Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

„Und dann war sie weg …“

Das kurze Leben der Doris Katz1)

Von Brigitte Diersch

 

Vor der Jüdischen Bezirksschule in Höchst. Links am Rand Doris Katz aus Michelstadt, umarmt von Bertel Neu. Stehend deren Kusine Hannah Oppenheimer, beide aus Fränkisch-Crumbach
Foto: Privatarchiv Joe Floersheimer

Am 2. November 2009 wäre Doris Katz 85 Jahre alt geworden. Sie war Ende November 1938 von ihren Eltern nach Amsterdam ins Exil geschickt worden. Sie lebte in verschiedenen Flüchtlingsunterkünften in den Niederlanden, zuletzt im Israelitischen Mädchenwaisenhaus in Amsterdam. Alle dort Lebenden wurden am 11. Februar 1943 in das Durchgangslager Westerbork eingeliefert. Dorthin wurde im folgenden Jahr auch Anne Frank mit ihrer Familie deportiert. Doris Katz fuhr am 2. März 1943 mit 1.104 Personen „nach Osten“. Die Überlebenden dieses Bahntransportes wurden am 5. März 1943 in Sobibór mit Auspuffgasen erstickt. Doris Katz wurde 18 Jahre, vier Monate und drei Tage alt. Ihr Schicksal gemahnt an das Anne Franks.

Es haben in Deutschland Sobibór-Prozesse stattgefunden, der erste 1950, der dritte begann im Herbst 1965 in Hagen. Von 1982 bis 1985 fand in Hagen ein Wiederaufnahmeverfahren statt. Kaum einer war in der deutschen Öffentlichkeit beachtet worden. Seit dem 30. November 2009 wird im Großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts München II gegen den fast 90-jährigen John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord verhandelt. Er kam als sogenannter „Hilfsfreiwilliger“ laut deutschem Dienstausweis am 27. März 1943, drei Wochen nach dem Tod von Doris Katz, nach Sobibór, um zu arbeiten. Im Rahmen des Prozesses gegen ihn als einen der noch wenigen lebenden Täter erfuhr bzw. erfährt auch das Vernichtungslager, das weiten Teilen der Öffentlichkeit über viele Jahre eher unbekannt geblieben war, großes Medieninteresse. 27.900 Opfer wurden laut Anklage der Staatsanwaltschaft München allein in der Dienstzeit von John Demjanjuk in Sobibór ermordet. Die Onlineversion des Gedenkbuches des Bundesarchivs und das niederländische „Joodsmonument“ helfen, Namen und Spuren der verstummten Zeugen zu finden.

Eine Kindheit in Hessen

Geburtseintrag Doris Katz’ mit Randvermerken über Annahme des Zusatznamens Sara am 07.12.1939 und Löschung am 11.12.1950
Abbildung: Stadt Erbach

Von der folgenden Geschichte sind nur wenige offizielle und private Dokumente überliefert, da nationalsozialistische Funktionäre vor dem Ende ihrer Herrschaft so viele Akten wie möglich verbrannten. Die Erinnerungen von Zeitzeugen sind kärglich.

Am Donnerstag, dem 6. November 1924, füllte Bürgermeister Wilhelm Dengler (1889–1951) im Erbacher Rathaus am Marktplatz mit seiner energischen Handschrift ein Formular im großen Geburtenbuch des Standesamtes Erbach im Odenwald aus: „Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der Kaufmann Hugo Katz, wohnhaft in Michelstadt, und zeigte an, daß von der Lina Katz geborenen Reichhardt, seiner Ehefrau, wohnhaft bei ihm, zu Erbach, im Kreiskrankenhaus am zweiten November des Jahres tausendneunhundertvierundzwanzig – nachmittags sieben Uhr – ein Mädchen geboren worden sei und daß das Kind den Vornamen Doris erhalten habe.“

Das Erbacher Rathaus am Marktplatz im Oktober 1924, im Hintergrund der Turm der evangelischen Stadtkirche
Zeichnung: Georg Vetter (1891–1961), Bad König

Die Angabe der Religionszugehörigkeit war in der Weimarer Republik abgeschafft. Im Großherzogtum Darmstadt hatten Juden ab 1807 bürgerliche Familiennamen anzunehmen. Über „Katz“ mögen sich Christen amüsiert haben. Für Juden ist der Name eine Ableitung von Kohen, was auf die Abstammung vom Hohen Priester Aaron hinweist. Ein „Kohen“ genießt bestimmte Privilegien und nimmt im Leben der Gemeinde eine besondere Stellung ein.2)

Martin Schmall3) benennt für die Zeit ab 1920 über 100 Michelstädter Einwohner jüdischen Glaubens.

Hugo Katz wurde am 3. Februar 1882 in Laubach, Kreis Schotten, geboren als Sohn von Liebmann Katz und seiner Ehefrau Dora, geborene Rosenthal. Doris’ Mutter Lina kam am 8. Oktober 1882 in Wolfhagen, Bezirk Kassel, als Tochter von Jakob Reichhardt und seiner Ehefrau Sophie (geborene Stern) zur Welt. Am 7. Juni 1920 hatten sich die Eheleute Katz in Michelstadt angemeldet, aus Dorsten kommend. Er wurde als „Kaufmann bei Otto Reichardt“, sie als „Ehefrau“ eingetragen. Der Name Reichhardt ist jeweils falsch geschrieben: bei Otto R. fehlt in der Mitte ein h, bei Lina geb. R. am Ende das t, sodass die Geschwisterbeziehung nicht abzulesen ist.4) Der ältere Bruder und Schwager, Kaufhausbesitzer Otto Reichhardt, geboren am 17. März 1878 in Wolfhagen, lebte seit 1910 in Michelstadt.5)

Kaufhaus Maus am Marktplatz im Jahr 1936, nichtjüdischer Konkurrent von Kaufhaus Reichhardt und Textilvertretung Katz
Foto: Stadtarchiv Michelstadt

Nach ihrer Geburt kam Doris Katz in Michelstadt zu ihren für damalige Verhältnisse relativ alten Eltern. Sie hatte dort auch Onkel und Tante, einen Vetter und zwei Kusinen in Michelstadt, wo die Familie nicht lang verweilte. Am 26. Juli 1926 zog Ehepaar Katz mit der kleinen Doris, ein Jahr, acht Monate und vierundzwanzig Tage alt, nach Hattersheim am Main. Eine Anmeldung findet sich dort nur für den Kaufmann Hugo Katz am 2. August 1926; schon wenige Monate später, am 16. Dezember 1926, meldete er sich nach Frankfurt am Main, wo er auch seit 1927 als Mitglied der Ortsgruppe des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ verzeichnet ist.6)

Kaufmann Hugo Katz, in Gamaschen, steht vorm Eingang zu seinem Lebensmittelladen.
Foto: Privatbesitz

Lina Katz meldete sich aus Hattersheim hingegen am 10. Januar 1927 in Michelstadt zurück, wo sie wieder bei Bruder Otto wohnte. 1928 erwarb sie die Hofseite in der Schulstraße. Das Gewerbetagebuch der Stadt Michelstadt zeigt, dass sie „Verkauf von Lebensmitteln, Rauchwaren, Spirituosen, Miederwaren, Übernahme von Vertretungen und Losenvertrieb“ betrieb. Später wurden ihr Vorname und ihr Mädchenname durch den Vornamen des Ehemannes, der im November 1928 wieder von Frankfurt nach Michelstadt gezogen war, ersetzt. In der Michelstädter Zeitung von Samstag, dem 1. Dezember 1928, fallen auf Seite drei zwei kleine Anzeigen ins Auge. Sie sind in der oberen rechten und in der unteren linken Ecke platziert, wie es der hebräischen Schreibrichtung entspricht: „Neu eröffnet! Lebens-mittelhaus Katz, Schulstraße 3“. Am Samstag, dem 15. Dezember 1928, annoncierte das Lebensmittelhaus Katz noch einmal: „Prima rituelle Rindswurst, prima rituelle Dauerwurst, große Auswahl in Fisch-Konserven, verschiedene Sorten Käse, frische Eier, frische und getrocknete Südfrüchte, Südweine und Spirituosen, Schokolade, Pralinen, Bonbons, Keks und Lebkuchen, Kaffee, Kakao und Tee – in nur feinsten Qualitäten zu billigsten Preisen“.

Ob christliche Michelstädter den Laden über drei kleine Stufen hinab betraten, um da fürs Weihnachtsfest einzukaufen? Eine Katholikin, die als Kind in der Nähe wohnte, weist die Frage noch heute empört zurück: „Ach du liebe Zeit! Des war’n ja Juden. Da is mer nett rein. Mit denen hatten wir, Gott sei Dank, nichts zu tun.“

Andere kauften im Winter koschere Rindswürste für die „dicke Suppe“.

Stadtschule Michelstadt. Die Mädchen des Jahrgangs 1924/25 im Sommer 1932 oder 1933 (im zweiten oder dritten Schuljahr). An der Tafel die bewunderte „Heuernte“ des Klassenlehrers Barnewald. Doris Katz sitzt in der zweiten Bankreihe links am Rand, sie trägt eine Brille.
Foto: Privatarchiv Elisabeth Kellner

Ab Mai 1931 war Doris Katz als „Dorris, Sohn des Kaufmanns Hugo Katz“, in Michelstadt angemeldet und besuchte, nunmehr sechseinhalb Jahre, die Stadtschule. Am 1. November 1931 verzeichnete die Schulstatistik 19 Knaben und 24 Mädchen in der ersten Klasse des jungen Lehrers Wilhelm Barnewald. Von den insgesamt 544 Schülern waren 500 evangelisch, 28 katholisch, zehn israelitisch und sechs „Sonst[ige]“.7) Eine ehemalige Klassenkameradin erinnert sich, dass sie bei Doris zu Hause war: „Wir haben gespielt, was mer als Kinner so gespielt hat [...] Des Doris‘sche hat immer diese schreckliche Brille aufgehabt.“ – „Die Doris Katz war so ein hübsches Mädchen“, weiß eine ältere Mitschülerin. „Sie kam zu Bicks in den Garten. Da haben Ilse, Berthel und ich gespielt.“8)

„Der Doris hab ich immer ein oder zwei von unsere kleine Äpfel mitgebracht, die hat sie so gern gegesse ... Und dann war sie weg. Ich glaub, nach Holland“, sagt eine jüngere Mitschülerin nach über 70 Jahren.

Beginnende Verfolgung nach 1933

Der 30. Januar 1933 war der folgenschwerste Tag in der deutschen Geschichte. Verfolgt wurden sofort Kommunisten, dann Sozialdemokraten. Die Entrechtung jüdischer Bürger und die „Entjudung der deutschen Wirtschaft“ wurden sofort in Angriff genommen. –

Aus dem dunkelblonden „hübschen Mädchen“ Doris Katz wurde „das Mädchen mit dem jüdischen Gesicht“. Deutschland zu verlassen war eine schwere Entscheidung. „Die internationale Situation war für die Emigranten sehr unfreundlich. Abgesehen von der im nationalsozialistischen Deutschland zu zahlenden Reichsfluchtsteuer waren von den Aufnahmeländern schwerste Barrieren errichtet worden. Eine unerbittliche Bürokratie mit langfristigen Wartenzeiten war zu überwinden, finanzielle Rücklagen oder Bürgschaften waren in dem zur Emigration auserwählten Lande nachzuweisen.“9)

Der Michelstädter „Stürmerkasten“ wurde auf der Mauer des Anwesens der Bäckerei Meyer in der Schulstraße neben dem öffentlichen Aushang aufgestellt. So stand schräg gegenüber dem Kaufhaus Rothschild der öffentliche Schaukasten mit den Seiten von diesem „Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit“, wie der Untertitel des antisemitischen Hetzblattes lautete. Wer aus der Stadt zu Katz ging, kam am „Stürmerkasten“ vorbei.

Wenn Katzens zur Synagoge gingen, mussten sie daran vorbeigehen. Viele Kinder warfen auf dem Weg zur Schule einen Blick auf die bizarren Juden-Karikaturen auf dem Titelblatt. Unten auf jeder Titelseite stand zu lesen: „Die Juden sind unser Unglück.“ – Noch heute wissen sie in Michelstadt, wer „der Stürmerjude“ war; den Titel erhielt der Holzhändler, der angeblich so aussah wie die Karikaturen.

