Sieben lange Jahre

Ein Essay von Mirna Funk

Mirna Funk - Foto: Amira Fritz

Ich habe mich jetzt viele Wochen lang gefragt, was ich eigentlich schreiben soll, was ich noch zu sagen habe? Ist denn nicht alles gesagt, habe ich immer wieder gedacht. Habe ich nicht alles, was ich zu jüdischem Leben heute, zu Antisemitismus, zu Israel und Palästina und zum Holocaust denke, fühle, meine, glaube und weiß, längst aufgeschrieben? Müsste man nicht einfach nur alle meine Essays und Artikel und Romane der letzten Jahre lesen. Reichte das nicht? Wiederhole ich mich nicht langsam. Gerade jetzt, wo ich vor allem nicht mehr alleine kämpfe, wie noch vor sieben Jahren, als Journalisten und alle anderen vor mir saßen und behaupteten, das Problem, das ich sehe, gäbe es gar nicht. Ich würde hier irgendwas dramatisieren, vielleicht sogar auf einer Welle surfen, um Bekanntheit zu erlangen. Antisemitismus? Der ist mit Hitler im Führerbunker gestorben, Frau Funk. Und ich weiß noch, wie ich da 34-jährig vor diesen Journalisten saß, mit meinem Debütroman „Winternähe“ in der Tasche, verunsichert, dass sie recht haben könnten und ich unrecht.

Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Sehr lange, anstrengende sieben Jahre. Ich befinde mich also im Moment mit dieser Arbeit, die ich nie plante, zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen, im verflixten siebten Jahr. Und das spüre ich. Ich merke unserer Beziehung an, dass die Leidenschaft fehlt, die Luft raus ist, dass ich mich nicht einmal mehr streiten will, sondern nur noch süße Selfies mit Elfen-Filter auf Instagram posten möchte, wenn sich wieder irgendwelche Leute auf Twitter wegen irgendwelcher Essays, die schon lange nicht mehr von mir kommen, die Köpfe einschlagen. Meinen Twitter-Account habe ich bereits vor einem Jahr gelöscht. Manche mögen das Altersmilde nennen, ich glaube, ich bin ein bisschen durch mit meinem Partner, dem Bildungsauftrag. Dabei leben wir immer noch zusammen, als sei nichts gewesen: Ich moderiere einen Podcast für den Verein 1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland, trete in Talkshows auf, in denen es um Juden geht, habe meine Vogue-Kolumne zu jüdischem Leben, sitze in Panels, mache Lesungen zu meinem neuen Roman, der von der transgenerationalen Weitergabe von Traumata handelt, und ich schreibe jetzt hier heute diesen Essay, den ich nicht formulieren kann, ohne meine Gedanken zu ihm zu reflektieren.

Das heißt, wir sind immer noch zusammen, ich und der Bildungsauftrag, den ich eigentlich nie heiraten wollte. Aber nun bin ich kurz davor, die Scheidung einzureichen. Einfach, weil sich nichts ändert, obwohl ich dem Bildungsauftrag schon mehrmals Hinweise zu meiner Unzufriedenheit mit auf den Weg gegeben habe. Zum Beispiel während des gemeinsamen Zähneputzens, wartend beim Wochenendeinkauf an der Kasse oder auf der Sonnenliege am Strand von Tel Aviv nach fünf Gläsern Chablis. Trotz dieser zahlreichen Versuche scheint er nicht zu verstehen, dass ich es diesmal wirklich ernst meine. Dass ich so unzufrieden und müde und genervt bin, dass ich möglicherweise wirklich das Ding durchziehe mit der Trennung. Aber anstatt Angst zu bekommen, grinst mich der Bildungsauftrag jedes Mal, wenn ich meine Bedenken zu unserer Ehe thematisiere, an und sagt nur: „Wir beide, du und ich, wir sind für die Ewigkeit gemacht!“

