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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

„Friedliche Revolution“ – ein umkämpfter Begriff

Einfluss der DDR-Kirchen und die anfangs reformsozi-

alistischen Forderungen der Oppositionsgruppen. Doch

sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es 1989

auch in der DDR Gewalt gab, so am 4. Oktober beim

brutalen Vorgehen der Staatsmacht gegen Dresdner

Bürger bei der Durchfahrt der Ausreiserzüge aus Prag.8

Zudem war die Angst vor einer „chinesischen Lösung“

durchaus vorhanden, etwa vor der Leipziger Demonstra-

tion vom 9. Oktober, als (unzutreffende) Gerüchte von

bereitstehenden Panzern und Blutkonserven in den Kran-

kenhäusern die Runde machten – möglicherweise gezielt

gestreut seitens des Regimes.9

Dass der DDR-Umbruch als friedliche Revolution in die

Geschichte eingehen konnte, war also in mehrfacher Hin-

sicht voraussetzungsvoll. Wie kam es zu dieser Bezeichnung?

Wann kam sie auf, und wer führte sie ein? Welche Vorstel-

lungen und Deutungskämpfe verbanden sich mit ihr?

Spätes Aufkommen des Begriffs im Demonstrations-

geschehen 1989

Sucht man im DDR-Herbst 1989 nach dem Revoluti-

onsbegriff, wird man zunächst in SED-Publikationen

fündig.10 Dies überrascht insofern kaum, als etwa die

Bezugnahme auf die Russische Revolution von 1917 zum

8 Vgl. Martin Sabrow (Hg.): 1989 und die Rolle der Gewalt, Göttingen 2012.

9 So jedenfalls Georg Wagner-Kyora: Väter der Gerüchte. Angst und Mas-

senkommunikation in Halle und Magdeburg im Herbst 1989, in: Journal

of Modern European History 3/2012, S. 362–390, hier S. 362 f.

10 So druckte das Neue Deutschland (06.10.1989) vor dem 40. Jahrestag der

DDR Grußworte aus den sozialistischen „Bruderstaaten“, in denen es etwa

hieß, die Gründung der DDR sei „die größte Errungenschaft der revoluti-

onären deutschen Arbeiterbewegung“ und die DDR erfülle „ein revolutio-

näres Vermächtnis“.

ideologischen Kernbestand des Regimes gehörte. Zwar

hatte das Revolutionsverständnis der SED insofern bereits

Konkurrenz erhalten, als der sowjetische Staats- und Partei-

chef Gorbatschow seine Umgestaltungspolitik als „zweite

russische Revolution“ bezeichnete. Dennoch mochte sich

der Begriff zunächst wenig zur Artikulation von Protest

eignen. Entsprechend traten bei den DDR-Demonstratio-

nen vielfach Forderungen etwa nach Reformen und freien

Wahlen auf, von Revolution war jedoch nur selten und erst

spät die Rede: Auf der Ost-Berliner Großkundgebung vom

4. November trug ein Transparent die Aufschrift „Es lebe

die Oktoberrevolution 1989“, die ähnlich zuvor schon in

Markneukirchen und später auch in Plauen zu sehen war.

11

Spielte dies zumindest nominell noch auf das offi-

zielle marxistisch-leninistische Revolutionsverständnis

an, erfolgte eine explizite Reformulierung des Begriffs

unmittelbar im Anschluss: „Eine neue DDR-Identität ist

entstanden, die Identität einer gewaltlosen Revolution“,

berichtete die

Samizdat

-Publikation telegraph aus der

dissidentischen Umweltbibliothek über die Ost-Berliner

Demonstration.

Der Bericht des telegraph ist in zweifacher Hinsicht

bemerkenswert: Zum einen trennte er den Revolutions-

begriff ausdrücklich vom Element der Gewalt und nahm

damit eine entscheidende Umdeutung vor (Bernd Lindner

sieht hierin die früheste Kombination der Wörter „Revo-

lution“ und „gewaltlos“). Zum anderen gebrauchte er den

11 In Leipzig, wo bereits Anfang Oktober Hunderttausende demonstrierten

hatten, war sogar erst Ende November – und dann bereits in neuen Wort-

kombinationen, von Revolution die Rede, vgl. Bernd Lindner: Wir bleiben

… das Volk! Losungen und Begriffe der Friedlichen Revolution 1989, Erfurt

2019, S. 71.

Archivbilder des telegraph

Abbildung: Zeitschrift telegraph

Antje Vollmer, damalige Fraktionssprecherin der Grünen, 1989

Foto: Sepp Spiegl/Süddeutsche Zeitung Photo