Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Die chinesische Provinz Shandong – und ihre Beziehungen zu Bayern

 

Beziehungen Bayern-Shandong

 

Politische Kontakte

Im Januar 1975 reiste der damalige Bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß als erster westdeutscher Politiker nach China. Er traf dort mit dem Parteivorsitzenden Mao Zedong (Mao Tse-tung) und dem Ministerpräsidenten Zhou Enlai (Chou En-lai) zu Gesprächen zusammen. Die Anbahnung politischer Kontakte mit Peking begründete Strauß mit in die Zukunft gerichteten strategischen Überlegungen: „Jede europäische Politik (muss) ... auch in der Volksrepublik China einen Partner sehen, der zur Erhaltung des Gleichgewichts beiträgt.“ Strauß betrachtete die Volksrepublik China als neuen Machtpol, der Deutschland und Europa mittelfristig dazu dienen könnte, „mehr politische, militärische und wirtschaftliche Kräfte zu entfalten.“

Wegen der unruhigen politischen Lage in China dauerte es dann ein weiteres Jahrzehnt, bis im März 1985 die Absichtserklärung über eine engere Zusammenarbeit zustande kam. Diese mündete schließlich am 9. Juli 1987 in die „Gemeinsame Erklärung zur Herstellung freundschaftlicher Beziehungen“ zwischen der Provinz Shandong und dem Freistaat Bayern. Neben einem verstärkten wirtschaftlichen und technologischen Austausch wurden erweiterte Kontakte in den Bereichen Kultur, Bildungswesen, Wissenschaft, Gesundheit und Sport vereinbart. Die Unterzeichner der Erklärung waren der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß und der Vizegouverneur von Shandong, Ma Shizhong.

In der folgenden Zeit kam es zu zahlreichen Besuchen und Gegenbesuchen, von denen hier einige der wichtigsten genannt werden:
nIm Jahre 1991 fuhr der Gouverneur von Shandong, Zhao Zhihao, mit einer Delegation nach Bayern. Drei Jahre später kamen der Parteisekretär Jiang Chunyun und 1996 der Gouverneur Li Chunting in den Freistaat.

  • Im April 1995 folgte eine Visite des Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund  Stoiber in Shandong, im Jahr 2000 begab sich eine große bayerische Delegationdorthin.
  • Im Januar 2002 fand in München eine Regierungskonferenz bayerischer Partnerregionen unter Beteiligung von Vizegouverneur Lin Shuxiang aus Shandong statt.
  • Ende März 2003 hielt sich Edmund Stoiber mit einer bayerischen Wirtschaftsdelegation eine Woche in China auf. Stationen waren neben Shandong die chinesische Hauptstadt Peking und die Metropole Shanghai. Im September desgleichen Jahres besuchte eine chinesische Parlamentarier-Gruppe die BayerischeStaatskanzlei in München. Es wurden auch Gespräche mit Vertretern der Kommuneund der Hanns-Seidl-Stiftung geführt.
    nIm September 2004 gingen Augsburg und Jinan eine Städtepartnerschaft ein. Einen Monat später informierte sich eine 18-köpfige Delegation aus Shandong und Dalian über den Wirtschaftsstandort München.
  • Jeweils im September der Jahre 2004 und 2006 beteiligte sich Bayern am Umweltforum der Provinzregierung Shandong.
  • Im April 2005 besuchte Staatsminister Otto Wiesheu Qingdao, Jinan, Peking undShanghai. Im gleichen Jahr kam der Vizegouverneur Shandongs Wang zu einerVisite nach Bayern.
  • Im April 2006 nahm die Stadt Jinan an der „Augsburger Frühjahrsausstellung“ teil. Im Mai ging Wirtschaftsminister Erwin Huber mit einer Expertengruppe auf Informationsreise nach Jinan. Zum Zwecke der Wirtschaftförderung veranstaltete die „Augsburg AG“ im September 2006 zusammen mit der „IHK Schwaben“ eine Unternehmerreise in die Augsburger Partnerstadt Jinan und nach Qingdao.

Ein wichtiger Meilenstein für die Fortentwicklung der wechselseitigen Beziehungen wurde mit der Eröffnung eines eigenen Verbindungsbüros, der „China Shandong Co. Ltd.“ 1992 in München gesetzt. Im Gegenzug eröffnete der damalige Wirtschaftsminister Wiesheu 1997 eine entsprechende bayerische Einrichtung in Jinan. Dieses „Bayerische Wirtschaftsbüro“ ist zwischenzeitlich nach Qingdao umgezogen.

 

Wirtschaftskontakte

Aus den engen und freundschaftlichen Kontakten auf politischer Ebene entstanden immer wieder konkrete Anknüpfungspunkte, aus denen sich für die bayerische und chinesische Wirtschaft neue Betätigungsfelder ergaben.

Schon beim China-Aufenthalt von Franz Josef Strauß im Jahre 1985 wurde eine Bayerische Industrieausstellung in Qingdao eröffnet, bei der zahlreiche bayerische Unternehmen sich und ihre Produkte vorstellten. Darunter waren die Firmen Audi, Bayerische Vereinsbank, BMW, Dywidag, Faun, Kneipp-Werke, Knorr Bremse, KraussMaffei, Löwenbräu, MAN, MBB, Rhode & Schwarz, Staedtler und andere mehr.

Im Jahre 1987 fand in München unter dem Dach des „Internationalen Messe und Ausstellungsdienst“ (IMAG) die Ausstellung „Shandong stellt sich vor“ statt. Eine zweite, von rund zehntausend Menschen besuchte Shandong-Ausstellung gab es dann 1994, mit etwa 150 chinesischen Ausstellern in München.