Am Samstag, dem 1. April 1933, führten die Nationalsozialisten ab vormittags zehn Uhr einen „Boykott aller jüdischen Geschäfte“ durch. SA-Männer in Uniform standen den ganzen Tag vor Geschäften und Arztpraxen mit Schildern wie: „Deutsche! Kauft nicht bei Juden“, pöbelten Kunden an, wurden handgreiflich, zerstörten, plünderten. Die allgemeinen Aufrufe und Berichte des nationalsozialistischen Deutschen Nachrichtenbüros sind in der Michelstädter Zeitung und im Erbacher Kreisblatt zu lesen, spezielle lokale Berichte fehlen.10)

Michelstadt am 1. Mai 1933: ein Fahnenmeer. Nachmittags Festumzug vom Bahnhof durch Steinbach, durch Michelstadt bis Stockheim und zurück. Hier vorm Michelstädter Rathaus der Festwagen der Fleischer
Foto: Stadtarchiv Michelstadt

Noch gibt es keine Augenzeugenberichte. Von den Zeitzeugen erinnert sich einer, dass später an vielen Textilgeschäften ein Schild mit Hakenkreuz und den Worten „Deutsches Geschäft“ angebracht war. Doch dürfte der 1. April 1933 der Tag der ersten gemeinsamen „Judenaktion“ von Erbacher und Michelstädter SA gewesen sein, Ziele ihrer Angriffe waren auch Kaufhaus Reichhardt und der Laden Katz. Eine letzte kleine Anzeige von Kaufhaus Reichhardt erschien Ende 1934 in der Michelstädter Zeitung, die vor 1933 voller großer Anzeigen von allen vier großen jüdischen Geschäften in Michelstadt gewesen war.

Pfingstmontag, 5. Juni 1933. Vorm alten Michelstädter Rathaus wird das Segelflugzeug „Hermann Göring“ von Bürgermeister Dr. Anton Leber getauft.
Foto: Stadtarchiv Michelstadt

Um die „Rassentrennung“ auf öffentlichen Schulen zu gewährleisten, ordnete Reichsminister Bernhard Rust die „Einrichtung von Judenschulen, Jüdischen Volksschulen“, ab Ostern 1936 an.11) Die jüdische Gemeinde in Höchst im Odenwald hatte schon im April 1935 von Reichsstatthalter in Hessen und Gauleiter von Hessen-Nassau Jakob Sprenger (1884–1945) die Genehmigung zur Einrichtung einer Jüdischen Bezirksschule erhalten.12)

Der Höchster Religionslehrer Hermann Kahn13) wollte seine Schüler vor den Gemeinheiten, Erniedrigungen, Beschimpfungen, Peinigungen durch Mitschüler und nazitreue Lehrer schützen. Er überwand alle materiellen und bürokratischen Hindernisse. So konnte am Montag, dem 16. September 1935, die „Jüdische Bezirksschule Höchst im Odenwald“ mit einer kleinen Feier in der Höchster Synagoge eröffnet werden, auch wenn Globus, physikalische Geräte, Chemikalien, Turn- und Sportgeräte und vieles mehr fehlten.

Jüdische Bezirksschule Höchst. Gruppenbild vor dem Schulbus. Schulleiter Hermann Kahn (hinten rechts) und Frau Lehrerin Oppenheimer (hinten links, mit Mittelscheitel). Doris Katz steht in der zweiten Reihe als Zweite von links, etwas verdeckt, Hannah Oppenheimer in der Mitte. Vorne sitzen die neuen Erstklässler mit der Tafel auf den Knien: Meinhold Kahn und Joseph Flörsheimer
Foto: Privatarchiv Joe Floersheimer

Im Hof des Lehrerhauses nahe der Synagoge wurden die Klassenräume eingerichtet. In einem wurden die Klassen 1 bis 4 unterrichtet, im anderen die Klassen 5 bis 8. Schulleiter Kahn meldete dem Schulamt in Erbach 34 Schüler aus acht Orten. Zu den Fünftklässlern gehörten Doris Katz (10 Jahre alt) und Kurt Hecht (11 Jahre alt) aus Michelstadt. Für Schüler aus Beerfelden war der Weg zu weit, sie hatten keinen Schulunterricht mehr.

Eine ehemalige Schülerin aus Groß-Umstadt erinnerte sich, dass sie jeden Morgen um halb sieben mit der Bahn losfahren mussten. „Eines Tages hörten wir zwei Schaffner im Nebenabteil reden, vielleicht nehmen wir ein Messer und schlachten die Judenkinder.“ Von da an seien die größeren Kinder mit Fahrrädern zur Schule gefahren, obwohl sie den Höchster Buckel hochschieben mussten und auch wenn Glatteis war.14)

Schulleiter Kahn sorgte sich um alles: das Lehrpersonal, die Schüler aus den verschiedenen Gemeinden, die Stundenpläne, die Ferienzeiten, selbst um die Schulmilch und dass seine Schüler geimpft wurden. Er stellte einen Teil seiner Wohnung zur Verfügung. Seine verheiratete Tochter, Regina Flörsheimer gen. Rosa, gab bis November 1937 unentgeltlich Handarbeitsunterricht. Danach bereitete sie sich auf ihre Auswanderung nach New York vor. Wer das Glück hatte, die Genehmigung zur Einwanderung in die USA zu erhalten, der musste für den deutschen Staat alles Umzugsgut in fünffacher Ausführung in Listen erfassen nach: Anschaffungen vor 1933, Anschaffungen von 1933 bis 1937, Anschaffungen ab 1938 mit Rechnungsbelegen. Jeder kleinste Gegenstand, jedes Buch mit allen Angaben. Die Auswanderung gelang noch vor dem 9. November 1938.

Seit 1933 begingen die Nationalsozialisten den 9. November als „Treuetag“. Der galt den „Blutzeugen der Bewegung“, die am 9. November 1923 in München bei dem Hitler-Ludendorff-Putsch gegen die Weimarer Republik erschossen worden waren. Dort traten schon am Vorabend Hitler und die obersten Parteigrößen auf. In jeder Stadt, in jedem Ort hielten „die Partei“ und ihre Formationen ebenfalls abends Gedenkfeiern ab, in denen auch die regionalen Toten genannt wurden. Das waren in Erbach und Michelstadt zum Beispiel die „gefallenen Kämpfer des Gaues Hessen“.

Am 9. November 1937 begann die „Feier der Toten“ in Michelstadt „mit einem Marsch der SA und der übrigen Formationen. Vom Bahnhof, wo die Männer Aufstellung genommen hatten, ging es unter Begleitung einer Musikkapelle durch die Bahnhofstraße bis zur ‚Einhardsklause’, dem aus der Kampfzeit bekannten Parteilokal. Der Standortälteste, Sturmhauptführer Pg. Fischer, hielt hier eine Ansprache, in der er bekanntgab, daß die seitherige Bahnhofstraße in Michelstadt künftighin den Namen Straße der SA tragen werde.“ Er erläuterte den neuen Namen: „Hier war der Antrittsplatz der SA und hier eroberten die Männer der SA die Straße, um unserm Führer zum Siege zu verhelfen. – Bürgermeister Dr. Leber übernahm die neu benannte Straße in die Obhut der Stadt Michelstadt.“15) Von der „Einhardsklause“ wurde der Marsch fortgesetzt. Er führte nahe am Hause Katz vorbei. Die Feier des 9. Novembers fand im dicht besetzten Saal von „Schmerkers Garten“ statt. Fahneneinmarsch, Gedichtvorträge, Lieder, Ehrung der Toten, Ende „mit dreifachem Siegheil und Absingen des Horst-Wessel-Liedes“. Das ist in der Michelstädter Zeitung vom 11. November 1937 zu lesen. – Marschtritt, Marschmusik, Gesang oder Gebrüll – eindrucksvoller Lärm schallte oft durch die alten Straßen, bedrohlich und beängstigend für Gegner und Opfer.

In den Städten und Gemeinden ist die 1938 anwachsende Zahl von Schreiben des Kreisdirektors an die Bürgermeister über die Entrechtung der jüdischen Bewohner teilweise archiviert. Am 20. Juni geht es um die „Vermögenserfassung der Juden“, die den „Vordruck“ bei der zuständigen Ortspolizei anzufordern hätten. Am 10. August wird ein Bericht angefordert über „jüdische Auswanderungsagenten“ und über Juden, die „eine sonstige Reisevermittlungstätigkeit ausüben“. 1924 hatte die „Hamburg-Amerika-Linie genannte Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Actien-Gesellschaft“ den Herrn Otto Reichhardt, Michelstadt i.O., zu ihrem Agenten ernannt und ihn ermächtigt, Überfahrtverträge mit Auswanderern zu vermitteln.16) Am 15. September gibt der Kreisdirektor den Bürgermeistern die Mitteilung des „Herrn Reichsstatthalter in Hessen – Landesregierung“ weiter, dass dieser „keine Bedenken habe, „den Juden künftig die Benutzung der Büchereien zu untersagen“ und ersucht, „entsprechend zu verfahren“. Mit Schreiben vom 14. Oktober werden die Bürgermeister des Kreises aufgefordert, eventuell vorhandene Gewerbepapiere von Viehjuden einzuziehen, da mit Wirkung vom 1. Oktober „die Zulassung sämtlicher jüdischer Viehhändler als erloschen“ zu betrachten sei.

Am 3. Oktober 1934 haben sich Witwe Sophie Reichhardt, geboren am 6. September 1849 in Gütersloh, und ihre Tochter Clara Reichhardt, geboren am 28. Juli 1875 in Wolfhagen, aus der Schützeberger Straße 29 nach Köln in die Venloer Straße 59, 1. Stock, abgemeldet.17) Vom 2. bis 26. Oktober 1938 war Lina Katz zu Besuch bei Reichhardt in Köln, Hohenstaufenring 53/55. An- und Abmeldung bei der polizeilichen Meldebehörde in Köln sind von Schwester Clara Reichhardt für Mutter Sophie Reichhardt unterschrieben. Die ausgefüllten Formulare landeten bei der Polizei in Michelstadt.18) War das nur ein Familienbesuch?

Überzeugte sich Lina Katz davon, dass es in Köln bei ihrer Familie kein besseres Unterkommen als in Michelstadt gab? Besprach sie die Möglichkeiten einer Auswanderung? Ging es um die Zukunft der Tochter Doris, die im kommenden Frühjahr die Schule beenden würde? – Die Niederlande waren schon in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre bereit, Kinder in Familien oder Kinderheimen aufzunehmen.

Ruth L. David schreibt in ihrem ersten Buch, dass ihr Name und der ihrer Schwester Hannah auf eine Warteliste für die Niederlande gesetzt worden seien. Holland war nicht so weit wie Amerika: „Wir Kinder konnten es sogar auf dem Atlas finden.“ – Aber Dampfer fuhren von Hoek van Holland nach England, von Rotterdam nach Argentinien und nach New York.

Die Michelstädter Jüdische Gemeinde war von etwa 90 Personen 1933 auf 40 Personen im März 1938 geschrumpft.

Wie viele Kunden kauften da noch im koscheren Lebensmittelgeschäft Katz?

Am 24. Oktober 1938 verlangte der Kreisdirektor vom Michelstädter Bürgermeister, entsprechend der neuen Verordnung über Reisepässe „alsbald festzustellen, ob Juden Ihrer Gemeinde noch im Besitze von gültigen Reisepässen sind und gegebenenfalls diese Pässe einzuziehen und an mich zu übersenden“. Am 27. Oktober 1938 ging das Schreiben beim Michelstädter Bürgermeister ein. Mit Bleistift ist auf der Rückseite an erster Stelle notiert: „Katz Hugo hat keinen d. Reisepaß. Ehefrau hat einen abgegeben am Kreisamt.“ Auch Bruder „Otto Reichhardt hat einen abgeliefert am Kreisamt“.19)

Auf die vielen Maßnahmen, die die Lage der Juden im Kreis Erbach wie in ganz Deutschland noch weiter verschlechterten, ihnen die Existenzgrundlage entzogen, folgte der 9. November 1938. In der Michelstädter Zeitung ist zu lesen, dass die Schulen des Kreises am Morgen einen „Stafetten-Stern-Lauf“ durchführten, bei dem die besten Läufer aus allen Teilen des Kreises eine „Treuebotschaft der Erzieher an den Führer“ nach Höchst brachten.

