Die Weimarer Republik
Band III

Michael Ruck
Wirtschaft und Arbeitsgesellschaft
im Zeichen der Großen Krise

Inhaltsverzeichnis

Michael Ruck

Einführung

Chronik

Wirtschaftskatastrophe und
Zusammenbruch des Arbeitsmarktes

Destabilisierung von Gesellschaft
und Arbeitnehmerschaft

Die Angestellten

Gewerkschaftliche Interessenpolitik
im Schatten der Massenarbeitslosigkeit

Arbeitskonflikte im Zeichen von
Massenarbeitslosigkeit und Tolerierungspolitik

Arbeitszeitverkürzung und Arbeitsbeschaffung
als Instrumente der Krisenbewältigung?

Sozialpolitische Konflikte

Zerfall des tripartistischen Korporatismus

Eine autoritär-korporatistische Lösung
der Staats- und Wirtschaftskrise?

Literatur

Dokumente:

Dok. 1 "Aufstieg oder Niedergang" - sozial-
und wirtschaftspolitische Denkschrift des
Reichsverbands der deutschen Industrie (Dezember 1929)

Dok. 2 Die Freien Gewerkschaften zur
"Katastrophenpolitik" der Unternehmer (Dezember 1929)

Dok. 3 Theodor Leipart, Gewerkschaften
und Rationalisierung (März 1931)

Dok. 4 Georg Beyer, Arbeitslosenprobleme
und Gewerkschaften (Februar 1932)

Dok. 5 Fritz Tarnow, Arbeit schaffen! (Februar 1932)



 


Einführung


Während der Revolution 1918/19 hatte sich die sozialdemokratische Arbeiterbewegung allen Forderungen verschlossen, den Privatkapitalismus durch ein sozialistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu ersetzen. Im Gegenzug akzeptierten Unternehmer und bürgerliche Parteien die sozialstaatliche Ausgestaltung der demokratischen Republik. Seinen Niederschlag fand dieser "Weimarer Sozialstaatskompromiss" praktisch in den sozialpolitischen Reformen der ersten Monate nach dem Novemberumsturz- darunter vor allem die Arbeitszeitbegrenzung und die staatliche Erwerbslosenfürsorge - und normativ durch die Artikel 151 bis 165 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919. Darin wurde auch jenes Zentralarbeitsgemeinschaftsabkommen nochmals staatlich sanktioniert, mit dem die Arbeitgeber die Gewerkschaften im November 1918 als Partner des kollektiven Interessenausgleichs auf paritätischer Grundlage anerkannt hatten.
Seit 1920 geriet das Weimarer System des tripartistischen Korporatismus, also des zentral organisierten Interessenausgleichs zwischen Unternehmern, Gewerkschaften und Staat, in eine Krise, und am Ende der Hyperinflation 1923/24 stand es vor dem Zusammenbruch. Doch die bürgerlichen Mitte-Rechts-Regierungen mochten die Gewerkschaften als sozialen und politischen Ordnungsfaktor keinesfalls missen. So wurden die Arbeitnehmerorganisationen von ihnen als Widerpart der Unternehmer gestützt. Dies geschah in erster Linie mit Hilfe der Schlichtungsverordnung vom 30. Oktober 1923. Grundsätzlich wurde darin der freien Einigung der Arbeitsmarktparteien Vorrang zugemessen. Zugleich räumte sich der Staat jedoch das Recht ein, in Streitfällen von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung maßgebenden Einfluss auf die Tarifvereinbarungen zu nehmen. Über die von ihm bestellten und instruierten Bezirksschlichter und durch die Möglichkeit, deren Schiedssprüche in bestimmten Fällen auch gegen der erklärten Willen beider Kontrahenten für rechtswirksam (.allgemeinverbindlich" und "unabdingbar") zu erklären, besaß der Reichsarbeitsminister sehr weitreichende Interventionsvollmachten im Bereich der Tarifautonomie.
Ressortchef Heinrich Brauns (Zentrum) und seine Schlichter beschieden sich in den Tarifkonflikten der Jahre 1924 bis 1928 nicht mit der Rolle eines Nothelfers. Vielmehr nahmen sie gezielten Einfluss auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen in der deutschen Wirtschaft. An der staatlichen "Zwangsschlichtung" entzündeten sich daher in den folgenden Jahren heftige Kontroversen zwischen den Arbeitsmarktparteien und auf politischer Ebene. Zugleich wurde der Ausbau des Weimarer Sozialstaats vorangetrieben. Das Kernstück dieses Programms, die 1927 neuerrichtete Arbeitslosenversicherung, stärkte die Position der Gewerkschaften ein weiteres Mal. Minderte sie doch jenen Druck, welcher von einer "industriellen Reservearmee" der Erwerbslosen auf die gewerkschaftliche Vertretungsmacht ausging.

Die vielfältige staatliche Abstützung der Gewerkschaften im Weimarer System des tripartistischen Korporatismus führte zu einer tiefgreifenden Politisierung der Arbeitsbeziehungen. Die Unternehmer waren immer weniger gewillt, für "politische Löhne" und sozialpolitische Folgelasten aufzukommen. Schon am Vorabend der Weltwirtschaftskrise gab der Ruhreisenstreit Ende 1928 einen Vorgeschmack auf jene offensive Strategie, mit der maßgebliche Kräfte im Unternehmerlager - politisch kaum noch gebremst - die Revision der republikanischen Tarif- und Sozialpolitik seit dem Winter 1929/30 vorantrieben, als ihre Kontrahenten durch die Rückwirkungen der Wirtschafts- und Arbeitsmarktkatastrophe zusehends gelähmt wurden.
Nun trat die grundlegende Schwäche gewerkschaftlicher Politik zwischen 1914 und 1933 zutage: das Vertrauen aller drei Richtungen auf den Staat als vermeintlich neutralen Hüter des Gemeinwohls im politischen und gesellschaftlichen Interessenkonflikt. Die staatsbezogen-gouvernementale Gewerkschaftsideologie hat auch während der Weltwirtschaftskrise verhindert, dass in entscheidenden Momenten die noch vorhandenen Handlungsspielräume eigenständiger Arbeitnehmerpolitik mit der Bereitschaft zum kalkulierten Risiko genutzt wurden. Ferner hat sie die Organisationsleitungen verkennen lassen, dass die Inhaber der Staatsgewalt seit dem Bruch der Großen Koalition im Frühjahr 1930 nicht mehr gewillt waren, den gewerkschaftlichen Anspruch auf eine autonome, paritätische Vertretung der Arbeitnehmerbelange zu unterstützen.. Die Selbstgleichschaltung und die staatliche Zerschlagung der deutschen Gewerkschaften setzten im Frühjahr 1933 den Schlusspunkt unter diese Entwicklung.



[Inhaltsverzeichnis]

Chronik


25. Oktober 1929
Börsenkrach in den USA ("Schwarzer Freitag"); Beginn der Weltwirtschaftskrise

Dezember 1929
Denkschrift "Aufstieg oder Niedergang" des Reichsversbandes der Deutschen Industrie (RDI); Gegenerklärung "Keine Katastrophenpolitik" der freigewerkschaftlichen Dachverbände

27. März 1930
Rücktritt des Kabinetts der Großen Koalition unter Reichskanzler Hermann Müller (SPD); Bildung des ersten Präsidialkabinetts unter Reichskanzler Brüning (Zentrum)

16. Juli 1930
Reichstagsauflösung nach Aufhebung der Notverordnung zur "Sicherung von Wirtschaft und Finanzen"

12./13. Oktober 1930
Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (.DGB) propagiert die 40-Stunden-Woche als Instrument zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit

1. Dezember 1930
Serie von Notverordnungen zur Durchsetzung der "Deflationspolitik"

8. Dezember 1931
(Kürzung öffentlicher Ausgaben, Preis- und vor allem Lohnsenkungen)

20. Juni 1931
Aussetzung sämtlicher Reparations- und Kriegsschuldenzahlungen für ein Jahr durch den Präsidenten der USA ("Hoover-Moratorium")

13./14. Juli 1931
Höhepunkt der deutschen Bankenkrise

Februar 1932
Höchststand der Arbeitslosigkeit in Deutschland (6,128 Millionen)

13. April 1932
"Krisenkongress" des ADGB. Verabschiedung eines Arbeitsbeschaffungsprogramms ("WTB-Plan") zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit

16. Juni-9. Juli 1932
Reparationskonferenz in Lausanne; endgültiger Verzicht auf weitere Reparationszahlungen des Deutschen Reiches

4. September 1932 Notverordnung "zur Belebung der Wirtschaft" demontiert die republikanische Sozialpolitik

Dezember 1932/Januar 1933

Scheitern von Schleichers Versuch, ein autoritäres Regime auf Grundlage einer "Querfront" Reichswehr - Gewerkschaften -"linker" NSDAP-Flügel zu errichten

17. März 1933
"Essener Richtlinien" der Christlichen Gewerkschaften: Bekenntnis zur unpolitischen Interessenvertretung auf ständischer Grundlage im "neuen Staat"

21./29. März 1933
Schreiben des ADGB-Vorsitzenden Leipart an Hitler: Bekenntnis zur unpolitischen Interessenvertretung unabhängig von jeweiliger Staatsform; Angebot loyaler Zusammenarbeit mit Regierung und Unternehmern auf dem Boden der neuen Ordnung

8. April 1933
Selbstgleichschaltung des Deutschen Beamtenbundes (DBB)

1. Mai 1933
"Tag der nationalen Arbeit" unter Beteiligung von Gewerkschaftsfunktionären aller Richtungen als "Fest der Volksgemeinschaft" begangen

2. Mai 1933
gewaltsame NS-Gleichschaltung der Freien Gewerkschaften

3. Mai 1933
Selbstgleichschaltung der nicht-sozialistischen Arbeitnehmerorganisationen



[Inhaltsverzeichnis]

 

Wirtschaftskatastrophe und Zusammenbruch des Arbeitsmarktes


Die Jahre nach dem Ende der Hyperinflation 1922/23 brachten mitnichten jenen kontinuierlichen Wirtschaftsaufschwung, den die landläufige Bezeichnung "Stabilisierungsperiode" nahe legt. So kostete ein schwerer Konjunktureinbruch, die sogenannte "Reinigungskrise", im Winter 1925/26 jedem vierten der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter vorübergehend seinen Arbeitsplatz. Ein weiteres Viertel musste kurzarbeiten. Über das gesamte Jahrfünft 1924/29 hinweg lenkte eine hohe Sockelarbeitslosigkeit den Blick auf strukturelle Schwächen des relativen Wirtschaftsaufschwungs dieser kurzen Phase.' Sie traten in voller Schärfe zutage, als die Weltwirtschaft nach dem New Yorker Börsenkrach vom 25. Oktober 1929 binnen kurzem in eine Wirtschaftsdepression abstürzte. Nun wurde offenbar, wie stark die deutsche Konjunktur von äußeren Impulsen gelebt hatte. Die Erholung der Jahre 1924/25 war - wie das Zwischenhoch von 1927/28 - zuvörderst durch den Zufluss günstiger Auslandsdarlehen, bei gleichzeitiger Aus- und Herabsetzung der deutschen Reparationszahlungen, ermöglicht worden. Die Rezession von 1925/26 hatte nur deshalb so rasch überwunden werden können, weil Großbritannien durch den heimischen Generalstreik über Monate hinweg nicht nur als Weltmarktkonkurrent ausgeschaltet worden, sondern auch auf deutsche Kohle- und Stahlimporteangewiesen war.


Als die Kreditzufuhr seit Mitte 1928 merklich nachließ, weil die Wertpapierspekulation in den USA immer mehr größere Kapitalmengen absorbierte, mehrten sich in Deutschland prompt die Anzeichen für einen Konjunkturabschwung. Und als im Gefolge des "Schwarzen Freitags" (25. Oktober 1929) an der Wall Street massenhaft kurzfristige Auslandsdarlehen gekündigt wurden, brachen der "geliehenen Konjunktur" der späten zwanziger Jahre endgültig die entscheidenden Stützen weg. Alle wirtschaftlichen Indikatoren zeigten von nun an steil nach unten (vgl. Tab. 1). Als schließlich die österreichisch-deutsche Bankenkrise das internationale Finanzsystem im Sommer 1931 vollends kollabieren ließ, schwand jede Hoffnung auf eine baldige Trendwende. Das daraufhin verkündete "Hoover-Moratorium" der deutschen Reparationszahlungen und der interalliierten Schuldendienste vom 20. Juni 1931 brachte nicht die erhoffte Entlastung auf der psychologischen Ebene, zumal es erst nach wochenlangem Hin und Her, gegen den erbitterten Widerstand Frankreichs, in Kraft treten konnte.

(Tabelle 1: Verlauf der Weltwirtschaftskrise in Deutschland (1928=100))

a) Einkommensschwankungen beeinflußen Nachfrage überproportional (Luxusgüter).
b) Einkommensschwankungen beeinflußen Nachfrage unterproportional (Güter des täglichen Bedarfs).
Quelle: Konjunkturstat. Handbuch 1936, S. 52f., 12, 104, 196f.; Stat. Handbuch von Deutschland, S. 472.


