Der Irak nach dem Krieg

Die Drei Golfkriege

Der erste Golfkrieg 1980-1988: Irak/Iran

Am 22. September 1979 griff der Irak den Nachbarstaat Iran mit rund 100 000 Soldaten an. Vordergründige Ursache des Krieges war ein Streit mit dem Iran um die Schifffahrtsrechte im Persischen Golf. Zu den tiefer liegenden Gründen des militärischen Konflikts gehörten unter anderem die Angst Saddam Husseins, der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini könnte versuchen, das Anfang 1979 im Iran etablierte islamistische Regime in den Irak zu exportieren. Die Schwäche der iranischen Armee nach den Revolutionswirren und die Unterstützung durch das Ausland, vor allem durch die USA und Sowjetunion, ließen einen Angriff auf den Iran als erfolgversprechend erscheinen. Außerdem kam Saddam Hussein ein Krieg für seine Machtsicherung nach innen sehr gelegen.

Der Krieg verlief allerdings anders als erwartet. Saddam bot daher dem Iran bereits 1980 und nochmals 1982 einen Waffenstillstand an, doch der Iran lehnte ab. Nach anfänglichen Geländegewinnen wurde die irakische Armee 1982 wieder auf das eigene Territorium zurückgedrängt. Es entstand eine Art Stellungskrieg nach dem Muster des Ersten Weltkriegs. Hinzu kamen regelmäßige Raketenangriffe auf irakische und iranische Städte und die Jagd auf gegnerische Öltanker im Persischen Golf. Obwohl der Irak von der gesamten westlichen Welt, der Sowjetunion und China sowie von zahlreichen arabischen Staaten bei der Kriegsführung unterstützt wurde, zog sich der Krieg in die Länge und endete erst am 20. August 1988 mit Inkrafttreten eines Waffenstillstandsabkommens.

Saddam Hussein stellte das Waffenstillstandsabkommen von 1988 als Sieg dar. Doch der Preis für den "Sieg" war hoch: Auf irakischer Seite starben rund 200 000 Soldaten, auf iranischer Seite schätzungsweise drei- bis viermal so viele Menschen. Für das vor dem Krieg an der Schwelle zum Industriestaat stehende Land Irak war der Krieg zu einem wirtschaftlichen und finanziellen Desaster geworden: Verfügte der Irak 1980 noch über finanzielle Reserven von 35 Milliarden US-Dollar, beliefen sich die irakischen Auslandsschulden Ende 1988 auf über 80 Mrd. US-Dollar.[1]

Die Armee und Saddam Husseins hingegen profitierten von diesem Krieg: Die Armee war bestens mit westlichen Waffen ausgerüstet und von 200 000 Soldaten Ende der 1970er Jahre auf rund 1 Million Soldaten 1988 angewachsen - sie galt zu diesem Zeitpunkt als die viertgrößte Armee der Welt. Und Saddam Hussein hatte den permanenten Kriegszustand dazu nutzen können, jede Opposition im Innern brutal und ohne Angst vor Prostesten des Auslandes ausschalten zu können.

Der Militärkoloss Irak, den der Westen, v.a. die USA, später insbesondere wegen seiner Massenvernichtungswaffen als Bedrohung empfinden sollten, war während der achtziger Jahre von ebendiesen Staaten selbst wie auch von der Sowjetunion geschaffen worden: Für seinen Krieg erhielt Saddam Hussein umfangreiche ausländische Hilfe . Die USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, der Sowjetunion, Japan und China gewährten Rüstungshilfe. Der Irak erhielt vom Ausland fast die gesamte Palette damals verfügbarer konventioneller Waffensysteme. Außerdem lieferten ausländische Firmen dem Irak Bauteile, Grundsubstanzen und technisches Know-how, um chemische, biologische und auch atomare Waffen sowie ballistische Raketen herzustellen. Bei der Kriegsführung wurde der Irak u.a. von den USA durch die Lieferung von Zieldaten unterstützt. Auch der Einsatz von international geächteten Chemiewaffen ab 1983 gegen den Iran und später (1988) gegen die Kurden im eigenen Land änderte nichts an dieser Unterstützung. Die arabischen Staaten des Golfkooperationsrats (sogar das spätere Opfer Kuwait!) unterstützten den Irak ebenfalls mit Finanzmitteln in Milliardenhöhe.

