Table of Contents Table of Contents
Previous Page  10 / 72 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 10 / 72 Next Page
Page Background

10

Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Warum können Worte verletzen?

dass die Adressaten verletzender Worte diese aufgreifen

und sie auf die Angreifer zurückwenden, vergleichbar

fast einer Kampfkunst, die darin besteht, die Schlagkraft

des Gegners aufzufangen und gegen ihn selbst zu wen-

den. Es war Judith Butler,

11

die erstmals die Möglich-

keit des Widerstandes gegen verletzende Sprache jenseits

von Kriminalisierung und Zensur unter dem Stichwort

‚Re-Signifikation‘ ausgelotet und beschrieben hat: Was

als Demütigung und Herabsetzung gedacht ist, kann

unter gewissen Bedingungen aufgegriffen und zu einem

Instrument stolzer Selbstermächtigung werden, indem

die Beleidigten selbst das ihnen beschiedene Schmähwort

aufnehmen, umwenden und zum Etikett einer stolzen

Selbstbeschreibung machen. Die Verwendung des Wortes

Nigger, bevorzugt als ‚Nigga‘ im Rap afroamerikanischer

Musiker, ist dafür ein Beispiel.

Die Formen nicht-juridischer Interventionen sind viel-

fältig: „Hate Poetry“ ist eine Leseshow, bei der die Emp-

11 Judith Butler: Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin 1998,

S. 103 ff.

fänger meist rassistischer Hassbotschaften diese öffentlich

verlesen und deren Absender dadurch bloßstellen. Oder es

gibt Initiativen wie „Kanak Attak“, ein Zusammenschluss

von Menschen mit Migrationshintergrund, die rassisti-

sche Denkfiguren attackieren, sich gegen identitätspoliti-

sche, ethnographische Zuschreibungen wehren und auch

das Modell assimilierter Integration angreifen.

12

Die Initi-

ativen gegen die Hassrede im Netz – darauf wurde bereits

verwiesen – sind vielfältig; nicht wenige Foren beraten

Betroffene über Widerstandsformen und es gibt Apps wie

„Hassmelden.de“

, die das Melden von Hasskommentaren

erleichtern.

13

12 Christian Vasili Schütze: Die Subversion verletzender Worte. Philosophi-

sche Untersuchungen zu einer Politik des Performativen, Dissertation In­

stitut für Philosophie, FU Berlin, verteidigt am 14.10.2019.

13 In deutscher Übersetzung lautet das Gedicht: Alleen / Alleen und Blu-

men / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Al-

leen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer; Übersetzung nach:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/kontroverse-um-eugen-gom-

ringers-gedicht-kunstfreiheit.2156.de.html?dram:article_id=394868

[Stand: 28.11.2019].

Das mittlerweile übertünchte Gedicht des Poeten Eugen Gomringer an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. Der dortige AStA hatten einen

entsprechenden Antrag gestellt, da das Gedicht laut den Studierenden Frauen herabsetzen und an sexuelle Belästigung von Frauen erinnern würde.

13

Foto: ullstein bild – Public Address