Neben den USA wurde Deutschland von der Weltwirtschaftskrise am stärksten gebeutelt. Dafür war keineswegs nur die Ungunst der äußeren Umstände verantwortlich. Die Notverordnungskabinette Heinrich Brünings trugen ihren Teil dazu bei, dass die Krise sich zur Katastrophe auswuchs. Der "angebotsorientierte" Deflationskurs des Reichskanzlers zielte darauf ab, durch die Rückführung der öffentlichen, insbesondere der kommunalen Verschuldung, durch den Abbau von Sozialausgaben und durch die Senkung der Lohnquote ein günstiges Investitionsklima zu erzeugen, um so die inneren Auftriebskräfte der deutschen Gesamtwirtschaft zu beleben. Diese Rechnung ging zumindest mittelfristig nicht auf. Im Gegenteil: der abrupte Wegfall öffentlicher Aufträge und der Rückgang der privaten Konsumnachfrage, die enormen Überkapazitäten in wirtschaftlichen Schlüsselsektoren und die mangelnde Preisflexibilität der weithin kartellierten Wirtschaft hielten die Binnenwirtschaft in einem Teufelskreis von Schrumpfungsimpulsen gefangen, zumal von der darniederliegenden Weltkonjunktur keine Entlastungseffekte zu erwarten waren.
Die Befürworter des Brüningschen Sparkurses nahmen dies alles in Kauf, weil ihre gesamte Politik auf ein einziges Ziel hin ausgerichtet war: die endgültige Beseitigung der vermeintlichen Wurzel allen Übels, der Reparationslast. Dass die organisierte Arbeitnehmerschaft im Zuge dieser Entwicklung an politischer und gewerkschaftlicher Durchsetzungsfähigkeit einbüßte, wurde von ihnen mit Blick auf die angeblich überzogenen Einkommenszuwächse und Sozialtransfers der späten zwanziger Jahre billigend in Kauf genommen.
Unter den "hausgemachten", politisch zu verantwortenden Krisenursachen ragt die unvermittelte Streichung fast aller öffentlichen Subventionen des Massenwohnungsbaus heraus - ein prozyklischer Handstreich, mit dem das erste Kabinett Brüning die niedergehende Konjunktur 1930/31 weiter schwächte, noch bevor der Bankenkrach alle Hoffnungen auf eine baldige Erholung zunichte machte.(2) Solche krisenverschärfenden Maßnahmen hatten eine besonders verheerende Wirkung, weil der deutsche Arbeitsmarkt ohnehin mit strukturellen Hypotheken auf das stärkste belastet war. Zeitgenössischen Schätzungen zufolge sorgte die demographische Entwicklung von 1926 bis 1931 für etwa 0,6 Millionen zusätzliche Nachfrager. Im gleichen Zeitraum ließen rationalisierungsbedingte Produktivitätszuwächse den Arbeitskräftebedarf der Industrie um rund eine Million schrumpfen. Knapp die Hälfte der 3,7 Millionen Erwerbslosen, die 1931 im industriellen Sektor zu verzeichnen waren, ging mithin auf das Konto struktureller Ursachen.(3) Und im Dienstleistungssektor, vor allem im Banken- und Versicherungsgewerbe, hatte seit der Hyperinflation ein drastischer Abbau des aufgeblähten Personalbestandes stattgefunden, wodurch sich die Berufsaussichten der Angestellten nicht minder verdüsterten.
Das Zusammenspiel der strukturellen mit binnen- und außenkonjunkturellen Krisenursachen stürzte den deutschen Arbeitsmarkt innerhalb von zwei Jahren in eine Katastrophe ohnegleichen. Im Winter 1928/29 hatte sich bereits ein knappes Viertel der Gewerkschaftsmitglieder arbeitslos melden müssen. Der Sommer 1929 brachte keine durchgreifende Entlastung, und im März 1930 wurden schon über drei Millionen Erwerbslose gezählt. Auf dem Höhepunkt der Krise standen den 7,6 Millionen Vollbeschäftigten Mitte 1932 ebenso viele Erwerbslose sowie 5,2 Millionen Kurzarbeiter gegenüber.(4) Zwar wichen die Quoten sektoral und regional teilweise erheblich voneinander ab - die überwiegend gewerblich-agrarisch geprägten Länder Süd- und Südwestdeutschlands beispielsweise wurden von der Krise später und in leicht abgemilderter Form erfasst, während die großindustriellen Zentren im Großraum Berlin, in Sachsen und im Ruhrgebiet überproportional betroffen waren (vgl. Tab. 2). Doch stand das ganze Reich im Bann der Wirtschaftskatastrophe, zumal auch die Landwirtschaft in einer tiefen Absatz- und Schuldenkrise steckte. Erst zur Jahreswende 1932/33 zeichnete sich die vage Möglichkeit ab, dass die Talsohle im Laufe der zurückliegenden Monate durchschritten worden sein könnte.
Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass von dem Millionenheer der Erwerbslosen keine kollektiven Protestaktionen gegen die Sparpolitik Brünings ausgingen. Nicht einmal die altvertraute These, die Arbeitslosen hätten zuhauf ihre Stimme für Hitler abgegeben, lässt sich im Lichte der neueren wahlsoziologischen Befunde derart pauschal halten. Eher schon entwickelte sich die KPD zum Auffangbecken eines Teiles jenes Protestpotentials, welches sich im Umkreis der Arbeits- und Wohlfahrtsämter sammelte.(5) Doch die Masse der Arbeitslosen versank in Apathie (vgl. Dok. 4). Maßgeblich dazu bei trug ihre Aufsplitterung in verschiedene Betroffenen-Kategorien. Die komplizierte Organisation des Unterstützungswesens (vgl. Graphik 1) zerlegte die - ganz überwiegend unverschuldete - Massen- und Dauerarbeitslosigkeit in eine Unzahl individueller, wenngleich schematisch ablaufender Prozesse des abgestuften sozialen Abstiegs vom Arbeitsplatzinhaber über den Hauptunterstützungsempfänger bis hin zum "ausgesteuerten" Wohlfahrtserwerbslosen am Boden der Arbeitsgesellschaft. Das Wissen, ein millionenfaches Schicksal zu erleiden, wirkte den demoralisierenden und demobilisierenden Folgen dieses Abstiegs nur unzureichend entgegen.(6)




[Inhaltsverzeichnis]


Destabilisierung von Gesellschaft und Arbeitnehmerschaft


Die Weltwirtschaftskrise erschütterte eine Gesellschaft, die in ihren sozialen Lagen und Einstellungen tief zerklüftet war. Sozialpsychologisch wie materiell fand das spätere Nachkriegsmodell, der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" kaum Entsprechungen in der Lebenswelt der verschiedenen Arbeitnehmergruppen der Zwischenkriegszeit. Die Tragfähigkeit dieses Erklärungsmodells ist mit plausiblen Argumenten - verwiesen sei hier nur auf die klassische Studie von Popitz u. a. über das dichotomische Gesellschaftsbild des bundesrepublikanischen Arbeiters - für die fünfziger Jahre in Frage gestellt worden;(7) um so weniger taugt es zur Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit nach dem Ersten Weltkrieg. Daran ändert auch die schon von Robert Michels getroffene Feststellung nichts, dass erhebliche Teile der Arbeiterschaft von kleinbürgerlichen Anwandlungen nicht frei waren.(8)
Schon die - von Marx so genannte - "Arbeiterklasse an sich" war mehr denn je ein ideelles Konstrukt ohne empirischen Gehalt. Die soziale Wirklichkeit wurde zusehends geprägt durch unterschiedliche Lebenserfahrungen und scharfe Interessengegensätze zwischen Arbeitern und Angestellten, zwischen Arbeitsplatzinhabern und Erwerbslosen verschiedener Unterstützungskategorien, zwischen Industrie- und Landarbeitern, zwischen Gelernten und weniger Qualifizierten, Jungen und Älteren, Frauen und Männern, Allein- und "Doppelverdienern". Und Marx' "Arbeiterklasse für sich", die Arbeiterbewegung? Deren Einheit blieb erst recht ein rituell beschworenes Trugbild. Denn neben den realen Interessenkonflikten sorgten unterschiedliche Wertorientierungen und Lebensstile wie psychologische und politische Gegensätze dafür, dass die Arbeitnehmerschaft ein ähnlich buntscheckiges Bild bot wie die deutsche Gesellschaft insgesamt: ein erheblicher Teil verhielt sich politisch und gewerkschaftlich mehr oder minder apathisch, andere waren dem bunten Spektrum nichtsozialistischer Interessen- und Standesorganisationen zuzurechnen und stimmten entweder für das Zentrum oder die Rechte, in zunehmender Zahl auch für die NSDAP. Lediglich knapp die Hälfte der Handarbeiter und nur eine Minderheit der gesamten Arbeitnehmerschaft bekannten sich durch Mitgliedschaften oder Stimmabgabe zur politischen Linken. Dort standen sich mit Sozialdemokraten und Kommunisten zwei einander entfremdete Arbeiterbewegungen als Repräsentanten unterschiedlicher "sozialmoralischer Milieus" gegenüber. Sowohl im Hinblick auf ihre soziale Basis als auch auf ihre strategischen Zielsetzungen, ihre taktischen Überlegungen und ihre wechselseitigen Wahrnehmungen waren deren Gegensätze kaum mehr überbrückbar.(9)
Die während der Weltwirtschaftskrise fortschreitende Zersplitterung der deutschen Arbeitnehmerschaft hatte ihre Wurzeln nicht zuletzt in jenem tiefgreifenden Wandel der Arbeitserfahrungen, den die technisch-organisatorische Modernisierung des industriellen Produktionsprozesses im vorausgegangenen Jahrzehnt mit sich gebracht hatte. Die beschleunigte Rationalisierung veränderte die Anforderungen an das Qualifikationsprofil der Arbeiter während der zwanziger Jahre in nie gekanntem Tempo.(10) In vielen Fällen bedeutete das durchaus nicht Dequalifizierung. Für einen großen Teil der, männlichen Arbeiter auf den unterschiedlichen Qualifikationsstufen ergaben sich im Gegenteil vergrößerte Chancen, spezielle Fertigkeiten zu erwerben, die ihnen in erheblichem Ausmaß innerbetriebliche Aufstiegsmöglichkeiten eröffneten. Selbst diejenigen Arbeitskräfte, denen die minderqualifizierten Tätigkeiten zu entsprechend niedrigem Lohn zugewiesen wurden, fühlten sich nicht durchweg schlecht bedient. Schließlich hatten die dafür vorzugsweise herangezogenen Frauen im Erwerbsleben kaum Alternativen.(11) Im übrigen verlegte die Industrie entsprechende Fertigungsteile nicht selten gezielt in strukturschwache Regionen, wo der bezahlte Arbeitsplatz an sich schon vor der Weltwirtschaftskrise ein begehrenswertes Ziel war.
Rationalisierung ging also einher mit einer - auf den jeweiligen Betrieb bezogenen Spezialisierung und Abstufung der Handarbeit. Dem entsprach ein zunehmend komplexeres System von Leistungslöhnen. Von deren Durchsetzung gegen den mehr oder minder hartnäckigen Widerstand der Gewerkschaften versprach sich die Unternehmerseite nicht nur direkte Leistungsanreize. Sie suchte damit auch gezielt die Tendenz zur Individualisierung des Arbeitsverhältnisses, mit ihren absehbaren Folgen für die Bereitschaft zur kollektiven Interessenwahrnehmung der Arbeiterschaft auf betrieblicher und vor allem überbetrieblicher Ebene, zu verstärken. Diesen Absichten kamen die entsolidarisierenden Auswirkungen der Massenarbeitslosigkeit seit 1929/30 spürbar entgegen.

Tabelle 2: Arbeitslosigkeit in Regionen 1928, 1932 und 1936
(Arbeitslose je 1000 Einwohner im Jahresdurchschnitt)



Daten für 1928 nicht voll vergleichbar mit den anderen Zahlen, da über Arbeitslose je 100 Arbeitnehmer berechnet.
Quelle:
(Städte) Stat. Handbuch von Deutschland, S. 485
(Regionen) (1932) Stat. Beilage zum RArbBl. 1933, Nr. 7, S. 2 f.


Doch beschränkte sich Rationalisierung im umfassenden Sinne gerade in Deutschland keineswegs auf technisch-organisatorische Verbesserungen des Produktionsablaufs. Im zeitgenössischen Verständnis waren darunter alle Maßnahmen zu verstehen, die darauf gerichtet waren, Störungen des Wirtschaftsprozesses zu beseitigen. Insofern war es kein Zufall, dass die deutsche Großindustrie während der zweiten Hälfte der, zwanziger Jahre parallel zur Rationalisierungsbewegung ihre Anstrengungen, auf dem Feld der betrieblichen Arbeiter- und Sozialpolitik verstärkte. Zum einen um die mit beträchtlichem Aufwand auf die neuen, anspruchsvolleren Arbeitsabläufe hin ausgebildeten Kernbelegschaften zusätzlich an ihr Unternehmen zu binden; zum anderen, um ein konfliktbereites (und damit kostenträchtiges) Klassenbewusstsein - so es denn (noch) vorhanden war - durch betriebspatriotische Einstellungen zu entschärfen. Als Vorbild diente dabei die Organisation der betrieblichen Arbeitsbeziehungen in Nordamerika.
Bezeichnenderweise war es mit Kohle und Stahl gerade jene Branche, in deren Bereich die Produktionsmethoden noch am wenigsten weiterentwickelt wurden, die sich hier am meisten zurückhielt. Stattdessen ließen die Zechenherren und Schwerindustriellen lieber mit mancherlei propagandistischen Bemühungen ihren "Kampf um die Seele" der Arbeiter ausfechten, sofern - sie es nicht vorzogen, ihre Gruben und Hüttenwerke nach herkömmlichem Muster - etwa beim spektakulären Ruhreisenstreit Ende 1928 - mit gezielten Entlassungen und großangelegten Aussperrungen. zu befrieden" .(12)
Diese unterschiedlich angelegten Aktivitäten leisteten einen gewissen Beitrag zur Herausbildung jener verstärkten Betriebsorientierung, deren antigewerkschaftliche Auswirkungen im Laufe der späten zwanziger Jahre von den Arbeitnehmerorganisationen immer häufiger beklagt wurden. Weit mehr Gewicht besaßen jedoch die skizzierten Veränderungen des Arbeitsprozesses und deren Effekte. Unter der Arbeiterschaft der rationalisierten Großindustrie hatte sich schon vor der Depression eine "funktionale Betriebsbindung" zu entwickeln begonnen, welche dann durch die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes in den frühen dreißiger Jahren weiter verfestigt wurde.

 

 


[Inhaltsverzeichnis]


Die Angestellten


Ein charakteristisches Merkmal der deutschen Arbeitsgesellschaft der Zwischenkriegszeit waren die tiefen Gräben zwischen Arbeitern auf der einen sowie Angestellten und Beamten auf der anderen Seite. Materiell begründet war dies nur zum geringen Teil. Die Gehaltsenqueten der verschiedenen Angestelltenverbände führten Anfang der dreißiger Jahre allesamt zu dem gleichen Ergebnis:

"Angestellten- und Arbeitereinkommen [gehen] nicht soweit auseinander, dass ihnen eine sehr viel bessere Lebensführung offen stünde und bereits dadurch die Zugehörigkeit zu einer anderen sozialen Schicht begründet würde. . .. Die Besserstellung der Beamten [Ende der zwanziger Jahre; M.R.] hat ... zu kurze Zeit gedauert, als dass soziale Gemeinsamkeiten durch sie zum Verschwinden gebracht wären."(13)

