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Frauen im Ministerium für Staatssicherheit

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

gefunden werden. Blieben die Frauen nach der Geburt der

Kinder imMfS, so war es üblich, dass im Falle der Erkran-

kung der Kinder die Mütter – und nicht etwa die Väter

– sie zu Hause betreuten und somit nicht zur Arbeit kom-

men konnten. Im Jahr 1962 zählte man in der Abteilung

insgesamt weit über 2000 Ausfalltage, von denen über elf

Prozent durch die Abwesenheit der Mütter wegen ihrer

kranken Kinder bedingt waren – die restlichen betrafen

Krankheiten oder Kuraufenthalte der Mitarbeiter selbst.

Bei den durch Krankheiten der Kinder bedingten Aus-

falltagen handelte es sich um unbezahlten Urlaub, sodass

dadurch die Motivation der Eltern, den in der Regel bes-

serverdienenden Vater und nicht die Mutter für die Pflege

„abzustellen“, kaum gestärkt worden sein dürfte.

Frauen waren angesichts derartiger Probleme in der

Regel nicht so flexibel einsetzbar wie ihre männlichen

Kollegen. Dies betraf auch die Frage der Arbeitszeiten.

Schichtarbeit war unter den Bedingungen, die die Sorge

für Haushalt und Familie vorgaben, kaum möglich. Und

manchmal konnte auch ein weinendes Kind zu Sonder-

wünschen führen, die das kritische Urteil der Vorgesetzten

über ihre weiblichen Mitarbeiter verstärkt haben dürfte.

Ein weiteres Problem bereitete den männlichen Füh-

rungskräften der weit verbreitete Wunsch der weibli-

chen Hauptamtlichen mit Kindern, zumindest für eine

begrenzte Zeit verkürzt zu arbeiten. Solchen Wünschen

galt es im Sinne des MfS entgegenzutreten. „Der Anteil

der teilbeschäftigten weiblichen Angehörigen konnte

durch zielstrebige Überzeugungsarbeit und Klärung per-

sönlicher Probleme erheblich gesenkt werden“

27

, berich-

tete etwa der vierte Leiter der Abteilung XII, Roland Lei-

pold, 1973 über die „Kaderarbeit“ in seiner Diensteinheit

– Teilzeitarbeit erscheint vor dem Hintergrund solcher

Formulierungen fast wie „untschekistisches Verhalten“.

Diese Problematik beschäftigte das MfS seit den

1950er Jahren, doch seit den 1970er, vor allem aber in

den 1980er Jahren bekam das Thema eine zusätzliche Bri-

sanz. Von den sozialpolitischen Maßnahmen, mit denen

die SED aus politischen und ökonomischen Gründen

für Frauen mit Kindern die Vereinbarkeit von Familie

und Beruf stärkte, war nämlich das MfS als „Arbeitgeber“

ebenso wie alle anderen DDR-Betriebe betroffen. In sei-

nem „Bericht über die Erfüllung der Aufgaben der Kader-

arbeit im Jahre 1987“ beklagte sich etwa der letzte Leiter

der Abteilung XII, Oberst Heinz Roth, mehr oder minder

27 BStU, MfS, Abt. XII 2648, S. 95.

Oberstleutnant Ingeburg Heinritz, vermutlich bei ihrer Verabschiedung im Jahr 1987, mit dem männlichen Leitungspersonal der Abt. XII

Abbildung: BStU, MfS, Abt. XII 4359, S. 6, Bild 25