Ein Feuerwerk der Gefühle

Diese Einleitung schrieb ich vor 14 Tagen. Danach legte ich den Text wieder zur Seite, weil, Sie wissen schon, der Bildungsauftrag und ich im Moment durch eine turbulente Zeit gehen. Wer hätte ahnen können, dass er recht behalten würde. Dass wir, ob ich will oder nicht, für die Ewigkeit gemacht sind. Und zwar aus einem einzigen Grund, nämlich weil ich Jüdin bin und Jüdin bleiben werde. Allerdings hatte ich das die letzten Jahre minimal aus dem Blick verloren. Dass genau dieser Aspekt der Grund ist, warum der Bildungsauftrag und ich forever and ever aneinander gekettet sein werden, ob ich das nun sexuell anziehend finde oder nicht. Vergessen hatte ich es, weil ich mir nach dem Erscheinen meines Romans, eine Bubble gebaut hatte. Eine antisemitismusfreie Bubble, aus vor allem jüdischen Freunden, mit denen ich zwar kontrovers diskutierte, über alles und zu jeder Gelegenheit, aber niemals Gefahr lief, für die Politik Israels zur Rechenschaft gezogen zu werden oder einer Pathologie ausgesetzt zu sein, bei der ich meinem Gegenüber erstmal Absolution erteilen musste, damit es sich mit mir normal unterhalten kann, ohne irgendwie innerlich durchzudrehen. Dass ich Jüdin bin und Jüdin bleiben werde, habe ich in den letzten sieben Tagen am eigenen Leib spüren müssen, als sich der Israelisch-Palästinensische-Konflikt (folgend: I/P-Konflikt genannt) erneut entzündete und eine digitale Empörungswelle auslöste, die dazu führte, dass ich nach einer Instagram-Story, in der ich kurz und knapp darauf hinwies, sich trotz der emotional aufgeladenen Situation daran zu erinnern, dass hier 99,9% aller Außenstehenden nichts, also wirklich rein gar nichts, zum Konflikt wissen und dementsprechend auch nichts sagen sollten, hunderte Nachrichten erhielt, in denen mir, meiner Tochter und meiner Familie mit dem Tod gedroht wurde. In diesen Nachrichten wurde mit der Parole „Free Palestine“ daran erinnert, dass einige das mit dem „From the river to the sea“ eben ernst meinen und am liebsten auch auf die ganze Welt ausdehnen wollen würden. Zu diesen Nachrichtenschreibern gehörten nicht nur Migras, Arabs und Palästinenser selbst, sondern weiße Deutsche. Bei linken Wokies – also Millennials, die sich deshalb als „wache“ Bewegung empfinden, weil sie ihren Blick auf Ungerechtigkeiten aller Art gelenkt haben, hört „justice“ nämlich immer dann auf, wenn der Jude beginnt. Und das liegt selbstverständlich daran, dass die antisemitische Fantasie gerade auf der übermächtigen Überlegenheit basiert. Wenn es also den absoluten Unterdrücker in dieser Welt gibt, dann ist und bleibt das der Jude. Jedenfalls bei allen, die sich ein bisschen im dichotomen Weltbild von Unterdrücker und Unterdrückten verloren haben.

Für immer euer favorite Sündenbock

Und diese Nachrichten bekam nicht nur ich, sondern jeder einzelne Jude, der irgendwie peripher auf Social Media abhängt, also so gut wie jeder. Synagogen wurden attackiert und auf Demonstrationen in Gelsenkirchen wurde „Scheißjuden“ geschrien. Der geballte antisemitische Hass, schön ins „social justice“-Kostüm gehüllt, entlud sich binnen weniger Stunden in der ganzen Welt.

Hatten wir in den letzten zwei Jahren voller Energie dafür gekämpft, als Juden in Deutschland nicht nur für das Tripple „Shoah, Antisemitismus und den I/P-Konflikt“ zu stehen, sondern darüber hinaus als Juden wahrgenommen zu werden, die eine Kultur, eine Philosophie und eine Geschichte haben, die weit über den beliebten Dreiklang hinausgeht, wurden wir wirklich in Lichtgeschwindigkeit zurückkatapultiert. Auf den Platz, auf den wir hingehören. Den Platz nämlich, den alle anderen außer uns definieren dürfen. Getreu dem bekannten Göring-Zitat „Wer Jude ist, bestimme ich“ wurde allen Juden weltweit erklärt, was sie während einer Auseinandersetzung in Israel zu tun haben: sich äußern – auf eine bestimmte Weise natürlich –, sich positionieren – auf eine bestimme Weise natürlich –, und sich bloß nicht darüber aufregen, dass man ihnen erklärt, was sie zu tun und zu lassen haben. „Die Juden brauchen gar nicht wagen, unseren Aktionismus, unseren Kampf für eine bessere Welt, als Antisemitismus zu brandmarken“, wurde von Seiten der Wokies gebrüllt. Wir bezeichnen Juden als Kolonialmacht, auch wenn das historisch natürlich vollkommener Blödsinn ist, und wir nennen Israel eine Apartheid, auch wenn jeder Südafrikaner, der in echter Apartheid aufgewachsen ist, sich schwitzend im Schlaf winden würde, ob eines solch infamen Vergleiches.

