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Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Historische Jugendromane im Geschichtsunterricht

das Gegenteil von Demokratie. Ohne an der Bedeutung

dieser Themen zu zweifeln, problematisiert Barricelli,

dass die Thematisierung des Bösen nicht notwendig zum

Guten führe. Er vertritt deshalb die These, neben der Erin-

nerung an Diktaturerfahrungen müssten auch anschauli-

che und anziehende Narrative zur Demokratiegeschichte

im Unterricht bearbeitet werden.

2

Historische Jugendromane erzählen anschaulich und

konkret auf den einzelnen Menschen bezogen, sie stellen

eingängige Narrative vor, die durchaus Anziehungskraft

besitzen können. Sie bieten Orientierung und können

im Leseprozess historisches Erfahrungswissen aufbauen.

Insofern könnten sie sich als Medium für Demokratie-

geschichte anbieten. Jugendliteratur kann die abstrakten

Grundsätze der Demokratie konkretisieren, denn gat-

tungsspezifisch bietet sie Identifikationsangebote, die ein-

drücklich auf die Bedeutung von Grund- und Menschen-

rechten sowie Rechtsstaatlichkeit aufmerksam machen

könnten. Jugendlichen Protagonisten können dem Leser

den Zugang zu den politischen Aspekten erleichtern, die

Konkretisierung am historischen Thema schafft zusätzlich

eine Distanz zur Gegenwart, die lernförderlich sein kann.

Während aktuelle politische Probleme oft vorschnell emo-

tionalisieren, kann die Thematik am historischen Beispiel

zunächst in ihrer Andersartigkeit wahrgenommen und

kognitiv durchdacht werden, bevor sie auf die Gegenwart

bezogen wird. Dieser Bezug drängt sich dennoch immer

auf, weil trotz aller Andersartigkeit der Vergangenheit über

die altersspezifischen Erfahrungen des Protagonisten eine

Vergleichsfläche angelegt ist. So kann sich nahezu auto-

matisch vom historischen Sachurteil ausgehend auch ein

gegenwartsorientiertes individuelles Werturteil bilden.

3

So einleuchtend diese Idee erscheinen mag, ist sie doch

nicht einfach umsetzbar, denn es gibt kaum historische

Romane, die in ihrer Haupthandlung solche positiven

Narrative zur Demokratiegeschichte aufgreifen. Wenn

Figuren deutlich demokratische Ideale vertreten, schei-

tern sie oft an den Strukturen ihrer Zeit, Emanzipations-

geschichten thematisieren vor allem die Schwierigkeiten

und enden spätestens, wenn ein Erfolgskurs absehbar ist.

Inhaltlich ist der Jugendbuchmarkt derzeit vom Thema

‚Nationalsozialismus und Holocaust‘ dominiert, insbe-

sonders dem erinnerungskulturellen Erzählen von Dikta-

2 Vgl. ebd., S. 31 ff.

3 Zu diesen didaktischen Potenzialen historischer Jugendliteratur vgl. Mo-

nika Rox-Helmer: Der historische Jugendroman als geschichtskulturelle

Gattung. Fiktionalisierung von Geschichte und ihr didaktisches Potential,

Frankfurt 2019, S. 389 ff.

turerfahrungen; selbst die Romane, die jetzt zum 30. Jah-

restag der Friedlichen Revolution erschienen sind, legen

ihren Schwerpunkt eher auf die Auswirkungen der SED-

Diktatur als auf die demokratische Bewegung.

Demokratie scheint kein romanhaftes Thema zu sein!

Das ist auch wenig verwunderlich, denn die Jugendli-

teratur, die spannende Geschichten erzählen will, wählt

als Erzählgegenstand eher historische Situationen aus, in

denen die Demokratie in Gefahr ist oder gar nicht exis-

tiert. Die Auswirkungen von Unrecht, Diskriminierung,

Entrechtung oder Gewalt lassen sich leichter mit jugendli-

terarischen Erzählmustern verbinden als die durch demo-

kratische Grundsätze möglichen Handlungsoptionen.

Insofern sind historische Romane kaum direkt als

Lehr-

mittel

für Demokratieerziehung im Sinne der Vermittlung

positiver Demokratienarrative einsetzbar.

Dennoch müssen sie in der Demokratieerziehung nicht

als Unterrichtsmedien ausgeschlossen werden. Ihre Poten-

ziale lassen sich durchaus nutzen, zumal es ohnehin frag-

würdig ist, ob Demokratie einfach über positive Beispiele

lehrbar ist. Der Politikdidaktiker Peter Heintel stellte

bereits in den 1970er Jahren heraus, dass Demokratie sich

nicht lehren lasse, sondern allenfalls lernen lasse.

4

Dafür

sind Umwege oft besser geeignet als direkte Unterweisun-

gen.

Ein solcher Umweg kann über kulturell-ästhetische

Zugänge in besonders eindringlicher Weise erfolgen, weil

diese innerhalb eines wertorientierend angelegten Rah-

mens grundsätzlich interpretationsoffen sind und das Ein-

treten für eine humanistische Werthaltung als persönlich

relevant erkennbar machen können. Die Literatur- und

4 Vgl. Peter Heintel: Politische Bildung als Prinzip aller Bildung, Wien 1977,

S. 37 f.

Kinder und Jugendliche auf der

Leipziger Buchmesse

Abbildung: Waltraud Gru-

bitzsch/dpa-Zentralbild/picture

alliance