04.12.2020
Themenforum Flucht und Vertreibung
Über Generationen hinweg: Das Erbe der Vertreibung – Traumata, Verhaltensmuster, Mentalitäten

Ankunft im bayerischen Grenzdurchgangslager Furth im Wald um 1946. Allein 1946 wurden dort mehr als 650.000 Menschen versorgt. Die meisten von ihnen kamen in Güterwaggons aus dem Sudetenland. Foto: picture-alliance /dpa/Fotoreport Stadtarchiv Furth im Wald

von Helga Hirsch

I.
„Es gibt ein Leben nach der Flucht“, weiß der Schriftsteller Ilja Trojanow, der als Kind mit seiner Familie aus dem kommunistischen Bulgarien nach Deutschland floh. Flucht ist nicht das Ende, will er trösten, nach der Flucht steht ein neuer Anfang. Doch sein Trost bleibt schwach, halbherzig, durchdrungen von Zweifel. Denn Trojanow schränkt gleich ein: „Die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht. Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch.“ Menschen dieser speziellen Kategorie, so suggeriert Trojanow, sind unter ein Joch gezwungen, das sich zeitlebens nicht abschütteln lässt.  „Nichts an der Flucht ist flüchtig. Sie stülpt sich über das Leben und gibt es nie wieder frei.“ [1]

Die Erfahrungen scheinen sein Urteil zu bestätigen. Wir lesen die Bücher der Nobelpreisträgerin Herta Müller: Selbst nach Jahrzehnten in Deutschland taucht sie in ihren Romanen immer noch und immer wieder in das repressive Ceausescu-Regime ein – in die Welt totalitärer Willkür und Repression, der sie als junge Erwachsene entfloh. Wir verfolgen andere Schriftsteller, die in ihren Büchern ebenfalls in ihre Herkunftsländer zurückkehren - nach Jugoslawien, in die Ukraine, nach Syrien oder nach Afrika, in Länder, aus denen Gewalt, Verfolgung und Armut sie vertrieben. Eben: Flucht „stülpt sich über das Leben“, Flucht drängt sich in das Heute und fordert Aufmerksamkeit für das Gestern, selbst wenn der Heimatverlust viele Jahre zurückliegen mag.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und noch einige Jahrzehnte danach dominierte  in Deutschland eine gänzlich andere Sichtweise. Anfangs ließ sich zwar nicht leugnen, dass sich die Schrecken der Flucht bei vielen der zwölf Millionen Flüchtlinge in Deutschland Ost und West festgesetzt, sie sogar krank gemacht hatten, körperlich und seelisch. Es war allzu offensichtlich. Bei Untersuchungen von Flüchtlingskindern Ende der 1940er Jahre etwa stellte man nicht nur Untergewicht, Eiweißmangel, schlechte Zähne und eine besondere Anfälligkeit für infektiöse Krankheiten wie Tuberkulose fest. Diese Kinder waren auch schweigsam, ernst, misstrauisch, und sie litten unter Konzentrationsstörungen, Alpträumen, Sprachstörungen und Kopfschmerzen.[2] Es dauerte jedoch nur wenige Jahre und man glaubte, aufatmen zu können. Die Auffälligkeiten waren verschwunden. Mangelernährung und traumatische Erfahrungen, so lautete nun das Urteil, ziehe keine dauerhafte Beeinträchtigung nach sich.[3] Menschen in Extremsituationen seien stark belastbar, speziell Kinder würden über eine außerordentliche Elastizität verfügen und nicht grundlegend zu erschüttern sein.

Außerdem galt: Hatten nicht viele Schreckliches erlebt? Hatten manche nicht sogar noch Schrecklicheres erlebt? War Schreckliches nicht „normal“ gewesen in jener Zeit? Und war die aktive Teilnahme von Flüchtlingen am Wirtschaftswunder nicht der handfeste Beweis dafür, dass Schreckliches den Menschen nicht brechen konnte? Zeitungen meldeten Erfolgsgeschichten von „Häuslebauern“ und Firmengründern, die mit nichts als einem Rucksack angekommen waren. Doch um 1970 unterschied sich der Lebensstandard von Vertriebenen nicht mehr von jenem der Einheimischen. Dem Stolz von Poli­tikern – „Wir haben sie integriert!“ - entsprach der Stolz der Be­troffenen: „Wir haben es geschafft!“