Das geschah „zur Ehrung des am 3. März 1933 in Höchst gefallenen SA-Mannes Andreas Weidt“.20) In Michelstadt marschierten sämtliche Klassen der Michelstädter Volks- und Berufsschule unter „Führung ihrer Lehrer vor dem altehrwürdigen Rathaus“ auf. Der Ortsgruppenleiter und der SA-Obersturmführer aus Erbach waren anwesend. Als um halb zehn Uhr „die Rolle“ aus Stockheim eintraf, begann sofort die Feier. Die Ansprache hielt der Leiter der Stadtschule (zugleich Ortsgruppenleiter). „Das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied von 600 Kehlen begeistert gesungen beschloß die würdige Feier.“ Die Bevölkerung hatte ihre Häuser zum Zeichen der „Verbundenheit mit der Partei und deren Blutzeugen“ zahlreich beflaggt. „Schmerkers Garten“ war am Abend bis zum letzten Platz gefüllt, als die offizielle Feier der Ortsgruppe pünktlich um 8.30 Uhr mit Fanfarenklängen des Jungvolks begann. Der Ortsgruppenleiter sprach wieder: „Wer leben will, der kämpfe also, denn wer nicht kämpfen will in dieser Welt des Ringens, ist das Leben nicht wert. [...] Die Gefallenen waren die größten Antisemiten und stellten sich auch in diesem Kampf bedingungslos hinter den Führer [...] Volksgemein-schaft [...] Kameradschaftstreue“ wird er in der Erbacher Zeitung vom 10. November 1938 zitiert. Das sind nur Andeutungen dessen, was sich schon in Nordhessen abgespielt hatte und was gerade in Michelstadt im Gange war:

Angehörige des SA-Sturm 3/186, des SA-Sturm 6/186 und des SA-Pionier-Sturm 186, alle aus Michelstadt, sowie SS-Sturm 9 III/83 und eine Schar des SA-Sturm 2/186 aus Erbach führten Aufträge „von oben“ aus, die dann vom Reichspropagandaministerium als „spontaner Ausbruch des Volkszorns“ hingestellt wurden. Der Ablauf des Pogroms ist teilweise aus Prozessakten des Landgerichts Darmstadt nach 1946 zu rekonstruieren.

Das Kaufhaus Reichhardt war das Ziel eines Trupps. Die Geschäftsräume wurden geplündert und restlos ausgeräumt. Auch der kleine Laden Katz wurde demoliert, die Scheiben zerschlagen, alles ausgeräumt. Eine Frau aus der Nachbarschaft soll dort gewütet haben. Ich habe die Tochter gefragt. Sie antwortete: „Niemals! Da hat uns ja gegraust! Katz – das war ja ein jüdisches Geschäft! Bei Katz, da war es ja so dreckig – um Gottes willen! Die ganze Geschichte lassen Sie besser ruhen. Da soll Gras drüber wachsen. Reißen Sie nicht neue Wunden auf! Die Leute haben nach dem Krieg genug gelitten: Spruchkammer, Lager, Enteignung.“

Am folgenden Morgen mussten die Kinder auf dem Weg zur Schule einen Bogen „um einen großen Haufen Sachen“ machen, sogar „Bongbongs“ lagen im Dreck. Aber Nachbar Bäcker Meyer, der immer eine braune Uniform getragen haben soll, passte auf, dass keiner etwas aufhob. Mittags waren alle Sachen verschwunden. Einer erinnert sich, dass die Straße glitzerte. Kostbarer Zucker, der zum Verkauf aus großen Säcken in Tüten abgefüllt wurde, war auf der Straße verstreut worden. – In der Schule brüsteten sich Kinder mit Diebesgut: „Des is vom Reischert!“ – Schüler aus Stockheim hörten von der „Judenaktion“ in Michelstadt und gingen am Nachmittag hin, um nachzusehen. „Beim Reichert“ in der Braunstraße war das Treppengeländer demoliert. Scheiben waren eingeschlagen. Im kleinen Hof des Anwesens Katz lagen Textilien auf einem Haufen. Die Buben suchten sich Kappen aus und kehrten stolz mit der Beute nach Stockheim zurück. Nur einer von ihnen erlebte zu Hause ein Donnerwetter. Sein Vater war ein ehrbarer Mann und hatte selbstverständlich mit jüdischen Händlern Geschäfte gemacht. Sein Bub musste die Kappe umgehend dahin zurückbringen, wo er sie „geklaut“ hatte.

Das Lebensmittelgeschäft des Hugo Katz wurde am 23. November 1938, rückwirkend für den 11. November 1938, „niedergelegt“.

Wie dramatisch die Lage der Familien Katz und Reichhardt war, erfahren wir aus einem Brief vom 16. November 1938 an das „Kinderkomitee in Amsterdam“:

„Tief unter dem Eindruck von Berichten von verzweifelten Eltern, die alle seit Tagen bitterste Not leiden, aus einem kleinen Ort in Deutschland, richte ich mich an Sie,  um zu fragen, ob Sie die Möglichkeit haben, ein Kind, ein Mädchen von 14 Jahren, unterzubringen. Die Eltern, die schon seit einiger Zeit sehr arm sind, werden durch einen Bruder der Ehefrau unterstützt. Dieser Bruder, der selbst eine Frau und einige Kinder hat, ist am Freitag, nachdem seine Sachen zerstört wurden, eingesperrt worden, und beide Familien leben in großer Not, da die Bevölkerung des kleinen Ortes ihnen nicht helfen will oder darf, und sie sicher keine Vorräte haben.“21)

Die Absender wurden sofort nach Eingang der Briefe verschlüsselt. Die Kartei mit den Verschlüsselungen ging beim Angriff der Deutschen Luftwaffe und der Wehrmacht auf die Niederlande oder bei der Flucht nach London verloren. So ist nicht erhalten, wer diesen Brief schickte.22)

Flucht in die Niederlande

Nach dem Novemberpogrom nahmen die Bevölkerungen in den Niederlanden und in England großen Anteil am Schicksal der jüdischen Kinder in Deutschland und „Österreich“. In beiden Ländern wurden Hilfskomitees gegründet. Diese sammelten Spenden, organisierten die Betreuung der Kinder während der Fahrt und die Aufnahme in Gastfamilien. Im Deutschen Reich koordinierte die von den Nationalsozialisten geforderte „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ die Hilfsmaßnahmen.

Der niederländische Justizminister ließ 8.000 Flüchtlinge zu; 40.000–50.000 hatten einen Antrag gestellt. Zwischen 1933 und 1938 waren bereits etwa 25.000 deutsche Juden in die Niederlande geflohen. Am 15. Dezember 1938 ließ die niederländische Regierung die Grenze für Flüchtlinge aus Deutschland und „Österreich“ schließen.

Doris Katz war am 2. November 14 Jahre alt geworden. Sie hatte das Alter erreicht, in dem die evangelischen Kinder konfirmiert wurden und meistens die Schule verließen und in die Erwachsenenwelt traten. Mit 14 Jahren wurden im nationalsozialistischen Deutschland die nicht-jüdischen Jungen und Mädchen vom Deutschen Jungvolk (DJ) in die Hitlerjugend (HJ und BDM) übernommen.

Konzentrationslager Buchenwald, Häftlings-Personal-Karte von Emil Straus

Konzentrationslager Buchenwald, Häftlings-Personal-Karte von Ferdinand Strauss. Er ist der Einzige mit Religionsangabe Diss[ident]. Er und seine Mutter waren nicht Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Michelstadt.
Beide Abbildungen: ITS/ARCH/KL Buchenwald – Individuelle Unterlagen Männer, Stand XX/2009

Der Bruder ihrer Mutter, Kaufhausbesitzer Vorstand der Michelstädter Jüdischen Gemeinde Otto Reichhardt, gehörte zu den Michelstädter Geschäfts- und Handelsleuten, die vor den Augen ihrer Angehörigen aus ihren Wohnungen gezerrt, die Treppe hinunter geworfen und blutig geschlagen worden waren. Über Nacht wurden sie in der kleinen Arrestzelle unten im historischen Rathaus eingesperrt. In der Frühe des 10. Novembers wurden sieben Männer aus Michelstadt auf einem Lastwagen nach dem „Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar“ gekarrt. Auf der „Veränderungsliste des K. L. Buchenwald“ für den 10. November steht ein Transport aus „Tieburg“ (sächsisch für Dieburg) mit 46 Männern vor dem Transport aus Erbach mit 31 Männern. Die Namen der beiden Kreisstädte stehen für Sammeltransporte jüdischer Männer aus jeweils mehreren Gemeinden.23)

Geldkarte für Otto Reichhardt.
Abbildung: ITS/ARCH/KL Buchenwald - Individuelle Unterlagen Männer, Stand XX/2009

Am großen Tor mit der zynischen Parole „Jedem das Seine“: Befehl zum Aussteigen. Geöffnet war nur ein kleiner Durchgang für je einen Mann. Lautes, rohes Schreien, Beschimpfungen, Kommando: „Hüte ab!“. Spießrutenlaufen durch zwei Reihen von SS-Männern, Faustschläge, Fußtritte, Schläge mit Schlagringen, Knüppeln, Peitschen. Blutige Köpfe. Keine Wundbehandlung, keine ärztliche Hilfe. Einweisung von 9.845 „Aktionsjuden“ in drei Tagen. Antreten in Zehnerreihen auf dem Appellplatz. Bei der stunden- bis tagelangen Aufnahmeprozedur erhielt jeder seine Häftlingsnummer auf einem kleinen Stoffstreifen: Samuel Hecht, Vater von Kurt, wurde in Buchenwald 63 Jahre, Häftling Nummer 24293; Moses Neu, 54 Jahre, Häftling Nummer 24300; Otto Reichhardt, 60 ¾ Jahre, Häftling Nummer 24298; Louis Rotschild, 52 Jahre, Häftling Nr. 24288, Moritz Rotschild, 48 Jahre, Häftling Nummer 24291; Emil Straus, 59 Jahre, Häftling Nummer 24292, und Ferdinand Strauss, 36 Jahre, Häftling Nummer 24301.24) Sie waren bis 1933 gestandene Männer, angesehene, ehrenwerte Michelstädter Händler und Kaufleute gewesen; sie hatten bis auf den Jüngsten alle im Weltkrieg für das Deutsche Reich gekämpft.

Eine Woche nach der Pogromnacht, am Mittwoch, dem 16. November 1938, wurde der Brief für Doris Katz an das Kinderkomitee in Amsterdam geschrieben. In Michelstadt wurde der Buß- und Bettag mit zwei Gottesdiensten in der evangelischen Kirche begangen. Am Abend erschien Gauleiter Jakob Sprenger zu einer „Großkundgebung“ in „Schmerkers Garten“. Am Donnerstag, dem 17. November 1938, stand im Erbacher Kreisblatt darüber ein großer Bericht. Weiter war folgende Meldung des Deutschen Nachrichten Büros (DNB) zu lesen:

„Holland und die jüdische Einwanderung“

DNB Amsterdam, 16. Nov. Eine offenbar von amtlicher Seite stammende Erklärung, die durch den holländischen Rundfunk verbreitet wurde, richtet sich gegen die, wie es scheint, im Ausland herrschende irrige Auffassung, es habe Holland seine Grenzen den aus Deutschland auswandernden Juden geöffnet. Dies sei durchaus nicht der Fall. Nach wie vor sei jedesmal eine Genehmigung des Justizministeriums notwendig, wenn ein Jude aus Deutschland nach Holland einreisen wolle. Diese Genehmigung könne jedoch nur in beschränktem Umfange erteilt werden.

Fremde Juden ohne eine solche Genehmigung würden an der Grenze zurückgewiesen. Die Grenzbewachung sei in den letzten Tagen verstärkt worden. Auch die Mitnahme von jüdischen Kindern aus Deutschland in holländischen Kraftwagen sei ohne die ministerielle Genehmigung nicht gestattet.

Wie aus Maastricht gemeldet wird, wurden mehrere hundert Juden, die von Aachen aus versuchten, nach Holland zu gelingen [gelangen], die Einreise verweigert.“

Doch der Hilferuf für Doris Katz hatte Erfolg. Am Montag, dem 28. November, wurde sie von ihren Eltern ordnungsgemäß in Michelstadt abgemeldet nach Amsterdam.

Mit der Eisenbahn fahren, das kannte sie zur Genüge, als Gepäck: ein Koffer, ein Rucksack, ein Brotbeutel. In Frankfurt am Main wurden die Kindertransporte aus dem südwestdeutschen Raum organisiert. So können wir hoffen, dass Doris Katz auf der langen Fahrt von Frankfurt über die deutsche Grenze nach Amsterdam nicht alleine war.

Doris’ Großmutter, Sophie Reichhardt, sandte aus Köln das Fahrgeld für ihren Sohn an die Geldverwaltung des Konzentrationslagers Buchenwald. Daraufhin wurde Otto Reichhardt am 5. Dezember nach langen 35 Tagen Haft entlassen, wie alle „Aktionshäftlinge“ mit kahlgeschorenem Kopf und in der Kleidung, in der er angekommen war. Bei der Ausgabe des Entlassungsscheines musste jeder in der politischen Abteilung unterschreiben, dass er keine Misshandlungen gesehen oder erlitten habe. Wer Gräuelmärchen erzähle, werde sofort wieder festgenommen und nicht mehr entlassen.

