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Wer war es?

Einsichten und Perspektiven 2 | 19

Von ihm sagte man, dass er jede Eigenschaft außer Größe

besaß. Er war die eleganteste, weltläufigste und gebil-

detste Erscheinung seiner Epoche. Ein vollendeter Dip-

lomat: geistreich und geschliffen in der Formulierung,

deren rhetorische Leckerbissen und Bonmots noch heute

gern zitiert werden; polyglott in mehreren Sprachen und

von blendenden Umgangsformen in den Salons auf dem

internationalen Parkett; ein perfekter Debattenredner, der

ein endloses Feuerwerk an klassischen Zitaten, treffenden

Scherzen und geistreicher Schlagfertigkeit abbrannte.

Aber hinter dieser glänzenden Fassade lauerten die düs-

teren Antriebskräfte seines Lebens: überquellende Eitel-

keit und brennender Ehrgeiz, Trägheit und Zynismus,

Blasiertheit und Boshaftigkeit. Immer kämpfte er rück-

sichtslos um die Macht. Aber sobald sie in seinem Besitz

war, vernachlässigte er seine Pflichten und überließ es sei-

nen Untergebenen, die Details zu regeln und die Probleme

gründlich zu durchdenken. Und Probleme und Gefahren

gab es mehr als genug, als er an der Jahrhundertwende den

höchsten Gipfel der Macht erklommen hatte. Er über-

spielte alle Tücken der Lage mit beifallsumrauschter Rhe-

torik und hatte immer die falschen Werkzeuge und Win-

kelzüge zur Hand. Die Folgen waren katastrophal, und

sie dauern in ihren Aus- und Fernwirkungen bis heute an.

Dabei hatte die Natur ein Füllhorn reicher Gaben und

opulenter Geschenke über ihm ausgeschüttet, das ihn von

Beginn an auf die Sonnenseite des Lebens stellte. Der

Vater, ein hervorragender Diplomat und Mitarbeiter Bis-

marcks; er selbst, 1849 geboren und mit einem beträcht-

lichen Vermögen ausgestattet, war der Jugendfreund der

Söhne des Kanzlers; er besuchte die Universitäten in

Lausanne, Leipzig und Berlin und galt als der erfahrenste

und befähigtste Diplomat seines Landes. Dazu kam seine

charmierende Erscheinung: strahlend blaue Augen, ein

sorgfältig gestutzter Schnurrbart, teure Maßanzüge und

die bestrickende Aura eines Mannes von Welt, die ihm

zahlreiche leidenschaftliche Affären bescherte. Seine Hei-

rat freilich war eine Sache der Karriere: 1886 ehelichte

er Prinzessin Maria Camporeale, die Tochter von Donna

Laura Minghetti, der grande dame der römischen Gesell-

schaft und Duzfreundin von König Umberto.

Alle Menschen, die ihm nahestanden, waren fasziniert

und abgestoßen zugleich von ihm. Für seine Mitarbeiter

war er glitschig wie ein Aal; ein anderer sagte, er habe mehr

Machiavelli gelesen, als er verdauen könne, und sogar sein

Bruder räumte freimütig ein: „Er würde ein großartiger

Kerl sein, wenn sein Charakter nur die Hälfte seiner Per-

sönlichkeit erreichen könnte.“

Vier dicke Bände, die nach seinem Tode erschienen,

reichten gerade mal aus, um seine aufgeblasenen Erinne-

rungen an seine politische Bedeutung zu fassen. Es war der

vergebliche Versuch, seine Leistungen in die Geschichte

zu stellen und seinen Ruf für immer zu begründen, indem

er den aller anderen durch Gemeinheiten und Sottisen in

den Schmutz zog. Tatsächlich ruinierte er damit nur sein

eigenes Prestige irreparabel.

Wer war es?

Ein historisch-biographisches Rätsel

von Rainer F. Schmidt

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Abbildung: picture alliance/imageBROKER/Manfred Bail

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