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Teil II: „Es lebe die Weltrevolution!“ – Die Kommunistische Räterepublik

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

schuss, der die gesetzgebende und vollziehende Gewalt

übernahm. Neben Kommunisten waren in diesem Aus-

schuss auch Mitglieder von USPD und SPD vertreten. An

der Spitze der neuen Regierung stand der Vollzugsrat, der

die Regierung nach außen vertrat.. Eugen Leviné wurde

dessen Vorsitzender.

In der Parteizentrale in Berlin war man entsetzt über

diese Entwicklung. Die Übernahme der Macht wurde hier

als taktischer Fehler angesehen. Nichts an der Situation

habe sich geändert. Südbayern sei als eigenständige Räte-

republik nicht überlebensfähig. Im Norden sammelte sich

zudem bereits die Gegenrevolution, die auf Unterstützung

der Reichsregierung zählen konnte. Wie wenig hoffnungs-

voll die Lage war, dessen war sich auch Leviné bewusst.

Dennoch ließ er sich darauf ein. Die Abwehrschlacht am

Palmsonntag hatte ihm gezeigt, dass die Arbeiter bereit

waren, mit ganzem Einsatz die Räterepublik zu verteidi-

gen. In dieser Situation hielt Leviné es für die revolutio-

näre Pflicht der Partei, die Massen nicht im Stich zu las-

sen. Vielleicht würde das einsame Beispiel Bayerns ja zum

Fanal für die ins Stocken geratene Revolution in Deutsch-

land werden.

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Die ersten Amtshandlungen der neuen Räterepublik

waren die Ausrufung eines zehntägigen Generalstreiks

sowie die Bildung einer Roten Armee. Die vordringlichste

Aufgabe der kommunistischen Räterepublik bestand in

ihrer Verteidigung. Nachdem eine Wirtschaftsblockade

der Regierung Hoffmann nicht das gewünschte Ergebnis

gebracht hatte, setzte man auf die militärische Lösung.

Ende April wurde die bayerische Landeshauptstadt von

35.000 Regierungssoldaten und Freikorps umstellt. Ihnen

gegenüber stand als Armee der Revolution die Bayerische

Rote Armee. An ihrer Spitze befand sich der 23-jährige

Schwabinger Matrose Rudolf Egelhofer, der auch zum

„Stadtkommandanten“ von München ernannt wurde. Er

verhängte den Ausnahmezustand über die Stadt.

Zum ersten Mal seit der Novemberrevolution wur-

den die alten Polizeitruppen entwaffnet. Mehr als 20.000

Gewehre wurden eingesammelt und an Arbeiter verteilt.

Genaue Angaben über die Größe der Roten Armee gibt

es keine. Realistische Schätzungen sprechen von 10.000

bis 12.000 Mann. Da die Rote Armee von hoher Fluktu-

ation geprägt war, schwankte die Zahl der Aktiven jedoch

ständig. Niemals standen alle Rotarmisten zeitgleich im

Feld. Die Rote Armee in Bayern war zu keiner Zeit mit

6 Gerhard Schmolze (Hg.): Revolution und Räterepublik in München

1918/19 in Augenzeugenberichten, München 1978, S. 302.

Die Aufnahme zeigt den Rudolf Egelhofer, den Oberkommandierenden der

Roten Armee und Stadtkommandanten von München, in der Uniform der

kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg.

Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

einer regulären Armee zu vergleichen. Aus dem bunt

zusammengewürfelten Haufen revolutionärer Idealisten

eine schlagkräftige Truppe zu formen, die sich den hoch-

gerüsteten Reichstruppen entgegenzustellen vermochte,

stellte Egelhofer vor eine kaum lösbare Aufgabe. Bei den

späteren Kämpfen zeigte sich, wie sehr die Rote Armee

unter dem Mangel an einheitlicher militärischer Führung

und der Unmöglichkeit einer Koordination der einzelnen

militärischen Operationen litt. Die Rote Armee war den

Regierungstruppen hoffnungslos unterlegen.

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7 Erich Wollenberg: Als Rotarmist vor München, Hamburg 1972.