Unbeschadet dessen bestand das Prestigegefälle zwischen den drei Arbeitnehmergruppen weiter. im Arbeitsleben, im privaten Umfeld und auch auf der Organisationsebene. Selbst die sozialistischen Freien Gewerkschaften blieben bis zum Ende der Weimarer Republik entlang den Beschäftigungskategorien gespalten - in "drei Säulen", wie es beschönigend hieß.(14) Das Sein prägte eben doch das Bewusstsein allerdings nicht in dem von Marx und seinen Epigonen angenommenen Sinne. Unterschiedliche Funktionen im Arbeitsprozess, sozialrechtliche Trennungslinien, andersartige soziale Rekrutierungsmuster, Bildungsvoraussetzungen und Ausbildungsgänge, stark voneinander abweichende Lebensstile im Freizeit- und Wohnbereich, unterschiedlich ausgeprägte Aufstiegsorientierungen - alles dies überlagerte jene Tendenzen gesellschaftlicher Angleichung, welche sich mit Blick auf den Abhängigkeitsgrad der Beschäftigung und die Einkommensverhältnisse gar nicht leugnen ließen. In dem Maße, wie der soziale Einebnungsprozess ihnen bewusst wurde, verstärkte sich das Abgrenzungsbedürfnis der Angestellten und Beamten gegenüber der Handarbeiterschaft eher noch. Die unterschiedlichen, nicht selten gegensätzlichen Verhaltensdispositionen auf beiden Seiten wurden so zementiert.(15)
Das rasch wachsende Heer der Angestellten -1931 stand bereits gut jeder zehnte Arbeitnehmer im Angestelltenverhältnis, insgesamt waren es rund vier Millionen - wahrte nicht bloß Distanz zur Arbeiterschaft, es bot auch in sich ein überaus heterogenes Bild. Dies kam in den organisatorisch-politischen Zerklüftungen der deutschen Angestelltenbewegung zum Ausdruck. Bald jeder zweite der 1,35 Millionen Angestellten, die 1931 einem Berufsverband angehörten, war Mitglied des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbands (DHV), und die bürgerlich-liberalen Organisationen kamen immerhin auf 24,1 Prozent. Der freigewerkschaftliche Allgemeine freie Angestelltenbund (AfA-Bund) hatte demgegenüber nur noch 32,1 Prozent der organisierten Angestelltenschaft gewinnen können.(16) Sarkastisch kommentierte ein zeitgenössischer Beobachter:(17)
"Der extreme Fürsprecher mittelständischen Verhaltens ist der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband mitsamt den ihm verwandten Organisationen. Dass seine ideologische Einstellung sowohl den ökonomischen Zuständen im allgemeinen wie seinen eigenen Operationen auf dem Gebiet der Tarifverhandlungen etwa fortwährend widerstreitet, macht ihm nicht allzu viel aus; denn die Zwischenschichten sind Masse genug, um über der Befriedigung ihrer Instinkte Unstimmigkeiten schnell zu vergessen. . . . Der Verband fasst sich selbst als eine Art von Gilde auf, die, von der Absicht geleitet, nur die Elite zu vereinigen, unter den Angestelltenkategorien ihre Auswahl trifft. Das übrige ist. . . gewissermaßen Abfall. . . . Die Kehrichtmänner, die den Abfall einsammeln, sind vorwiegend die freigewerkschaftlichen Organisationen; um hier vom Gewerkschaftsbund der Angestellten zu schweigen, der ideologisch zwischen rechts und links den Ausgleich schaffen möchte und sozusagen die Mittelschicht der Mittelschicht verkörpert."
Das Übergewicht des antisemitisch-rechtsextrem beeinflussten DHV hat lange Zeit als Argument für die These gedient, die neuen Mittelschichten seien während der Weltwirtschaftskrise in besonderem Maße den nationalsozialistischen Anfechtungen erlegen. Jüngere Befunde der historischen Wahlsoziologie stützen diese Annahme im wesentlichen nicht. Vielmehr ist die NSDAP als "Volkspartei mit Mittelstandsbauch" (J. W. Falter) identifiziert worden, die mit ihrer rechtspopulistischen Propaganda Wählerzuspruch quer durch die Bevölkerung - einschließlich. erheblicher Teile der Arbeiterschaft und bis hinein in die Oberschichten - zu erzielen vermochte.(18)
Im übrigen stand der AfA-Bund vergleichsweise besser da als sein Gegenstück unter den Beamtenverbänden. Nicht einmal jeder siebente der 1,2 Millionen erfassten Beamten hatte sich Ende 1930 dem Allgemeinen Deutschen Beamtenbund (ADB) angeschlossen; die anderen zählten zum Organisationsbereich des politisch "neutralen", immer weiter nach rechts tendierenden Deutschen Beamtenbundes (DBB).(19) Außerhalb der - anteilsmäßig schrumpfenden - Handarbeiterschaft befand sich die sozialistische Gewerkschaftsbewegung Anfang der dreißiger Jahre in einer deutlichen Außenseiterposition. Ihr eigentliches Rekrutierungsreservoir nach der Inflation, die Fabrikarbeiter, umfasste gerade ein Fünftel der deutschen Erwerbstätigen.(20)



[Inhaltsverzeichnis]

Gewerkschaftliche Interessenpolitik im Schatten der Massenarbeitslosigkeit


Die tiefgreifende gesellschaftliche Zerklüftung der Weimarer Republik erschwerte die Herausbildung einer demokratischen Streitkultur im politischen Raum. Deren Grundlage' hätte ein Konsens darüber sein müssen, dass politische Konflikte auf dem Wege parlamentarischer Kompromisse geregelt werden. Darüber hinaus stand die soziale Spaltung der Arbeitnehmerschaft den durchaus vorhandenen Versuchen entgegen, dem Mitregierungsanspruch der Sozialdemokratie als stärkster republikanischer Kraft ein breiteres, Mitglieder- und Wählerfundament zu verschaffen. Insofern gingen von der gesellschaftlichen Zergliederung auch latent destabilisierende Wirkungen auf das politische System von Weimar aus. Unter dem Druck der Großen Krise gelangten sie in verhängnisvoller Weise zum Durchbruch.
Auf dem Feld der Arbeitsbeziehungen stellten die Rückwirkungen der sozialen Spaltung die gewerkschaftliche Interessenvertretung vor wachsende Probleme. Die Arbeitnehmerorganisationen hatten es versäumt, sich dem gewandelten Selbstverständnis ihrer Klientel inhaltlich wie organisatorisch hinreichend zu öffnen. Noch viel weniger gelang dies allerdings der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) der Kommunisten, deren Anfangserfolge unter den- beschäftigten Arbeitern denn auch rasch wieder verpufften.(21) Das Bedürfnis der Arbeitnehmerschaft nach kollektiver Interessenvertretung war im Zuge der skizzierten Wandlungsprozesse keineswegs generell verlorengegangen; es richtete sich allerdings stärker auf das engere betriebliche Umfeld.


Im Gefolge der Burgfriedenspolitik der Kriegsjahre hatte die damalige Generalkommission der Freien Gewerkschaften gegenüber den weitgehend gelähmten Einzelverbänden sichtlich an Einfluss gewonnen. Im krisengeschüttelten Sozialstaat von Weimar wurde das föderative Element innerhalb der Freien Gewerkschaftsbewegung weiter zurückgedrängt. Ursache und Folge der fortschreitenden Zentralisierung innergewerkschaftlicher Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse war das ausgeprägt staats- und regierungsbezogene Grundverständnis der Spitzenorganisation. Die meisten Partei- und Gewerkschaftsführer sahen in ihren Organisationen ausdrücklich soziale Ordnungsfaktoren. Dieses strukturkonservative Selbstverständnis hat - im Verein mit der vielzitierten Beharrungsfähigkeit der "Gewerkschaftsbeamten" - dazu beigetragen, dass offizielle Gewerkschaftspolitik und tatsächliche Bedürfnisse der eigenen Klientel zunehmend auseinander klafften. In den Jahren der Weltwirtschaftskrise ist diese strukturelle Schwäche der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung voll zur Wirkung gekommen.
Im Anschluss an Michels' "ehernes Gesetz der Oligarchie" und die zeitgenössische "Gewerkschaftsbonzen"-Polemik der extremen Linken und Rechten ist wiederholt kurzschlüssig ein Zusammenhang zwischen organisatorisch-personeller Verkrustung der Arbeitnehmerverbände und (gewerkschafts)politischen Versäumnissen ihrer Führungen hergestellt worden. Ein genauerer Blick auf dieses Leitungspersonal zeigt aber, dass es einen monolithischen Gewerkschaftsapparat gar nicht gegeben hat. Stattdessen gewinnen die unterschiedlichen Funktionärsgenerationen Konturen.(22)
Das gilt in erster Linie für den Verwaltungsstab. Unter den gewählten Vorstandsmitgliedern des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), dem zahlenmäßig bedeutendsten Dachverband der sozialistischen Arbeitergewerkschaften (vgl. Tab. 3), dominierte bis in die Spätphase der Weimarer Republik hinein - wie bei den meisten Einzelverbänden- die Gründergeneration der 1860er Geburtsjahrgänge und ihrer unmittelbaren Nachfolger. Zudem entstammte sie fast durchweg kleineren Berufsverbänden, obwohl deren quantitatives Gewicht stetig abnahm. Bei den Vorstandsangestellten hingegen, deren Zahl sich seit 1918/19 deutlich erhöht hatte, sind vier Gruppen auszumachen, welche sich nicht allein durch die Zugehörigkeit zu je einer Altersklasse, sondern auch hinsichtlich ihrer sozialen Herkunft sowie ihrer Rekrutierungs- und Karrieremuster deutlich voneinander abheben. Die beiden ersten Gruppen der 1850/60er und der 1870er Jahrgänge waren typischerweise Autodidakten, welche den Traditionsflügel im ADGB repräsentierten.
Unter den zwei weiteren Gruppen der Gewerkschaftsangestellten der dritten und vierten Generation(1880/90er und 1900er Jahrgänge) überwog demgegenüber der Anteil derjenigen, die in den frühen zwanziger Jahren unmittelbar aus der Ausbildung für eine Verwaltungstätigkeit oder aus dem Studium in ihre Position gelangt waren. Zum Teil entstammten sie nicht einmal mehr proletarischen Elternhäusern. Das professionelle Selbstverständnis dieser Gruppe wurde. maßgeblich geprägt durch die gesamtgesellschaftlich-politische Verantwortung, welche den Gewerkschaften nach der Revolution 1918/19 zugewachsen war. Bei den Kriegsjahrgängen, aus deren Reihen einige wichtige Funktionäre in Schlüsselstellungen im unmittelbaren Umfeld des langjährigen ADGB-Vorsitzenden Leipart gelangten, war diese Haltung zusätzlich mit einer ausgeprägt nationalen Einstellung unterlegt. Sie bot manchen Berührungspunkt zur "Frontkämpfer"-Ideologie der bürgerlichen Rechten.
Bei aller Kritik an der "Gerontokratie" im ADGB - in dieser Hinsicht waren die jungen Zuarbeiter mit den einstmaligen Burgfriedensstrategen in der Chefetage durchaus einig. Im übrigen besaßen sie in zentralen Sachfragen großen Einfluss auf die gewählten Vorstandsmitglieder. So vermochten diese Ratgeber der Politik der freigewerkschaftlichen Repräsentanz im politischen Raum vor allem auf den Feldern Reparationen, Schlichtung, Arbeitszeit und Tolerierung Brünings eine etatistische Wendung zu geben, welche 1932/33 nahezu bruchlos in die Anpassung und Selbstaufgabe unter Papen, Schleicher und Hitler mündete. Wurde doch kaum einer von ihnen in seinem nationalen Enthusiasmus durch das erfahrungsgeleitete Bewusstsein gebremst, dass der Volksstaat von Weimar in mancherlei Hinsicht noch Merkmale eines Klassenstaates aufwies, dem gegenüber die Wahrung eines Kernbestandes an gewerkschaftlicher Autonomie ein Gebot der Selbsterhaltung war. Die älteren Verfechter der freigewerkschaftlichen Integrationspolitik hatten diesen Umstand im Gegensatz zu den jüngeren Experten niemals ganz aus den Augen verloren. Auf der anderen Seite konnte die gewerkschaftliche "Basis" der Mitglieder und ehrenamtlich Aktiven allein schon deshalb kein Korrektiv sein, weil ihr Einfluss auf die innenorganisatorischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse im Zuge der fortschreitenden Professionalisierung immer mehr an Bedeutung verloren hatte. Das Hauptproblem war jedoch, dass die selbstbewussten ADGB-"Profis" in ihrer einseitigen Fixierung auf den Staat offenkundig nicht in der Lage waren, ihrem eigenen Repräsentationsanspruch zu genügen und die Interessen der Arbeitnehmer angemessen zu artikulieren.
Allerdings darf das realpolitische Gewicht des ADGB gegenüber den Einzelgewerkschaften nicht überschätzt werden. Gewiss fiel den Dachverbänden im Weimarer System des tripartistischen Korporatismus(23) die öffentlichkeitswirksame Rolle des ideellen Gesamtarbeitnehmers zu. Die Loyalitäten der Arbeiterschaft und der Gewerkschaftsmitglieder indessen blieben auf ihre jeweiligen Fachverbände hin ausgerichtet, denen die unmittelbare Interessendurchsetzung auf dem zentralen Feld der Lohn- und Tarifpolitik oblag. Gerade die großen Industriegewerkschaften der Metall-, Bau- oder Fabrikarbeiter achteten zudem ebenso argwöhnisch wie erfolgreich darauf, dass dem ADGB keine nennenswerten Einbrüche in den Kernbereich ihrer autonomen Entscheidungsgewalt gelangen. Unter dem Druck von Weltwirtschaftskrise und Massenerwerbslosigkeit trat die schwelende Repräsentationskrise der Gewerkschaften offen zutage. Die Bereitschaft von Teilen der eigenen Klientel, sich gegen die Deflationspolitik Brünings, Papens und der Unternehmer zur Wehr zu setzen, wurde von den Gewerkschaftsleitungen niemals ernsthaft auf die Probe gestellt. Dem traditionellen Muster defensiver Krisenüberwinterung folgend, steuerten sie unbeirrt ihren Stillhaltekurs und setzten auch dann noch auf den Staat, als der offenkundig vom vermeintlich neutralen Hüter des Gemeinwohls zum Instrument ihrer sozialen und politischen Widersacher umfunktioniert wurde. Damit gaben die Gewerkschaftsstrategen wachsende Teile der Arbeiterschaft populistischen Demagogen führungslos preis - ein Vakuum, das nicht nur von der kommunistischen, sondern auch von der nationalsozialistischen Propaganda mit beträchtlichem Erfolg ausgefüllt wurde.

