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Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

staltungen nicht garantieren“

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konnte. Außerdem habe

die Frau Schwierigkeiten gehabt, sich in das Kollektiv ein-

zuleben, da sie wegen der Kinder verkürzt arbeitete und

„durch die häufigen Erkrankungen ihrer Kinder viel“

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ausgefallen sei.

Eine Form von „Frauensolidarität“, die durchaus denk-

bar gewesen wäre, klingt in diesen Worten nicht mit.

Möglicherweise lag dies daran, dass Heinritz keine Familie

hatte. Ihre kinderlos gebliebene Ehe war 1959 geschieden

worden. Anders als die meisten anderen weiblichen Mitar-

beiter der Abteilung in dieser Zeit war sie demnach nicht

für die Versorgung eines größeren Haushalts oder für die

Betreuung der Kinder zuständig – Aufgaben, die damals

auch in der DDR meist den Frauen verblieben.

Allenfalls Spurenelemente eines gemeinsamen weib-

lichen Gruppenbewusstseins hauptamtlicher Mitarbei-

terinnen lassen sich bei Heinritz finden, etwa in einem

Vermerk über einen, durch übermäßigen Alkoholkon-

sum männlicher Kollegen aus dem Ruder gelaufenen

Arbeitseinsatz im Naherholungsobjekt der Abteilung XII.

„Zum Schluss haben nur noch die Genossinnen aktiv

gearbeitet,“ notierte Heinritz, „so dass es Bemerkungen

der Gen[ossinnen] gab, die zum Inhalt hatten, dass die

Genossinnen doch am zuverlässigsten arbeiten. Wir haben

auch darüber gesprochen, dass es schade um die Zeit ist,

wenn man nur zum Einsatz fährt und dann nichts tut.“

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Auch wenn Heinritz hier ihre „Genossinnen“, d.h. eigent-

lich ihre Untergebenen, sprechen lässt, so erkennt man in

dem Zitat dennoch ein weibliches „Wir-Gefühl“ – ohne

dass dies allerdings Auswirkungen auf die Rolle der Frauen

im MfS-Apparat gehabt hätte.

Heinritz – und das ist sicherlich typisch für diese Gene-

ration von MfS-Mitarbeiterinnen – „lebte“ für ihre Arbeit.

„Kennzeichnend für sie ist […] ihre hohe Einsatzbereit-

schaft unter Zurückstellung aller persönlichen Interessen“,

vermerkte eine Beurteilung von 1973 über sie. An ande-

rer Stelle wurde gelobt, dass Heinritz „im durchgehenden

4-Schichtrhythmus“

24

arbeite. Und in ihrer Abschiedsrede

vor den Delegierten ihrer SED-Parteiorganisation im Jahr

1985 beschrieb Heinritz selbst den Arbeitsalltag der Füh-

rungskräfte: „Die Menge der Aufgaben eines Leiters und

seine Verantwortung für das Ganze ist sehr groß und ver-

langt den Einsatz der ganzen Person. Ein Leiter hat mehr

21 BStU, MfS, Abt. XII 2680, S. 11 ff., hier S. 12.

22 BStU, MfS, Abt. XII 2680, S. 11 ff., hier S. 13.

23 BStU, MfS, Abt. XII 2738, S. 15 f., hier S. 15.

24 BStU, MfS, Abt. XII 5148, S. 23 f., hier S. 24.

Zeit im Dienst aufzubringen, er hat keinen pünktlichen

Feierabend. Ich kann oftmals erst nach offiziellem Dienst-

schluss in Ruhe etwas durcharbeiten.“

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Eine derartige

Lebensweise war eine wichtige Voraussetzung für Frauen

wie Heinritz, um in den 1950er und 1960er Jahren einen

– wenn auch bescheidenen – Aufstieg in der Abteilung XII

zu nehmen.

Doch Ehe- und Kinderlosigkeit verhinderten nicht, dass

Heinritz‘ Aufstieg nach ihrer Rückkehr von der ZAIG zur

Abteilung XII im Jahr 1979 an sein Ende kam. Sie wurde

wieder Leiterin der für die EDV zuständigen Unterabtei-

lung. Diesen Posten behielt sie bis zu ihrer Verrentung am

1. Juni 1987. Seit den 1970er Jahren begannen jüngere

und oftmals besser qualifizierte Kader nachzurücken –

möglicherweise ein wichtiger Grund für Heinritz‘ Verhar-

ren in ihrer Funktion.

Anlässlich ihrer Verrentung richtete die Abteilung XII

eine kleine Feier aus. Die Fotos dieser Feier dokumentie-

ren nicht nur das Abschiedsgeschenk – einen Rasenmäher

–, sondern sie unterstreichen noch einmal eindrucksvoll

die männliche Dominanz in der Abteilung in dieser Zeit.

Probleme von Vereinbarkeit von MfS und Familie

Denjenigen Tschekistinnen aus Heinritz‘ Generation,

die Hausfrau und Mutter waren, blieb sogar eine solche

bescheidene Karriere häufig versperrt. Und diese Frauen

waren es auch, die die männlichen Führungskräfte zu

der Einschätzung kommen ließen, Frauen mit Kindern

seien ein zentrales kaderpolitisches Problem der Abtei-

lung – neben dem in den 1950er- und 1960er-Jahren

gleichfalls hohen Anteil alter und gesundheitlich ange-

schlagener männlicher Mitarbeiter. So urteilte der Leiter

der Abteilung Oberstleutnant Paul Karoos im Oktober

1962: „Durch die Konzentration kranker Genossinnen

und Genossen und der grossen Anzahl Mitarbeiterinnen

mit Klein- und schulpflichtigen Kindern, ist die Einsatz-

fähigkeit der Diensteinheit sowie auch die Arbeitsdurch-

führung sehr stark gehemmt.“

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Während in dieser Zeit die älteren Männer, die oft als

Widerstandskämpfer im KZ gesessen hatten und nicht

selten von operativen Einheiten kamen und somit nun in

der Abteilung XII gleichsam „auf ’s Altenteil“ geschoben

worden waren, oft krankheitsbedingt ausfielen, wurden

die jungen Frauen oft schwanger und verließen dann bald

wieder das MfS – mühsam mussten dann neue Kader

25 BStU, MfS, Abt. XII 4359, S. 42–55, hier S. 50.

26 BStU, MfS, AS 82/70, S. 61.