In den Folgejahren stellte sich jedoch heraus, dass die Annahme einer gelungenen Integration voreilig war. Sozialer Aufstieg allein ließ Sudetendeutsche, Pommern, Bessarabiendeutsche oder Schlesier noch nicht in ihren neuen Wohnorten ankommen. Bayerische, hessische oder sächsische Traditionen blieben besonders älteren Menschen auch nach Jahrzehnten noch fremd, die Trauer um die alte Heimat war keineswegs überwunden. Die DDR- Schriftstellerin Christa Wolf beobachtete Mitte der 1970er Jahre: Die Alten „alterten in Wochen um Jahre, starben dann, nicht schön der Reihe nach und aus den verschiedensten Gründen, sondern alle auf einmal und aus ein und demselben Grund, mochte man ihn Typhus nennen oder Hunger oder ganz einfach Heimweh, was ein überaus triftiger Vorwand ist, um daran zu sterben."[4]

Als bei Holocaust-Überlebenden und Veteranen des Zweiten Weltkriegs systematische Forschungen über die psychischen Spätfolgen von Krieg und Vernichtungspolitik begannen, schälten sich bald typische Symptome heraus. Die Betroffenen litten unter Depressionen, Angstzuständen, unter wiederkehrenden, verstörenden Erinnerungsfetzen oder chronischen psychosomatischen Schmerzen. Außerdem hatten sie zum Teil eine emotionale Abgestumpftheit entwickelt, die sie instinktiv Situationen vermeiden ließ, die an das auslösende Ereignis erinnerten. In den 1980er Jahren wurde, von den USA ausgehend,  das „Posttraumatische Belastungssyn­drom“ (PTSD – Posttraumatic Stress Disorder) als Krankheit bei Menschen anerkannt, die in Lebensge­fahr geschwebt hatten oder Zeugen lebensbedrohlicher Situationen gewesen waren.

Dass auch deutsche Flüchtlinge und Vertriebene traumatisiert oder doch psychisch tief verletzt sein könnten, geriet so recht allerdings erst Anfang der 1990er Jahre ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit, als über dreihunderttausend Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina in Deutschland aufgenommen wurden. Erst dann wurde vielen Angehörigen der zweiten Generation die moralische Doppelbödigkeit bewusst, die gegenüber verschiedenen Flüchtlingsgruppen herrschte. Wieso wurde vergewaltigten Frauen aus Bosnien und Herzegowina widerspruchslos und selbstverständlich psychologische Hilfe gewährt, den deutschen, bei Kriegsende ebenfalls vergewaltigten und traumatisierten Müttern und Großmüttern das Mitgefühl jedoch nach wie vor verweigert? Gab es bessere und schlechtere Flüchtlinge? Solche, die unsere Empathie verdienten und solche, die uns peinlich waren? Immerhin überwanden ältere Frauen damals zum Teil ihre Scham – galten Vergewaltigungen doch als Schmach, die es vor der Familie und der Umwelt zu verbergen galt - und meldeten sich in den Praxen von Schmerztherapeuten und Psychotherapeuten. Nach mehreren Jahrzehnten waren sie bereit, sich den neu erkannten Zusammenhängen zwischen chronischen Beschwerden und nicht verarbeiteten Erlebnissen zu stellen.

II.

In Deutschland lassen sich deutlich drei Phasen im Umgang mit Flucht und Vertreibung unterscheiden. In den 1950er Jahren wurde sehr laut und weitgehend unwidersprochen darüber geklagt, wie Deutsche unter Bombenangriffen, Krieg, Gefangenschaft und eben auch unter Flucht und Vertreibung gelitten hätten – Deutsche sahen sich als Opfer. Auch die westlichen Alliierten widersprachen diesem Narrativ nicht, fügte es sich doch reibungslos in die antikommunistische Propaganda im Kalten Krieg. Man lenkte von eigenem Versagen ab und verwies auf andere: Hatten die Rotarmisten bei ihrem Vormarsch in Ostdeutschland nicht noch schlimmer gehaust als die Wehrmacht in der Sowjetunion?