 

Arbeitskonflikte im Zeichen von Massenarbeitslosigkeit und Tolerierungspolitik


Aller Sorge um die Arbeitslosen zum Trotz, entwickelten sich die Gewerkschaften mehr und mehr zu Interessenvertretungen der "Kernbelegschaften" aus älteren Facharbeitern, die zwar schwere Einbußen auf dem Feld der Lohn- und Arbeitsbedingungen hinnehmen, sich jedoch vergleichsweise wenig Gedanken um ihren Arbeitsplatz machen mussten. Die Anhänger von KPD und RGO hingegen rekrutierten sich überwiegend aus dem riesigen Reservoir der Erwerbslosen. Diese ließen sich ?wir leichter für "spontane" Protestaktionen mobilisieren als die große Mehrzahl der Gewerkschaftsmitglieder; wirkungsvollen Druck auf die Unternehmer indessen übten solche Verzweiflungsakte nicht aus. Zumeist von außen in die Betriebe getragen, brachen diese Streikbewegungen unter dem Druck von Aussperrungen und Interventionen staatlicher "Ordnungskräfte" vor allem auch deshalb zusammen, weil die betroffenen Belegschaften sich dagegen zur Wehr setzten, in aussichtslosen Abwehrkämpfen "verheizt" zu werden. So scheiterten die "wilden" Protestaktionen der Kommunisten gegen den Lohnabbau allesamt(24) - und zwar nicht am "Verrat der opportunistischen Gewerkschaftsbürokratie", sondern in erster Linie an der Massenarbeitslosigkeit, die zu einer fortschreitenden Demoralisierung der Arbeitnehmerschaft insgesamt führte und ihre vielfältige Zersplitterung förderte - ein Prozess, dessen entsolidarisierende Wirkungen allenthalben greifbar waren.(25)
Angesichts der schweren Niederlagen der RGO-Streiks 1930/31 sahen sich die Gewerkschaftsleitungen in ihrer Überzeugung bestärkt, dass man unter den gegebenen Umständen keine Chance habe, die Attacken der Unternehmer kämpferisch zu parieren. Aus dieser Defensivhaltung heraus wurden die bis in den Herbst 1930 hinein teilweise noch vorhandenen Handlungsspielräume wohl nicht konsequent genug genutzt. Allerdings dürfen die entmutigenden Wirkungen der Wirtschaftskatastrophe, deren ganzes Ausmaß den meisten Zeitgenossen erst im Laufe dieses Jahres voll zum Bewusstsein kam, nicht außer acht gelassen werden. Außerdem hatten die Gewerkschaftsverbände nicht nur neuerliche Mitgliederverluste zu beklagen (vgl. Tab. 3), die Massenarbeitslosigkeit riss auch tiefe Löcher in ihre Streikkassen. Einmal mehr wurde deshalb die Parole ausgegeben: Disziplin bewahren und die verbliebenen Kräfte schonen für den vielbeschworenen "Entscheidungskampf" um die elementaren Rechte der Arbeitnehmerschaft. Hemmend auf die Aktions- und Risikobereitschaft hat auch die Sorge der Gewerkschaftsführer gewirkt, der Konkurrenz auf der äußersten Linken könnte es womöglich gelingen, eine Streiklawine loszutreten, die unkontrollierbar in einen Bürgerkrieg abzugleiten drohte. Dieses Trauma hatte sich seit den turbulenten Anfangsjahren der Republik tief in ihr Bewusstsein eingegraben. Überdies wurde von kommunistischer Seite alles Erdenkliche getan, derartigen Befürchtungen Nahrung zu geben. Mit ihrer maßlosen, realitätsentrückten Kampagne gegen die sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführer hat die KPD/RGO wesentlich dazu beigetragen, die lähmende Konfrontation der beiden Arbeiterbewegungen zu verschärfen. Unablässig als "Sozialfaschisten" verteufelt, suchten die geschmähten "Bonzen" in den Gewerkschaftshäusern den Anfängen eines Revolutionierungskurses zu wehren, als deren erste Opfer erklärtermaßen sie selbst auserkoren waren.(26)


Die Urheber der abwartenden Krisenstrategie sind vor allem unter den jüngeren Mitarbeitern der ADGB-Vorstandsmitglieder zu suchen, deren tiefverwurzelte Kommunistenfurcht sie besonders empfänglich für solche Ratschläge machte. Doch auch die meisten Mitglieder billigten den attentistischen Kurs der Organisationsleitungen. Somit trug diese Marschroute auch zur Festigung von innerorganisatorischen Loyalitäten bei - freilich um den hohen Preis der Selbstlähmung nach Unter dem Eindruck der sozialpolitischen Kahlschlagpolitik des neuen Reichskanzlers Papen, befreit von den Fesseln ihrer sozialen Tolerierungspolitik gegenüber dessen Vorgänger Brüning, entschlossen sich die Gewerkschaftsleitungen im Spätsommer 1932, nicht länger tatenlos zuzusehen, wie das Tarifvertragssystem zerstört wurde. Mit ihrer Unterstützung setzten sich in den nachfolgenden Wochen viele Belegschaften erfolgreich gegen weitere Lohnsenkungen zur Wehr. So schlecht war es mithin um die Durchsetzungskraft der Arbeiterschaft zumindest auf betrieblicher Ebene nicht bestellt. Gleichwohl bevorzugten die Gewerkschaftsführer gütliche Einigungen mit der Gegenseite, selbst wenn dafür kleinere Lohneinbußen in Kauf genommen werden mussten. Denn auf diese Weise wurde der Status eines anerkannten Vertragspartners gewahrt, ohne Gefahr zu laufen, die Kontrolle über einmal in Gang gesetzte Streikaktionen zu verlieren. Die spektakulären Vorfälle bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) Anfang November 1932 bestärkten die Organisationsleitungen in ihrer Überzeugung, dass Arbeitskämpfe ein (zu) risikoreiches Mittel gegen die soziale Demontage waren. Nachdem sich bei einer Urabstimmung zwei Drittel der Belegschaft gegen den zuvor ausgehandelten Lohnsenkungskompromiss ausgesprochen hatten, lehnte es der Gesamtverband der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs satzungsgemäß ab, einen Streik auszurufen. Daraufhin setzten die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation (NSBO) und die Kommunistische RGO gemeinsam den "BVG-Streik" in Gang. Der vielbeachtete "wilde" Ausstand brach schon nach fünf Tagen in sich zusammen.(27)




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Arbeitszeitverkürzung und Arbeitsbeschaffung als Instrumente der Krisenbewältigung?


Seit jeher hatten die Gewerkschaften zu den entschiedenen Befürwortern industrieller Produktivitätssteigerungen durch technisch-organisatorische Rationalisierungsmaßnahmen gehört. Neben dem traditionellen Fortschrittsglauben der deutschen Arbeiterbewegung spielte dabei die Orientierung am allseits bewunderten Vorbild Nordamerikas eine Rolle. Vor allem aber waren die Arbeitnehmervertreter überzeugt davon, dass sich nur auf diesem Wege jene Verteilungsspielräume erwirtschaften ließen, derer sie für eine erfolgreiche Lohn- und Tarifpolitik bedurften.(28)
Die rationalisierungsbedingte Sockelarbeitslosigkeit der "Stabilisierungsjahre" tat dieser prinzipiell innovationsfreundlichen Haltung ebensowenig Abbruch wie der rapide Anstieg der Arbeitslosenzahlen seit dem Herbst 1929. Allerdings verstärkten die Gewerkschaften nun ihre Kritik an den Unternehmern: diese hätten mit einer großangelegten "Fehlrationalisierung" und mit ihrer restriktiven Lohnpolitik verhindert, dass von den Produktivitätsfortschritten der zwanziger Jahre nachhaltige Wachstumsimpulse auf die Massenkaufkraft und damit auf die Gesamtwirtschaft ausgegangen seien (vgl. Dok. 3). Unter dem Druck der anhaltenden Arbeitsmarktkatastrophe begann diese Kritik schließlich in generelle Skepsis gegenüber der Logik des Rationalisierungsprozesses umzuschlagen:

"Die Maschine ist zu einem Fluch geworden, dessen Unsegen nur durch völligen Umbau der Wirtschaft behoben werden kann."(29)

In solchen Stoßseufzern äußerte sich weniger ein grundsätzlicher Wandel der gewerkschaftlichen Einstellung zur Rationalisierung. Vielmehr entlud sich darin die ganze Enttäuschung der Arbeitnehmervertreter darüber, dass es ihnen nicht gelungen war, dem Problem der rationalisierungs- und kartellierungsbedingten Überproduktion beziehungsweise Unterkonsumption durch Arbeitszeitverkürzungen und konjunkturbelebende Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen seine Brisanz zu nehmen. Im Oktober 1930 hatte der ADGB das Verlangen nach sofortiger Einführung der 40-Stunden-Woche auf seinem Forderungskatalog zur Krisenbekämpfung ganz oben platziert - ohne großen Erfolg, denn Regierung und Unternehmer spielten nicht mit, und auch die eigene Anhängerschaft reagierte darauf - sofern sie noch in Arbeit stand - ausgesprochen reserviert. Die freigewerkschaftliche Kampagne für ein großangelegtes, kreditfinanziertes Arbeitsbeschaffungsprogramm ("WTB-Plan") scheiterte im Frühjahr 1932 ebenfalls - diesmal an allerlei Bedenken, welche in der SPD gegen das neuartige, aber eben auch inflationsträchtige Konzept erhoben wurden.(30)
Allerdings hinderten keineswegs nur solche "objektiven" Hemmnisse die Organisationsleitungen daran, die noch vorhandenen Spielräume zur Krisenbekämpfung konsequent zu nutzen. Daran wurden sie auch durch eigene Wahrnehmungsraster und Handlungsdispositionen gehindert, die auf eine Ausgrenzung der Erwerbslosen hinausliefen. Schließlich war das strenge Arbeitsethos der kapitalistischen Erwerbsgesellschaft über Generationen hinweg von jenen Facharbeiterschichten nahezu ungebrochen verinnerlicht worden, welche nach wie vor das Rückgrat des sozialistischen Arbeiterbewegungsmilieus und das Rekrutierungsreservoir für hauptamtliche Funktionäre bildeten. Dass sich die Mitgliedschaften durch die Verluste der frühen dreißiger Jahre auf diesen harten Kern" reduzierten, wurde denn auch von den Gewerkschaftsleitungen nicht etwa als Versagen vor ihrem eigenen Anspruch erkannt, als intermediäre Organisationen mit breitem Vertretungsmandat aufzutreten, sondern gleichsam in ein Heilfasten umgedeutet. Der sogenannte Mitglieder-Flugsand", zu dem vor allem auch die abtrünnigen Arbeitslosen gezählt wurden, bot sich aus dieser Sicht als ein orientierungsloses Objekt für ruhigstellende Betreuungsmaßnahmen dar. Dies um so mehr, als die staatstragende "junge Rechte" im ADGB-Apparat dieses Unruhepotential überwiegend links unten" verortete und die Gefahr verkannte, mit ihrer betont nationalen und gouvernementalen Politik - etwa 1932 in der Frage der Mitwirkung am paramilitärisch geprägten "Freiwilligen" Arbeitsdienst(31) - Wasser auf die Mühlen der rechten Feinde der demokratischen Republik und autonomer Interessenorganisationen der Arbeitnehmerschaft zu lenken.

 


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Sozialpolitische Konflikte

Am 27. März 1930 traten Reichskanzler Hermann Müller (SPD) und seine Regierung der Großen Koalition zurück, nachdem die sozialdemokratische Reichstagsfraktion einen Kompromissvorschlag zur Sanierung der Arbeitslosenversicherung abgelehnt hatte. Schon am folgenden Tag bildete Heinrich Brüning eine neue Regierung, die im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen nicht mehr von einer Parlamentsmehrheit getragen wurde. Auftragsgemäß hatte der Zentrumspolitiker ein Präsidialkabinett über den Parteien" zusammengestellt. Er stützte sich dabei ganz auf jene Ausnahmerechte, welche dem Staatsoberhaupt im Notstandsartikel 48 der Weimarer Verfassung zugesprochen wurden. Damit endete nach elfeinhalb Jahren die Ära der parlamentarischen Regierungen im Deutschen Reich.
Den Freien Gewerkschaften ist immer wieder vorgehalten worden, sie hätten die halbautoritäre Wende von 1930 leichtfertig mit herbeigeführt. Dieser Vorwurf geht an den Realitäten der Jahre 1929/30 vorbei. Unzutreffend ist etwa die Behauptung, allein die Gewerkschaftsvertreter in der SPD-Fraktion hätten das ablehnende Votum vom 27. März 1930 erzwungen. Vor allem aber vernachlässigt die These, die Freien Gewerkschaften trügen die Hauptverantwortung für den folgenschweren Sturz der Regierung Müller, den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Gesamtzusammenhang, in den die Fraktionsentscheidung eingebettet war. Denn tatsächlich ging es gar nicht darum, ob nun die marode Arbeitslosenversicherung und der zerrüttete Reichshaushalt mit jenem halben Prozent Beitragserhöhung zu retten waren, das SPD und Freie Gewerkschaften verlangten, oder ob stattdessen drastische Leistungskürzungen vorgenommen werden mussten, wie sie vor allem die DVP befürwortete. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand im Krisenwinter 1929/30 nicht irgendeine sozial- und finanzpolitische Einzelfrage, sondern die "Geschäftsgrundlage" der ersten deutschen Republik: der Weimarer Sozialstaatskompromiß"(32)
Der häufig gehörte Vorwurf, die Freien Gewerkschaften hätten das eng definierte Klasseninteresse ihrer Klientel über ihre staatspolitische Verantwortung gestellt, verkennt diesen Umstand ebenso wie das an Selbstverleugnung grenzende Maß an Loyalität, mit dem ihre Führer die Große Koalition über zwei schwierige Jahre hinweg gestützt hatten - obwohl die KPD und ihre RGO in einem Maße von der Krise zu profitieren schienen, das in den Führungszirkeln von Partei und Gewerkschaften bereits wieder Befürchtungen über eine "Abwanderung der Massen" nach en weckte.(33)
Nach dem für sie erfolgreichen Ausgang des Ruhreisenstreits Ende 1928 hatten die Unternehmerverbände ihre "Soziallast"-Kampagne vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Rezession wieder verstärkt. Zunehmend unterstützt von der veröffentlichten Meinung, forderten sie nun immer unverhohlener die Rückführung der Sozialleistungen auf ein nichtnäher definiertes Mindestniveau. Im Herbst fasste der Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) die Forderungen nach einer durchgreifenden Entlastung der "Wirtschaft" von Lohnkosten, Sozialbeiträgen und Besitzsteuern in einer Denkschrift mit dem bezeichnenden Titel "Aufstieg oder Niedergang?" zusammen (vgl. Dok.1).(34) Unter dem Motto "Kapitalbildung" redete die Industrie darin einer umfassenden Demontage des Weimarer Sozialstaats das Wort. Im Mittelpunkt stand dabei, neben der Arbeitslosenversicherung, "die staatliche Zwangseinwirkung auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen", wie sie über die Verbindlichkeitserklärung von Schiedssprüchen öffentlich bestellter Schlichter in Tarifstreitigkeiten praktiziert wurde. An die Stelle des "sozialen Obrigkeitsstaates", sekundierte die Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (VDA), müsse nun wieder eine Staatsgewalt treten, die "unabhängig über den Parteien" stehe.(35) Auch die Handwerkspresse begann im Herbst 1929 eine Kampagne gegen die wirtschaftszerstörende, kapitalvernichtende und verschwenderische marxistische Wirtschaftspolitik" und gegen drückende Steuer- und Soziallasten".(36)