Solange sie nicht ihre Häuser verkauft hatten, waren die Eltern mittellos und mussten vorerst in Michelstadt bleiben. Am 31. Dezember 1938 schrieb Hugo Katz Folgendes: „An die Ortspoliezei [sic] Michelstadt i. O. Gemäß der Verordnung vom 17. Aug. 1938 über jüdische Vornamen, melde ich der Polizeibehörde, hier, daß ich ab 1. Januar 1939 gesetzlich den Vornamen Israel und meine Frau den Vornamen Sara zusätzlich führen werden. Die Standesämter in Laubach respektive Wolfhagen, wo wir geboren respektive getraut sind, haben wir im gleichen Sinne benachrichtigt.“ – Er schrieb den Briefkopf und die Namen in lateinischen Buchstaben und den übrigen Brief in deutscher Schrift. Die Unterschriften lauten: „Hugo, Israel Katz“ und „Lina, Sara Katz“. Er tat damit, was verlangt wurde.25)

„Die Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen“, am 17. August 1938 erlassen, bezweckte, dass deutsche Juden an ihren Vornamen zu erkennen wären. Es wurde eine Liste erlaubter Vornamen aufgestellt. Männer, die einen anderen Vornamen hatten (das waren als „gute Deutsche“ die meisten), mussten sich zusätzlich Israel nennen, Frauen Sara. Und diese Änderung musste beim zuständigen Standesamt und bei der Ortspolizeibehörde des Wohnortes angezeigt werden. Die Verordnung trat am 1. Januar 1939 in Kraft.

Am 4. März 1939 schickte der Landrat des Landkreises Erbach i. O. an den Bürgermeister von Michelstadt folgende Aufforderung: „Die Nachgenannten sind auf Donnerstag den 9. ds. Mts. [dieses Monats] vormittags 9 Uhr zur Empfangnahme ihrer Kennkarten hierher, Zimmer 7, vorzuladen. Ich ersuche, sie zu bedeuten, daß die Kennkarte für jede Person 3.- Rmk. kostet.“ Es folgen die Namen von 15 Michelstädter Juden in alphabetischer Reihenfolge. Die Namen von Rebecka, Samuel und Kurt Hecht stehen am Anfang, die von Hugo Katz und Lina Sara Katz stehen an fünfter und sechster Stelle, die von Otto Reichhardt und Emilie Reichhardt an elfter und zwölfter Stelle.26) Jeder jüdische Deutsche war verpflichtet, eine solche „Juden-Kennkarte“ mit dem verordneten Zusatzvornamen immer bei sich zu tragen.

Wie erging es Doris Katz im ersten Jahr in den Niederlanden? Wer sorgte für sie? Auffanglager und -häuser für legale Flüchtlinge waren über das ganze Land verteilt.

Bekannt ist, dass mit ihrer Klassenkameradin und Freundin aus der Höchster Bezirksschule, Hannah Oppenheimer, schrieb.27)

Als England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärte, war es mit dem Briefwechsel zwischen Deutschland und England vorbei. Die Eltern Oppenheimer in Mannheim suchten einen Weg, den Briefkontakt zu ihren Töchtern in England aufrecht zu erhalten. Das Flüchtlingsmädchen Doris Katz in den neutralen Niederlanden übernahm die Rolle der Briefe- und Nachrichten-Vermittlerin gerne.

Aus der Zeit von Ende September 1939 bis Ende April 1940 sind fünf Postkarten und drei Briefe von Doris Katz nach Mannheim erhalten geblieben.28)

Doris Katz schrieb an ihre ehemalige Höchster Lehrerin: „Liebe Frau Oppenheimer!“ Sie bedankt sich für „Ihre lb. [lieben] Zeilen“ und besonders „für den Antwortschein“. Sie schrieb ganz klein, um den Platz voll auszunutzen, und benutzte weitere Abkürzungen: „u.“ für: und, „G. s. D.“ für: Gott sei Dank, „s. G. w.“ für: so Gott will. Jüdische Feiertage schrieb sie in Abkürzung in hebräischen Buchstaben. Die erste überlieferte Postkarte stammt vom 27. September 39 mit Absender „Quarantaine Heyplaat, Rotterdam West, Barak D-E, Holland“. Durch Dekret des niederländischen Innenministeriums vom 29. Januar 1939 waren 25 Internierungslager für neu angekommene legale Flüchtlinge eingerichtet worden. Die Hafen-Quarantäne-Station „Beneden Heyplaat“ in Rotterdam gehörte dazu.

Doris Katz gibt gute Nachrichten aus Hannahs Briefen weiter. Am 9. Oktober 1939 ist endlich „der lang ersehnte Brief von Hanna“ eingetroffen. Doris berichtet sofort – in kleinster Schrift – aus den acht Seiten und schließt mit: „Ich hoffe, daß diese Nachrichten Sie beruhigen und auch erfreuen u. beim besten Wohle antreffen. Bei mir ist G. s. D. alles in bester Butter und Schabbath-Abend rief ich sogar meine Mutti mal an. (R-Gespräch) Die Freude war natürlich sehr groß, wie Sie sich denken können.“ Im Nachtrag fragt sie: „Hören Sie noch manchmal was von Seifs oder den andern Lehrern? Hannah frug auch danach.“ Doris schrieb nicht, dass ihre Mutter am 8. Oktober 57 Jahre alt wurde und der Anruf ein Geburtstagsgeschenk war. Frau Oppenheimer, die Mutter ihrer Freundin Hannah, konnte in Mannheim nicht von ihren Töchtern aus England angerufen werden.


Antwort-Postkarte von Doris Katz vom 09.10.1939 mit Absender Quarantaine Heyplaat, Barak D-E, Rotterdam-West
Original: Privatarchiv Ruth David

Auf der Karte vom 29. Oktober 1939 berichtet Doris wieder auf einer Antwort-Postkarte aus einem seitenlangen Brief von Hannah an Frau Grete Oppenheimer: „Neulich hatte sich Hannah für einen Religionskurs gemeldet u. nachdem der Herr wußte, was H. kann, frug er sie, ob sie die Kleinen unterrichten wolle. Hannah sagte gleich ,ja‘, u. bringt den Kindern nun die Anfangsgründe des Hebräischen bei. Es macht ihr großen Spaß, wie sie schreibt.“ Am 2. November wurde Doris 15 Jahre alt. Über eine Geburtstagsfeier oder Geburtstagspost oder ein Telefongespräch mit Mutti und Vati schreibt sie nichts.

Die Karte vom 18. November 1939 folgt auf einen fünf Seiten langen Brief von Hannah, die Briefe von den Geschwistern Werner, Ernst und Ruth erhalten hatte. „Von Lehrer Strauß hatte sie sogar jetzt auch eine Karte, nachdem sie ihm 2–3mal geschrieben hatte, es geht ihm gut.“ Doris ist bei ihren Verwandten und vermeldet: „Wir sind vorige Woche umgezogen u. ist meine neue Adr. jetzt: D. K. Achterklooster29) 40 Rotterdam (Holland). Die Quarantaine wurde aufgelöst, warum weiß ich nicht genau. Im neuen Heim ist es ganz schön. Ich besuche jetzt eine Haushaltsschule, wo ich sehr viel lerne. Meine Eltern u. ich sind sehr froh darüber. – Nun noch ein Knallefekt. Donnerstag bekam ich auf einmal Besuch von Edith Freudenberger aus Darmstadt (Tochter von Bäcker Freudenberger) u. Dina Meier aus Reichelsheim.30) Ich freute mich riesig von allen persönlich zu hören. Von Frl. Meier erfuhr ich auch, daß Fr. Lehrer Kahn hier wäre (die Leute fahren mit der ,Rotterdam‘ nach U.S.A.) u. heute besuchte mich diese mit Meinhold. Vor Freude bin ich ihr um den Hals gefallen, Sie können es sich gar nicht vorstellen. Morgen kommt Meinhold s. G. w. wieder zu mir. Was wird Hannah sagen, wenn sie das hört?“31)


Antwort-Postkarte von Doris Katz vom 18. 11. 1939 mit Absender Achterkloster 40, Rotterdam (Holland)
Abbildungen: Privatarchiv Ruth David

Auf der Geburtsurkunde von Doris Katz im Erbacher Standesamt ist Sara als Ergänzung des Vornamens am 7. Dezember 1939 am Rande vermerkt. Die Mitteilung war nicht zu finden. Doris war nicht volljährig, deshalb müsste der gesetzliche Vormund die Erklärung geschickt haben. Bereiteten die Eltern Katz die Auswanderung der Familie vor?

Am 2. Januar 1940 schreibt Doris die erste Karte im neuen Jahr an Frau Oppenheimer nach Mannheim. Hannah hatte über ihre Weihnachts- und Chanukka-Geschenke berichtet. Für Doris „legte Hannah nachträglich zu Chanukka ein sehr goldiges, nettes Taschentuch ein. Ist das nicht reizend von ihr? Von den anderen Mädels aus Höchst habe ich schon lange nichts mehr gehört. Sie haben es nicht so eilig mit ihrer Schreiberei u. ich muß mich gedulden. Schreiben Sie mir bitte bald wieder.“ Der Brief klingt traurig, von Chanukka-Post ihrer Eltern schreibt sie nichts.

Für den nächsten Brief am 29. Januar 1940 benutzt sie Heftpapier und entschuldigt sich dafür: „[...] meine Briefbögen sind alle u. ich habe noch keine anderen.“ Sie wundert sich, wie gerne ihre Freundin Hannah jetzt zur Schule geht: „Wer hätte das gedacht? Sie werden sich sicher auch darüber freuen; bei meinen Eltern ist es nämlich auch so. Ich gehe so gerne zur Schule u. habe auch schon sehr viel gelernt. Jetzt gibt es bald Zeugnisse, darauf bin ich schon riesig gespannt. Im letzten Brief trug mir meine Mutti Grüße für Sie auf, die ich nun hiermit ausrichte. Sie will Ihnen, soviel ich weiß, bald mal schreiben.“32) Am 3. Februar wurde Hugo Katz 58 Jahre alt; ob seine Tochter mit ihm zu seinem Geburtstag ein R-Gespräch führen konnte?

Am 1. März 1940 beginnt sie einen zwei Seiten langen Brief mit „Liebe Familie Oppenheimer!“ Sie berichtet ausführlich aus Hannahs neuestem Brief. Die beiden „Backfische“ lachen bzw. staunen, dass der große Bruder Ernst in New York als Koch arbeitet. Sie haben keine Ahnung, dass das Leben eines aus Hitler-Deutschland Geflohenen alles andere ist als ein Zuckerschlecken. Doris muss aufhören, weil der Sabbath beginnt. Sie beendet den Brief erst am 3. März 1940. „Gestern abend war es schon zu spät, als ich nach Hause kam, denn ich war bei meinen Verwandten gewesen. Wir mußten alle zu Bett, da konnte ich nicht mehr schreiben. [...] Mein Zeugniß ist G. s. D. ganz gut ausgefallen, aber ich muß mir große Mühe geben, mit den holländisch [sic] Kindern mitzukommen.“ –

Im Brief vom 3. April 1940 an Frau Oppenheimer ist Doris erschreckt, „daß die Auswanderung so schwierig ist. Kann man gar nichts unternehmen?“ Sie bietet ihre Hilfe an. Und dann schreibt das fünfzehnjährige Mädchen, besorgt wie eine Mutter, an die 48-jährige Mutter ihrer Freundin: „Aber eines müssen Sie mir versprechen, daß Sie sich nicht allzu sehr aufregen. Es hat leider keinen Zweck u. schadet nur der Gesundheit, u. die brauchen Sie doch so nötig. Verlieren Sie nur den Mut nicht, einmal muß es doch klappen, wie wir es alle hoffen.“

Es klingt, als sage sie das zu sich selbst und befürchte, dass die Auswanderung der eigenen Eltern scheitern könnte. Das ist der letzte Brief von Doris Katz an Frau Oppenheimer in Mannheim. –

Einen Brief von Hannah an ihre Eltern vom 23. April 1940 leitete Doris weiter „in aller Eile, daß der Brief noch weg geht“ und teilte deshalb auf der Rückseite nur ihre neue Adresse mit: „Huize Kraaibeek, Driebergen (Holland)“. Das war ein weiteres der neu eingerichteten Zentren für anerkannte jüdische Flüchtlinge, die länger oder kürzer bestanden. Driebergen liegt östlich von Utrecht.

Die letzten Zeilen von Doris Katz auf der Rückseite des Briefes von Hannah Oppenheimer an ihre Eltern in Mannheim vom 23. April 1940. Doris gibt Frau Oppenheimer ihre neue Anschrift bekannt: Huize Kraaibeek, Driebergen (Holland).
Original: Privatarchiv Ruth David

 

Jüdische Schicksale nach der national-sozialistischen Besetzung der Niederlande

Ohne Kriegserklärung begann die Deutsche Wehrmacht den „Blitzkrieg im Westen“. In der Frühe des 10. Mai 1940, einem schönen Maientag, überschritten die deutschen Truppen die Grenzen der neutralen Niederlande, Belgiens und Luxemburgs in ihrer ganzen Länge. Luftlandetruppen wurden bei Rotterdam, Den Haag und Dortrecht abgesetzt und lösten großen Schrecken und Verwirrung aus.