Der zweite Golfkrieg 1990/91: Irak/Kuwait/Golfkriegskoalition

Rund zwei Jahre nach dem Ende des ersten Golfkriegs überfiel der Irak am 2. August 1990 das kleine Emirat Kuwait und besetzte es innerhalb eines Tages. Der UNO-Sicherheitsrat verurteilte die Besetzung Kuwaits und forderte den Irak zum vollständigen und bedingungslosen Truppenrückzug auf. Zur Durchsetzung dieser Forderung verhängte er gegen den Irak umfassende Wirtschaftssanktionen und stellte Saddam Hussein schließlich Ende November 1990 ein Ultimatum. Nach Ablauf der Frist am 15. Januar 1991 befreite eine vom UN-Sicherheitsrat beauftragte Kriegsallianz unter Führung der USA das kleine Emirat und stellte den alten Zustand wieder her. Die Luftangriffe begannen in der Nacht zum 16. Januar 1991. Der Bodenkrieg folgte erst ab dem 24. Februar, nachdem die Alliierten rund 110 000 Angriffe auf den Irak und seine Stellungen in Kuwait geflogen hatten und eine Bombenlast von 85 000 Tonnen abgeworfen hatten. Schon nach vier Tagen Bodenkampf mussten Saddam Husseins Truppen am 28. Februar kapitulieren, am 3. März wurde eine entsprechende Urkunde unterzeichnet.[2]

Äußerer Anlass für den zweiten Golfkrieg war ein Streit um kuwaitische Ölbohrungen, die angeblich unter der irakisch-kuwaitischen Grenze hindurch zu ungunsten des Irak durchgeführt worden waren. Saddam Hussein betrachtete Kuwait allerdings auch als historischen Bestandteil des Irak, der durch die Briten 1921 willkürlich vom Irak abgetrennt worden sei und begrüßte die "erfolgreiche Rückeroberung der 19. Provinz Iraks". Auch spielte eine Rolle, dass der Irak bei Kuwait aufgrund des ersten Golfkrieges hoch verschuldet war und sich der Nachbar strikt weigerte, diese Schulden zu erlassen. Außerdem war Kuwait eine lukrative Beute: Die finanziellen Rücklagen Kuwaits waren enorm, allein die Auslandsinvestitionen betrugen rund 100 bis 120 Mrd. US-Dollar und seine Ölreserven sind ebenfalls immens.

Der zweite Golfkrieg forderte das Leben von mindestens 120 000 irakischen Soldaten und rund 25.000 Zivilisten (die Schätzungen reichen bis hin zu 400 000 Soldaten und Zivilisten). Auf Seiten der Alliierten kamen lediglich 148 amerikanische Soldaten ums Leben. Kuwait wurde befreit, Saddam Hussein blieb allerdings an der Macht. Er musste aber im Waffenstillstandsabkommen sowie in der von ihm anerkannten UN-Resolution 687 große Zugeständnisse machen.

Die Kriegsallianz zur Befreiung Kuwaits erfreute sich international großer Unterstützung, selbst arabische Staaten wie Ägypten und Syrien stellten ihr Soldaten zur Verfügung. Dennoch war die Art der Kriegsführung nicht unumstritten. V.a. zwei Punkte werden immer wieder kritisiert:

Nachdem die irakischen Truppen Kuwait bereits verlassen hatten und sich auf der Wüstenstraße zwischen Basra und Bagdad auf dem Rückzug in Richtung Hauptstadt befanden, wurden sie massiv aus der Luft bombardiert. So wurden mutmaßlich mehrere zehntausend irakische Soldaten im Grunde "hingerichtet", kritisieren die Gegner dieses Vorgehens.[3]

Zweiter Kritikpunkt: Die Kriegsallianz stoppte ihr Vorrücken auf Bagdad und schloss statt dessen einen Waffenstillstandsabkommen mit Saddam Hussein, das ihm erlaubte, an der Macht zu bleiben. Aufstände im Süden des Iraks gegen Saddam, zu denen die Alliierten zuvor aufgerufen hatten, wurden von ihnen dann nicht unterstützt. So konnte Saddam Hussein ungestört den Widerstand gegen ihn mit militärischer Gewalt niederschlagen und seine Macht - zumindest im Kernland des Irak um Bagdad - wieder sichern.