Unverkennbar bereiteten maßgebende Unternehmerkreise 1929/30 einen Frontalangriff auf die demokratische Republik und ihr sozialpolitisches Inventar vor, in dessen Zentrum die Arbeitnehmerorganisationen standen. Dort zeigte man sich denn auch in höchstem Maße alarmiert (vgl. Dok. 2). Die "Katastrophenpolitik" des unternehmerischen Widerparts musste auf seiten der sozialistischen Mehrheitsgewerkschaften um so ernster genommen werden, als ihm eine gründliche Entmachtung der Arbeitnehmerflügel in den bürgerlichen Parteien, insbesondere in Zentrum und Deutschnationaler Volkspartei (DNVP), vorausgegangen war. Der ohnehin überschätzten Gewerkschaftsachse" zwischen den Mitte-RechtsParteien und der Sozialdemokratie war damit die Basis weitgehend entzogen worden. .
Hinzu kann, dass die christlich-nationalen und freiheitlich-nationalen Minderheitsgewerkschaften nach dem Wahlsieg der SPD und dem ADGB-Kongreß 1928 wieder ein stärkeres Bedürfnis nach ideologischer Abgrenzung von der sozialistischen Konkurrenz erkennen ließen Gleichzeitig konnten die Wirtschaftsverbände ihren politischen Einfluss mit Hilfe der Deutschen Volkspartei (DVP) derart ausbauen, dass der ADGB verbittert über die"Mitregierung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie" klagte.(37) Insbesondere die Freien Gewerkschaften vermochten sich in den sozial-, wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen der Großen Koalition kaum noch wiederzuerkennen.
Vor diesem Hintergrund geriet die Arbeitslosenversicherung ins Zentrum der sozialpolitischen Auseinandersetzungen. Im März 1930 wurden schon über drei Millionen Erwerbslose gezählt. Die Versicherungsbeiträge und -leistungen aber waren nur auf höchstens 500 000 Unterstützungsempfänger kalkuliert, So sprengte die Wirtschaftskrise zunächst die Kassen der Reichsanstalt für Arbeitlosenversicherung und Arbeitsvermittlung, anschließend brachten die fälligen Staatszuschüsse auch den Reichsetat vollends aus dem Gleichgewicht. Nachdem einige halbherzige Sanierungsversuche keine nachhaltige Entspannung gebracht hatten, stand im Frühjahr eine Grundsatzentscheidung über die Zukunft der Arbeitslosenversicherung wie des gesamten Systems der sozialen Sicherung auf der politischen Tagesordnung.
Für die Gewerkschaften besaß die Arbeitslosenversicherung einen Symbolwert, der allenfalls noch mit dem des Achtstundentages in den Anfangsjahren der Republik verglichen werden kann Zum einen galt ihnen die teilweise erfolgte Aufhebung der Mechanismen von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt an sich schon als bedeutender Schritt in Richtung "Wirtschaftsdemokratie". Zum anderen verminderte sich dadurch jener Druck, welcher von der "industriellen Reservearmee" der Erwerbslosen auf die gewerkschaftliche Vertretungsmacht ausging. Nicht zu Unrecht betrachteten sie deshalb die Arbeitslosenversicherung als ein strategisches Bollwerk gegen den Abbruch des Weimarer Sozialstaates, das es unter allen Umständen zu halten galt.
Die Wortführer der Unternehmer sahen das ganz genauso, nur eben aus umgekehrter Perspektive. "Die Reform der Sozialversicherung - eine Schicksalsfrage des deutschen Volkes" - unter dieser bezeichnenden Überschrift hatte die VDA nochmals ihre Argumente zusammengestellt.(38) Wenn der schwelende Grundsatzkonflikt bis ins Frühjahr 1930 hinein nicht zum offenen Austrag kam, so war dies einzig und allein dem gemeinsamen Interesse beider Seiten an der Neuregelung der Reparationsverpflichtungen zu verdanken. Mit der Ratifizierung der Young-PlanGesetze am 12. März 1930 fiel diese letzte Klammer fort. Der längst vorbereitete Eklat ließ nicht lange auf sich warten.
Die halbautoritäre Krisen-"Lösung" vom März 1930 wurde von konservativreaktionären Kräften innerhalb der Mitte-Rechts-Parteien, der Großindustrie und der ostelbischen Agrarier hinter den Kulissen von langer Hand vorbereitet und systematisch ins Werk gesetzt. Solange man sie noch brauchte, um das Reparationsabkommen gegen die extreme Rechte und Linke durchzusetzen, sollte sich die Sozialdemokratie in der Regierungsverantwortung verschleißen. Tatsächlich fanden sich Partei und Freie Gewerkschaften 1928 bis 1930 Mal um Mal bereit, aus staatspolitischem Verantwortungsgefühl heraus unpopuläre Maßnahmen mitzutragen, mit denen die "Umkehr der staatlichen Verteilungspolitik zu Lasten der lohnabhängigen Bevölkerung "(39) eingeleitet wurde. Als dann der Young-Plan unter Dach und Fach war, schraubten die Koalitionspartner ihre sozialpolitischen Revisionsforderungen bewusst so hoch, dass die sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführer, wären sie widerstandslos gefolgt, einen schweren Vertrauensverlust unter ihrer Anhängerschaft hätten befürchten müssen.
Ein schwerer taktischer Fehler indessen war die Aufkündigung der Großen Koalition allemal. Erstens hatten die sozialistischen Partei- und Gewerkschaftsführer für den Fall, dass sich das Zentrum unter dem Einfluss der Christlichen Gewerkschaften im Koalitionsstreit nicht doch noch auf ihre Seite schlagen würde, irrtümlich auf baldige Neuwahlen spekuliert, aus denen man gestärkt hervorzugehen hoffte. Zweitens hatten sie keinerlei präzise Vorstellungen darüber, wie unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise die Interessen der Arbeitnehmerschaft aus der Opposition heraus wirksamer vertreten werden könnten. Im übrigen sahen sich die Freien Gewerkschaften in den folgenden Monaten und Jahren genötigt, unter wachsendem politischen Druck weit größere Zumutungen zu erdulden.

 


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Zerfall des tripartistischen Korporatismus


Im Krisenwinter 1929/30 meldeten die Arbeitgeber gegenüber den Gewerkschaften massive Forderungen nach Lohnkürzungen und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen an. Dort glaubten seit dem unglücklichen Ausgang des Ruhreisenstreits Ende 1928 immer weniger leitende Funktionäre daran, dass man sich dem Versuch, die Kosten der Krise wie die Reparationslasten einseitig auf die Arbeitnehmer abzuwälzen, mit Abwehrstreiks erfolgreich widersetzen könne. Als die Unternehmer Mitte 1930 auf breiter Front die übertariflichen Zulagen strichen, schlug ihnen daher überwiegend kaum mehr als verbaler Widerstand entgegen.
In dieser Situation tatsächlicher, aber auch selbstverordneter Kampfunfähigkeit erreichte den ADGB ein Gesprächsangebot der Gegenseite. Im Mai und Juni 1930 verhandelten mehrere Vorstandsmitglieder des ADGB mit den Spitzen von RDI und VDA über Möglichkeiten, die Wirtschafts- und Finanzkrise gemeinsam zu bewältigen. An eine institutionalisierte Zusammenarbeit nach dem Muster der 1923/24 zusammengebrochenen Zentralarbeitsgemeinschaft (ZAG) dachten die Arbeitgeber dabei ausdrücklich nicht. Ihnen war von vornherein bewusst, dass sich ihre Gesprächspartner darauf schon mit Rücksicht auf die eigene "Basis" keinesfalls einlassen würden. Stattdessen ''sollten die Gewerkschaftsführer für eine gemeinsame Notstandsaktion unter der Schirmherrschaft des Reichspräsidenten gewonnen werden, die Maßnahmen zur Sanierung von Reichshaushalt und Arbeitslosenversicherung sowie zur Wiederankurbelung der Wirtschaft und zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit umfassen sollte.
Unerlässliche Voraussetzung dafür war nach Ansicht der Unternehmer eine "planmäßige Senkung aller Selbstkosten der Produktion"(40) Dies zielte auf Steuern und Sozialabgaben, vor allem aber auf die Löhne. Nicht nur der ADGB, auch die anderen Richtungsgewerkschaften versagten sich diesem Ansinnen kategorisch. Zwar begrüßten sie die Idee einer Gemeinschaftsinitiative der Arbeitsmarktparteien. Über einen Abbau der Löhne wollten sie mit Rücksicht auf die Erhaltung der Massenkaufkraft aber erst reden, wenn die Bemühungen um eine allgemeine Preissenkung greifbare Erfolge erzielt hätten.
Diese Haltung war insofern inkonsequent, als sich die Arbeitnehmerorganisationen gleichzeitig mit der Senkung der übertariflichen Zulagen auf dem Schlichtungswege abfanden. Gleichwohl gab es aus Sicht der Gewerkschaftsführer gute Gründe, auf die Vorschläge der Gegenseite nicht einzugehen. Seit langem vertraten sie ein Konzept der Krisenbewältigung, das im Gegensatz zu den deflationistischen Vorstellungen der Unternehmer vorrangig auf die Erhaltung und Steigerung von Massenkaufkraft und öffentlicher Nachfrage abgestellt war. Ferner mussten sie mit drastischen Vertrauenseinbrüchen bei der eigenen Anhängerschaft rechnen, hätten sie ihre Schutz- und Vertretungsaufgaben durch eine aktive Teilnahme am Lohnabbau "verraten". Das bisherige Verfahren, die Verantwortung für unbefriedigende Tarifabschlüsse auf Arbeitgeber und staatliche Schlichter abzuschieben, erschien ihnen demgegenüber als das kleinere Übel.
Überdies regte sich unter Führung der westdeutschen Schwerindustrie auch im Unternehmerlager alsbald starker Widerstand gegen den geplanten Vorstoß. Angesichts dessen und nach den früher gesammelten Erfahrungen schien keine hinreichende Gewähr dafür gegeben zu sein, dass die einzelnen Arbeitgeberverbände und Unternehmen Vorleistungen bei Lohnkürzungen tatsächlich mit den versprochenen Preissenkungen und- Neueinstellungen honorieren würden. Dies um so weniger, als die DVP unter dem Einfluss der schwerindustriellen Interessenvertreter soeben im Reichstag einen gesetzlichen Lohnabbau beantragt hatte.
Ende Juni 1930 wurden die Verhandlungen ergebnislos abgebrochen. Wenig später scheiterte der von gemäßigten Kräften im Unternehmerlager gleichzeitig betriebene Versuch, die SPD erneut in die Regierungsverantwortung einzubinden. Mit der gezielt provozierten Reichstagsauflösung durchkreuzte Reichskanzler Brüning am 18. Juli 1930 auch auf parlamentarischer Ebene ihre Absicht, die sozialdemokratische Arbeiterbewegung für ein korporatistisches Deflationskartell zu gewinnen. Gleichwohl unternahmen die Spitzenverbände beider Seiten unter dem Eindruck des Erdrutschsieges der NSDAP bei den Septemberwahlen zum Reichstag Ende des Jahres nochmals einen Anlauf. Nach mehreren Verhandlungsrunden einigte man sich im Dezember 1930 auf den Entwurf einer gemeinsamen Erklärung. Darin wurde eine breitangelegte Preisabbauaktion angekündigt, zugleich aber auch die Notwendigkeit betont, "erforderliche Änderungen von Tarifverträgen" - sprich. Lohn- und Gehaltskürzungen - "durch gütliche Vereinbarungen sofort vorzunehmen", ohne die staatlichen Schlichtungsinstanzen zu bemühen.(41)
Wie die beiden anderen Richtungsgewerkschaften setzte sich der ADGB-Vorstand mit Billigung der SPD-Führung dafür ein, in dieser Kernfrage nachzugeben. Dafür konnten seine Sprecher gewichtige Argumente ins Feld führen. Immerhin hatten die Unternehmer in der Frage des Preisabbaus wie auch hinsichtlich der tarifvertraglichen Arbeitszeitverkürzung - ohne Lohnausgleich - durchaus bemerkenswerte Abstriche von ihren bisherigen Positionen hingenommen. Zudem schien die Rückwendung zur Tarifautonomie angesichts der ungünstigen Kräfteverhältnisse die einzige Chance zu sein, den prinzipiellen Gegnern des kollektiven Interessenausgleichs auf paritätischer Basis im Lager der Gegenseite die Hände zu binden. Alle diese Argumente vermochten die Mehrheit der freigewerkschaftlichen Verbandsvorstände Mitte Dezember 1930 nicht, zu überzeugen. Zu groß schien ihnen die Gefahr, der soziale "Burgfriede"(42) werde ihren Anhang scharenweise in die Arme der Kommunisten treiben. Außerdem glaubten sie nicht daran, dass sich die harte Fraktion unter den Arbeitgebern tatsächlich auf gütlichem Wege davon abbringen lassen würde, die Gunst der Krise zur langersehnten "Befreiung von den Tariffesseln"(43) zu nutzen. Diese Befürchtungen und Zweifel waren durchaus stichhaltig. Andererseits begaben sich die Freien Gewerkschaften mit ihrer Verweigerung der letzten Möglichkeit, noch aktiv in das Geschehen einzugreifen. Den Arbeitgebern war mit Kampfmaßnahmen offensichtlich nicht beizukommen. So verschanzte man sich in der Hoffnung hinter der Reichsregierung, mit deren Hilfe noch Schlimmeres verhüten zu können.
Auf dem Feld der Arbeitsbeziehungen haben die Gewerkschaften im Zeichen ihrer sozialen Tolerierungspolitik die insbesondere 1930/31 noch vorhandenen Chancen der kollektiven Abwehr sozialer Demontagemaßnahmen wohl nicht voll ausgeschöpft.(44) Im übrigen konnte kein Zweifel darüber bestehen, dass der Lohnabbau andernfalls von der Reichsregierung erzwungen werden würde - ohne Kompensationen. Staatliche Rückendeckung für die Arbeitnehmerorganisationen durften diese längst nicht mehr erwarten. Im Zuge ihrer "angebotsorientierten" Deflationspolitik schlug sich die Reichsregierung weitgehend auf die Seite der Unternehmer. Hatte sie doch die Verbesserung der privatwirtschaftlichen Investitionsbedingungen durch die Entlastung von Lohnkosten, Sozialbeiträgen und Steuern zum obersten Ziel ihrer Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik erhoben. Ausgerechnet unter der Regie zweier ehemaliger Spitzenrepräsentanten des christlich-nationalen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)(45) wandelte sich die öffentliche Tarifschlichtung nun verstärkt zu einem Instrument staatlich verordneten Lohnabbaus 46 Im Januar 1931 wurde zu diesem Zweck der Einmann-Schiedsspruch - und damit die Zwangsschlichtung - wieder eingeführt. Doch schon in den Monaten zuvor hatten sich die Gewerkschaften wohl oder übel den Kürzungsvorschlägen der Schlichter unterworfen. In ihren Notverordnungen diktierte die Reichsregierung den Arbeitnehmern zusätzliche Einkommenseinbußen, welche durch den begleitenden Preisabbau nicht annähernd aufgewogen wurden. Gleichwohl ging die Kaufkraft der Arbeitseinkommen nicht so drastisch zurück wie andere Wirtschaftsindikatoren (vgl. Tab. 1). Doch in der Tat "[verlor] der relativ günstige Stand des Reallohnes . . . angesichts von rund sechs Millionen Arbeitslosen im Jahre 1932 jegliche positive Bedeutung"(47) zumal mit dem Lohnabbau schmerzhafte Einschnitte in das Netz der sozialen Sicherung einhergingen, unter denen in erster Linie das Heer der Erwerbslosen zu leiden hatte. Vor allem die Arbeitslosenversicherung, der Streitpunkt vom März 1930, wurde 1931/32 Schritt um Schritt demontiert.(48)
Freie Gewerkschaften und SPD begleiteten diese Entwicklung mit schärfster Kritik. Selbst in den christlich-nationalen Arbeitnehmerorganisationen machten viele aus ihrer Verbitterung keinen Hehl. Dagegen jedoch mit einem parlamentarischen Misstrauensvotum vorzugehen, wagte die Sozialdemokratie im Einklang mit den Gewerkschaftsführern nicht. Denn bei etwaigen Neuwahlen war ein weiterer Vormarsch der Nationalsozialisten und ein Kabinett Hitler/Hugenberg zu befürchten - ein Alptraum nicht nur für sozialistische Gewerkschafter.
Neben politisch-taktischen Erwägungen spielte bei der sozialdemokratischen Tolerierungspolitik allerdings auch jenes tiefverwurzelte "Staatsvertrauen"(49) eine Rolle, das durch unfreundliche Maßnahmen der jeweiligen Regierung so schnell nicht zu erschüttern war. Im übrigen achtete Arbeitsminister Adam Stegerwald sorgsam darauf, dass bei allen Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen das Tarifvertragsprinzip formal unbeschädigt blieb. Gleichwohl höhlten die fortgesetzten Eingriffe des Staates die Tarifautonomie und damit auch das Tarifvertragsprinzip aus. Die Folge war ein schleichender Funktionsverlust der Arbeitnehmerorganisationen, der sie weiteren Kredit bei der schwindenden Zahl ihrer Anhänger kostete. Das Gewicht der Gewerkschaften im sozialen und politischen Kräftefeld verminderte sich von 1930 bis 1932 dramatisch.
Am 30. Mai 1932 brach die Tolerierungspolitik der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in sich zusammen. Zwei Jahre lang hatte man geduldet, dass Brünings Notverordnungsregime die parlamentarische Verfassung beugte, den Sozialstaat zurückstutzte und mit seiner Deflationspolitik die Wirtschaftskatastrophe verschärfte. Auf Brüning folgte am 1. Juni 1932 von Papens Kabinett der "nationalen Konzentration". Dessen Programm beschränkte sich auf die Ankündigung: im allgemeinen werde "fortan nach rechts regiert", und im besonderen sei nun "Schluss ... mit der Wirtschaft der Gewerkschaftssekretäre".(50) Am 4. Juni wurde der Reichstag aufgelöst und am 16. Juni das Verbot der nationalsozialistischen SA wieder aufgehoben. Zwei Tage zuvor hatte eine sozialpolitische Kahlschlag-Verordnung ohnegleichen die Arbeitslosenversicherung praktisch beseitigt.