Selbst wo ganz abstrakt eine Schuld des NS-Regimes eingeräumt wurde, blieb dies Eingeständnis folgenlos. Konkret Schuldige wurden nicht benannt. Eine Verfolgung einzelner Täter begann erst in den 1960er Jahren, und auch das meist noch gegen erhebliche Widerstände. Erst mit dem Fernsehfilm „Holocaust“, der in Deutschland 1979 ausgestrahlt wurde, setzte sich im Urteil der Öffentlichkeit über den Zweiten Weltkrieg mehr und mehr das Narrativ vom deutschen Täter durch. Das Pendel schlug nun allerdings zur anderen Seite aus, der Holocaust wurde zu einer Art negativem Gründungsmythos der Bundesrepublik – mit gravierenden Folgen für den Umgang mit Flucht und Vertreibung.

Waren sich die großen Parteien und die übergroße Mehrheit der Gesellschaft in den 1960er Jahren noch einig gewesen: „Dreigeteilt – niemals!“, so galt der Heimatverlust gut zehn Jahre später als nahezu gerechte Strafe für die deutschen Verbrechen. Der Verzicht auf die Erinnerung an deutsches Leid schien der Preis, der für die Verständigung mit den Opfern des NS-Regimes zu zahlen war. Vertriebene Eltern wurden von den Söhnen und Töchtern oft nur noch pauschal als Angehörige eines Tätervolks wahrgenommen. Mit Tätern aber durfte es keine Empathie geben und Tätern durfte keine Trauer zugestanden werden. Empathie für die Opfer der Deutschen schloss Empathie für die deutschen Opfer aus. „Für mich entstand schon als 12-Jährige, nachdem ich voller Erschütterung ‚Das Tagebuch der Anne Frank’ gelesen hatte, ein eigenes Gefühlsverbot: Ich durfte nicht um all das trauern, was verloren war“, so eine Vertriebene über die weit verbreitete Auffassung. „Ich musste es innerlich als ‚Gerechtigkeit’ des Schicksals anerkennen, weil ‚wir’ Anne Frank und alle anderen ermordet hatten.... Es war ein Konflikt, der für mich als Kind und Jugendliche quälend und unlösbar war, über den ich nicht sprechen konnte, weil Leid und Schuld und Scham zu verknotet und verworren in mir rumorten und, wie ich es heute sehe, dieses Gefühlstabu auch von der älteren Generation ausging. Statt zu fühlen und zu weinen galt es, ‚Contenance’ zu wahren.“[5]

So entstand eine Situation, in der Trauer aus „edlen“ Motiven abgespalten wurde, dadurch aber nie an ein Ende kam, ständig unter der Oberfläche lauerte und wie eine nicht verheilte Wunde aufzubrechen drohte. Günter Grass räumte später selbstkritisch ein: „Niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und die bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen.“ Dieses Versäumnis, so Grass, sei bodenlos.[6]

Ende des 20. Jahrhunderts wurde diese dichotomische Sichtweise schließlich durchbrochen. Mit Macht kehrte das Thema Flucht und Vertreibung noch einmal in die deutsche Öffentlichkeit zurück. Zum einen lag dies an den veränderten politischen Umständen. Der Kommunismus war zusammengebrochen. In der DDR war mit der Mauer auch das Tabu gefallen, das jegliche Beschäftigung mit verlorenen Heimaten untersagt und jede eigenständige Organisierung von Heimatvertriebenen verboten hatte. Zudem hatte das wiedervereinigte Deutschland im Grenzvertrag mit Polen die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenze garantiert. Europa war wieder geeint - die Grenzen waren offen, auch zu jenen Gebieten, die für Deutschland nicht nur für ewig verloren waren, sondern auch auf ewig unerreichbar schienen.