Wirtschaftssanktionen und Verelendung der Bevölkerung

Nach Ende des zweiten Golfkriegs Anfang März 1991 (Waffenstillstand 28. Februar 1991, Ende der Kampfhandlungen erst einige Tage später) machte der UN-Sicherheitsrat dem Irak zur Auflage, seine Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen unter internationaler Kontrolle zu zerstören und entsprechende Rüstungsprogramme zu beenden. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, verlängerte der UN-Sicherheitsrat die nach dem Überfall auf Kuwait im August 1990 verhängten Wirtschaftssanktionen. Das Waffenstillstandsabkommen mit dem Irak sah ferner umfangreiche Wiedergutmachungszahlungen an Kuwait und durch den Krieg geschädigte ausländische Firmen vor. Zu diesem Zweck wurde von den UN in Genf ein Kompensationsfond eingerichtet, der Schadensersatzansprüche von Privatpersonen, Firmen und Regierungen gegen den Irak aufgrund der Besetzung Kuwaits und des nachfolgenden Kriegs regeln sollte. Die dort vorgetragenen Forderungen belaufen sich auf über 330 Milliarden US-Dollar.[4]

Der UN-Sicherheitsrat richtete die UN-Sonderkommission UNSCOM zur Abrüstung des Irak ein. Da der Irak aber die Arbeit der Inspektoren nicht in dem gewünschten Ausmaß unterstützte, außerdem auch möglicherweise geringe Vorräte an chemischen und biologischen Waffen versteckt hielt, wurden die Wirtschaftssanktionen in dieser Zeit nicht ausgesetzt. Die UN-Wirtschaftssanktionen, die allen UN-Mitgliedern den Handel jeglicher Art mit dem Irak verboten, waren äußerst erfolgreich, ja die erfolgreichsten in der UN-Geschichte überhaupt: Tatsächlich wurde das Land - mit Ausnahme von geschmuggeltem Öl über die Grenzen der Nachbarstaaten und der Abwicklung eines rudimentären Handels über Scheinfirmen - wirtschaftlich total isoliert. Doch dieses Beispiel zeigte, dass Sanktionen kein "friedliches" Mittel der Streitbeilegung sind: Sie hatten nicht das Ende von Saddam Husseins Macht zur Folge, sondern die schnelle Verelendung der Bevölkerung.

Seit 1991 sind nach Schätzungen internationaler humanitärer Organisationen rund 1,5 Millionen Iraker, darunter über 550 000 Kinder unter fünf Jahren, den Folgen dieser Wirtschaftssanktionen zum Opfer gefallen - durch Mangelernährung und unzureichende medizinische Versorgung. Das entspricht rund sieben Prozent der irakischen Bevölkerung. Hans Graf von Sponeck, Leiter des UN-Hilfsprogramms für den Irak, trat im Februar 2000 aus Protest gegen die Folgen der Wirtschaftssanktionen von diesem Posten zurück. Er warf den Vereinten Nationen sogar Völkermord vor: "Im Übrigen haben nicht nur mein Vorgänger Denis Halliday und ich die Folgen der UNO-Sanktionen als Völkermord und als Verstoß gegen das Völkerrecht kritisiert. Auch der ehemalige Vorsitzende der UNO-Menschenrechtskommission, der belgische Völkerrechtsprofessor Marc Bossuyt, hat den Sicherheitsrat mitverantwortlich gemacht für die Verletzung der Genozid-Konvention der UNO von 1948, der Konvention über die Rechte des Kindes sowie der beiden internationalen Pakte für wirtschaftliche, soziale und kulturelle sowie für bürgerliche und politische Menschenrechte aus dem Jahre 1966."[5]

Um die Lage der Zivilbevölkerung zu verbessern, startete die UNO im Dezember 1996 das Programm "Öl für Nahrungsmittel" . Es erlaubte Bagdad, den Verkauf einer gewissen Menge von Erdöl auf dem internationalen Markt. Von den Einnahmen wurden zwei Drittel unter internationaler Aufsicht dafür verwendet, Nahrungsmittel, Medikamente und Ersatzteile für die Reparatur von ziviler Infrastruktur (Trinkwasserleitungen etc.) zu kaufen. Das restliche Drittel floss in den oben erwähnten Kompensationsfond für Kriegsschäden in Genf.

