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Ein historisch-biographisches Rätsel

Einsichten und Perspektiven 1 | 20

Schankwirtschaft betrieben, wo der Vater am Zapfhahn

stand und die Mutter noch selbst die Buletten briet. Die-

ses kleinbürgerliche Milieu lieferte auch das Thema für

seine Dissertation im Fach Nationalökonomie, über das

seine politischen Gegner immer wieder spotteten, wenn

ihnen gar nichts anderes einfiel: „Die Entwicklung des

Berliner Flaschenbiergeschäfts“.

Dieser „Flaschenbierdoktor“, wie der promovierte,

arbeitslose Germanist Goebbels höhnte, hatte, als er 1907

in den sog. „Hottentottenwahlen“ für den Erzgebirgswahl-

kreis Annaberg mit 28 Jahren als jüngster Abgeordneter in

den Reichstag einzog, schon eine beindruckende Karriere

in der Industrie hingelegt. Sie hatte im Verband der Scho-

koladefabrikanten in Dresden begonnen und ihn in die

Spitzenämter des „Centralverbandes Deutscher Industri-

eller“ geführt. Als Exponent der Fertigwarenindustrie war

er, anders als die Großagrarier und die Schwerindustriel-

len, ein Mann der sozialen Versöhnung: mit Tarifverträ-

gen, Streikrecht für die Arbeiter und moderaten Import-

zöllen, um, wie er sagte, „das Heer der Unzufriedenen, das

Heer derjenigen, die auf den Staat keine Hoffnung mehr

setzen“, nicht weiter anschwellen zu lassen.

Sein Bestreben nach sozialem Ausgleich war der eine

Grund, weshalb sich an seiner Person die Geister schieden:

in seiner Partei, im Parlament, im Volk und in der Regie-

rung, deren höchste Posten er über Jahre hinweg beklei-

dete. Den anderen Grund hatte er in einem Büchlein von

1918 selbst auf die knappe Formel gebracht: „Macht und

Freiheit“. Einerseits: liberale und soziale Reformen im

Innern, die die Klassenschranken niederrissen, aber eben

auch eine imperialistische „Weltpolitik“ nach außen: mit

Flotte, Kolonien, U-Boot-Krieg gegen England und exor-

bitanten Kriegszielforderungen, wie Calais als „deutschem

Gibraltar“. „Uns fehlt die Ausdehnung nach Osten und

Westen, um Kronstadt auf der einen Seite und Dover auf

der anderen Seite in Schach zu halten“, – solche Töne

machten ihn zu „Ludendorffs Kriegstrompete“.

Wenn schon wenig später von ihm ganz andere Klänge

zu hören waren, ja wenn der abgehalfterte Ludendorff sei-

nen einstigen glühenden Adepten nun in antisemitischer

Weise als „künstlichen Juden“ diffamierte, dann hatte dies

nichts mit Opportunismus oder Maskerade zu tun. Viel-

mehr zeigte sich nun jene Eigenschaft, die ihn wie kei-

nen zweiten auszeichnete, die zur Basis seines gesamten

politischen Wirkens wurde: die Fähigkeit zur Realpolitik.

Er, der Monarchist und Annexionist, stellte sich ab 1920

auf den Boden des Faktischen, denn, wie er sagte, „das

System, das uns hierher führte, hat sein Recht verwirkt.“

Er wurde, wie man damals sagte, zum „Vernunftrepub-

likaner“, dem Deutschland zu verdanken hatte, dass es

unter der Bürde des Versailler „Schmachfriedens“ nicht

auseinanderfiel, dass Hyperinflation und Separatismus

gebändigt, dass Währung und Haushalt saniert wurden

und dass man im September 1926 unter tumultartigen

Jubelszenen, wie sie der Genfer Völkerbundspalast nie

wieder erlebte, als geachtetes Mitglied in den Kreis der

Mächte zurückkehrte.

Seine Landsleute haben ihm das nie gedankt. Er blieb

für sie ein politisches Chamäleon, das je nach Konjunktur

und Situation die Farbe wechselte, ein Eunuch der Sieger-

mächte, ein Verräter. Anerkennung wurde ihm nur außer-

halb Deutschlands zuteil, wie sich an der Verleihung des

Friedensnobelpreises 1926 ablesen ließ. Er bekam ihn für

ein Vertragswerk, das in einem Städtchen im Tessin para-

phiert wurde, an Bord des Motorboots „Orangenblüte“.

Dem Kapitän hatte er die Anweisung erteilt, so lange auf

dem Lago Maggiore zu kreuzen, bis er hatte, was er wollte.

Als das Boot am späten Abend endlich wieder am Hafen

anlegte, stöhnte einer seiner Kollegen auf: „Gott sei Dank

– ich weiß nicht, was wir noch alles zugestanden hätten,

wenn diese Spazierfahrt noch länger fortgesetzt worden

wäre.“

Er hätte auch zum Rettungsanker der ersten deutschen

Demokratie werden können. Aber das ließen das Schick-

sal und sein Tod, dreieinhalb Jahre, bevor Hitler in die

Reichskanzlei einzog, nicht zu.

Wer war es?