Nach heftigen Gefechten flohen am 13. Mai Königin Wilhelmina und die Regierung nach London ins Exil. Am 14. Mai 1940 bombardierte die Deutsche Luftwaffe Rotterdam. In Amsterdam herrschte panikartige Stimmung, besonders unter den Juden; viele flüchteten in die Provinzen, einige begingen Selbstmord. Das Amerikanische Konsulat konnte Auswanderungswilligen nicht helfen.

Am 15. Mai kapitulierten die Niederlande. Es wurde eine deutsche Militärverwaltung eingesetzt. Am 25. Mai 1940 folgte eine deutsche Zivilverwaltung. Damit war es deutschen Juden nicht mehr möglich, über die Niederlande auszuwandern. Als die Niederlande kapitulierten, gab es für legale jüdische Flüchtlinge folgende Aufenthaltsorte: das Lager Westerbork, Waisenhäuser in Amsterdam und Utrecht, ein Heim für Jungen in Rotterdam und in Driebergen das Huize Kraaibeek.

Die drei Jahre in der „Jüdische Bezirksschule“ in Höchst waren offensichtlich für Doris Katz, das Einzelkind, eine relativ glückliche Zeit gewesen, und die Beziehungen und die Verbindungen zu Lehrern und Mitschülern waren ein Halt und Lichtblick in ihrem Flüchtlingsdasein. Darum will ich auch über deren weitere Schicksale berichten.

Die Höchster Synagoge war zerstört worden und damit die Schulräume. Der Schulleiter Hermann Kahn (geb. 18. September 1878 in Dörnigheim bei Hanau) floh noch in der Pogromnacht mit seiner Familie nach Frankfurt. Der Familie gelang es, über die Niederlande nach New York auszuwandern. Herr Kahn war in New York sehr unglücklich, bemerkte Ernst Oppenheimer aus Fränkisch-Crumbach, der ihn besuchte. Herr Kahn liebte deutsche Literatur und deutsche Musik. Er konnte nur wenig Englisch sprechen. Er starb am 6. November 1968 in New York im gesegneten Alter von 90 Jahren.33)

Lehrer Richard Seif (geb. 8. Januar 1910 in Moschin, Polen) wurde beim Pogrom in Reichelsheim angegriffen und erlebte, wie die Synagoge geplündert und in den Wohnungen der Gemeindemitglieder gehaust wurde. Er war vom 11. November bis 5. Dezember 1938 Buchenwaldhäftling Nr. 24307. Er meldete am 16. Dezember dem Kreisschulamt in Erbach: „Unser Schulbetrieb ruht seit dem 10. November 1938.“ Er beantragte einen Auslandspass, um mit seiner Familie über die Niederlande in die USA auszuwandern. Am 6. Januar 1939 meldete er sich in die Niederlande ab. Im Juli 1939 war die ältere Tochter bei den Großeltern in Bocholt, Frau Seif mit den beiden anderen Kindern in Aschaffenburg bei Verwandten.34) Am 8. Mai 1942 schrieb Moritz Oppenheimer aus dem Camp Les Milles an seine Tochter Ruth in England: „Heute hatte ich einen sehr lieben Brief von Herrn Seif, der auch noch in Frankreich ist; er hat nach Dir gefragt.“35) Richard Seif steht auf der Transportliste Nr. 4 vom 4. September 1942 vom Aufenthaltslager Rivesaltes zum Sammellager Drancy.36)

Frau Seif arbeitete 1942 in Frankfurt im Altersheim Wöhlerstraße 6 „für ein voraussichtliches Jahreseinkommen von 468 RM und freie Unterkunft und Verpflegung“. Ihre drei minderjährigen Kinder von acht, fünf und vier Jahren waren im Kinderhaus Hans-Thoma-Straße 24 untergebracht.37) Am 23. September 1942 sandte die Staatspolizeistelle in Frankfurt, Lindenstraße 27, an den Herrn Polizeipräsidenten in Frankfurt am Main: „1 Verzeichnis der umgesiedelten Juden, betrifft: Wohnsitzverlegung von Juden nach Theresienstadt“. Frau Seif und ihre drei Kinder sind unter den Nummern 968, 969, 970 und 971 im „Verzeichnis der am 15.9.1942 umgesiedelten Juden aus Frankfurt a.M.“ aufgeführt.38) Die Onlineversion des Gedenkbuches belegt: Freda Seif (geb. am 12. April 1910 in Berlin), Sohn Jakob (geb. am 20. Februar 1934 in Verden) und die beiden in Reichelsheim geborenen Töchter Golda (am 19. Januar 1937) und Judith (am 23. Juni 1936) wurden am 15. September 1942 ab Frankfurt am Main deportiert und weiter von Theresienstadt, Getto, gut zwei Jahre später, am 12. Oktober 1944, direkt in die Gaskammern von Auschwitz.

In Frankfurt am Main fand das Pogrom vom 10. bis zum 16. November 1938 statt. Die Synagogen, das Gemeindehaus und das Waisenhaus wurden zerstört, Hausdurchsuchungen, Straßenkontrollen und Verhaftungen wurden durchgeführt, Geschäfte und Wohnungen geplündert und verwüstet. Die meisten jüdischen Männer zwischen 17 und 80 Jahren wurden in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt.39)

Lehrer Leopold Strauß war vom 13. November bis 9. Dezember 1938 Häftling Nr. 29664.40) Die Familie plante, nach Argentinien auszureisen. Ehefrau Daja Doris geborene Rosemann fuhr mit den drei ältesten Kindern mit der Eisenbahn zur holländischen Grenze und übergab die Buben David (gerade acht Jahre), Herbert (sechs Jahre) und Uri Michael (fünf Jahre) an Freunde. Leopold Strauß musste sich vor seiner Entlassung aus Buchenwald schriftlich verpflichten, Deutschland innerhalb von vier Wochen zu verlassen. Im Januar 1939 konnte er nach London ausreisen. Frau Strauß wohnte mit den drei kleinen Mädchen noch zwei Monate bei Verwandten in Hamburg, bis ihre Ausreisepapiere fertig waren.41)

Am 12. Dezember 1938 war Samuel Hecht aus Buchenwald entlassen worden, körperlich und geistig gebrochen. Er meldete sich am 2. Juni 1939 aus Michelstadt nach New York ab. Seiner zweiten Frau Rebecka gelang es, mit den Söhnen Kurt und Manfred im Dezember 1940 zu folgen.

Margarethe und Moritz Oppenheimer wurden am 22. Oktober 1940 mit allen Juden aus dem Machtbereich des Gauleiters von Baden, Robert Wagner (1895–1946), und dem Machtbereich des Gauleiters von Rheinpfalz und des Saargebietes, Josef Bürckel (1895–1944), ins Lager Gurs in Südfrankreich transportiert. Alle Versuche, zu einem der Söhne nach Argentinien oder New York auszuwandern, schlugen fehl. Nach fast zwei Jahren in französischen Lagern gingen die Eltern von Hannah und Ruth Oppenheimer am 17. August 1942 in Viehwaggons auf ihre letzte Fahrt: von Drancy, dem Durchgangslager nordöstlich von Paris, nach Auschwitz. Lehrer Seif war drei Wochen später, am 11. September 1942, im Transport von Drancy nach Auschwitz. Die beiden jüngsten Kinder der Familie Oppenheimer, Michael (geb. 1930) und Féodora (geb. 1934), wurden gerettet und nach der Befreiung Frankreichs von einer Pariser Familie aufgenommen.

In den besetzten Niederlanden wurde ab 10. Januar 1941 mit der Registrierung der Juden und mit ihrer Umsiedlung nach Amsterdam begonnen. Ende März 1941 richteten die Besatzer eine „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ in Amsterdam ein. Bis Mai 1941 wurden 200 Auswanderungsverfahren abgewickelt, danach wurden fast keine mehr genehmigt.

Bis Herbst 1941 registrierte die Zentralstelle alle Juden in den Niederlanden. Im Februar wurde in Amsterdam ein „Judenrat“ eingesetzt, der die Maßnahmen der Zentralstelle umsetzen musste. Die Zentralstelle organisierte die Abtransporte zum Arbeitseinsatz oder zur „Umsiedlung“ über Westerbork, das vom Auffanglager zum Durchgangslager gemacht worden war.

Doris’ letzte Jahre

Wie erging es Doris „Sara“ Katz? Keine Post von Freundin Hannah. Keine Besuche von Auswanderern. Hatte sie noch Verbindungen zu Höchster Mitschülern? Ob sie weiter Briefe von ihren Eltern erhielt, mit ihnen ab und an telefonieren konnte? Wie weit reichte in solchen Zeiten das Gottvertrauen von Doris Katz?

Lina Sara Katz hatte das Anwesen in der Schulstraße 3 durch Kaufvertrag vom 10. Juli 1941 verkauft und sich und ihren Mann am 10. Juli 1941 nach Mainz abgemeldet. Er muss schon vorher in Mainz gewesen sein. Das geht aus einem „Nachrichtenaustausch der Meldebehörden“ hervor: Auf einer Postkarte vom 19. April 1941 wird aus Mainz nach Michelstadt mitgeteilt, der Arbeiter „Hugo Israel Katz“ habe sich am 5. April 41 „vorübergehend“ in Mainz, Bilhildisstraße 17, angemeldet.

Aus dem ehrenwerten „Kaufmann Hugo Katz“, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Michelstadt, Mitglied des Vereins jüdischer Frontsoldaten, war der rechtlose und mittellose „Arbeiter Hugo Israel Katz“ geworden.42)

Ab 1. September 1941 mussten Juden in Deutschland an ihre Kleidung gut sichtbar einen „Judenstern“ annähen: ein gelber Davidstern mit schwarzem Rand, in der Mitte „Jude“ in Buchstaben, die die hebräischen Schriftzeichen nachahmten.

Warum zog das Ehepaar Katz ausgerechnet nach Mainz? Die letzte Anschrift von Hugo und Lina Katz in Deutschland lautete: Mainz, Margarethengasse 28. Das war ein „Judenhaus“.43)

In Piaski lag das einzige geschlossene Getto des Kreises Lublin-Land. Darin hausten die einheimischen polnischen Juden zusammen mit den deutschen Juden aus den Transporten von Februar und März 1940. Im März 1942 begann die dritte Deportationswelle. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs gehörten die Eltern Katz zu einem Transport, der am 25. März 1942 ab Mainz – Darmstadt ging und am 27. März 1942 in Piaski ankam.

In dem „Gesellschaftssonderzug zur Beförderung von Arbeitern“ fuhren 411 männliche und 589 weibliche Personen, Juden aus dem früheren Volksstaat Hessen, darunter 47 aus dem Kreis Erbach: aus Beerfelden, aus Michelstadt, König, Mümling-Grumbach, Höchst, Neustadt, Fränkisch-Crumbach, Reichelsheim. Die Endstation der Bahnfahrt war in Trawniki. Von dort mussten die Angekommenen mit ihrem Gepäck etwa zwölf Kilometer zu Fuß über die Landstraße zum Getto Piaski gehen.

Im März 1942 waren 3.000 polnische Juden aus Piaski ins Vernichtungslager Belzec abtransportiert worden, dafür kamen nun etwa 4.000 Juden aus dem Deutschen Reich. Nach drei Monaten setzten die Transporte ins Vernichtungslager Sobibór ein. Ab Februar 1943 wurde das Getto aufgelöst. Lina und Hugo Katz haben nicht überlebt.

Auf dem Geburtseintrag für Lina Reichhardt im Standesamt Wolfhagen ist der Randvermerk über den zusätzlichen Vornamen Sara am 16. Dezember 1938 eingetragen. Der Randvermerk über die Löschung stammt vom 7. Dezember 1950. Es gibt keinen Randvermerk über ihre Heirat mit Hugo Katz und keinen über ihren Tod.

Was erfuhr Doris Katz? Was ahnte sie? Was befürchtete sie? Was hoffte sie?

