Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Notre Combat – Unser Kampf

Ausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Von Christoph Huber

 

 

Die in Paris lebende Künstlerin Linda Ellia machte aus einer französischen Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ ein Kunstwerk. Sie bearbeitete nicht nur selbst Seiten, sondern beteiligte mehrere hundert Menschen – zum Teil zufällig ausgewählt – an ihrem Projekt. Das Ergebnis wurde bisher nur in Genf, San Francisco und Caen gezeigt. Im Rahmen einer Kooperation realisierten das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit die erste Präsentation des Gemeinschaftswerks in Deutschland, die noch bis zum 30. September in Nürnberg zu sehen ist. Sie wurde am 19. Juni unter Beteiligung des französischen Generalkonsuls Emmanuel Cohet und Staatsminister Dr. Markus Söder eröffnet. Der folgende Text basiert auf dem Beitrag der Landeszentrale zur Eröffnung.

Der Literaturwissenschaftler und Philosoph Walter Benjamin verfasste im Frühjahr 1940 im französischen Exil und unter dem Eindruck der ersten militärischen Erfolge des nationalsozialistischen Deutschland seinen letzten theoretischen Text: den thesenartigen Essay „Über den Begriff der Geschichte“. Im bekanntesten Abschnitt daraus deutet er ein Bild Paul Klees – eines von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierten Künstlers – mit dem Titel „Angelus Novus“:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. […]“

Interessant erscheint an dem Wesen, das Walter Benjamin in seiner Deutung entwirft, dass sein Unterschied zu den Menschen durch ein Defizit beschrieben wird. Der Unmöglichkeit, die Toten zu wecken und in der Vergangenheit zu verweilen, stehen auch wir gegenüber. Die Unfähigkeit, in der Geschichte etwas anderes zu sehen als eine einzige Katastrophe, ist dagegen die spezifische Perspektive von Walter Benjamins „Engel der Geschichte“.

Geschrieben im Frühjahr 1940, wenige Monate nach dem militärischen Auftakt zu den maßlosen Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten, erscheint der Blick des Engels jedoch weniger eingeengt als prophetisch. Angesichts der Trümmerhaufen und Leichenberge, mit denen das sogenannte „Dritte Reich“ Europa überzog, stößt eine rationale Erklärung, die eine kausale „Kette von Begebenheiten“  darlegt, an ihre Grenzen. Als nur ein aktuelles Beispiel für diese Grenzen mag das 2011 veröffentlichte Buch von Sönke Neitzel und Harald Welzer über abgehörte Gespräche deutscher Soldaten, die an Massenverbrechen beteiligt waren, dienen.1) Mögen die psychologischen Analysen über ideologische Dispositionen und Referenzrahmen noch so treffend sein: Dass sich junge Männer hier im Plauderton über Exzesse gegenüber der Zivilbevölkerung, über Morde an Frauen und Kindern austauschen, bleibt dennoch etwas nicht bis ins letzte Begreifliches.

Auf noch größere Schwierigkeiten stößt der wissenschaftliche, erklärende Zugang, wenn es um die Opfer geht. Wer vermag die Leiden eines Konzentrationslagerhäftlings aus den Quellen nachträglich zu rekonstruieren, wer vermag sie in sachlichen Worten darzustellen?

Es soll nicht dem Primat des Emotionalen in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus das Wort geredet werden. Die Aufklärung, die Vermittlung von historischen Kenntnissen ist mit Sicherheit die wesentliche Aufgabe der politischen Bildung und auch des Geschichtsunterrichts. Die Kunst – die Literatur wie die bildende Kunst – mit ihren ganz eigenen, freieren Möglichkeiten, Wirklichkeit wiederzugeben und zu reflektieren, bietet jedoch eine wichtige Ergänzung hierzu.

Diese Ergänzung ist deshalb so wichtig, weil die Grenzen der rationalen Erfassbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen auch eine Gefahr bergen: nämlich die der Faszination, die das Böse – trotz der banalen Gestalt, die es im Nationalsozialismus annahm – auszustrahlen vermag. Eine ganze Reihe bedauerlicher Beispiele steht für die Faszination, die gerade die Figur Adolf Hitler beileibe nicht nur bei Rechtsextremisten offensichtlich auslöst: Bestimmte Formen des Obersalzberg-Tourismus vor allem in der Zeit vor der Eröffnung der Dokumentationsstelle oder die Hysterie um die vermeintlichen Tagebücher Hitlers wären hierfür nur zwei Belege.

Auch im Hinblick auf Hitlers „Mein Kampf“ scheinen solche Phänomene eine Rolle zu spielen. Manchmal erscheint das Buch als geradezu magisches Werk, als umgeben mit einem Nimbus des Bösen, der zu seiner Verbreitung im Internet und – möglicherweise – auch zu kommerziellen Interessen beiträgt. Zweifellos spielte „Mein Kampf“ als persönliche Bekenntnisschrift des Diktators an der Spitze des Regimes und als eine Art Referenzpropagandawerk eine besondere Rolle unter den ideologischen Schriften des Nationalsozialismus. Eine dämonische Kraft, die in dem Buch wohnt, muss, wer sich als Demokrat damit auseinandersetzt, jedoch bestimmt nicht fürchten.

Hier liegt das ganz große Verdienst des Werks von Linda Ellia. Es vollbringt mit den Mitteln und der Kraft der Kunst eine Entzauberung, eine in ihrer Konsequenz und Kreativität beeindruckende Desillusionierung von Hitlers Machwerk. Die Stärke ihres Ansatzes liegt in der Entscheidung, dieses Vorhaben gemeinsam mit vielen Menschen umzusetzen – mit Künstlern, mit Überlebenden, mit Kindern, mit zufällig aus der Gesellschaft herausgegriffenen Menschen aus verschiedenen Ländern. Es ist ein Missverständnis, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus von der politischen Bildung erst angestoßen werden muss – diese Auseinandersetzung ist da; die Vergangenheit bewegt viele Menschen. Linda Ellia gibt dieser Auseinandersetzung Raum: Sie sammelt Eindrücke, Gedanken und Gefühle und bietet ihnen ein Forum, sich in Form der Kunst auszudrücken. So wird Hitlers Monolog des Hasses zur Grundlage eines Gemeinschaftswerks, das Menschen der Gegenwart in dem Bemühen verbindet, die Vergangenheit zu erfassen.

Hier liegt die Chance, die die Ausstellung für die politische Bildung und für die Schule bietet. Auch Schülerinnen und Schüler verfügen bereits vor der Befassung im Unterricht über Vorstellungen, Bilder und Werthaltungen zum Nationalsozialismus, die man nicht ignorieren darf. Die Ausstellung „Notre Combat“ lädt ein zur Selbstbefragung: Was bedeutet für mich die Beschäftigung mit diesem Thema? Wie würde ich meine Gedanken dazu ausdrücken?

 

Christoph Huber ist Mitarbeiter in der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

 

1 Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfut a. M. 2011.


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 01.10.2012 11:01