Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

 

Schicksale in Dachau: Häftlinge erinnern sich

 

Ladislaus Ervin-Deutsch

Sklavenarbeit in Kaufering

Unmittelbar nach dem Abitur wurde der gerade 18jährige Ladislaus Ervin-Deutsch im Juni 1944 aus Cluj (Klausenburg) in Siebenbürgen nach Auschwitz deportiert. Wegen des riesigen Arbeitskräftebedarfs der deutschen Rüstungsindustrie befahl Hitler die Überstellung von 10 0000 ungarischen Juden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich. Unter ihnen war Ladislaus Ervin-Deutsch, der im Dachauer Außenlager Kaufering unter Regie der Firma Moll für die „Organisation Todt“ an der Erstellung unterirdischer Fabrikanlagen arbeitete. Nach der Befreiung kehrte er 1946 nach Cluj zurück, studierte Chemie und arbeitete von 1950 bis 1974 als Diplomchemiker und Schriftsteller in Bukarest. Er lebt seit 1974 in Deutschland.

Die Bautätigkeit wurde vorangetrieben. Der Mann der Organisation Todt kontrollierte die Arbeit streng und verbrachte immer mehr Zeit zwischen uns, fluchend, drohend und uns zur Arbeit antreibend. In einer Nacht bemerkte er, daß ein Häftling – etwas älter als ich, aus Dézs – eine halbe Schippe Zement zwischen die Bäume warf. Er sprang auf ihn zu, riß ihm die Schippe aus der Hand und schlug ihn mit der scharfen Kante auf den Kopf. „Verdammte Schweinehunde, ihr sollt lernen was es heißt, unseren Krieg zu sabotieren!“ Die Schippe traf den jungen Mann auf die Stirn; ein dumpfer Schlag und aus dem gespaltenen Kopf floß Blut. Der junge Mann fiel bewußtlos um. Unser Wachmann aus Wien sah diese Szene von seinem Liegeplatz aus; sie hatte eigentlich nur Sekunden gedauert. Er stand auf, ging hin und schlug dem Arbeitsführer ins Gesicht. Wildes Tier! Der Arbeitsführer sah schockiert auf den Wachsoldaten, drehte sich wortlos um und verschwand. Zwei oder drei Tage später wurde dieser Wächter abgelöst. Ein für den Frontdienst scheinbar nicht mehr tauglicher, kränklicher Preuße aus Danzig, mit trübem Blick und zitternden Händen wurde an seine Stelle gesetzt. Er konnte nicht älter als zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Jahre sein. Er behauptete immer wieder, daß die Engländer und die Juden den Krieg entfacht hätten mit dem Ziel, Deutschland zu zerstören. Aber die hatten nicht mit dem Führer gerechnet! – Was ihn persönlich anging, versuchte er, sich an den Juden zu rächen. Die Engländer waren ihm zu weit weg. Der gute Wiener Wachmann war verschwunden. Angeblich wurde er an die Front in die erste Linie geschickt. Den geschlagenen jungen Mann aus Dézs trugen Mithäftlinge auf einer Trage ins Lager zurück. Einige Tage wurde er im Krankenhaus behandelt; er kam aber nicht mehr zu sich, er starb. Gegen den Mann der Organisation Todt hat selbstverständlich kein Mensch Anzeige erstattet, um ein Verfahren gegen ihn einzuleiten. Ein einziger Schlag ins Gesicht war die Strafe für einen Mord. Und für diesen Schlag wurde er auch noch rehabilitiert. Ein humaner deutscher Soldat zahlte womöglich mit dem Leben dafür. (.. .)

Auf der Arbeitsstelle wurde unser Leben durch den neuen Wachmann zur Hölle. Der Mann der Organisation Todt hätte schlafen können, hätte er es gewollt, der Wachmann trieb uns pausenlos an. Er schlief keinen Augenblick und ruhte sich auch nur selten aus. Er setzte sich höchstens viertelstundenweise auf seinen Mantel, fluchend oder Marschlieder pfeifend. Ansonsten hielt er sich ständig unter uns auf, um zu kontrollieren, ob unsere Schaufeln auch genügend voll waren. Mit seinen zittrigen, mit Sommersprossen besäten Händen strich er sich dauernd durch sein rotblondes Haar und jammerte, sein Gesicht zum Himmel gewandt, daß wir so langsam arbeiteten. „Schneller arbeiten! Viel schneller! Hier ist kein Asyl für Faulenzer! Los, sonst holt euch der Teufel!“ Um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, schlug er mit seiner Hundepeitsche um sich und auf die, die er gerade erreichen konnte. Manchmal schlug er mit dem Gewehrkolben diejenigen in die Rippen oder auf den Arm, von denen er meinte, daß sie nicht genügend Zement auf ihrer Schippe hätten. Tagsüber im Lager, in der Zeit, die uns eigentlich zum Ausruhen zustand, bekamen wir auch keine Ruhe. Seit den Aufräumungsarbeiten nach dem Flugzeugabsturz geschah jeweils etwas anderes. Fast täglich gab es irgendwelche Arbeiten für die Nachtschichtler anstelle von Ruhe. Wenn es nichts anderes gab, dann eben das Säubern der Wege oder das Beschichten der Wege zwischen den Baracken mit Kies, auf daß alles schön und ordentlich sei, wenn der Lagerkommandant seinen täglichen Rundgang machte. Es war letztlich gleichgültig, was sie durch uns arbeiten ließen, und uns war es eigentlich auch egal, ob es sich um schwere oder leichte Arbeiten handelte. Wir mußten ohnehin auf den Beinen sein und wir hatten seit Wochen keine Möglichkeit mehr gehabt, uns auszuschlafen ... Die Schwächeren taumelten vor Müdigkeit, und der herbeigesehnte Sonntag brachte oft eine Enttäuschung mit sich. Fast jede zweite Woche wurde unsere Arbeitspause unterschlagen ...

Auf dem Arbeitsweg und dem Rückweg schleppten sich die Menschen dahin, stolperten und hin und wieder fiel auch einer. Während der Arbeit wurden die Bewegungen unsicherer, manchen fiel das Werkzeug aus den Händen – in unserer Gruppe wurden solche Sachen mit einem Schlag mit dem Gewehrkolben bestraft. Es gab auch solche, die von Gerüsten fielen, Schwellen schleppend über die Schienen stolperten und unter die Räder der Züge gerieten. Der Krankenstand erhöhte sich ebenso wie die Unfälle. Ein Todesfall erregte kein großes Aufsehen mehr und auch kein Mitleid, es sei denn, es handelte sich um einen nahen Freund. Krankheit, Unfall, Tod – es waren tägliche Begebenheiten, an die wir uns gewöhnt hatten, wie an die Zählappelle und die Arbeit. Die ständige Erschöpfung machte die Menschen gleichgültig. An den Sonntagen, an denen wir im Lager blieben, an denen wir von der Nachtschicht-Moll Arbeitspause hatten, sprachen wir immer weniger miteinander. Wir wuschen uns langsam, wir wuschen, trockneten und flickten unsere verschmutzte, verschwitzte, geflickte und gerissene Unterwäsche. Wir schliefen viel. Wenn schönes Wetter war, legten wir uns ins Gras neben die Baracken und schauten wortlos in den Himmel oder unterhielten uns müde und schleppend von zu Hause, von unseren Träumen: Wie wird es, wenn der Krieg zu Ende ist. Es wird schön ... Aber wir werden nicht mehr sein ...

Quelle: Dachauer Hefte 2 (1986), S. 109–111.

 


Impressum    •     topnach oben
© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 23.04.2013 8:02