Ein Flüchtlingsmädchen aus Frankfurt am Main ist weltberühmt geworden. Es war viereinhalb Jahre jünger als Doris Katz. Seine bis 1929 vermögenden Eltern waren bereits 1933 nach Amsterdam geflohen. Anne Frank bekam zu ihrem dreizehnten Geburtstag das Tagebuch, in welches sie auch schrieb, was Juden in den besetzten Niederlanden erleiden mussten:

„Ab Mai 1940 ging es bergab mit den guten Zeiten: erst der Krieg, dann die Kapitulation, der Einmarsch der Deutschen, und das Elend für uns Juden begann. Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde sehr beschränkt. Juden müssen einen Judenstern tragen; Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit einem privaten; Juden dürfen nur von 3–5 Uhr einkaufen; Juden dürfen nur zu einem jüdischen Friseur, Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf die Straße; Juden dürfen sich nicht in Theatern, Kinos und an anderen dem Vergnügen dienenden Plätzen aufhalten; Juden dürfen nicht ins Schwimmbad, ebensowenig auf Tennis-, Hockey- oder andere Sportplätze; Juden dürfen nicht rudern; Juden dürfen in der Öffentlichkeit keinerlei Sport treiben; Juden dürfen nach acht Uhr abends weder im eigenen Garten noch bei Bekannten sitzen; Juden dürfen nicht zu Christen ins Haus kommen; Juden müssen auf jüdische Schulen gehen und dergleichen mehr. (Samstag, 20. Juni 1942) – Draußen ist es schrecklich. Tag und Nacht werden die armen Menschen weggeschleppt, sie haben nichts anderes bei sich als einen Rucksack und etwas Geld. Diese Besitztümer werden ihnen unterwegs auch noch abgenommen. [...] Und jede Nacht fliegen Hunderte von Flugzeugen über die Niederlande zu deutschen Städten und pflügen dort die Erde mit ihren Bomben, und jede Stunde fallen in Rußland und Afrika Hunderte, sogar Tausende Menschen. Niemand kann sich raushalten, der ganze Erdball führt Krieg, und obwohl es mit den Alliierten besser geht, ist ein Ende noch nicht abzusehen. (Mittwoch, 13. Januar 1943) – [...] Rauter, irgendein hoher Deutscher, hat eine Rede gehalten. ‚Alle Juden müssen bis zum 1. Juli die germanischen Länder verlassen haben. Vom 1. April bis 1. Mai wird die Provinz Utrecht gesäubert (als wären es Kakerlaken!), vom 1. Mai bis 1. Juni die Provinzen Nord- und Südholland.’ Wie eine Herde armes, krankes und verwahrlostes Vieh werden die armen Menschen zu ihren schmutzigen Schlachtplätzen geführt. (Samstag, 27. März 1943)“44)

Roosje (Rosina) Verman (*29.06.1926 Hilversum) und Lea Bleekveld (*03.01.1926 Amsterdam) im Garten des Jüdischen Mädchenwaisenhauses Rapenburgerstraat Nr. 171 in Amsterdam im Sommer (1941?). Lea wurde zusammen mit Doris Katz am 2. März 1943 von Westerbork nach Sobibór transportiert, dort am 5. März 1943 ermordet. Roosje wurde zusammen mit ihrer Schwester Susanna (*11.11.1927) am 18. Mai 1943 von Westerbork nach Sobibór transportiert, dort am 21. Mai 1943 ermordet.
Foto: Sammlung Jüdisches Historisches Museum, Amsterdam

„Es gab damals viele Juden, die keine detaillierte Kenntnis von den Konzentrationslagern hatten, wohingegen Franks über BBC bestens informiert waren. Jene Juden hatten es also einfach, wenn sie sich in dem Glauben wiegen wollten, dass die Befolgung selbst der entwürdigendsten Nazi-Befehle eine Überlebenschance für sie bedeuten könnte.45)

Auch Doris Sara Katz musste ab Mai 1942 den gelben Stern mit Aufdruck „Jood“ oberhalb des Herzens auf ihre Kleider, Blusen, Pullover, Jacke, Mantel nähen. Ein Stern kostete einen Abschnitt der Kleiderkarte und 4 Cent.

Die letzte Anschrift von Doris Katz lautete Rapenburgerstraat 171 in Amsterdam.46) Das war das Nederlands-Israelitisch Meisjesweeshuis, das 1936 sein 175-jähriges Bestehen gefeiert hatte. Es bestand aus zwei Häusern mitten im alten Amsterdamer Judenviertel neben der Thoraschule. Die Portugiesische Synagoge lag ein Stückchen weiter die Straße runter. Das „Jüdische Mädchen-Waisenhaus“ gehörte zu den offiziellen Aufenthaltsorten für legale jüdische Flüchtlingsmädchen. Leiterin und Personal versuchten, das Leben so normal wie möglich zu organisieren, die Mädchen zum Unterricht zu schicken.

Seit November 1942 kam der Aufruf zur Deportation nicht mehr mit der Post, sondern jeden Abend ging deutsche Polizei ins Amsterdamer Judenviertel, klingelte an Türen, führte Menschen aus ihren Wohnungen, fuhr sie im Überfallauto fort. Jeden Abend herrschte Angst. Auch im Waisenhaus haben Polizisten immer wieder versucht, einzelne Mädchen abzuholen.

Am 2. Februar 1943 hatte die 6. Armee in Stalingrad kapituliert. – Am 10. Februar 1943 morgens gegen 8 Uhr klingelte es an der Tür des Waisenhauses. Sie waren da. Einer der Deutschen erklärte: „Deze inrichting wordt vandaag naar Westerbork overgebracht.“ (Diese Einrichtung wird heute nach Westerbork verbracht.) Da die Überfallwagen vor der Tür standen, kamen bald heulende Mütter und wollten ihre Kinder abholen. So konnten fünf Kinder weggebracht werden. Älteren Mädchen gelang die Flucht. Alle anderen holten ihre Rucksäcke, die seit einem Jahr gepackt waren.

Durchgangslager Westerbork, das Innere einer Baracke. Aquarell von Otto Birmann (1899 in Wien geboren, floh 1939 über Belgien in die Niederlande, kam am 2. April 1943 nach Westerbork, er überlebte).
Foto: Herinneringscentrum Kamp Westerbork

Zwei junge jüdische Männer vom Ordnungsdienst in Westerbork sorgten dafür, dass Bettzeug und Kleidung eingepackt wurde. Gegen halb elf war alles bereit. Die Liste der Mädchen und Betreuerinnen für den Transport wurde fertiggestellt. In zwei Überfallwagen wurden alle weggefahren. Viele Menschen standen auf der Straße und weinten. Der Bäcker, der treue Freund des Hauses, stand vor seiner Tür, und die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Am Verladebahnhof Panamakade wurden alle in einen Zug gestopft. Noch vier andere Kinderhäuser wurden an diesem Mittwoch geräumt. Weil der Zug nicht bewacht war, konnten weitere Kinder entkommen. Abends um 8 Uhr fuhr der Zug ab. Es fuhren mit: 63 Kinder und sieben Personen vom Personal des Waisenhauses Rapenburgerstraat. Die 66 Jahre alte Direktorin gehörte dazu. Am Morgen waren noch 103 Kinder im Waisenhaus gewesen. Mitten in der Nacht: Ankunft in Westerbork. In einer großen Halle wurden die 184 Personen aus dem Zug registriert, darunter Doris Katz.47)

Westerbork. Neuankömmlinge gehen am Bahngleis entlang auf der Lagerstraße zur Aufnahme. Links im Bild das Ende des Zuges. Der Kamin in der Mitte des Lagers gehört zum Kesselhaus, in dem heißes Wasser bereitet wurde.
Foto: Herinneringscentrum Kamp Westerbork

Dann erhielten alle Kaffee und Brote, der Empfang durch die Juden war sehr freundlich. Alle Jungen und Mädchen von 3 bis 18 Jahren und das Personal wurden in eine Baracke gebracht. Dort schliefen schon 100 Frauen in dreistöckigen Betten. Das war in den ersten Stunden des 11. Februar 1943. Am nächsten Morgen durften sie nicht ins Freie. Es stellte sich heraus, dass sie in einer Strafbaracke waren.48) Ein Waschsaal mit vielen Waschbecken und einer Toilette schließt sich an. Die Baracken sind überfüllt, aber jeder hat ein Bett und einen Tischplatz: jeweils zwischen zwei eisernen dreistöckigen Bettgestellen steht ein Holztisch mit zwei Bänken, sodass immer sechs zusammen essen können.

Einmal in der Woche herrscht Totenstille. Am Montag Nachmittag trifft der Zug mit 52 Viehwaggons ein. In der Nacht von Montag auf Dienstag zwischen zwei und drei Uhr morgens erhält der Baracken-Älteste die Namensliste für den Transport. Solange er die Namen vorliest, steht die Stille der Angst greifbar im Raum. Danach hebt ein Jammern und Klagen an, wie Schreie in Todesnot. Außer den kleinen Kindern schläft niemand mehr in dieser Nacht. Manche entzogen sich durch Selbstmord.

Fast 200 Juden sind in Westerbork gestorben. Die übrigen Verdammten packen ihre Sachen. Morgens in der Frühe trotten sie in langen grauen Reihen zum Zug, die meisten mit Koffern, aufgerollten Decken und Rucksäcken bepackt. Jedesmal kommt der Kommandant Albert Konrad Gemmeker (1907–1982) an den Zug. Transportbegleitpersonal in Uniform verriegelt die Waggons. Gegen halb elf stößt die Lokomotive Dampf aus und setzt sich mit schrillen Pfiffen in Bewegung. Der Zug verschwindet hinter einer Kurve.

Durchgangslager Westerbork. Kinder und Jugendliche. Fotograf: Rudolf Werner Breslauer (geboren 4. Juli 1903 in Leipzig, ermordet 28. Februar 1945 in Auschwitz )
Foto: Sammlung Jüdisches Historisches Museum, Amsterdam

 

(Anm.: Rudolf Werner Breslauer war der einzige Fotograph in Westerbork mit offizieller Erlaubnis des Lagerkommandanten Gemmeker. 1938 war er mit Ehefrau Bella und den drei Kindern in die Niederlande geflohen. 1942 wurde die Familie nach Westerbork deportiert. 1943 von dort nach Auschwitz. Bella Breslauer-Weihsmann und die Söhne Stephan und Max Michael genannt Mischa wurden am 21. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Nur Tochter Ursula überlebte. – Auskunft von Anton Kras vom 17.12.2009 und 12.3.2010)

Langsam fängt im Lager das Leben wieder an – und damit auch die irre Hoffnung, dass diese Woche ein Wunder geschehen möge. Der Bahnsteig, die einzige gepflasterte Straße im Lager, wird wieder zum Boulevard von Westerbork.

Man lebt hier von einer Woche zur anderen. Zweimal hat Doris Katz das erlebt: Am Dienstag, dem 16. Februar 1943, verließ ein Transport mit 1.108 Personen Westerbork, darunter 25 Kinder und fünf Fräuleins aus dem Amsterdamer Mädchenwaisenhaus. Die Fahrt ging nach Osten, nach Polen, das wussten alle. Wir wissen heute, dass sie nach zwei Tagen hinterm Bahnhof von Auschwitz an der Rampe für das Konzentrations- und Vernichtungslager endete.

(Die bekannte Rampe in Birkenau wurde erst im Sommer 1944 für die Ungarntransporte in Betrieb genommen.) SS-Männer schlossen die Waggontüren auf. Die Wagen wurden entladen. Alle mussten sich in Fünferreihen aufstellen, die Frauen links, die Männer rechts. Von einem SS-Arzt wurden 200 Männer und 61 Frauen als Arbeitssklaven aussortiert. Sie durchliefen die Aufnahmeprozedur. Mit Pelikan-Wäschetinte wurde jedem eine sechsstellige Häftlingsnummer längs auf den linken Unterarm tätowiert. 847 Menschen wurden zu einem Krematorium im Lager Birkenau gebracht. Wer konnte, ging die zwei Kilometer zu Fuß, die anderen wurden auf Lastwagen gefahren. Voran fuhr ein Sanitätswagen mit Rotem Kreuz. Darin wurde die für diesen Zug benötigte Menge an Dosen mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B transportiert, mit dem hier Menschen „vergast“ wurden.

Am folgenden Dienstag, dem 23. Februar 1943, gingen 1.101 Personen aus Westerbork auf Transport nach Auschwitz. Am 25. Februar wurden auf der Rampe 57 Männer und 30 Frauen selektiert, mit Häftlingsnummer tätowiert. Für mehr war kein Platz im Lager, da die „Sterblichkeitsrate“ zu jener Zeit gering war. 1.014 Menschen wurden sofort vergast und verbrannt.

Manche der Gefangenen hatten keine Illusionen. Andere konnten es selbst in Birkenau neben den Tag und Nacht Flammen und fetten schwarzen Rauch ausstoßenden Schloten nicht begreifen, dass der Geruch von angebranntem Fleisch aus den Krematorien kam, wo die Leichen der in den Gaskammern erstickten Neuankömmlinge verbrannt wurden und die Leichen von im Lager gemordeten Häftlingen. Wer kann sich vorstellen, dass die Straßen im Lager Birkenau mit der Asche der verbrannten Menschen bestreut wurden? Ein Häftlingskommando musste die Aschenwege walzen, damit die SS-Männer auf festen ebenen Wegen zum Einsatz gehen, radeln und fahren konnten. Die lebenden Häftlinge mussten so auf den Wegen die Asche ihrer ermordeten Leidensgefährten mit Füßen treten.