Ein regelrechter Heimattourismus setzte ein. Ganze Familien brachen auf zu Erkundungsreisen in die Heimat der Vorfahren in Polen, in der Tschechoslowakei, in Ungarn oder auch in Jugoslawien. Nicht der Wunsch nach Rückgabe ehemaligen Besitzes oder zumindest nach Reparationen trieb die Reisenden. Fast alle kamen vielmehr als Besucher und als Bittende, die hofften, einen Blick in die einstigen Elternhäuser werfen zu dürfen. Sie wollten die Geschichte nicht wieder zurückdrehen und altes Unrecht nicht mit neuem Unrecht „wiedergutmachen“; deutsches Leid sollte auch nicht gegen das Leid anderer aufgerechnet werden. Vielmehr ging es darum, die weißen Flecken in den Familienbiographien zu füllen, Trauer zuzulassen und – vielleicht – seinen Seelenfrieden finden zu können.

Nun wurde denkbar: Dass, wer die deutsche Schuld anerkennt, deutsches Leid nicht leugnen muss, dass Schuld und Leid - historisch wie in den Biografien -  nur unterschiedliche Facetten ein- und derselben deutschen Geschichte sind. Deutsche, obwohl einem „Volk der Täter“ zugehörig, sind auch Opfer geworden – die Opfer der Opfer. Mag sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen auch der Holocaust als dominante Erinnerung durchgesetzt haben, so lassen sich die Leidensgeschichten in den deutschen Familien nicht aus der Welt schaffen. „Es gibt Erfahrungen“, schrieb der Historiker Reinhard Kosellek fünfzig Jahre nach Kriegsende, „die sich als glühende Lavamasse in den Leib ergießen und dort gerinnen. Unverrückbar lassen sie sich seitdem abrufen, jederzeit und unverändert.“[7]  Den Menschen diese Erinnerungen und Gefühle abzusprechen, hieße, einen Teil ihrer Identität auszulöschen.

Bevor diese Sichtweise allerdings auf breitere Zustimmung stieß, galt es so manchen Gegenwind zu überwinden: In Deutschland, wo sich Protest in liberalen und linken Kreisen regte, weil die Auffassung von Deutschen als Opfern angeblich rechtsradikalen Positionen Vorschub leiste. Und in Polen, wo die Angst herrschte, es fände eine Relativierung deutscher Schuld statt und das Leid der Polen werde (noch mehr) verdrängt. Nach teilweise äußerst emotionalen Debatten werden derartige Bedenken inzwischen allerdings nur noch vereinzelt geäußert. Ansonsten wird der Zweite Weltkrieg innerhalb und außerhalb Deutschlands akzeptiert als untrennbare Einheit von der Schuld, die die Deutschen auf sich geladen haben, und dem Leid, das ihnen als Antwort darauf zugefügt wurde.

III.

Im Unterschied zu den 1950er Jahren wurde die Erinnerung an Flucht und Vertreibung in den 1990er Jahren wesentlich nicht mehr von den unmittelbar Betroffenen, sondern von den Nachgeborenen geprägt. Von Angehörigen der zweiten Generation wie dem Journalisten Paul Pokriefke, dem Ich-Erzähler in Günter Grass’ Bestseller „Im Krebsgang“, die den Krieg entweder gerade noch als Kinder erlebt hatten oder erst in den Nachkriegsjahren geboren worden waren. Sie näherten sich dem Rentenalter. Der Druck des Berufslebens ließ nach, der Wunsch nach einer gewissen Lebens-Bilanzierung wuchs. Was Jahre oder gar jahrzehntelang ausgeklammert, verdrängt oder gering geschätzt worden war, weil es bedrohlich schien, da es hätte verunsichern können, drängte nun stärker ins Bewusstsein. Uwe-Karsten Heye beispielsweise, der ehemalige Regierungssprecher von Bundeskanzler Gerhard Schröder, wagte endlich, jene eng beschriebenen Seiten zu lesen, die ihm seine Mutter kurz vor ihrem Tod überlassen hatte - fünfzehn Jahre hatten sie ungelesen unter seinen Papieren gelegen. „Ich habe diese Seiten wie einen Schatz gehütet. Unfähig, ihn zu heben.... Ich ahnte den Schmerz, der sich darin verbarg. Ich ahnte, dass ich zu warten hatte, bis ich die Kraft haben würde, diesen Schmerz zu ertragen.“[8]

