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Teil II: „Es lebe die Weltrevolution!“ – Die Kommunistische Räterepublik

Einsichten und Perspektiven 3 | 19

Um die Ernährung der Bevölkerung trotz der

Hoffmann‘schen Blockade aufrechtzuerhalten, wurden

Lebensmittel beschlagnahmt. Milch wurde nur mehr an

Kinder und Kranke verteilt. Die Verarbeitung zu But-

ter und Käse wurde bei Androhung von Strafe verboten.

Kohle gab es nur mehr für Arbeiterfamilien und Betriebe,

die vom Streik ausgeschlossen waren. Die Banken wurden

nationalisiert, Bankkonten gesperrt, das Bankgeheimnis

wurde aufgehoben. Abhebungen waren nur mehr bis zu

einer Höhe von 100 Mark täglich möglich. Alle Schließfä-

cher wurden geöffnet, die Gelder beschlagnahmt und gut-

geschrieben.

8

Die Sozialisierung der Betriebe war eines der

Hauptanliegen der kommunistischen Räterepublik. Von

nun an übten Betriebsräte die Kontrolle über die Betriebe

aus. In Zukunft sollte die Arbeiterschaft als handelnde

Einheit auftreten und das Wirtschaftsleben bestimmen.

Die Sozialisierung der Presse, wie sie in der anarchistischen

Räterepublik durchgeführt worden war, wurde zurück-

genommen. Für die Kommunisten war die Presse ein

Machtmittel, das sie nicht aus der Hand geben wollten.

Zunächst wurden alle Zeitungen verboten. Die Regierung

gab stattdessen kostenlos die „Mitteilungen des Vollzugs-

rats der Betriebs- und Soldatenräte“ heraus. Sozialistische

Zeitungen wie die „Münchner Post“ wurden nach und

nach wieder zugelassen, die bürgerliche Presse blieb verbo-

ten. Telefon und Telegraphenverkehr wurden zur Verhin-

derung von Gegenspionage unter Überwachung gestellt.

Der 23-jährige Karl Retzlaw wurde zum Polizeikommis-

sar und zum Polizeipräsidenten von München ernannt. Es

erging ein Befehl zur Entlassung aller politischen Gefan-

genen. Als Retzlaw bei einem Besuch im Polizeigefängnis

mit den kleinen Vergehen der „Unpolitischen“ konfrontiert

wurde, schickte er auch sie nach Hause. Um die entlassenen

Strafgefangenen vor weiterer Verfolgung zu schützen, wur-

den alle Akten des Polizeipräsidiums vernichtet.

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Als die Bedrohung von außen zunahm, rückte die mili-

tärische Verteidigung der Revolution in den Vordergrund.

Dabei zeigte sich einmal mehr die Uneinigkeit der Revo-

lutionäre: Kommunistische Kaderdisziplin stand anarchis-

tischer Freiwilligkeit diametral entgegen. Die Zusammen-

arbeit mit Freigeistern und Pazifisten wie Ernst Toller war

schwierig, doch die KPD war bei der Verteidigung der

Räterepublik auf diese Zusammenarbeit angewiesen, da

aufgrund des geringen Organisierungsgrads der Partei für

8 Mitteilungen des Vollzugsrats vom 16. April 1919, in: Hans Beyer: Die

Revolution in Bayern 1918/19, Berlin 1982, S. 106.

9 Karl Retzlaw: Spartacus. Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines

Parteiarbeiters, Frankfurt am Main 1985, S. 145.

Führungsaufgaben innerhalb der Roten Armee nur ver-

einzelt kommunistische Vertrauensleute oder Parteimit-

glieder zur Verfügung standen.

Am Abend des 15. April sickerte die Nachricht durch,

dass von Dachau her eine 800 Mann starke Truppe auf

München zumarschierte. Rudolf Egelhofer ließ den

Hauptbahnhof räumen. Der Zugverkehr wurde unterbro-

chen. Lastwagen brachten Soldaten an den nordwestlichen

Stadtrand von München bei Allach. Zu Befehlshabern

wurden ehemalige Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg

ernannt, die zumindest als Unteroffiziere Befehlserfah-

rung hatten. Nach kurzer Zeit trafen die Truppen auf den

Feind. Mit vereinten Kräften gelang es, den Gegner bis

Karlsfeld zurückzuschlagen. Die Regierungstruppen, von

der heftigen Gegenwehr der Revolutionäre überrascht,

zogen sich zurück. Die Rote Armee hatte ihren ersten

Sieg errungen. Die sich zurückziehenden Truppen der

Regierung verschanzten sich in Dachau. Von den Revo-

lutionären wurden sie als „Weiße Truppen“ bezeichnet, in

Anlehnung an die bewaffneten Weißen Truppen, die im

russischen Bürgerkrieg gegen Oktoberrevolution und Bol-

schewismus kämpften.

Rudolf Egelhofer befahl Ernst Toller, der zwischenzeit-

lich zum Kommandanten der Dachauer Truppen ernannt

worden war, die Stadt mit Artillerie zu beschießen. Toller

weigerte sich, setzte stattdessen auf Verhandlungen. Erst

als diese scheiterten, zog er militärische Konsequenzen.

Der vorrückenden Roten Armee gelang es, nach kurzem

Feuergefecht am 16. April den Gegner erneut zu bezwin-

gen. In den nächsten Tagen besetzte die Rote Armee

Freising, Rosenheim, Kochel, Schongau und Kaufbeuren

sowie den Flugplatz Schleißheim.

Rudolf Egelhofer schickte Toller einen Kurier mit

dem Befehl, die gefangengenommenen Offiziere stand-

rechtlich zu erschießen, was Toller erneut verweigerte. Er

setzte auch in diesem Zusammenhang auf Verhandlun-

gen, hoffte auf die Vernunft beider Seiten. So gelang es

ihm, einen Waffenstillstand auszuhandeln und das Gebiet

zwischen Ingolstadt und Dachau zur neutralen Zone

erklären zu lassen.

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Dies gab den Regierungstruppen die

dringend benötigte Atempause, um sich zu sammeln und

zum Gegenschlag auszuholen. Sie ersuchten die Reichs-

regierung in Berlin um Hilfe. Am 17. April beschloss

Reichswehrminister Gustav Noske den Einsatz von

Reichswehrverbänden gegen München. Zuvor hatten die

Entente-Mächte Reichspräsident Ebert die Entsendung

10 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, Leipzig 1990, S. 126.