Nach drei Wochen stand in Westerbork der Name von „Dorris Katz“ auf der Transportliste, zusammen mit 1.104 anderen. Laut „Joodsmonument“ waren fünf niederländische Mädchen aus dem Amsterdamer Waisenhaus darunter. Alle wurden, dieses Mal an einem Montag, in 30 Personenwagen dritter Klasse gezwängt.

Der Name von Doris Katz auf Seite 746 der alphabetischen Liste aller aus Westerbork in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager Deportierten.
Abbildung: ITS/ARCH/Westerbork Ordner 5, Seite 29, Stand XX/2009

Für die Begleitmannschaft, „grüne“ Ordnungspolizei, gab es „Polsterklasse“. Der Name von Doris Katz ist genau so falsch geschrieben wie im Michelstädter Anmelderegister am 12. Mai 1931. – Vom 2. März 1943 bis 20. Juli 1943 fuhren 19 Transporte von Westerbork nach Sobibór. Von den 34.313 Transportierten überlebten 18. Bis zum 30. März fuhren sie in Personenzügen. Die Reichsbahn rechnete immer nach dem Tarif für Gruppenreisen ab: vier Pfennig pro Kilometer für Erwachsene, für Kinder unter zehn Jahren die Hälfte. Für Kinder unter vier Jahren war der Transport kostenlos.

„Doris was sent to Sobibór on march 2, 1943 and het was murdered here at 5-3-1943.”49

Ob Doris hoffte, Vater und Mutter zu finden? Vier Jahre und vier Monate hatte sie ihre Eltern nicht mehr gesehen. Wie lange hatte sie nichts mehr von ihnen gehört?

Die Lokomotive pfiff. Die Räder ratterten. Die Fahrt ging an Bremen, Hannover, Berlin, Breslau vorbei. Schon der erste Tag war entsetzlich. In der Enge sind alle gereizt und zanken sich. Wenn jemand zum WC will, muss er über die anderen hinwegklettern. Es stinkt oder es zieht. Nachts kein Licht. Vor Kälte kaum auszuhalten. Am Morgen holen „die Grünen“ die Gestorbenen raus und verstauen sie im Gepäckwagen. An den vielen Bahnhöfen teilen sie Wasser und Brote mit Wurst und Marmelade aus. Auch in der zweiten Nacht schläft niemand. Am dritten Tag endet die Höllenfahrt. Nicht aus den Kleidern gekommen, ungewaschen, nichts Warmes gegessen, steif vom langen unbequemen Sitzen, mussten alle aus dem Zug steigen.

Doris Katz kam achteinhalb Monate nach ihrer Kusine Gertrude Reichhardt (geb. 3. August 1929 in Michelstadt, ermordet 15. Juni 1942 Sobibór) in Sobibór an.

Den Ankömmlingen wurde in einer beruhigenden Ansprache angekündigt, sie würden umgesiedelt. Nach dieser Fahrt ohne Waschgelegenheit dürften sie vor dem Weitertransport duschen. Vorher würden die Haare geschnitten. Kleidung und Wertsachen seien zu deponieren. – Männer und Frauen wurden getrennt, Kinder wurden den Frauen mitgegeben. Die Gruppen mussten sich im Freien ausziehen und ihre Kleider ordnen.

Auf Schamgefühl wurde keine Rücksicht genommen. Immer noch glaubten sie an „Umsiedlung“. Nackt mussten sie zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter – unter den Augen von SS-Männern und „Hilfsfreiwilligen“ – durch den 300 Meter langen „Schlauch“ zu den Duschen gehen. Erst als die Aluminiumtüren von außen verrammelt wurden, ahnten sie wohl, dass die Reise hier endete, dass nun der Tod kam. Mit den kohlenmonoxydhaltigen Abgasen eines Dieselmotors wurden sie getötet.

Der Todeskampf konnte bis zu einer halben Stunde dauern. Die Leichen wurden verbrannt, Knochenreste zermahlen. Die Asche der vergasten und verbrannten Menschen wurde zum Teil in Fässer geschaufelt und von der Lagergärtnerei als Dünger verwendet.

Einzelne wurden bei der Ankunft ausgesucht, um für die SS-Mannschaft und die ukrainischen Hilfstruppen zu arbeiten. Es gab ein Bahnhofskommando, das Gepäck in Empfang nehmen und die Waggons leeren und reinigen musste. In den Sortierbaracken wurde das letzte Hab und Gut der Ermordeten, vor allem die Lebensmittel, nach versteckten Wertsachen durchsucht, Schmuck, Juwelen und Geld. Brauchbare Kleidung wurde für das „Winterhilfswerk“ gepackt. „Brenner“ vernichteten unbrauchbare Kleidung und Papiere der Opfer.

Es gab Arbeit in der Küchenbaracke für Köche und Küchenhilfen. Es wurden Sanitäter, Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Blumengärtner und ein Goldschmied ausgesucht, Frauen für Wäscherei und Näherei. Es gab Friseure für Männer und Frauen ... – Im Dezember 1942 wurden elf junge Frauen vorm Tod bewahrt, sie mussten Socken stricken. – Aus dem ersten Transport von Westerbork mit Doris Katz wurde niemand ausgesucht. Keiner hat überlebt.

Doris Katz war 18 Jahre, vier Monate und drei Tage alt, als sie ermordet wurde.

Etwa 250.000 Juden, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche und Alte wurden zwischen Mai 1942 und Sommer 1943 im Vernichtungslager Sobibór ermordet.

„Es gab eine Zeit, in der hörte man hier überall Schreie, Schüsse, Bellen [...] Nach dem Aufstand haben die Deutschen beschlossen, das Lager zu liquidieren, und zu Beginn des Winters 1943 haben sie kleine drei- bis vierjährige Kiefern angepflanzt, um alle Spuren zu verwischen, erinnerte sich Jan Piwonski vor Claude Lanzmanns Kamera im Dokumentar-Film „Shoa“.

Am Gründonnerstag 1945, dem 29. März, rasselte um die Mittagsstunde der erste amerikanische Panzer auf den – seit dem 20. April 1933 offiziell nach Adolf Hitler benannten – Erbacher Marktplatz. Voran ging ein Mann, der ein Bündel am Stock über der Schulter trug. „Des muss en Judd gewest soin! Der hott e Baskemitz uffkhatte“, glaubt sie heute noch, die sich an diese Szene erinnert, die sie als Mädchen aus der elterlichen Wohnung oben im Schloss gesehen hat. – Tatsächlich kam 1947 ein einziges altes jüdisches Frankfurter Ehepaar aus dem Exil in London nach Erbach, um hier seinen Lebensabend zu verbringen, zu sterben und auf dem Erbacher Friedhof beerdigt zu werden. In Michelstadt kamen einige Söhne von ausgewanderten Juden mit der US-Army, keiner blieb.

In dem Geburtseintrag von Doris Katz im Erbacher Standesamt steht ein zweiter und letzter Randvermerk: Erbach, den 11. Dezember 1950. „Der Vorname ,Sara‘ des vorstehenden Randvermerks wird hiermit gelöscht. Der Standesbeamte“. – Es gibt keinen Randvermerk über den Tod der Doris Katz. Der Hinweis zum Sterberegister ist noch nicht geschrieben. Doris Katz ist im Erbacher Standesamt noch nicht gestorben.

 

Brigitte Diersch ist Oberstudienrätin im Ruhestand und befasst sich als Regionalforscherin mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Quellen und Literatur:

  • H. G. Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner, Auschwitz. Zeugnisse und Berichte. Überarbeitete Neuauflage Frankfurt/Main 1982.
  • Bruno Bettelheim, Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation, München, 4. Aufl. 1990.
  • Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek bei Hamburg 1989.
  • Ruth L. David, Ein Kind unserer Zeit, Frankfurt/Main 1996; 2. Aufl., Wiesbaden 2008.
  • Ruth L David, unter Mitarbeit von Renate Knigge-Tesche, ... im Dunkel so wenig Licht … Briefe meiner Eltern vor ihrer Deportation nach Auschwitz, Wiesbaden 2008.
  • Digitaal Monument Joodse Gemeenschap in Nederland/ Digital Monument to the Jewish Community in the Netherlands.
  • Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Hg. v. Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß, München, 5. Aufl. 2007.
  • Anne Frank, Tagebuch. Fassung von Otto Frank und Mirjam Pressler, Frankfurt/M. 1992.
  • Miep Gies, Meine Zeit mit Anne Frank. Berlin 1989.
  • Geschichte und Schicksale der Juden zu Höchst. Hg v. Gemeindevorstand von Höchst i. Odw., 1985.
  • Alfred Gottwaldt, Diana Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1942. Eine kommentierte Chronologie, Wiesbaden 2005.
  • Reinhard Grünewald, Gegen das Vergessen. Juden in Reichelsheim, Lindenfels 1998.
  • Wilhelm Hartmann, Michelstadt – seine Familien und ihre Häuser Teil I., 2. Aufl., Michelstadt 1993.
  • Ders., Michelstadt – seine Familien und ihre Häuser Teil II, 2. Aufl., Michelstadt 1990.
  • Hilde Katzenmeier, Rudhart Knodt, Stefan Kunz, Ottilie Born-Röhner, Geschichte der Juden in Fränkisch-Crumbach, 1994.
  • Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, München 1974.
  • Bert Kok, Eine gute Adresse. Zuflucht für verfolgte Kinder. Übersetzt von Mirjam Pressler, Reinbek bei Hamburg 1989.
  • Hermann Langbein, Der Auschwitz-Prozess. Eine Dokumentation. 2 Bde, Wien-Frankfurt-Zürich 1965.
  • Ders., Menschen in Auschwitz, Wien 1987.
  • Claude Lanzmann, Shoa, Düsseldorf 1986.
  • Evelien van Leeuwen, Späte Erinnerungen an ein jüdisches Mädchen. Autobiografische Erzählung, Trier 1984, S. 20–25.
  • Willy Lindwer, Anne Frank. Die letzten sieben Monate. Augenzeuginnen berichten, Frankfurt/Main 1990.
  • Novemberpogrom. Die Augenzeugenberichte der Wiener Library, hg. v. Ben Barkow, Raphael Groß, Michael Lenarz, Frankfurt/Main 2008.
  • Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945. Gedenkbuch des Bundesarchivs (Onlineversion wird vierteljährlich aktualisiert).
  • Mirjam Pressler, Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank, Weinheim und Basel 1992.
  • Dies., „Grüße und Küsse an alle.“ Die Geschichte der Familie von Anne Frank, Frankfurt/Main 2009.
  • Jules: Shelvis, Vernichtungslager Sobibór, Hamburg/ Münster 2003.
  • Martin Schmall, Juden in Michelstadt. 5Michelstadt 1995.

Ich danke allen, die mir bei meinen Recherchen immer wieder geholfen haben. Mein besonderer Dank gilt der befristeten Michelstädter Stadtarchivarin Manuela Rhein, die mir alle gewünschten Akten vorlegte, nimmermüde die An- und Abmeldungen durchsuchte, mir wertvolle Anregungen, Hinweise, wichtige Informationen gab. Ich danke Anja Hering (Kreisarchivarin des Odenwaldkreises) für die Begleitung der Arbeit.Ich danke Renate Knigge-Tesche (Hessische Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden), Dr. Susanne Urban (Head of Historical Research beim International Tracing Service in Bad Arolsen) und Michael Lenarz vom Jüdischen Museum der Stadt Frankfurt am Main für kritische Durchsicht der Arbeit. Weiter danke ich allen, die Bilder und Dokumente zur Verfügung stellten, nicht zuletzt Egbert Striller für seine einfühlsamen Illustrationen.

 

Fußnoten

1 Diese Arbeit erschien im November 2009 in „gelurt“. Jahrbuch für Kultur und Geschichte 2010, hg. v. Kreisarchiv des Odenwaldkreises, Erbach 2009, S. 197–217. Sie wurde seitdem überarbeitet, erweitert und bebildert und erscheint hier in gekürzter Fassung.

2 Hinweis von Michael Lenarz, Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt/Main, v. 08.02.2010. – S.Ph.de Vries: Jüdische Riten und Symbole, Wiesbaden 2005, S. 45–53.

3 Martin Schmall, Juden in Michelstadt. 5Michelstadt 1995.

4 Stadtarchiv Michelstadt, Anmeldungen. – Im Schreiben vom 09.06.1948, Beantwortung einer Anfrage aus Tierhaupten nach Familie Katz, hat Bürgermeister Adam Wöber (1896–1963, Bürgermeister von 1946–1954) dieses Anmeldedatum nicht genannt. (Stadtarchiv Michelstadt Abt. XIII, Konv. 2, Fasz. 63); es fehlt auch bei Schmall (wie Anm. 3), S. 55 f.