Der dritte Golfkrieg 2003: Irak/USA/"Koalition der Willigen"

Irak beherbergt Terroristen. US-Außenminister Colin Powell spricht am 5.2.2003 vor dem Weltsicherheitsrat in New York. Er hat dem Irak vorgeworfen, Terroristen zu beherbergen. So halte sich etwa der El- Kaida-Verbindungsmann Abu Mussab al-Sarkawi im Irak auf, sagte Powell. Nach Ablauf eines Ultimatums begannen die USA und ihre Verbündeten (v.a. Großbritannien) den Krieg gegen den Irak am 20. März 2003 mit einem gezielten Luftangriff auf Saddam Hussein und die militärische Führung. Es folgten weitere Angriffe mit Cruise Missiles, Raketen und Bomben. Amerikanische und britische Truppen starteten von Kuwait aus kurz danach eine Bodenoffensive und rückten rasch Richtung Bagdad vor. Amerikanische Fallschirmjäger landeten im Norden des Irak und eröffneten zusammen mit kurdischen Kämpfern eine Nordfront, ein wichtiger Militärflughafen im Westen des Landes wurde gleichfalls besetzt. Drei Wochen nach Kriegsbeginn war Bagdad in den Händen der US-Truppen, die politische und militärische Führung des Landes war zerschlagen. Am 14. April eroberten amerikanische Soldaten die Hochburg Saddams, die Stadt Tikrit. In der Nacht zum 2. Mai , sechs Wochen nach Kriegsbeginn, erklärte US-Präsident Bush die Kämpfe im Irak für beendet . Auf Seiten der Alliierten kamen nach offiziellen Angaben rund 125 amerikanische und 30 britische Soldaten ums Leben, die Zahl der getöteten irakischen Soldaten und Zivilisten geht in die Tausende.[6]

Im Gegensatz zu den beiden ersten Golfkriegen ging die Initiative zum Krieg diesmal nicht von Saddam Hussein aus. Die Weichen für den dritten Golfkrieg wurden vielmehr in den USA gestellt. Im Rahmen des von US-Präsident George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ausgerufenen Krieges gegen den internationalen Terrorismus , insbesondere gegen die islamistische Terror-Organisation al-Qaida, geriet auch der Irak ins Visier. Allerdings stand er nicht an erster Stelle des Kampfes gegen den Terror. Zunächst wendeten sich die USA Afghanistan zu, dessen Taliban-Regime al-Qaida offen unterstützte. Nach dem Ende des US-Präsident George W. Bush wird nach seiner Ankunft per Flugzeug am 1.5.2003 an Bord des Flugzeugträgers «Abraham Lincoln» im Pazifischen Ozean begrüßt. Für die USA sind die Kampfhandlungen im Irak weitgehend beendet. Das erklärte Bush vor tausenden Soldaten an Bord des Flugzeugträgers. Afghanistankrieges wurden ab Anfang 2002 die Töne gegen den Irak schärfer. Das Land wurde von den USA zu den "Schurkenstaaten" gezählt und in eine "Achse des Bösen" eingereiht. Im Laufe des Jahres 2002 forderte der amerikanische Präsident mehrfach, den Irak v.a. hinsichtlich seiner Massenvernichtungswaffen zu entwaffnen, die aufgrund von Kontakten des Irak zur al-Qaida ansonsten in die Hände rücksichtsloser Terroristen fallen könnten. Auf amerikanischen und britischen Druck hin wurde im UN-Sicherheitsrat am 8. November 2002 die Resolution 1441 verabschiedet. Sie sieht die Entwaffnung des Irak vor und etabliert eine neue Mission von UN-Waffeninspekteuren im Irak UNMOVIC. Die UN-Kontrolleure von UNMOVIC und der IAEO nahmen am 27. November 2002 ihre Arbeit auf. Am 8. Dezember 2002 überreichte Bagdad der UNO wie in der Resolution 1441 gefordert einen ausführlichen Rüstungsbericht. Obwohl die UN-Inspekteure die amerikanischen und britischen Angaben über Massenvernichtungswaffen im Irak nicht bestätigen konnten und nur spärliche Hinweise auf Massenvernichtungswaffen fanden, stellten die USA dem Irak ein Ultimatum. Nach dessen Verstreichen griffen die USA den Irak am 20. März 2003 an.