Der ADGB erblickte in diesen Erklärungen und Maßnahmen "eine offene Kampfansage an die deutsche Arbeitnehmerschaft" durch jene "Feinde der Verfassung", welche dem "sozialen deutschen Volksstaat" den Garaus zu machen trachteten.(51) Die Notverordnung vom 14. Juni geißelten alle gewerkschaftlichen Spitzenverbände gemeinsam als "Herausforderung", der man "mit Entschiedenheit" entgegentreten werde.(52) Doch hüteten sie sich, Papen konkrete Gegenmaßnahmen anzudrohen. Vielmehr konnte aus ihren Protestadressen ein kaum verklausuliertes Angebot zur Zusammenarbeit herausgelesen werden. So verlangten' die gewerkschaftlichen Dachverbände "im Geist wahrer Volksgemeinschaft eine sozial gerechte Verteilung unvermeidbarer Lasten".
Der sozialdemokratische Parteivorstand hatte dem neuen Kabinett zu Beginn des Monats noch "schärfste Opposition" angedroht.(53) Davon setzten sich die betont "national" .eingefärbten Gewerkschaftsaufrufe deutlich ab. Gerade jetzt, da die staatlichen Machtmittel nach eigener Einschätzung in die Hände der politischen und sozialen Reaktion gefallen waren, kehrten auch die Freien Gewerkschaften ihre gouvernementalen Traditionen wieder hervor. Dies geschah in dem Bewusstsein, über keinerlei Alternativen zu verfügen. Schon jetzt waren die republikanischen Parteien (beziehungsweise Parteiflügel) praktisch handlungsunfähig, und bei den kommenden Reichstagswahlen würden sie mutmaßlich weiter an Boden verlieren. Die auf der Linken von manchen geforderte Einheitsfront zwischen sozialdemokratischer und kommunistischer Arbeiterbewegung kam für Gewerkschafts- wie Parteiführung, angesichts der hemmungslos republikfeindlichen Propaganda von KPD und GO von vornherein nicht in Betracht.
Die Möglichkeit eines Generalstreiks zogen die sozialistischen Gewerkschaftsführer ebenfalls nicht ernsthaft ins Kalkül. Zu groß erschien das Risiko, dass die verzweifelten Massen, wären sie überhaupt in Bewegung zu bringen, womöglich den radikalen Parolen der extremen Linken folgen würden. Aus dem dann unausweichlichen Bürgerkrieg aber wären wahrscheinlich die Reichswehr, der deutschnationale Stahlhelm und die SA als Sieger hervorgegangen. Zudem überstieg die Zahl der Erwerbslosen und Kurzarbeiter Mitte 1932 deutlich die Zahl der noch Vollbeschäftigten. Es musste befürchtet werden, dass aus dieser gewaltigen "Reservearmee" manch Verzweifelter den Streikenden bei einem Generalausstand in den Rücken fallen würde. Ohnehin war damit zu rechnen, dass die Mehrheit der Beschäftigten sich gar nicht erst aus den Betrieben wagen würde (vgl. Dok. 4). Mit der Notverordnung vom 4.15. September 1932 trieb Papen den sozialen Rückbau der Weimarer Republik auf die Spitze. Hiermit erhielt die Reichsregierung eine Blankovollmacht für die Änderung von sozialpolitischen Gesetzen und Verordnungen ausgestellt. Außerdem wurden die staatlichen Schlichter ermächtigt, auf ministerielle Weisung in wirtschaftlich bedrohten Unternehmen die Unterschreitung der Tariflöhne um bis zu einem Fünftel anzuordnen. Wenn gleichzeitig in bestimmtem Umfang Neueinstellungen vorgenommen wurden, durften die Unternehmen sogar von sich aus die Tariflöhne um bis zu 50 Prozent kürzen. Brüning und Stegerwald hatten darauf geachtet, dass der staatlich verordnete Lohnabbau nach den Regeln des Tarifvertragsrechts vollzogen wurde. Papen nahm darauf keine Rücksicht mehr. Die neuen Interventionsrechte des Staates setzten die Tarifautonomie vollends außer Kraft, und die Unterschreitungsklausel durchlöcherte das Grundprinzip des kollektiven Arbeitsrechts, die Unabdingbarkeit der Tarifabkommen - eine Revision des Weimarer "Sozialstaatskompromisses" vor höchster allgemeinpolitischer Bedeutung (vgl. Dok. 5).
Offenkundig standen die Unternehmer dicht vor dem strategischen Ziel ihrer Kampagne für eine "Lockerung der Tarifverträge": der (1923/24 misslungenen) Ausschaltung der Arbeitnehmerorganisationen als gleichberechtigtem Widerpart
bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen: Dennoch reagierten Freie wie Christliche Gewerkschaften - bei aller Einzelkritik - bemerkenswert zurückhaltend auf diesen jüngsten Schlag Papens. Immerhin war der Reichskanzler ihnen in einem wesentlichen Punkt entgegengekommen: erstmals enthielt sein Verordnungspaket unter anderem auch Arbeitbeschaffungsmaßnahmen. Deren Anlage und Umfang betrachteten die Gewerkschaften zwar als höchst unzureichend, grundsätzlich begrüßten sie jedoch die sich darin abzeichnende Hinwendung zu einer aktiven Konjunktur- und Beschäftigungspolitik des Staates. Selbst das reaktionäre Regime Papens schien nicht gänzlich unzugänglich für die Wünsche und Anregungen der organisierten Arbeiterschaft zu sein. So verzichteten die Gewerkschaftsleitungen auch dieses Mal auf eine offene Kampfansage an das Reichskabinett und verwiesen ihre Anhänger abermals auf die nächste Reichstagswahl. In dieser Haltung bestärkt wurden die Gewerkschaftsführer durch ihre Überzeugung, dass die Wirtschaftskrise über kurz oder lang enden und sich dann eine Normalisierung der sozialen und politischen Verhältnisse anbahnen werde.



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Eine autoritär-korporatistische Lösung der Staats- und Wirtschaftskrise?


Am 3. Dezember übernahm General von Schleicher die Regierungsverantwortung. Schon vor seiner Ernennung hatte die bisherige "graue Eminenz" der deutschen Politik sich um Rückhalt bei den Gewerkschaften bemüht. Schleicher gedachte der von ihm angestrebten Präsidialdiktatur mit einer "Querfront" von Arbeitnehmerorganisationen und "linkem" Flügel der NSDAP jene Massenbasis zu verschaffen, die seinem Vorgänger gefehlt hatte. In der Hitler-Partei hatten die Spannungen nach den Verlusten bei der Reichstagswahl vom November 1932 erkennbar zugenommen, und angesichts der jüngsten Rechtswendung der Gewerkschaften schienen auch dort Ansatzpunkte für eine solche Verständigung gegeben zu sein. Ermutigen mussten Schleicher die betont nationalen Bekenntnisse der verschiedenen Gewerkschaftsrichtungen zu ihrer gesellschaftlichen und politischen Gesamtverantwortung. Zudem grenzte sich die Führungsspitze der Freien Gewerkschaften im Herbst 1932 wiederholt von der Sozialdemokratie ab. Hier deutete sich bereits jene doppelte Umorientierung an, welche die Freien Gewerkschaften nach dem Beginn der NS-Machtergreifung im Frühjahr 1933 unter extremem politischem Druck vollzogen: von einem tragenden Pfeiler der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung hin zu einem ,,neutralen" Interessenverband, vom unbedingten Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie hin zu einer politisch entleerten Loyalität gegenüber dem "Staat an sich".
Nicht nur Reichskanzler Schleicher, auch führende Repräsentanten des Unternehmerlagers entdeckten Ende 1932 die Gewerkschaftsbewegung als möglichen Bündnispartner wieder. Vor allem die Exportindustrie war durch Papens Bereitschaft alarmiert worden, die Außenhandelspolitik einseitig an den Interessen der maroden Großlandwirtschaft auszurichten. Der parallel ins Werk gesetzte Lohn- und Sozialabbau wurde dort überwiegend nicht als hinreichender Ausgleich für entgangene Weltmarktchancen betrachtet. Einer Machtübertragung an Hitler stand man reserviert gegenüber. Denn die Nationalsozialisten galten erst recht als Befürworter einer wirtschaftlichen Autarkiepolitik, und Hitlers Reden von einem "Vierjahresplan" weckten bei manchem Unternehmervertreter ungute Visionen von einer staatlich gelenkten Wirtschaft.
Die Führungen von RDI und Deutschem Industrie- und Handelstag (MM unterstützen daher den Versuch des neuen Reichskanzlers, unter Einbeziehung der organisierten Arbeitnehmerschaft einen Pakt gegen Hitler zu schließen. Obwohl es ihnen dabei in erster Linie um die Abwehr des Staatsinterventionismus ging, ließen sie unter anderem Kompromissbereitschaft in der Frage öffentlicher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erkennen, um der Gegenseite einen Anreiz zu bieten. Ganz war der Gesprächsfaden zwischen den Spitzenverbänden der Arbeitsmarktparteien auch nach dem Scheitern der Verhandlungen von 1930 ohnehin nicht abgerissen. Am 13. Januar 1933 erschienen nun gar der ADGB-Vorsitzende Leipart und der Großindustrielle von Siemens gemeinsam bei Schleicher, offiziell in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Vorläufigen Reichswirtschaftsrates. Dieses wirtschaftsdemokratische Relikt aus den Anfangsjahren der Republik hatte seit fast einem Jahrzehnt ein Schattendasein gefristet. Jetzt entdeckten es die verständigungsbereiten Gewerkschafts- und Unternehmervertreter als ein mögliches Instrument gemeinsamer Einflussnahme wieder. Verlangten doch Leipart und Siemens, dass künftig "nicht mehr alles nur durch die Bürokratie in den Ministerien gemacht" und dass der Reichswirtschaftsrat als die "verfassungsmäßige Instanz" wieder stärker in den wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungsprozeß eingeschaltet werde.
Hier schien sich ein neues Krisenbündnis nach dem Muster der Zentralarbeitsgemeinschaft vom November 1918 anzubahnen. So zumindest argwöhnten die Kommunisten, nachdem die Sondierungsgespräche bekannt geworden waren. Das wiederum veranlasste Leipart, am- 22. Januar vor in Berlinversammelten Betriebsräten die vermeintliche "Neubelebung des Gedankens der Arbeitsgemeinschaft" ebenso abzuleugnen wie die behaupteten "Verhandlungen mit den Faschisten".(54) Im Unternehmerlager formierte sich "ebenfalls starker Widerstand gegen die Annäherung an die Gewerkschaften. An seiner Spitze stand der einflussreiche Schwerindustrielle und langjährige Hitler-Finanzier Thyssen. Bezeichnenderweise wurde auch dort der Verdacht geäußert, die Verbandsoberen gedächten an die "Situation im November 1918" anzuknüpfen.(55) Die schwerindustriellen Verfechter eines harten Kurses wollten nicht auf diese Weise die Gewerkschaften aufwerten. Sie gedachten vielmehr die durch Verfassung und Gesetze der Republik geschützten Errungenschaften der Arbeitnehmer endgültig zu beseitigen, sobald Schleicher das Feld geräumt hatte. Kaum waren in Berlin die Würfel für die Kanzlerschaft Hitlers gefallen, ließ der Ruhrzechenverband denn auch - zum Entsetzen der Bergarbeitergewerkschaften - einen "sozialreaktionäre(n) Peitschenknall"(56) folgen: Mit der Kündigung des Lohn- und des Manteltarifvertrages am 31. Januar 1933 und der Forderung nach einer "Auflockerung" der Lohntarife wurde der "Großangriff" auf das System der Kollektivverträge fortgesetzt, den Papens September-Verordnung eingeläutet hatte. Vor diesem Hintergrund war der, Versuch von Leipart und Siemens, im Februar und März noch einmal ins Gespräch zu kommen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die tonangebenden Kräfte im Unternehmerlager setzten Anfang 1933 auf den Staat der "nationalen Revolution".
Für Schleicher hingegen schien die Idee einer korporatistischen Krisenbewältigung unter autoritären Vorzeichen den einzigen Ausweg aus jener politischen Sackgasse zu öffnen, in der seine Regierung nach dem Scheitern des "Querfront"-Projektes steckte. Bei einem letzten Treffen mit Vertretern des ADGB deutete der Kanzler am 26. Januar 1933 die Möglichkeit an, den Reichstag zwar erneut aufzulösen, die nach der Verfassung fälligen Neuwahlen jedoch bis auf weiteres auszusetzen und zwischenzeitlich mit Unterstützung von Unternehmern und Gewerkschaften weiterzuregieren. Doch seine Gesprächspartner vom ADGB winkten ab. Sie vermochten keinen "Staatsnotstand" zu erkennen, mit dem Schleicher sein Vorgehen rechtfertigen wollte. Die Hitler-Partei schien nach der Schlappe bei den letzten Reichstagswahlen auf dem absteigenden Ast zu sein. Zudem ließen die Konjunkturdaten auf ein allmähliches Abflauen der Wirtschaftskrise hoffen. Im übrigen hätten die gewerkschaftlichen Organisationen einen solchen Kraftakt jenseits der Verfassung schwerlich unbeschadet überstanden. Immerhin hatten die Kommunisten erst am Vortag in Berlin weit über einhunderttausend Demonstranten gegen Schleichers Staatsstreichpläne auf die Beine gebracht, und nicht nur die Führungsgremien der SPD, sondern auch das Zentrum hatten inzwischen schärfsten Protest gegen die geplante Ausschaltung des Parlaments eingelegt.