5 Auf die Geschichte seiner Familie – der Ehefrau Emilie geborene Jonas, aus Düsseldorf/Köln, und der vier in Michelstadt geborenen Kinder Erich, Aenne, Lotte und Gertrude – und die Geschichte seiner beiden Michelstädter Häuser gehe ich in einer weiteren Arbeit ein. In einer Ergänzung der Michelstädter „Judenkartei“ (Stadtarchiv Abt. XIII, Konv. 2, Fasz. 20) wird Otto Reichhardt ein vorehelicher Sohn Hans, geb. am 30.05.1910 (ohne Angabe eines Geburtsortes), zugeschrieben. So auch von Schmall (wie Anm. 3), S. 57. Dies ist falsch. Im Michelstädter Anmelderegister erscheint unter dem 05.01.1932 ein Hans Reichardt, *30.05.1910 in Gunzenhausen, aus Stuttgart kommend, „wohnt bei Eltern“. Im Abmelderegister ist dieser eingetragen unter dem 05. 03. 1932, „wohnt bei Wißmüller, Verwandtschaft, Beruf Schneider“. Laut Auskunft von Werner Mühlhäußer, Stadtarchiv Gunzenhausen, vom 03. und 28.04.2009 war Hans Reichardt der erste Sohn eines evangelischen Schneidermeisters, fünf Geschwister folgten. Er ist demnach 1941 „im Osten“ gefallen. Weder Otto Reichhardt noch Emilie Jonas waren um 1910 in Gunzenhausen gemeldet.

6 Auskunft von Wilfried Schwarz, Stadtarchiv Hattersheim, v. 16.04. und 12.05.2009; vgl. auch Mitgliederliste des Michelstädter Gendarmerie-Meisters Birkenstock, HStA Darmstadt G15 Erbach, L 229, 191.

7 Stadtarchiv Michelstadt Abt. XIV, Konv. 6, Fasz. 28.

8 Ilse Deborah Bick, *Michelstadt 08.06.1915, Ende 1934 mit Eltern und Brüdern nach Darmstadt gezogen, am 21.01.1939 nach Palästina ausgewandert. (G 15 Erbach Q 611 E). Vater Arno Bick, Lehrer an der Michelstädter Stadtschule, war am 01.07.1933 aus dem hessischen Schuldienst entlassen worden (Regierungsblatt 1933, Beilage Nr. 18, S. 170). – Bertha Speyer, *Michelstadt 04.02.1921, 1940 ausgewandert nach Argentinien.

9 Eva Wisten, Gedanken zu einer sehr fernen Vergangenheit. In: Fritz Wisten. Drei Leben für das Theater, hg. v. d. Akademie der Künste. Berlin 1990, S. 40.

10 Die Starkenburger Presse brachte schon am 01.04.1933 Berichte von Geschäfts-Boykotten in Mannheim und Darmstadt und eine Anzeige des „Boykottkomitee Beerfelden“. Stadtarchiv Beerfelden.

11 Hessische Landeszeitung, Gauamtliche Tageszeitung der Nationalsozialistischen Arbeiter-Partei Gau Hessen-Nassau, 11.09.1935.

12 Eine dünne Akte befindet sich im HStA Darmstadt, G 15 Erbach L 282; weitere Informationen in den Büchern: Geschichte und Schicksale der Juden zu Höchst, 1985; von Ruth L. David und Reinhard Grünewald, Juden in Reichelsheim, 1998. Zeitgenössische Zeitungsberichte.

13 Hermann Kahn, seit 1900 Religionslehrer in Höchst, seit 1904 Gesangvereinsdirigent; drei Töchter aus der ersten Ehe, alle verheiratet, konnten in die USA auswandern.

14 Gemeindearchiv Höchst Z. 01/52 Brief von Gertrud Bertenthal geb. Kahn vom 17.05.1988 an Erwin Hofferberth.

15 Straßen(um)benennungen gehörten bis dahin zu den Aufgaben des Gemeinderates. Über diese Umbenennung liegt kein offizieller Beschluss im Stadtarchiv vor, wohl aber für Benennung der „Straße vor dem Bahnhof“ in „Bahnhofstraße“ am 22.04.1938. – Stadtarchiv Michelstadt Abt. XV, Konv. 29, Fasz. 3, S. 263.

16 HStA Darmstadt G15 Erbach J 447.

17 Auskunft von Christiane Schiedt, Einwohnermeldeamt Wolfhagen, v. 10.02.2010.

18 Stadtarchiv Michelstadt Abt. XIII, Konv. 2, Fasz. 54, Bl. 3.

19 Stadtarchiv Michelstadt Abt. XIII, Konv. 2, Fasz. 54, Bl. 2.

20 Über die wahren Mörder s. Wolfgang Stapp zur Höchster Blutnacht, in: „gelurt“ 2009, S. 97 ff.

21 Novemberpogrom 1938. S. 922, 686.

22 Auskunft v. Michael Lenarz, Jüdisches Museum Frankfurt/Main.

23 Auskünfte v. Sabine Stein, Archiv der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau – Dora, Dezember 2008.

24 Auskünfte Michael Ullrich, ITS (Internationaler Suchdienst Bad Arolsen), Januar 2009.

25 Stadtarchiv Michelstadt, Abt. XIII, Konv. 2, Fasz. 7.

26 Ebd., Fasz. 54, Bl. 9.

27 Die Familie Oppenheimer war Ziel des Novemberpogroms in Fränkisch-Crumbach. Margarethe Oppenheimer (geb. 08.05.1892) nützte ihr Zeugnis der Pädagogischen Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen nichts mehr. Es nützte ihr nichts mehr, dass die NSDAP-Kreisleitung keine Bedenken wegen ihrer politischen Zuverlässigkeit gehabt und der Lehrerlaubnis für die Bezirksschule zugestimmt hatte. Ihr Mann Moritz Oppenheimer (geb. 14.11.1878) und der älteste Sohn Ernst (geb. 12.07.1915) gehörten zu den „Aktionsjuden“, die ins Konzentrationslager Buchenwald verbracht wurden. Dem Zweitältesten, Werner (geb. 07.06.1917), war im Mai 1938 endlich die Ausreise nach Argentinien gelungen. Ernst Oppenheimer, Buchenwaldhäftling Nr. 24271, wurde schon am 24. November entlassen, weil er bereits ein Ausreisevisum für die USA besaß. Moritz Oppenheimer, Buchenwaldhäftling Nr. 24237, wurde am 5. Dezember entlassen. (Auskunft von Michael Ullrich, ITS, v. 14.10.2009). Margarethe Oppenheimer meldete sich mit Ehemann und den kleinen Kindern am 22.02.1939 von Fränkisch-Crumbach nach Mannheim ab. Sie leitete dort das Städtische Jüdische Waisenhaus für Jungen in R 7, 24, wo sie auch mit ihrer  Familie wohnen konnte. Die gerade zehn Jahre alte Ruth wurde im Juni 1939 gegen ihren Willen in den Zug nach Frankfurt gesetzt und von dort mit einem „Kindertransport“ nach England in Sicherheit gebracht. Die vier Jahre ältere Hannah folgte im August, kurz vor dem Angriff der Deutschen Wehrmacht auf Polen, der zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde.

28 Für die Übersendung der Kopien danke ich Frau Ruth L. David geb. Oppenheimer, sowie Renate Knigge-Tesche von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Wiesbaden. Über die wundersame Rettung der Briefe, vgl. Ruth L. David, ... im Dunkel so wenig Licht ... , S. 30. Die Postkarten sind in der originalen Schreibweise abgedruckt.

29 Im Laufe des Jahres 1939 wurden einige Flüchtlingsauffanglager in den Niederlanden geschlossen, weil man sie für die Mobilisierung der niederländischen Armee brauchte. Dafür wurden neue „Empfangszentren für Flüchtlinge“ zur Verfügung gestellt, in Rotterdam das Achterklooster.

30 Für die Herbstferien 1935 ist der Aufenthalt von zehn Kindern der jüdischen Bezirksschule Höchst in Darmstadt von Rosh ha-Schana bis Jom Kippur aktenkundig. HStD G 15 Erbach L 282, 11. – „In den Unterlagen zur Volkszählung vom 17.05.1939 finde ich: Freudenberger, Edith, geb. 03.09.1922 in Darmstadt, damals wohnhaft Darmstadt, Grafenstraße 13.“ Auskunft von Michael Lenarz, Jüdisches Museum Frankfurt/Main, vom 24.09.2009. – Dina Meyer *20.10.1916 in Reichelsheim, wohnhaft Krautweg 5, 15.11.1939 New York, s. Grünewald, S. 270.

31 Max Meier, gen. Meinhold Kahn, geboren am 23.02.1928 in Höchst, war der Sohn von Lehrer Hermann Kahn aus der zweiten Ehe mit Recha geb. Stern.

32 Nach Auskunft von Ruth L. David (Sept. 2009) gibt es weder einen Brief von Lina Katz an Oppenheimers, noch gibt es Briefe von Doris Katz an Hannah Oppenheimer.

33 Brief von Ruth L. David v. 14.09.2009 und Erwin Hofferberth, Hermann Kahn ein Höchster Bürger, in: Odenwald-Heimat 1988, Nr. 5, S. 19 f.

34 Auskunft Michael Ullrich, ITS, v. 05.10.2009 und Michael Lenarz, Jüdisches Museum Frankfurt/Main, v. 23.09.2009.

35 Ruth David, ... im Dunkel so wenig Licht ...,  S. 244.

36 HStD H 14 Reichelsheim F 80/8; Auskunft von Nicolai R. Zimmermann, Bundesarchiv, Referat R1, v. 29.09.2009: „Für einen Umzug nach Frankfurt liegen hier keinerlei Hinweise vor.“ – vgl. Grünewald: Reichelsheimer Juden, S. 188.

37 HHStA Wiesbaden Abt. 519/3 Nr. 31409.

38 Auskunft Michael Moskalenko, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, v. 02.09.2009.

39 Nachdem Buchenwald voll belegt war, wurden Frankfurter auch nach Dachau geschickt. Hinweis von Michael Lenarz am 08.02.2010. – „In den zehn bis fünfzehn Tagen nach dem 9. November wurden über 11.000 Juden nach Dachau gebracht, davon 550 aus Frankfurt/Main – Die Einlieferung der sog. „Aktionsjuden“ erfolgte vom 10.11. bis zum 18.11.1938. In diesem Zeitraum wurden 10.675 Juden nach Dachau gebracht, mit den Häftlingsnummern 19433 –30563 (dazwischen wurden auch einige nichtjüdische Sudetendeutsche eingeliefert, deshalb stimmt die Summe nicht ganz). Vom 19.11.1938 bis 02.01.1939 wurden noch weitere 340 „Nachzügler“ eingeliefert, sodass die Gesamtzahl der sog. „Aktionsjuden“ im KZ Dachau bei 11.018 liegt. Am 16.11. wurden 1.750 Juden aus verschiedenen Städten und Gegenden nach Dachau gebracht. Diese wurden in den Tagen davor in Polizeigefängnissen verwahrt und dann mit Sammeltransporten in Zügen und Lastwagen in die KZs gebracht.“ Auskünfte von Albert Knoll, Archiv der Gedenkstätte Buchenwald, v. 06. und 19.03.2009.

40 Auskunft Michael Ullrich, ITS, v. 03.03.2009.

41 HHStA Wiesbaden P 2681 /08.

42 Stadtarchiv Michelstadt Abt. XIII, Konv. 2, Fasz. 54.

43 Auskunft ITS Arolsen. Dort ist allerdings statt der Anmeldung in Michelstadt 1922 nur die Anmeldung 1928 erfasst. Das muss auf unvollständigen Auskünften aus Michelstadt beruhen. Vgl. Stadtarchiv Michelstadt Abt. XIII, Konv. 2, Fasz. 63.

44 Hanns Albin Rauter (geb. 04.02.1895 Klagenfurt/Österreich), ab Ende Mai 1940 Generalkommissar für das Sicherheitswesen und Höherer SS- und Polizeiführer Nordwest beim Reichskommissar für die besetzten Niederlande, verantwortlich für die Deportation der in die Niederlande geflüchteten und der niederländischen Juden in die Vernichtungslager. Am 25.03.1949 wurde er bei Scheveningen/Niederlande hingerichtet.

45 Bruno Bettelheim, Anne Frank – eine verpaßte Lektion, S. 256.

46 Auskunft ITS: Hausnummer 171, mit Kopie von Deportationsliste belegt. Die Angabe vom Archiv Westerbork, Hausnr. 17, scheint auf einem Übertragungsfehler zu beruhen.

47 Auskunft von Guido Abuys, Herinnerungscentrum Kamp Westerbork, v. 06.03.2009.

48 Lea Appel: Het brood der doden, Baarn 1982, S. 104–110.

49 Auskunft von Guido Abuys v. 06.03.2009.

 


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