Insgesamt befinden sich heute in Shandong über 70 deutsche Unternehmen. Viele davon stammen aus Bayern, darunter der Industrie-Waagenhersteller Pfister, die Strumpffabrik Kunert, der Kanalreinigungsspezialist Wiedemann & Reichhardt, die Graphit Kropfmühl AG, der Nutzfahrzeugzulieferer SAF-ALKO und die Firma Hydrometer, die Wärmedurchflusszähler produziert. Die Firmen arbeiten dort als Joint-Venture-Unternehmen, betreiben eine Tochterfirma oder unterhalten eine Reprä-sentanz. Darüber hinaus gibt es vielfältige Handelsbeziehungen zwischen Firmen aus Shandong und Bayern.

Auf Grundlage der wechselseitigen Wirtschaftsverbindungen entwickelt sich der bayerisch-chinesische Außenhandel kontinuierlich weiter. Das Kooperationspotenzial zwischen Bayern und Shandong ist aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Die dynamische Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre in China hat die Attraktivität Shandongs für ein Engagement deutscher Firmen erhöht; in Bayern gilt das speziell für die mittelständische Industrie.

 

Wissens- und Kulturaustausch

Von besonderer Bedeutung für die chinesischen Partner sind unterstützende Maßnahmen bei Infrastruktur- und Umweltproblemen sowie bei der Heranbildung von qualifiziertem Nachwuchs. Für derartige Projekte gibt es bereits zahlreiche Beispiele: Seit vielen Jahren fördert Bayern Programme zur Dorferneuerung und Flurbereinigung in Shandong. Im April 1994 fand in Wien und München ein bayerisch-österreichisch-chinesisches Umweltseminar statt. Mit Blick auf drängende Umweltprobleme kamen 36 Bürgermeister, Fachbeamte und Experten aus Shandong und weiteren chinesischen Provinzen. Sie erkundeten Konzepte und technische Lösungen, die sich in Bayern und Österreich bereits seit langem bewähren. Im Mittelpunkt standen Systeme der Abfall- und Abwasserbehandlung für Kommunen und Industrie sowie Informationssysteme für die Raumplanung und Umweltschutzaufgaben. Das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen und das Umweltschutzamt der Provinz Shandong arbeiten seit Oktober 1999 in solchen Fragen regelmäßig zusammen.

Eine wichtige Rolle beim Ausbau der Beziehungen zu Shandong spielen die Aktivitäten der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS): Diese Institution fördert in der Kreisstadt Pingdu ein Berufsbildungszentrum für die Entwicklung des ländlichen Raumes. Dort werden Menschen aus dem ländlichen Raum und angehenden Facharbeitern praxisorientierte Ausbildungsgänge angeboten. In der Gemeinde Nan Zhang Lou wurde bis 2002 ein Modellprojekt der Flurerneuerung durchgeführt, um die Lebens- und Arbeitsqualität der Landbevölkerung zu verbessern. Als Ergebnis dieses Projekts wurde 2004 offiziell ein nationales Bildungs- und Forschungszentrum in Qingzhou eingerichtet, für das die HSS mit bayerischen Experten die Konzeption entwickelt hat.
Im Rahmen dieses Projekts gibt es eine enge Zusammenarbeit mit dem Ministry of Land in Peking. Weitere Projekte, an denen die HSS beteiligt war, sind das Berufsbildungszentrum in Weifang, mit Angeboten für Facharbeiter, Meister und Techniker (1988) sowie das Berufspädagogische Fortbildungszentrum in Qingzhou für Bildungsbeamte und Lehrer (1998).

Schon seit dem März 1994 gibt es eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Qingdao und Bayreuth. Die nordbayerische Universität förderte den Aufbau der Fakultät für „Interkulturelle Deutschstudien“ in Qingdao und unterstützt den dortigen Aufbau eines Bachelor- und Master-Studienganges. Zu dem vereinbarten Austauschprogramm gehört es, dass Dozenten der Fächer Biologie, Chemie und Wirtschaftswissenschaften aus Qingdao an der Universität Bayreuth weitergebildet werden. In umgekehrter Richtung können Studierende aller Fachrichtungen aus Bayreuth an der Universität Qingdao ein Studienjahr absolvieren. Für die nächste Zeit ist außerdem geplant, an beiden Universitäten jeweils ein bayerisch-chinesisches Zentrum zu errichten. Im Bereich von Wissenschaft und Forschung existiert seit einiger Zeit auch eine trilaterale Kooperation zwischen den Universitäten Augsburg, Jinan und Rennes (Frankreich).

Seit 1998 vergibt die Bayerische Staatskanzlei Stipendien am „Sprachen- und Dolmetscherinstitut“ München und seit dem Jahre 2000 erhalten 20 Studenten der „Fachhochschule Rosenheim“ jeweils viermonatige Aufenthalte an der „Ocean University“ in Qingdao. Das Augsburger „Holbein-Gymnasium“, das Partnerschule der „Experimental High School“ in Jinan ist, plant für die nahe Zukunft Austauschprogramme mit den chinesischen Partnern.

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der besonderen Beziehungen zwischen Bayern und Shandong ist für 2007 ein buntes Kulturprogramm anlässlich des Besuchs einer hochrangigen Delegation aus Shandong in Bayern geplant. Die Feiern zu diesem Jubiläum finden ausschließlich in Bayern statt. 2008 wird Shandong dann Gastgeber der Regierungschefkonferenz der Partnerregionen sein.

 

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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 23.04.2013 8:02