Psychologen, die sich ebenfalls dem Zeitgeist gebeugt und der Flucht keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatten, unterstützten nun die Selbsterkundungsprozesse von Söhnen und Töchtern aus vertriebenen Familien. Der Psychologe Michael Ermann rief an der Ludwig-Maximilians-Universität in München das Projekt „Europäische Kriegskindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen“ ins Leben und führte die damals umfangreichsten Studien mit Angehörigen der Jahrgänge 1933 bis 1945 durch.[9] Eine Flut von Romanen, autobiographischen Erzählungen und Reportagen von Angehörigen der zweiten, später auch der dritten Generation förderte ebenfalls Erlebnisse und Prägungen ans Tageslicht, die die Not von Eltern (meist Müttern) als Not der Kinder erkennbar werden ließen.[10]  Sie habe die „Alpträume eines anderen“, gestand die Schriftstellerin Ulrike Draesner in ihrem Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“. „Ein Stück kopiertes Leben im eigenen. Oder andersherum: eigenes Leben, umschlossen von Kopierten… Je älter ich wurde, umso deutlicher begriff ich, dass das nicht aufhören würde. Im Gegenteil.“[11]                              

Inzwischen haben psychologische und soziologische Studien typische Prägungen von Vertriebenenkindern zutage gefördert. Da ist zunächst die Tatsache, dass Flüchtlingskinder häufig zu Außenseitern wurden, die weder im Osten noch im Westen Deutschlands willkommen waren. Mochten sie auch Landsleute sein, so waren sie doch fremd. Sie sprachen anders, kleideten sich anders, aßen anders. Der aus Schlesien stammende Lothar Plüschke erinnerte sich beispielsweise an die „Dresche“, die er und andere „Pollackenschweine“ immer wieder in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt bezogen: „Es gab sogar ‚Kinderkrieg’ – da kämpften die Flüchtlingskinder gegen die Einheimischen, ..., hart und unerbittlich mit den Pistolen und der noch scharfen Munition, die die Sechs- bis Zwölfjährigen auf den ehemaligen Kampffeldern in den Elbwiesen fanden und mit denen sie sich nicht selten verletzten.“[12]

Um der Ausgrenzung in der „Kalten Heimat“ [13] zu entgehen, unternahmen Flüchtlingskinder große Anstrengungen zur Anpassung. Sie bemühten sich, in bayerischem, württembergischem oder sächsischem Dialekt zu reden, um für ihren schlesischen nicht mehr als ‚Saupreiß’ beschimpft zu werden. Sie drängten ihre Mütter, die alte Tracht der Ungarndeutschen abzulegen, um in Hessen nicht mehr als ‚Zigeuner’ verachtet zu werden. Sie hörten auf, die alte Heimat zu erwähnen, tauchten in Sportvereinen unter und heirateten Einheimische. Bei einigen trat sogar eine Erinnerungsverweigerung an die Kultur und Sprache der Eltern auf. So gerieten sie in einen inneren Spagat: Auf der einen Seite stand der eigene Anpassungswunsch, auch die Eltern wollten einerseits mit ihren Kindern beweisen, dass ‚wir aus dem Osten so gut sind wie die Einheimi­schen’. Andererseits aber galt die Verleugnung der Vertriebenentradition als Loyalitätsbruch, als Verrat an der Familie.[14] Es gab keine gute Lösung: Wer sich dem neuen Umfeld verweigerte, fand nur schwer Anschluss an die neue Umgebung. Wer die alte Familientradition aufkündigte, fühlte sich schuldig gegenüber den Eltern. (Eine Konstellation im Übrigen, die fast allen Flüchtlingen und Migranten weltweit vertraut sein dürfte und heute in Deutschland neue Relevanz erhalten hat.)