Doch selbst wenn der ADGB auf Schleichers Ansinnen eingegangen wäre - das Gesetz des politischen Handelns bestimmten längst andere. Unter dem Einfluss seiner "Kamarilla" hatte der Reichspräsident Schleicher bereits fallengelassen. Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 war der entscheidende Schritt von der Agonie der parlamentarischen Republik zur offenen Diktatur. Nur drei Monate später wurde die deutsche Gewerkschaftsbewegung zerschlagen und in die "Deutsche Arbeitsfront" des NS-Staates überführt. (57) An die Stelle frei ausgehandelter Kollektivvereinbarungen der Arbeitsmarktparteien trat nun endgültig die staatliche Zwangsregelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Damit wurde ein gewaltsamer Schlusspunkt unter jene Erosion des Tarifvertragssystems gesetzt, welche von der staatlichen Zwangsschlichtung der zwanziger Jahre über die Brüningschen Notverordnungen bis hin zu Papens Anschlag vom September 1932 vorangeschritten war.
Unter Brüning und seinen Nachfolgern war die freiheitliche, tripartistische Regelung der Arbeitsbeziehungen Weimarer Prägung immer weiter ausgehöhlt worden. Auf politischer Ebene wie auf dem Feld der Arbeitsbeziehungen erlebten die Gewerkschaftsführer nun das vollständige Scheitern ihrer regierungsfixierten Politik. Im Vertrauen auf den Staat als Hüter des "Gemeinwohls" hatten sie immer wieder darauf verzichtet, als (teil)autonome soziale Gegenmacht die Interessen ihrer Klientel zu vertreten. Jetzt mussten sie ohnmächtig mitansehen, wie die NS-Machthaber sie selbst und ihre Organisationen aus der deutschen "Volksgemeinschaft" verstießen. Die meisten Unternehmer hingegen waren Nutznießer dieser Entwicklung. Freilich sahen sie sich in den folgenden Jahren zunehmend dirigistischen Eingriffen des Staates ausgesetzt. Andererseits war der soziale Gegenpol in Gestalt unabhängiger Gewerkschaften dauerhaft ausgeschaltet, und die staatlichen "Treuhänder der Arbeit" entschieden in der Regel arbeitgeberfreundlich. Der Industrie gelang es überdies, ihr Verbandswesen - äußerlich den Strukturen des Führerstaates angepasst - in das "Dritte Reich" herüberzubringen und sich weitgehenden Einfluss auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik zu bewahren.

 


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Anmerkungen


1 K. Armingeon hat die Nachinflationsperiode im vorhergehenden Band dieser Reihe in die längerfristigen Trends der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung - auch über 1929/30 hinaus - eingeordnet; siehe ders., Sozialstruktur, Sozialpolitik, wirtschaftliche Entwicklung und Arbeitsbeziehungen, in: Die Weimarer Republik, Bd. 2: 1924-1930, München 1994, S. 101-158. Die folgenden Darlegungen konzentrieren sich deshalb auf die spezifischen Umstände und Rückwirkungen der Weltwirtschaftskrise
2 M. Ruck, Der Wohnungsbau - Schnittpunkt von Sozial- und Wirtschaftspolitik, in: W. Abelshauser, Die Weimarer Republik als Wohlfahrtsstaat, Stuttgart 1987, S. 91-123; ders., Die öffentliche Wohnungsbaufinanzierung in der Weimarer Republik, in: A. Schildt/A. Sywottek (Hrsg.), Massenwohnung und Eigenheim. Wohnungsbau und Wohnen in der Großstadt seit dem Ersten Weltkrieg, Frankfurt/New York 1988, S. 150-200, hier S. 178-180
3 D. Petzina, Arbeitslosigkeit in der Weimarer Republik, in: W. Abelshauser, Weimarer Republik (Anm. 2), S. 239-259, hier S. 258
4 Detaillierte Angaben bei D. Petzina u. a., Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch, Bd. 3, München 1978, S. 119 ff.; D: Petzina (Anm. 3)
5 H. A. Winkler, Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933, 2. Aufl., Bonn 1990, S. 599f. Zur Resonanz der NSDAP unter den Arbeitslosen siehe H. Prokasky, Haben die Arbeitslosen Hitler an die Macht gebracht? Wahlstatistiken im Geschichtsunterricht, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU) 33 (1982), S. 609-637; J. W. Falter, Politische Konsequenzen von Massenerwerbslosigkeit. Neue Daten zu kontroversen Thesen über die Radikalisierung der Wählerschaft am Ende der Weimarer Republik, in: Politische Vierteljahresschrift (PVS) 25 (1984), S. 275-296
6 Siehe dazu R.-M. Huber-Koller, Gewerkschaften und Arbeitslose. Erfahrungen der Massenerwerbslosigkeit und Aspekte freigewerkschaftlicher Arbeitslosenpolitik in der Endphase der Weimarer Republik, Pfaffenweiler 1992, Bd. 1, S.119 ff.; vgl. H. Homburg, Vom Arbeitslosen zum Zwangsarbeiter. Arbeitslosenpolitik und Fraktionierung der Arbeiterschaft in Deutschland 1930-1933, in: Archiv für Sozialgeschichte (MS) 25 (1985), S. 251-298; C. Brunnen, Arbeitslosigkeit in München 1927 bis 1933, München 1992
7 H. Popitz u. a., Das Gesellschaftsbild des Arbeiters, Tübingen 1957; vgl. K. H. Hörning, Der "neue" Arbeiter, Frankfurt 1971; W. Abelshauser, Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, 4. Aufl., Frankfurt 1987, S. 132 ff.
8 R. Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Reprint der 2. Aufl. von 1925, Stuttgart 1957, S. 275 ff.
9 Zum Milieubegriff siehe M. R. Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur [1966], in: G. A. Ritter (Hrsg.), Die deutschen Parteien vor 1918, Köln 1973, S. 56-80, hier S. 67 ff.
10 Siehe dazu Th. v. Freyberg, Industrielle Rationalisierung in der Weimarer Republik, Frankfurt/New York 1989; H. Homburg, Rationalisierung und Industriearbeit. Arbeitsmarkt - Management - Arbeiterschaft im Siemens-Konzern Berlin 1900-1939, Berlin 1991, S. 255-661
11 Siehe dazu K Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik. Alltagsleben und gesellschaftliches Handeln von Arbeiterfrauen in der Weimarer Republik, Bonn 1990
12 Zum Ruhreisenstreit siehe K Armingeon (Anm. 1), S. 143-146; ferner B. Weissbrod, Schwerindustrie in der Weimarer Republik, Wuppertal 1978, S. 415-456
13 Emma Sträter, Die soziale Stellung der Angestellten, Diss. Bonn 1933, S. 60 u. 62
14 Zur Genese dieser Dreigliederung siehe M. Ruck (Bearb.), Die Gewerkschaften in den Anfangsjahren der Republik 1919-1923. (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Bd. 2), Köln 1985, Einleitung, S. 49-53
15 Vgl. M. Prinz, Vom neuen Mittelstand zum Volksgenossen. Die Entwicklung des sozialen Status der Angestellten von der Weimarer Republik bis zum Ende der NS-Zeit, München 1986, S. 13-91; H. Speier, Die Angestellten vor dem Nationalsozialismus, Göttingen 1977
16 Genaue Zahlenangaben bei M. König, Die Angestellten unterwegs. Vom Berufsstand zur modernen Gewerkschaft 1890-1990, Köln 1990, S. 172 f. Tab. 1 u. 3
17 S. Kracauer, Die Angestellten, 3. Aufl., Allensbach/Bonn 1959, S. 83 f. (zuerst 1930)
18 Siehe etwa J. W. Falter, Arbeiter haben sehr viel häufiger, Angestellte dagegen sehr viel seltener NSDAP gewählt, als wir lange Zeit angenommen haben, in: GG 16 (1990), S. 536-552; ders., Hitlers Wähler, München 1991; vgl. P. Manstein, Die Mitglieder und Wähler der NSDAP 1919-1933, 3. Aufl., Frankfurt u.a.1990. Zur Resonanz der NSDAP auch unter der Arbeiterschaft siehe J. W. Falter/D. Hänisch, Die Anfälligkeit von Arbeitern gegenüber der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1928-1933, in: AfS 26 (1986), 5.179-216; M. Ruck, Bollwerk gegen Hitler? Arbeiterschaft, Arbeiterbewegung und die Anfänge des Nationalsozialismus, Köln 1988
19 Genaue Zahlenangaben bei D. Schütz, Zwischen Standesbewusstsein und gewerkschaftlicher Orientierung. Beamte und ihre Interessenverbände in der Weimarer Republik, Baden-Baden 1992, S. 358 ff., Tab. 2 u. 3
20 Genaue Zahlenangaben bei E. Hertrich, Vom Wandel der Erwerbsmöglichkeiten. Die innere Struktur der Arbeiterschaft, in: W. Ruppert (Hrsg.), Die Arbeiter, München 1986, S. 93-103, hier S. 102
21 Siehe dazu W. Müller, Lohnkampf, Massenstreik, Sowjetmacht. Ziele und Grenzen der "Revolutionären Gewerkschafts-Opposition" (RGO) in Deutschland 1928 bis 1933, Köln 1988
22 Siehe dazu die Kohortenanalyse bei D. Brunner, Bürokratie und Politik des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes 1918/19 bis 1933, Köln 1992, S. 87-225
23 Siehe dazu W. Abelshauser, Freiheitlicher Korporatismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, in: ders. (Hg.), Weimarer Republik (Anm. 2), S. 147-170
24 Siehe dazu W. Müller (Anm. 21), S. 140-150
25 Vgl. etwa Th. Welskopp, Arbeit und Macht im Hüttenwerk. Arbeits- und industrielle Beziehungen in der deutschen und amerikanischen Eisen- und Stahlindustrie von den 1860er bis zu den 1930er Jahren, Bonn 1994, S. 669
26 Zur antisozialdemokratischen Linkswendung der KPD Ende der zwanziger Jahre siehe H. A. Winkler, Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930, Bonn 1985, S. 661-697; zur weiteren Entwicklung siehe ders., Weg (Anm. 5), S. 267 ff., 305 ff., 441 ff., 491 ff., 616 ff.
27 Siehe dazu H. A. Winkler, Weg (Anm. 5), S. 765-773
28 Siehe dazu G. Stollberg, Die Rationalisierungsdebatte 1908-1933, Frankfurt/New York 1981
29 Die Rationalisierung in der Metallindustrie. Zusammengestellt und bearb. nach Erhebungen des Vorstandes des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Berlin o. J. [1933], S. 206. Die Umfrage war 1931 durchgeführt worden.
30 M. Schneider, Das Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB, Bonn 1975; vgl. H. A. Winkler, Weg (Anm. 5), S. 495 ff. u. 537 ff.; W. Zollitsch, Einzelgewerkschaften und Arbeitsbeschaffung, in: Geschichte und Gesellschaft (GG) 8 (1982), S. 87-115. Zur Arbeitszeitfrage siehe Scharf, Geschichte der Arbeitszeitverkürzung. Der Kampf der deutschen Gewerkschaften um die Verkürzung der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit, Köln 1987
31 Siehe dazu D. Brunner (Anm. 22), S. 442-452
32 W. Abelshauser/A. Faust/D. Petzina (Hrsg.), Deutsche Sozialgeschichte 1914-1945, München 1985, S. 258-261; G. A. Ritter, Der Sozialstaat, München 1989, S. 112-115
33 So der stellvertretende ADGB-Vorsitzende Graßmann am 10.12.29; zit. nach: D. Schiffmann, Die Freien Gewerkschaften und das Scheitern der Regierung Müller 1930, in: E. Matthias/K. Schönhoven (Hrsg.), Solidarität und Menschenwürde. Etappen deutscher Gewerkschaftsgeschichte, Bonn 1984, S. 187-207, hier S. 206
34 Zu den Motiven dieses Vorstoßes und zum weiteren Vorgehen der Unternehmer siehe R Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933, Göttingen 1981; M. Grübler, Die Spitzenverbände der Wirtschaft und das erste Kabinett Brüning, Düsseldorf 1982
35 VDA-Geschäftsbericht 1927/29; zit. nach: D. Schiffmann (Anm. 33), S. 198
36 J. Bergmann, Politische Anschauungen und politische Kultur des Handwerks in der Weimarer Republik, in: D. Lehnert/K. Megerle (Hrsg.), Pluralismus als Verfassungs- und Gesellschaftsmodell. Zur politischen Kultur in der Weimarer Republik, Opladen 1993, S. 131-213, hier S. 154 ff.
37 ADGB-Jahrbuch 1929, Berlin 1930, S. 54
38 VDA-Geschäftsbericht 1927/28 (Anm. 37)
39 D. Schiffmann (Anm. 33), S. 197
40 P. Jahn (Bearb.), Die Gewerkschaften in der Endphase der Republik 1930-1933. (Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Bd. 4), Köln 1988, S. 103
41 P. Jahn, Endphase (Anm. 40), S. 191
42 Ebd., S. 194 u. 197
43 B. Weisbrod, Die Befreiung von den "Tariffesseln". Deflationspolitik als Krisenstrategie der Unternehmer in der Ara Brüning, in: GG 11 (1985), S. 295-325
44 P. Jahn, Gewerkschaften in der Krise. Zur Politik des ADGB in der Ära der Präsidialkabinette 1930 bis 1933, in: E. Mauhias/K. Schönhoven (Anm: 35), S. 233-253; vgl. ders., Endphase (Anm. 40), Einleitung, S. 9-62; vgl. R.-M. Huber-Koller (Anm. 6)
45 Reichsarbeitsminister Stegerwald war bis 1929 Generalsekretär des Gesamtverbands der christlichen Gewerkschaften und Vorsitzender des DGB gewesen. Brüning hatte die Geschäfte des DGB von 1920 bis zu seiner Berufung zum Reichskanzler 1930 geführt.
46 Grundlegend dazu J. Bähr, Staatliche Schlichtung in der Weimarer Republik, Berlin 1989; vgl. K. Borchardt/C. Zahn, Zur Geschichte gewerkschaftlicher Lohnforderungen in den mittleren und späten Jahren der Weimarer Republik,. München 1990; B. Adam, Arbeitsbeziehungen in der bayerischen Großstadtmetallindustrie von 1914-1932, München 1983, S. 132 ff.
47 D. Petzina u.a. (Anm. 4), S. 51
48 W. Adamy/J. Steffen, "Arbeitsmarktpolitik" in der Depression. Sanierungsstrategien in der Arbeitslosenversicherung 1927-1933, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 15 (1982), S. 276-291. Zum "Abbau der Sozialpolitik" im Zeichen der Weltwirtschaftskrise siehe L. Preller, Sozialpolitik in der Weimarer Republik, Stuttgart 1949 (Reprint Kronberg/Düsseldorf 1978), S. 391-495; V. Hentschel, Geschichte der deutschen Sozialpolitik (1880-1980), Frankfurt 1983, S. 56-144
49 P. Jahn, Endphase (Anm. 40), Einleitung, S. 38
50 Zitiert nach: Droste Geschichtskalendarium, Bd. 1, Düsseldorf 1982, S. 596
51 Kundgebung des ADGB-Bundesausschusses v. 14. 6. 1932; abgedr. in: M. Ruck, Gewerkschaften - Staat - Unternehmer. Die Gewerkschaften im politischen und sozialen Kräftefeld 1914 bis 1933, Köln 1990, S. 184 f.
52 Gewerkschaftszeitung (GZ). Organ des ADGB, Jg. 42, Nr. 26, 25. 6. 32, S. 401
53 Droste Geschichtskalendarium (Anm. 50), S. 596
54 GZ, Nr. 4, 28. 1. 33, S. 52-54
55 RDI-Präsidiumssitzung v. 23. 3. 33; zit. nach: R. Neebe, Konflikt und Kooperation 1930-1933. Anmerkungen zum Verhältnis von Kapital und Arbeit in der Weltwirtschaftskrise, in: W. Abelshauser (Hrsg.), Weimarer Republik (Anm. 2), S. 226-237, hier S.236
56 J. Triem, Tarifpolitischer Großangriff im Bergbau (GZ, Nr. 6, 11. 2. 33, S. 84 f.)
57 Siehe dazu K. Schönhoven, Die deutschen Gewerkschaften, Frankfurt 1987, S.179-183; M. Schneider, Kleine Geschichte der Gewerkschaften, Bonn 1989, S. 215-227; M. Ruck, Gewerkschaften - Staat - Unternehmer (Anm. 51), S. 116-129


