, kannte keine Scheu vor dem Thema. Die meisten von ihnen gehörten der Demokratiebewegung um die Gewerkschaft Solidarność an; deren Führung hatte noch zur Zeit des Parteiregimes die „Entlügung der Geschichte“ gefordert. Dazu gehörte auch, dass die deutsche Vergangenheit der „wiedererlangten Gebiete“ nicht länger verschwiegen oder bagatellisiert werden sollte. In vielen Städten wurden Kontakte zu den Organisationen der Vertriebenen geknüpft.

Die drei masurischen Gemeinden Goldap, Lötzen (Giżycko) und Sorquitten (Sorkwity) machten im Frühjahr 1992 den Anfang: Sie luden die von dort stammenden Deutschen ein, ihre alte Heimat zu besuchen. Es waren die ersten Vertriebenentreffen auf polnischem Boden. Für die neue Politikergeneration hatten gute Beziehungen zum gerade erst wiedervereinigten Deutschland Priorität. Man sah es als selbstverständlich an, die gemeinsame Geschichte auch gemeinsam aufzuarbeiten – mit all ihren Schattenseiten. Noch im selben Jahr zogen die ersten schlesischen Gemeinden mit der Organisation von Treffen der ehemaligen mit den derzeitigen Einwohnern nach: mehrere Orte im ehemaligen Landkreis Neustadt/Oberschlesien (Prudnik) sowie die Gemeinden Himmelwitz (Jemielnica) bei Oppeln und Reinswalde (Złotnik) bei Grünberg (Zielona Góra). Aus diesen Kontakten entstanden Hunderte von Freundschaften zwischen den ehemaligen und den jetzigen Bewohnern der einst umstrittenen Gebiete.

Ortsvereine der Landsmannschaften sammelten Geld für die Renovierung von Baudenkmälern in ihren heute zu Polen gehörenden Heimatorten. Nicht unerhebliche Mittel stellte dafür auch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit zur Verfügung. Die 1991 gegründete Stiftung verteilt Gelder aus dem sogenannten Jumbokredit, es handelte sich um genau eine Milliarde Mark, die die Bundesregierung 1975 der Volksrepublik Polen als Darlehen gewährt hatte. Da die neue demokratisch legitimierte Führung in Warschau Anfang der neunziger Jahre nicht in der Lage war, die Schulden des kommunistischen Regimes zu begleichen, verzichtete Bonn auf diese Milliarde. Sie wurde der Grundstock der neuen Stiftung, die nicht nur der deutsch-polnischen Verständigung dienen, sondern auch den Aufbau demokratischer Strukturen in Polen fördern soll.

Mit dem Ende der Zensur gehörte auch ein Verbot der Vergangenheit an: Tabu waren für polnische Historiker die von den Landsmannschaften finanzierten Jahrbücher, die sich auf akademischem Niveau der Geschichte Schlesiens, Pommerns oder Ostpreußens widmen. Seit der politischen Wende ist es eine Selbstverständlichkeit für polnische Regionalhistoriker, dort zu publizieren und auch an wissenschaftlichen Tagungen teilzunehmen.

Diese freundschaftlichen Kontakte führten dazu, dass die Heimatmuseen vieler der polnisch gewordenen Städte umgestaltet wurden; sie stellen nun objektiv die deutsche Vergangenheit mit ihren Licht- und Schattenseiten dar. So war es für den Stadtrat von Breslau eine Selbstverständlichkeit, 1997 Mittel für eine „Galerie der großen Breslauer“ zu genehmigen, in der zunächst sieben Persönlichkeiten mit Büsten gewürdigt wurden -  sechs von ihnen waren Deutsche: Max Born, Träger des Nobelpreises für Physik, Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der Dramatiker Karl von Holtei, Ferdinand Lassalle, einer der Gründerväter der SPD, der Maler Adolph von Menzel, die in Auschwitz ermordete Philosophin und Nonne Edith Stein, schließlich der aus einer deutsch-polnischen Familie stammende Chirurg Johann von Mikulicz.

Die Galerie wurde mittlerweile um 25 Büsten erweitert, 14 davon sind deutschen Breslauern gewidmet. Die Andenkenläden auf dem prachtvoll renovierten Breslauer Ring, wie der weit ausholende Rathausplatz mit seinen vom einstigen Reichtum der Stadt zeugenden Bürgerhäusern heißt, bieten historische Ansichtskarten mit deutschen Aufschriften an. Der Begriff „Ring“ für einen rechteckigen Platz ist kein Irrtum, es handelt sich nicht um das deutsche Wort, sondern um einen Anklang an die Zugehörigkeit der Stadt zum Piastenreich im Mittelalter: „Ring“ geht hier auf das polnische Wort rynek (Markt) zurück.