Die Illoyalität gegenüber der Familie wog umso schwerer, als viele Kinder ihre psychisch aus dem Gleichgewicht geratenen Eltern – meist die Mütter – stabilisieren mussten. Kindern fiel nicht selten eine Elternrolle gegenüber den eigenen Eltern zu - die Psychologie spricht von Parentifizierung. Diese Kinder besaßen nicht den Mut, die Eltern mit ihren Ohnmachts-, Scham- und Schuldgefühlen allein zu lassen. Oft blieben sie bis ins Erwachsenenleben an sie gebunden. Die Mutter von Dagmar D. beispielsweise hatte die Flucht mit ihren drei Kindern noch mit letzter Kraft geschafft. Dann wurde sie Alkoholikerin, lag mit Gedächtnisstörungen im Krankenhaus und brach zusammen, als ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann aufflog - und durch den Skandal endete. Die Tochter, obwohl selbst äußerst labil, wurde zur Mutter ihrer Mutter.[15] Heimlich entsorgte sie die Weinflaschen, führte neben der Schule den vierköpfigen Haushalt und unterbrach später ihr Studium, um die Mutter in der Beziehungskrise aufzufangen.

Flüchtlingskinder mussten aufgrund der Umstände schneller als ihre einheimischen Altersgenossen erwachsen werden. Sie hatten mit für den Lebensunterhalt aufzukommen und hohen Erwartungen an ihre Leistungsbereitschaft gerecht zu werden. „Wir hatten keine andere Chance“, sagte Lothar Plüschke, „als uns über schulische und körperliche Leistungen zur Wehr zu setzen und zu etablieren.“ Fast immer gehörten Vertriebenenkinder zu den ersten, die aus kleinen Orten auf die Oberschulen in die Kreisstädte gingen. ‚Was du gelernt hast‘ – so hörte wohl jedes Flüchtlingskind von seinen Eltern – ‚das kann dir keiner mehr nehmen‘. Wissen, schulischer und beruflicher Erfolg waren die wichtigsten Gegengewichte zu den mit Besitz gesegneten Einheimischen, und die beste Versicherung für eventuelle künftige Verluste. Vertriebenenkinder wurden so oft erfolgreich im Beruf, traten allerdings unsicherer und ängstlicher auf als ihre einheimischen Kollegen, gingen seltener Konflikte ein, waren weniger durchsetzungsfreudig – und standen so meist in der zweiten Reihe. Sie fürchteten, Aufmerksamkeit und Neid auf sich zu lenken. Denn das hatten sie zuhause gelernt: Nur nicht auffallen! „Ihr mit eurem Blöden=Zwang, !bloßja!nicht !aufzufallen“,  brüllt der junge Ich-Erzähler in Reinhard Jirgls stilistisch eigenwilligem Roman "Die Unvollendeten"  denn auch seine Großmutter an. „Im-Grund brüllte ich gegen mich selber, gegen Das, was ich in=mir wußte von dieser ver!fluchten Bescheidenheit . . . die ich von diesen Flüchtlingen geerbt hatte wie nen seelischen Buckel."[16]

In abgeschwächter Form sind derartige Lebenseinstellungen noch an die dritte Generation weitergegeben worden. Auch die Enkel von Flüchtlingen und Vertriebenen nehmen die eigenen Bedürfnisse oft nicht besonders ernst. Auch sie sind leistungsorientiert und pflichtbewusst, scheuen aber ebenso, sich besonders zu exponieren.[17] In der Regel ist ihr Wissen über die historischen Ereignisse noch geringer als bei ihren Eltern. Gleichzeitig kann ihnen aufgrund größerer zeitlicher und psychischer Distanz aber auch eine vertiefte Auseinandersetzung gelingen. Erleichtert wird dies dadurch, dass die Archive der mitteleuropäischen Staaten seit 1989 zugänglich sind. Susanne Fritz beispielsweise findet im polnischen Bydgoszcz/Bromberg die Akte ihrer Mutter, mit Fingerabdruck und genauer Buchführung über deren jahrelangen Aufenthalt in einem polnischen Arbeitslagern und deren Einsatz zur Zwangsarbeit – als Strafe für ihre Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit.[18] Rekonstruktionen von Familiengeschichten erweisen sich somit nicht nur als psychologische Tiefenbohrungen im Verhältnis von Kindern/Enkeln zu Eltern/Großeltern, sondern auch als Tiefenbohrungen im deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Verhältnis.