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Literatur


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Dokumente


Dok. 1 "Aufstieg oder Niedergang" - sozial- und wirtschaftspolitische Denkschrift des Reichsverbands der deutschen Industrie (Dezember 1929)


Obwohl man wußte, dass der Wiederaufbau nur bei freier Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte möglich war, hat man fortgesetzt Kompromisse mit dem Sozialismus geschlossen und durch Steuern und Abgaben, durch Staatsbetriebe und staatliche Eingriffe die Privatwirtschaft bedrängt und in ihrer Entwicklung eingeengt. Die Rücksicht auf die Macht der Parteien hat nicht die Kraft aufkommen lassen, Arbeit, Zins und staatliche Lasten in ein richtiges Verhältnis zu bringen. . . . Die Produktionskosten sind in stärkerer Progression als die Produktion selbst gestiegen. Der öffentliche Bedarf ist ... in unerhörter Weise ... vermehrt worden. '. . . Hinzu trat eine Übertreibung in der Sozialgesetzgebung, die manche an sich gegebenen Aufstiegsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft vereitelt hat. . . .
Die Theorie, dass die Steigerung der Konsumkraft nur durch eine Steigerung der Löhne bewirkt werden kann, ist falsch. ... Eine
Lohnerhöhung, die im Widerspruch zur allgemeinen Wirtschaftsentwicklung steht, kann sich wegen der durch sie hervorgerufenen Steigerung der Gestehungskosten nur in einer scheinbaren, aber nicht wirklichen Steigerung der Kaufkraft und nur auf Kosten der Produktivkraft der Wirtschaft auswirken. Übertriebene Lohnerhöhungen werden mit der Arbeitslosigkeit anderer Arbeiter bezahlt. . . .
Die deutsche Wirtschaft steht am Scheidewege. Wenn es nicht endlich gelingt, das Steuer umzulegen und unserer Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik eine entscheidende Wendung zu geben, dann ist der Niedergang der deutschen Wirtschaft besiegelt. . .. Die Wiederherstellung der Rentabilität in den Betrieben und die Eigenkapitalbildung in den Unternehmungen sind entscheidend für die Wiederbelebung und den Aufstieg der deutschen Wirtschaft.


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Dok. 2 Die Freien Gewerkschaften zur "Katastrophenpolitik" der Unternehmer (Dezember 1929)


Zu einer Zeit, in der Deutschland um Wirtschaftsgeltung und Lebensraum kämpft, wird von Unternehmerorganisationen und politischen Heißspornen eine Aktion unternommen, die einen neuen Schlag gegen den sozialen Staat und die Lebensinteressen der Arbeitnehmerschaft bedeutet. . . . Mit den Schlagworten "Sicherung der Rentabilität" und "Kapitalbildung" wird von der vereinigten sozialen Reaktion eine Panikstimmung erzeugt, als wäre die deutsche Wirtschaft unter der jetzigen Steuer- und Sozialpolitik in eine Katastrophe hineingeführt worden. Der Aufstieg der Wirtschaft im letzten Jahrfünft beweist aber, dass
Sozialpolitik und Sozialversicherung den wirtschaftlichen Fortschritt nicht gehemmt, sondern gestützt haben. Die Gewerkschaften erkennen selbstverständlich die Notwendigkeit ausreichender Kapitalbildung an. Sie bekämpfen aber jene Politik, die einseitig die wirtschaftliche und politische Macht des Unternehmertums stärkt. . . . Sie sehen sich verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass eine unsoziale Umlagerung der wirtschaftlichen Lasten aus der Einkommensverteilung nicht vor sich gehen kann, ohne eine Ära neuer schwerer sozialer Kämpfe heraufzubeschwören.


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Dok. 3 Theodor Leipart, Gewerkschaften und Rationalisierung (März 1931)


Es ist den Gewerkschaften häufig das Lob erteilt worden, dass sie in richtiger Erkenntnis volkswirtschaftlicher Notwendigkeiten sich zur Rationalisierung bekannt hätten, obgleich sie wussten, dass diese Maßnahme zunächst Arbeitslosigkeit innerhalb ihrer Mitgliedschaft auslösen werde. In letzter Zeit freilich konnte man auch manches bittere und tadelnde Wort hören. So klang uns aus Untemehmerkreisen verschiedentlich der Vorwurf entgegen, dass die Arbeitslosigkeit in erster Linie durch den ständigen Druck der Gewerkschaften zur Rationalisierung hervorgerufen sei. Hin und wieder sind selbst einzelne unserer Mitglieder an der Zweckmäßigkeit unserer Haltung irre geworden.
Gleichgültig, ob die Volkswirtschaft unter dem Zeichen des Kapitalismus oder des Sozialismus steht - die Wohlstandssteigerung kann nur auf dem Wege der Rationalisierung erfolgen. . . . Die Gewerkschaften anerkennen also den Gedanken der Rationalisierung. Aber sie bekämpfen die Fehlrationalisierung, die gerade in den letzten Jahren einen übergroßen Raum innerhalb des Gesamtprozesses der Rationalisierung eingenommen hat. ... Der erste Grundfehler bestand darin, dass man die Rationalisierung als ein vorwiegend technisches Problem ansah. Die Lösung dieses Teilproblems ist freilich glänzend gelungen. . . . Man wird den
Unternehmern ins Zeugnis schreiben dürfen: Technik - sehr gut. Aber man wird hinzufügen müssen: Wirtschaftskunde - mangelhaft. Denn der Produktionsapparat war zwar glänzend ausgebaut und zum Überfluss auch noch erheblich erweitert worden. Aber er konnte nicht rationell ausgenutzt werden, weil der vermehrten Produktionsmöglichkeit keine entsprechenden Absatzmöglichkeiten gegenüberstanden.
Die Opfer, die die Arbeitnehmerschaft der Fehlrationalisierung bringen muss, sind in der erschütternden Statistik über Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit festgehalten.
Der erste Akt des deutschen Rationalisierungsschauspiels, nämlich die Umorganisierung der Betriebe, ist hervorragend gelungen. Der zweite Akt, nämlich die Markteroberung für vergrößerte Produktion, ist noch nicht über die Bretter gegangen. Es scheint, dass er unter dem Druck der Krise jetzt vor sich gehen wird. . . . Die Erzeugungsmöglichkeiten des Produktionsapparates der deutschen Volkswirtschaft sind freilich so riesenhaft gewachsen, dass diese Maßregel schon nicht mehr ausreichend sein dürfte. Daher muss zur alsbaldigen Erzielung des Gleichgewichts zwischen Produktion und Absatz eine zweite wirtschaftliche Maßnahme hinzutreten: Die Verkürzung der Arbeitszeit.


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Dok. 4 Georg Beyer, Arbeitslosenprobleme und Gewerkschaften (Februar 1932)


Für die Gewerkschaften ist eine organische Veränderung ihres Mitgliederstandes eingetreten, wenn nicht mehr drei bis fünf, sondern vierzig vom Hundert und mehr arbeitslos sind. Ja, die noch Beschäftigten sind nicht mehr die "gleichen" Mitglieder wie noch vor einigen Jahren. Hinter Lohnabbau und Kurzarbeit steht beinahe für jeden die Angst vor dem Schicksal der anderen. . . .
Dem ersten sozialen Unruhe- und Angstgefühl nach dem Verlust der Arbeitsstelle folgt bei längerer Dauer gewöhnlich eine Verzweiflungsstimmung, die durch unermüdliche Versuche um neue Arbeit, oft auch ständige Besuche bei den Verbandsbüros abzureagieren versucht wird. Es gelingt nicht! Nun folgt meist als nächste Etappe eine heftige Auflehnungsstimmung, von der nichts verschont bleibt: die Gesellschaft mit allen ihren Institutionen, die Parteien, die Gewerkschaften, die häufig als unmittelbar "Schuldige" angeklagt werden. Auf dieser Ebene entsteht die wilde Radikalität, die die Einsicht und Vernunft bewusst ablehnt, sich bald nach links, bald nach rechts gefühlsbetonte Auswege sucht. . . . Von hier aus ist es dann meistens nur ein Schritt in die Reiche aller möglichen Heilslehren und Wunderrezepte. . . . Die letzte Stufe ist dann meist vollkommene geistige und seelische Apathie, verbunden mit politischer und weltanschaulicher Indifferenz. . . . Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich aus der betonten "Wurstigkeit" die Bereitschaft entwickelt, sich zu jeder Aktion - auch zu Aktionen gegen die Arbeiterbewegung - unter verschiedensten Vorzeichen missbrauchen zu lassen. . . .
Von beinahe jedem Gewerkschaftsführer kann man heute die sorgenbewusste Klage hören, dass die ausgesteuerten Arbeitslosen in häufigen Fällen die Verbindung zur Organisation allmählich verlieren. . . . Dabei darf nicht verkannt werden, dass die Teilnahme der Arbeitslosen an den Lohn- und Tarifkämpfen ihrer Gewerkschaft bei längerer Arbeitslosigkeit allmählich verblasst. Die Problemstellung dieser Kämpfe mit ihrer Parole: "Gleiche Leistung - gleicher Lohn" hat keine dauernde erlebnismüßige Tragfähigkeit mehr im Dasein des Arbeitslosen. Sein Einkommensinteresse verliert den produktiven Charakter und ist überwiegend auf die rein konsumptive Fragestellung gerichtet: "Wie komme ich mit dem, was ich an Unterstützung erhalte, mit meiner Familie durch?"
Man ginge wohl zu weit, wenn man daraus einen gewissen Gegensatz zwischen den noch in Arbeit stehenden Gewerkschaftsmitgliedern und den Arbeitslosen herleiten wollte. Immerhin zeigen sich heute auf der gewerkschaftlichen Ebene gewisse Kräfteverlagerungen in den Aufgaben. Auf dem Frankfurter Gewerkschaftskongress [31. August bis 4. September 1931 ] fiel das peinliche Wort, dass die Organisationen der verwandelten politischen und wirtschaftlichen Situation mit einer "disziplinierten Fassungslosigkeit" gegenüberständen. ... Dieses Wort (ist) unbegründet und darum unberechtigt. Aber dieser Dauerzustand der Arbeitslosigkeit, diese aktuelle Situation ohne unmittelbar wirksame Auswege zwingt doch die Gewerkschaften, den Vorwurf der Bürokratisierung, der Erstarrung in ihren überlieferten und bewährten Organisationsformen mit größter Energie durch unermüdliche Anpassung an neue Gegebenheiten zu widerlegen.


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Dok. 5 Fritz Tarnow, Arbeit schaffen! (Februar 1932)


Bis in das Jahr 1929 hinein sprach man von einer "technologischen Arbeitslosigkeit", von einem Verdrängen der Arbeitshände durch die Rationalisierung. . .. Eine echte ökonomische Krise ... haben wir seit dem Herbst 1929, von wo an das Wirtschaftsvolumen beängstigend schnell zusammengeschrumpft ist. . . .
Kann man bei diesen Aussichten den Dingen ihren freien Lauf lassen? Die Frage ist gar nicht so überflüssig, wie es scheinen könnte, denn nach dem Wesen des kapitalistischen Konjunktursystems ist normalerweise der völlige Ablauf der Krise die Voraussetzung für die Wiedergesundung. . . . Darum hat es auch, solange wir noch im kapitalistischen System leben müssen, schon seinen Sinn, dass die "Reinigungskur" der Krise als unvermeidliches Schicksal einfach abwartend hingenommen wird. Nun aber sind wir im dritten Jahre einer Krise, die mit nie erlebter Totalität und Wucht eine ganze Welt niedergeworfen hat. Anzeichen einer Wirtschaftswende sind noch immer nicht sichtbar. Dabei schält sich aber immer deutlicher die Erkenntnis heraus, dass der Automatismus der Krisenüberwindung selbst entzwei gegangen ist und dass nun ohne ein bewusstes Eingreifen in den Lauf der Dinge ein Umschwung "von selbst" überhaupt nicht zu erwarten ist, wenigstens nicht in einer Zeit, die wir noch aushalten können. . . .
Wie die Dinge nun liegen, wäre ein weiteres bloßes Abwarten nicht mehr zu verantworten. Wir müssen uns auf diejenigen Möglichkeiten einer aktiven Konjunkturpolitik besinnen, über die wir noch verfügen. . . . Nach dem totalen Zusammenbruch des Kreditsystems ist von der Kapitalseite her vorläufig nichts zu erwarten. Der Antrieb von der Kaufkraftseite her ist durch die bewusste Deflationspolitik gewaltsam zerschlagen worden. . . . Aktive Konjunkturpolitik heißt deswegen heute, mit der Arbeitsbeschaffung beginnen. ... Es lassen sich ohne Mühe Arbeiten der öffentlichen Hand finden, die volkswirtschaftlich durchaus notwendig und sinnvoll sind. . .. Man muss sich eben überlegen, ob die in einer Volkswirtschaft vorhandenen Sachfaktoren nicht durch eine Hilfskonstruktion des Kreditwesens zu werteschaffender Arbeit verbunden werden können, ohne dass daraus eine Inflation entstehen musste. . . .
Wenn darin wirklich ein Risiko enthalten sein sollte, so darf man auch nicht übersehen, dass auch das untätige Abwarten ein sicheres Risiko bedeutet. ... Die sozialen und politischen Spannungen haben einen Grad erreicht, dass eine Explosion in gefährliche Nähe rückt, wenn nicht bald eine Entspannung eintritt! Die einzig wirksame Entspannung besteht in der Beschaffung von Arbeit.


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letzte Änderung: 21.05.2004 13:53
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