Am Beispiel des Breslauer Rathauses lässt sich aufzeigen, warum das Deutschland-Bild der Polen im Westen des Landes so anders ist als im Osten: Traditionell führt ein Schulausflug von Oberstufenschülern aus den westlichen Woiwodschaften nach Breslau; dort besuchen sie das Rathaus mit der Galerie der „großen Breslauer“, unter denen die Deutschen die Mehrheit stellen. Die Schüler in Ostpolen aber besuchen das Museum des Warschauer Aufstandes von 1944, wo Filmsequenzen und Fotos in drastischer Weise die Verbrechen der deutschen Besatzer zeigen.


[1] Włodzimierz Borodziej/Hans Lemberg (Hg.): „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden …“. Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945–1950. Dokumente aus polnischen Archiven. Bd. I – IV, Marburg 2000–2004.

[2] Deutsche Ausgabe: Klaus Bachmann/Jerzy Kranz: Verlorene Heimat. Die Vertreibungsdebatte in Polen, Bonn 1998.

 

Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen

Die erste von Neugierde und Mitgefühl geprägte polnische Debatte über die Vertreibung der Deutschen und den Umgang mit ihrem Kulturerbe endete mit der Jahrtausendwende. Ihr Ende ging einher mit einem innenpolitischen Rechtsschwenk in Polen. Es wurde offenbar, dass all die Publikationen über die deutsche Vergangenheit der polnischen Westgebiete an konservativen und nationalistischen Gruppierungen weitgehend vorbeigegangen waren. In diesen Kreisen gab und gibt es überhaupt kein Verständnis für die engen Kontakte zwischen den Organisationen der Heimatvertriebenen und polnischen Kommunalpolitikern.

Für heftige Emotionen sorgte in Polen das vom Bund der Vertriebenen unterstützte Projekt einer Dokumentationsstätte, in der Vertreibungen im 20. Jahrhundert wissenschaftlich erforscht und in einer Dauerausstellung einem größeren Publikum nähergebracht werden sollten. Das Zentrum gegen Vertreibungen, wie die hinter dem Projekt stehende Stiftung heißt, wurde an der Weichsel nicht nur als Versuch angesehen, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu Lasten der Polen umzuschreiben, sondern auch als psychologischer Flankenschutz für Eigentumsforderungen. In der Tat hatte eine Gruppe von Vertriebenen eine Gesellschaft mit dem Namen Preußische Treuhand gegründet, die deren Eigentumsansprüche auf verlorene Immobilien juristisch durchsetzen sollte. Zwar distanzierten sich die Initiatoren des Zentrums gegen Vertreibungen von der Preußischen Treuhand, doch konnten sie damit nicht zur Beruhigung der Lage beitragen. Vielmehr löste das Zentrumsprojekt in Polen einen wahren Sturm der Entrüstung aus. Es wurde argumentiert, die Deutschen seien selbst an der Vertreibung schuld, denn sie hätten schwerste Verbrechen als Besatzer in Polen begangen.

Die zweite polnische Vertreibungsdebatte, die von Historikern und Publizisten aus dem nationalpatriotischen Lager dominiert wurde, setzte somit gänzlich andere Akzente als die erste: Sie behaupteten, in der Bundesrepublik würden die Verbrechen des NS-Regimes zunehmend marginalisiert, stattdessen stellten die Deutschen sich selbst als Opfer des Krieges dar – eine These, die indes nicht durch Fakten gedeckt war. Das Thema Vertreibung verschwand aus den Schul-, Verlags- und Fernsehprogrammen, an den Universitäten wurde es von den Themenlisten für Forschungsvorhaben und Examensarbeiten gestrichen. Auch brachte die hitzige Debatte die Befürworter eines Dialogs mit den Vertriebenen sowie der Pflege des deutschen Kulturerbes in die Defensive.

Die Lage entspannte sich zumindest für die betroffenen Regionen, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2008 eine Musterklage der Preußischen Treuhand mit dem Ziel  der Rückgabe von Immobilien an die früheren Eigentümer zurückgewiesen hatte. Die Begründung war formal: Die Europäische Menschenrechtskonvention von 1953 könne nicht rückwirkend auf die Enteignungen von 1945 angewendet werden. Da nun weder Kommunen noch Privatleute die Rückkehr der früheren deutschen Besitzer fürchten mussten, konnten sie sich wieder unbeschwert der Pflege des deutschen Kulturerbes widmen, so wie dies nach der politischen Wende Anfang der neunziger Jahre begonnen hatte. Doch in Zentralpolen sowie im Osten und Süden des Landes, wo fast überall nationalkonservative Kandidaten seit zwei Jahrzehnten alle Wahlen gewonnen haben, betrachtet man diese Annäherung nach wie vor mit großem Misstrauen.

Autor

Thomas Urban war Osteuropa-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und ist Autor von Büchern zur Geschichte Polens sowie Russlands.

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