Ulrike Draesner beispielsweise verknüpft in ihrem Roman die Fluchtgeschichte der eigenen Familie mit der Fluchtgeschichte einer polnischen Familie: Simone, das deutsche Flüchtlingsmädchen, und Boris, der polnische Flüchtlingsjunge, werden ein Paar. Vielleicht, sinniert die Autorin, könnten Deutsche und Polen über Probleme, die aus der Entwurzelung resultieren, einander noch einmal näher rücken. „Das wäre eine Hoffnung, auf die ich auf der anderen Seite stieß, die ich selbst auch habe.“[19] Eine derartige Hoffnung schimmert auch im jüngsten Buch von Andreas Kossert durch. „Flucht“ ist eine „Weltchronik über das Fliehen“, gefüllt mit „Abermillionen ähnlicher Schicksale“.[20] An unzähligen Beispielen belegt Kossert, wie sehr sich „Weggehen“, „Ankommen“, „Weiterleben“ und „Erinnern“ ähneln, unabhängig davon, ob es sich bei den Flüchtlingen um Deutsche, Armenier, Kurden, um Hutu, Jesiden oder assyrische Christen handelt. Kosserts Darstellung liest sich wie eine Untermauerung von Ilja Trojanows These: Flüchtlinge sind eine „eigene Kategorie Mensch.

Aber erwächst aus gleichem, beziehungsweise ähnlichem Fluchterleben tatsächlich ganz selbstverständlich eine Solidargemeinschaft?

Im Falle von Franz Werfel dürfte die Tatsache seiner jüdischen Abstammung sicher dazu beigetragen haben, dass er eine besondere Sensibilität für das Schicksal der vom Osmanischen Reich vertriebenen Armenier entwickelte und seinen berühmten Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ schrieb. Verfolgung und Vertreibung waren ein Konstituens auch jüdischer Geschichte. Ansonsten lehrt uns die Erfahrung allerdings, dass für Flüchtlinge die Zugehörigkeit zu ihren nationalen, ethnischen oder religiösen Schicksalsgemeinschaften fast immer bestimmender ist als Zugehörigkeit zu einer allgemein menschlichen Kategorie „Flüchtling“. Um beim deutsch-polnischen Verhältnis zu bleiben: Polen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat in Ostpolen oder  Litauen verloren, fühlten sich in der Regel nicht solidarisch mit deutschen Flüchtlingen. Vielmehr hielten sie die Vertreibung der Deutschen für eine gerechte Strafe für deutsche Verbrechen. Deutsche Flüchtlinge waren daher ungeliebte Nachbarn, ja Feinde, und sie  blieben dies noch jahrzehntelang, fürchtete man doch ihre Rückkehr in die verlorenen deutschen Ostgebiete.

Unterschiedlichen Opfergruppen fehlt es oft nicht nur an Empathie füreinander, nicht selten treten sie sogar in eine Konkurrenz zueinander. So stößt sich ein Teil der Polen bis heute daran, dass im Fall der Deutschen von „Vertreibung“ gesprochen wird, während sich in Polen die euphemistische Sprachregelung aus kommunistischen Zeiten gehalten hat, wonach die Polen nur „umgesiedelt“ oder „repatriiert“ wurden. War der Heimatverlust von Polen etwa weniger schmerzhaft als der von Deutschen? Hatten die meisten deutschen Vertriebenen nicht sogar Glück im Unglück, als sie im demokratischen Westdeutschland landeten, während die polnischen Vertriebenen nach der deutschen unter eine sowjetische Vorherrschaft gerieten?

Eine Konkurrenz der Opfer kann nur überwunden werden, wenn sich die Betroffenen nicht voller Verbitterung verschließen, wenn sie den Willen und die innere Bereitschaft entwickeln, das eigene Leid in den historischen Kontext zu stellen und wenn sie sich dem Leid der anderen wirklich öffnen. Das ist eine intellektuelle Anstrengung, denn es erfordert eine Erweiterung des Wissens. Das ist vor allem aber eine emotionale Herausforderung, denn jeder ist sich in seinem Leid am nächsten – sich und seiner Gruppe. Wer es aber lernt, die Fixierung auf das eigene Leid zu überwinden, der kann die beglückende Erfahrung machen, im anderen, gleich welcher Ethnie oder welchen Glaubens, einem besonderen Verständnis für den eigenen Schmerz zu begegnen. Dann kann tatsächlich Nähe entstehen, denn – wie es der Schriftstellers Ralph Giordano sagte, der als verfolgter Jude Empathie für die deutschen Vertriebenen entwickelte: Die Humanitas ist unteilbar.[21]                    

Fußnoten

[1] Ilja Trojanow: Nach der Flucht: Ein autobiographischer Essay, Frankfurt am Main 2017, S. 9 und 11.