Der dritte Golfkrieg begann zwar offiziell am 20. März 2003, der Kriegsbeginn kann aber mit guten Gründen bereits früher festgesetzt werden: So wurden bereits Monate vor dem offiziellen Kriegsbeginn Ziele im Irak täglich von den USA und Großbritannien bombardiert, der Irak wurde also schon vor Kriegsbeginnmilitärisch geschwächt. Man könnte sogar argumentieren, dass der zweite Golfkrieg 1991 gar nicht richtig beendet wurde, sondern über Sanktionen und Bombardements über Jahre hinweg weitergeführt wurde, bis er eben am 20. März 2003 wieder "heiß" ausbrach.[7] Zum Beispiel wurde 1998 die Operation "Desert Fox" durchgeführt: An vier Tagen wurden schwere Bombenangriffe auf rund 100 Ziele im Irak geflogen. Diese massive Bombardierung von irakischen Zielen war an nichts Neues - nur das Ausmaß war größer als gewöhnlich. Denn die USA und Großbritannien bombardierten seit 1991 regelmäßig Ziele in den so genannten Flugverbotszonen, die sie im April 1991 zum Schutz der Kurden bzw. Schiiten nördlich des 36. bzw. südlich des 33. Breitengrades proklamiert hatten: v.a. Flugabwehrstel­lungen, von deren Radar ihre Maschinen erfasst wurden. Diese regelmäßigen Angriffe nahmen nach Abzug der UN-Kontrolleure 1998 noch zu. "Allein für das Jahr 1999 wurden an 132 Tagen Luftangriffe [auf den Irak] registriert", teilte der ehemalige Leiter des UN-Hilfsprogramms in Bagdad, Hans von Sponeck, in einem seiner Bericht an den UN-Generalsektretär und den UN-Sicherheitsrat mit.[8]

Massenvernichtungswaffen

"Bislang haben wir keine Waffen gefunden", gab der von den USA entsandte Experte Kay am 3. Oktober 2003 vor dem US- Kongress bekannt.[9] Nach sechsmonatiger Suche hatte das US-Inspektorenteam keine Massenvernichtungswaffen im Irak finden können.

Und bis heute hat sich daran nichts geändert: Massenvernichtungswaffen im Irak konnten nicht entdeckt werden. Da deren Bedrohungspotential aber von den USA und Großbritannien als Kriegsgrund Nummer eins angegeben worden waren, sind die Staatschefs beider Staaten innenpolitisch in die Kritik geraten.

Skeptiker hatten bereits vor Kriegsbeginn immer wieder darauf hingewiesen, dass die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak in Mengen, die bedrohlich sein könnten, sehr unwahrscheinlich wäre. Als Kritiker besonders hervor tat sich der ehemalige UN-Waffeninspekteur Scott Ritter. Zu einem möglichen Atombombenprogramm im Irak meinte er: "1998, in dem Jahr als ich den Irak verließ und das UN-Waffeninspektionsprogramm beendet wurde, waren die Infrastruktur und die Anlagen zu 100 Prozent zerstört."[10] Zu Vorwürfen bezüglich chemischer Waffen sagte er: "Der Irak produzierte drei verschiedene Nervengifte: Sarin, Tabun und VS. Die Befürworter eines Kriegs gegen den Irak sprechen von 20 000 Sprengköpfen, die mit den Nervengasen Sarin und Tabun gefüllt sind ... Doch diese Behauptung wird durch die Fakten nicht gestützt."[11] Und auch bei biologischen Waffen sah er kein Potential mehr im Irak. Diese Einschätzungen wurden von vielen Experten geteilt, denn schließlich war der Irak im Jahr 2002 bereits seit 10 Jahren unter UN- und US-Kontrolle.