Kolonial- und Militärmacht, Apartheid, Kindermörder, Faschisten. Das sind die Begriffe, mit denen Israel durchgängig in den letzten Tagen betitelt wurde. Und ich mittendrin. Die deutsche Jüdin, ohne israelische Staatsbürgerschaft, der abverlangt wurde, sich als lebendes Schutzschild entweder vor Israel oder die Palästinenser zu werfen.

Das Tripple als Beifahrer

Über unsere Lebensrealität sollte ich schreiben. Einen Essay über das blühende Leben der Juden und Jüdinnen in Deutschland, 75 Jahre nach dem großen europäischen Zivilisationsbruch, 75 Jahre nachdem die Hälfte der gesamten jüdischen Weltbevölkerung ermordet wurde. Einen Essay über unsere Kultur, Philosophie, Geschichte, über unseren Alltag fernab von Shoah, Antisemitismus und dem I/P-Konflikt. Das ist mir entweder gar nicht gelungen oder eben doch hervorragend. Weil es für Diaspora-Juden eben nur einen Alltag der jüdischen Geschichte, Philosophie und Kultur fernab vom anstrengenden Tripple als Illusion gibt. Das anstrengende Tripple ist unser ständiger Begleiter. Es ist der Beifahrer in meinem dreißig Jahre alten goldenen Porsche. Es ist gekommen, um zu bleiben, genauso wie es mir mein Partner der Bildungsauftrag nach dem fünften Glas Chablis unter dem weißen Sonnenschirm und auf der orangefarbenen Sonnenliege am Gordon Beach mit einem Chickenwing im Mund erklärte. Ob wir wollen oder nicht, weil wer Jude ist, bestimmen sie, nicht wir. Der einzige Ort, an dem wir bestimmen können, wer wir sind, ist Israel. An diesem Ort kann alles gesagt und gedacht und gemacht werden, ohne die Konsequenzen der anderen, der Mehrheitsgesellschaft der Welt spüren zu müssen, ohne Angst zu haben, auf die Straße zu gehen und angefeindet zu werden. Denn ja, diese Angst hatte ich die letzten Tage und ich bin kein Jammerlappen, keine Opfer-Jüdin. Ich sage das nicht, um Mitleid oder Sympathie zu erzeugen. Mitleid und Sympathie interessieren mich nicht. Mitleid und Sympathie interessieren uns schon seit 5781 Jahren nicht. Unsere Stärken sind unsere Resilienz, unser unbedingter Wille zu überleben trotz widriger Umstände auf der ganzen Welt und unsere Fähigkeit zum nuancierten Denken.

In den letzten Tagen sollte ich mich nicht nur äußern, positionieren und erklären, ich wurde auch hunderte Male auf Instagram gefragt, welches Buch man lesen müsse, welche Dokumentation schauen, ja, wie man denn nun einen Überblick über den kleinsten, aber wichtigsten aller Konflikte auf diesem Planeten bekommen könne. Meinem Partner, dem Bildungsauftrag, las ich die Nachrichten vom Bett aus vor. Er hörte mir geduldig zu, während mir die Tränen über die Wangen kullerten. Dann ging er in die Küche, brachte mir ein Glas mit eiskaltem Chablis und massierte mir die Füße. Diesmal erklärte er mir nicht rechthaberisch, dass er schließlich recht behalten hatte, dass er und ich nun mal forever seien, sondern machte endlich wieder Liebe mit mir. So wie damals, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten.

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