[2] E. Lippelt/C. Keppel: Deutsche Kinder in den Jahren 1947 bis 1950, in: Schweizerische Zeitschrift für Psychologie und ihre Anwendungen, Heft 9, Bern 1950, S. 212 – 322.

[3] Ursula Brandt: Flüchtlingskinder. Eine Untersuchung zu ihrer psychischen Situation, München 1964, S. 80-83 und 151 -154.

[4] Christa Wolf: Kindheitsmuster, München 2002, S. 412.

[5] Astrid von Friesen: Der lange Abschied, Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener, Gießen 2000, S. 9 ff.

[6] Günter Grass: Im Krebsgang, Göttingen 2002, S. 99

[7]Reinhart Kosellek, Glühende Lava, zur Erinnerung geronnen. In: FAZ vom 6. Mai 1995

[8] Uwe-Karsten Heye: Vom Glück nur ein Schatten. Eine deutsche Familiengeschichte. München 2004, S. 13 f.

[9] Interview mit Michael Ermann, Der Körper vergisst nicht, In: Spiegel vom 21.02.2009. 

[10] U.a.: Sabine Bode: Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen,Stuttgart 202014; dies.: Nachkriegskinder, Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter.  Stuttgart 32015; dies.: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation, Stuttgart 102013; Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rad der Welt, München 2014; Tanja Dückers: Himmelskörper, Berlin 2004; Susanne Fritz: Wie kommt der Krieg ins Kind, Göttingen 2018; Christoph Hein: Landnahme, Frankfurt am Main 2005; Helga Hirsch: Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema, Hamburg 2004; Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten, München 2007; Klaus-Jürgen Liedtke: Nachkrieg und Die Trümmer Ostpreußens, Berlin 2018; Thomas Medicus: In den Augen meines Großvaters, München 2004; Rupert Neudeck: In uns allen steckt ein Flüchtling. Ein Vermächtnis, München 2016; Petra Reski: Meine Mutter und ich. München 2004; Roswitha Schieb: Reise nach Schlesien und Galizien; Hans-Ulrich Treichel: Anatolin, Frankfurt am Main 2008; Michael Zeller, Die Reise nach Samosch. 2003. Die Bücher der Journalistin Sabine Bode mit Geschichten von Angehörigen der zweiten und dritten Generation wurden Bestseller.

[11] Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rad der Welt. München 2014, S. 19

[12] Interview mit Lothar Plüschke 2008, im Besitz der Autorin.

[13] Andreas Kossert: Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 62009.

[14] Im Übrigen ist der Spagat zwischen Anpassungswunsch und Loyalität gegenüber der Herkunftsfamilie ein Kennzeichen jeder Migration.

[15] Hirsch (wie Anm. 15), S. 20 ff.

[16] Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten, Roman, München 2003,  zit. nach: Roswitha Schieb/Rosemarie Zens (Hg), Zugezogen, Flucht und Vertreibung – Erinnerungen der zweiten Generation, Paderborn 2016, S. 14.

[17] Interview mit Ermann (wie Anm. 9).

[18] Susanne Fritz, Wie kommt der Krieg ins Kind?

[19] Katrin Hillgruber: Sieben Personen suchen einen Ort, Interview mit Ulrike Draesner, in: DLF 22.09.2014.

[20] Andreas Kossert: Flucht. Eine Menschheitsgeschichte, München 2020, S. 14.

[21] Zit nach: Andreas Baum, Die vier Leben des Ralph Giordano. DLF Kultur 10.12.2014

 

Autorin

Dr. Helga Hirsch studierte Germanistik und Politologie in Berlin und arbeitet als freie Journalistin und Korrespondentin, unter anderem für Die Zeit, den Westdeutschen Rundfunk und die F.A.Z.

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