Das Waffenstillstandsabkommen nach dem Zweiten Golfkrieg verpflichtete den Irak zu einer vollständigen Abrüstung bei atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen und bei ballistischen Raketen. Unter der Aufsicht der UN-Waffeninspekteure der UNSCOM und jener der Internationalen Atomenergieagentur (IAEO) wurden von Mai 1991 bis Ende 1998 schätzungsweise rund 90 bis 95 Prozent aller im Irak vorhandenen chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen inklusive der für Ihre Produktion benötigten Anlagen und Grundsubstanzen zerstört. Ebenso wurden über 95 Prozent aller irakischen Raketen mit einer Reichweite von über 150 Kilometern vernichtet. Außerdem konnte die UNSCOM und die IAEO auch die vollständige Beendigung des irakischen Atomwaffenprogramms bestätigen. Allerdings zeigte sich der Irak häufig unkooperativ, behinderte Inspektionen oder verwies Inspektoren des Landes.

Als nach 1998 keine UN-Inspektionen mehr im Irak durchgeführt werden konnten, "rüsteten" die USA und Großbritannien durch Bombardements ab: Ende 1998 spitzte sich ein Streit zwischen dem Irak und den UN-Waffeninspekteuren zu. Der Irak warf der UNSCOM vor, Spionage zu betreiben. UNSCOM zog sich daraufhin aus dem Irak zurück. Die USA und Großbritannien reagierten mit der Aktion "Desert Fox": An vier Tagen wurden schwere Bombenangriffe auf rund 100 Ziele im Irak geflogen. Die Bombardierung von irakischen Zielen war an sich nichts Neues - nur das Ausmaß war größer als gewöhnlich. Diese regelmäßigen Angriffe nahmen nach Abzug der UN-Kontrolleure noch zu .

Auch die UN-Waffeninspektionen, die von November 2002 bis Februar 2003 wieder im Irak stattfinden konnten, haben keine Hinweise für Massenvernichtungswaffen im Land erbringen können.

Nach zehn Jahren strikter Wirtschaftssanktionen, UN-Inspektionen und permanenten Bombardements konnte, so schien es vielen Experten, der Irak keine signifikanten Mengen an Massenvernichtungswaffen mehr besitzen. Ihre Einschätzung hat sich bislang bestätigt.

Irakische Kontakte zu al-Qaida

Als zweiter Kriegsgrund wurde von den USA und ihren Verbündeten angegeben, der Irak würde die Terrororganisation al-Qaida unterstützen. Zwar gehörte Saddam Hussein zu den ganz wenigen Staatschefs auf der Welt, die den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht ihre tiefe Anteilnahme übermittelten. Im Gegenteil brachte er unverhohlen seine Freude über die Anschläge zum Ausdruck. Aber eine aktive Unterstützung der al-Qaida durch den Irak schien vielen Experten äußert zweifelhaft: Saddam Hussein hat den Islamismus im Iran acht Jahre lang extrem bekämpft, die Schiiten - potentielle Verbündete des radikalen Iran, litten sehr unter seinem Regime. Saddam musste eher damit rechnen, selbst ein Opfer von al-Qaida zu werden, als die Terrororganisation für seine Zwecke instrumentalisieren zu können.[12]

Nachdem bei einer Umfrage im September rund 70 Prozent der US-Amerikaner angaben, sie glaubten, Saddam Hussein persönlich sei in die Anschläge des 11. September 2001 involviert, stellte der amerikanische Präsident George W. Bush klar, dass es diesbezügliche Beweise nicht gäbe. Er hielt aber weiterhin an der Behauptung fest, Saddam habe "Verbindungen zu al-Qaida" gehabt.[13]

