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Zeitenwende

Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Persönliche Kontakte in die DDR hatten wir mangels

„Ostverwandtschaft“ nicht. Das änderte sich in der zweiten

Hälfte der Achtzigerjahre: Aufgewachsen im Zonenrand-

gebiet, gehörten Luftballonweitflugwettbewerbe zu vielen

Sommer-, Pfarr- und Schulfesten. Dabei ging es nicht

allein um den Wettbewerbscharakter, wie ich erst später

verstanden habe: Die Ballons sollten über die Grenze nach

Osten fliegen. Und einmal gewann ich sogar den ersten

Preis: zehn Kinokarten, überreicht vom Bürgermeister,

mit Bild in der Lokalzeitung. Der Ballon wurde in der

Nähe von Halberstadt gefunden. Eine Bekanntschaft mit

der Finderfamilie entwickelte sich. Seitdem fuhren wir

regelmäßig im kleinen Grenzverkehr dorthin und besuch-

ten gemeinsam den Ostharz. Da auf dem Land ein wenig

Selbstversorgung möglich war, erhielten wir im Gegenzug

Wurst aus Hausschlachtung und Eier als Geschenk mit

nach Hause – im Kofferraum für die Grenzkontrolle unter

Decken versteckt.

Eine Fahrt ist mir bis heute deutlich in Erinnerung

geblieben: Sommer 1989, letzter Feriensonntag in der

DDR. Die angespannte Atmosphäre war nahezu greif-

bar. Es gab abfällige Bemerkungen. Denn als Westdeut-

scher fiel man unwillkürlich auf. Auf der nächtlichen

Rückfahrt (man musste die Grenzübergangsstelle, so

der DDR-Jargon, bis Mitternacht passiert haben) wurde

unser Westauto in einem Dorf angehalten, Jugendliche

trommelten aufs Autodach und rüttelten den Wagen

durcheinander. Folgen hatte es nicht, nach kurzem

Stopp konnten wir weiterfahren – unheimlich war es

aber doch.

Reihe, direkt vor der weit aufgespannten Titelseite, hinter

der der Lehrer thront. Eine Fragestellung meiner Klausur

dreht sich um irgendeinen Stoff aus der Frühen Neuzeit,

vermutlich geht es um den Frieden von Paris 1763. Vor

mir prangt die Schlagzeile „Die DDR bricht die Mauer

auf“. Das Titelbild zeigt die Menschen auf der Mauer

vor dem Brandenburger Tor. Während ich mich mit der

Geschichte längst verblichener Generationen abmühe,

findet vor meinen Augen Geschichte statt, die ich selbst

erlebe. Der Fall der Mauer ist so beeindruckend, dass ich

diese Ausgabe der Zeitung aufhebe, meine Eltern beziehen

schließlich das Abonnement.

In den Jahren danach zeige ich diese Zeitung immer

wieder gerne her, wenn es um politische oder historische

Themen geht. Irgendwann fällt mir auf, dass es zwischen

der Zeitung und meiner Erinnerung einen Widerspruch

gibt: Bei der Ausgabe der Süddeutschen handelt es sich

um die Wochenendausgabe vom 11./12. November 1989,

am Freitag, 10. November, konnte das Blatt noch nicht in

voller Breite über den Fall der Mauer berichten, da sich

die überstürzenden Ereignisse mit dem Redaktionsschluss

überschnitten haben. Samstag aber ist schulfrei.

Heute erkläre ich mir diese Diskrepanz so: Vermutlich

handelte es sich um eine Wiederholungsschulaufgabe, die

in den Leistungskursen in Bayern möglich war. Vermut-

lich war sie auf einen Samstag gelegt worden, der als Aus-

gleich für einen beweglichen Feiertag (Buß- und Bettag?)

als Unterrichtstag angesetzt worden war.

W.G.

Dieser Aussichtsturm bei Duderstadt im Eichsfeld sollte vor 1989 einen Blick

über die Grenze ermöglichen und steht noch heute an der ursprünglichen

Stelle.

Foto: picture alliance / dpa Themendienst / Andreas Heimann