"Wenn die vermutete Existenz von Massenvernichtungswaffen und die angebliche Unterstützung des internationalen Terrorismus kaum den Ausschlag für einen politischen wie militärisch so riskanten Krieg gegen den Irak gegeben haben können - wo liegen dann die Gründe und Motive der US-Administration für den Dritten Golfkrieg?" fragt sich Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, in seinem Buch "Der neue Golfkrieg".[14] Die Vermutungen, die von Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern, angeboten werden, sind vielfältig. Sie reichen von einem Krieg ums Öl über Neuordnungswünsche für den Nahen Osten, das Ausprobieren der neuen Hypermachtrolle der USA oder die Durchsetzung imperialer Machtgelüste bis zum Wunsch des Sohnes, Bush jr., den Irakkrieg seines Vaters, Bush sen., zu Ende zu führen.[15]

Münkler selbst sieht drei Hauptmotive der US-Politik für den Sturz Saddam Husseins: "die Angst vor einer gefährlichen Überdehnung der Kräfte infolge eines dauerhaften militärischen Engagements in der Golfregion; die nicht mehr akzeptable strategische Zwickmühle des asymmetrischen Friedens, aus deren Beendigung für Saddam Hussein kein Machtzuwachs und für die Amerikaner kein Gesichtsverlust resultieren darf; schließlich die Sorge um die politische und wirtschaftliche Stabilität der gesamten Golfregion, die eine mit möglichst geringem Kostenaufwand betriebene Installierung eines Prosperitätsregimes im Irak erforderlich macht."[16]

All jene, die Massenvernichtungswaffen und al-Qaida-Kontakte für vorgeschobene Argumente der US-Regierung für einen Krieg im Irak hielten, konnten sich durch ein Interview des US-Vizeverteidigungsministers Paul Wolfowitz bestätigt sehen. Gegenüber der Zeitschrift "Vanity Fair" sagte er Ende Mai, die irakischen ABC-Waffen wären nur aus bürokratischen Gründen als Hauptargument für den Krieg im Irak benutzt worden. Vielmehr sei es darum gegangen, die amerikanischen Truppen aus Saudi-Arabien abziehen zu können.[17]

 

Fußnoten

1. Siehe Fürtig (2003), S. 103 und 119.

2. Vgl. Fürtig , S. 128 ff.

3. Vgl. etwa Münkler (2003), S. 99, Sponeck/Zumach (2003), S. 16

4. Sponeck/Zumach (2003), S. 113

5. Sponeck/Zumach (2003), S. 50. Sponeck war Koordinator für die humanitären UN-Hilfsprogramme im Irak. Er trat von seinem Posten aus Protest gegen die Folgen der UN-Sanktionen genauso zurück wie sein Vorgänger Denis Halliday und die Leiterin des Welternährungsprogramms in Bagdad, Jutta Burghardt. Auf S. 34 ff. des Buches werden die Folgen der Sanktionen genau erläutert.

6. Vgl. Le Monde diplomatique, Mai 2003, Alain Gresh "US-amerikansiche Kriegsführung im Irak - Verbrechen, Lügen und Befreiung". Alle Angaben zu den Opferzahlen müssen skeptisch beurteilt werden. V.a. existieren noch keine verlässlichen Angaben über die Zahl der irakischen Opfer.

7. Vgl. hierzu z.B. Münkler (2003), S. 24/25 bzw. Denison (2003), S. 18

8. Sponeck/Zumach (2003), S. 89

9. Süddeutsche Zeitung v. 4./5. Oktober 2003, S. 1

10. Pitt/Ritter (2003), S. 43

11. Pitt/Ritter (2003), S. 46

12. Vgl. u.a. Münkler (2003), S. 35 ff. Er verweist darauf, dass zwar außer Frage steht, dass Saddam Hussein Terrororganisationen unterstützt hat (etwa die Abu-Nidal-Gruppe), aber nur solche, die sich an der operativen Leine seiner Geheimdienste führen ließen. Bei al-Qaida sei der Fall anders, da diese Terrororganisation offensichtlich ohne Beeinflussung durch staatliche Geheimdienste, unabhängig und unberechenbar, agiere.

13. Süddeutsche Zeitung v. 19. September 2003

14.Münkler (2003), S. 39

15. Einen guten Überblick über die vermuteten Gründe für die Irakintervention der USA gibt Münkler (2003), S. 39 ff.

16. Münkler (2003), S. 124

17. vgl. Süddeutsche Zeitung vom 31.5./1.6.2003 und Die ZEIT vom 12.6.2003

Bildquelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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