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Zeitenwende

Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Wir hatten Verwandtschaft in Mecklenburg, in Dömitz, im

Sperrgebiet direkt an der Elbe, und weitere Familie lebte

in Nordhessen im so genannten Zonenrandgebiet, angren-

zend an Thüringen. Die Besuche „drüben“ waren mit

Papierkram, Zwangsumtausch und Gängelung durch die

DDR-Behörden verbunden. Der Grenzübertritt selbst löste

bei mir Beklemmung und Angst aus. Daher hatten wir die

Ereignisse in der DDR seit dem Paneuropäischen Picknick

in Ungarn auch mit Staunen und Neugier verfolgt.

Die Freude war also riesengroß, als am Abend des 9.

November 1989 klar wurde, was die Pressekonferenz Gün-

ter Schabowskis und seine Antwort auf die Nachfrage eines

Reporters, wann denn die neue Reiseregelung in Kraft tre-

ten würde, ausgelöst hatte. Gebannt saßen wir vor dem

Fernseher und verfolgten ungläubig staunend den völlig

ungehinderten Grenzübertritt der vielen Ostberliner in den

Westteil der Stadt, die unzähligen Trabis und Wartburgs,

die jubelnd empfangen wurden, und die wildfremden

Menschen, die sich in den Armen lagen. Besonders in Erin-

nerung ist mir die Ostberlinerin, die dem westdeutschen

Fernsehen zeigte, dass sie unter ihrem Mantel lediglich ein

Nachthemd trug, weil sie nur mal schauen wollte, ob die

Grenze wirklich offen sei. Meinen Eltern und mir standen

die Tränen in den Augen und wenn ich die Bilder heute im

Geschichtsunterricht zeige, berühren sie mich immer noch.

Das Glücksgefühl an diesem Abend war unbeschreiblich.

Schließlich öffnete mein Vater eine Sektflasche und wir fei-

erten den Fall der Mauer bis tief in die Nacht.

Wenige Wochen später wurden dann auch die Grenzen

in die andere Richtung geöffnet. Um das mitzuerleben,

fuhr ich nach Nordhessen. Mitten im ehemaligen Nie-

mandsland bei Eschwege war plötzlich ein provisorischer

Grenzübergang eingerichtet. Eine lange Autoschlange

staute sich vor dem kleinen Kontrollposten. Es wurden

keine Papiere kontrolliert oder Autos durchsucht. Die

Grenzer winkten uns freundlich durch und dann begann

eine unvergessene Fahrt über holprige Landstraßen und

wunderschöne Alleen. Entlang der Straße, an Kreuzun-

gen, vor den Häusern standen Menschen mit Kuchen

und Getränken, die sie den Vorbeifahrenden anboten,

es wurde gewunken und viel gehupt. Eine unglaubliche

Freude über die Grenzöffnung war überall zu spüren.

Als ein Jahr später am 3. Oktober 1990 in Berlin

die Wiedervereinigung gefeiert wurde, entschloss ich

mich noch am selben Tag zu den Feierlichkeiten in der

Hauptstadt zu fliegen. Ich studierte zu diesem Zeitpunkt

Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in

München und sagte mir, dass ich solch einen historischen

Moment einfach nicht verpassen dürfe. Die Tatsache, dass

dieser spontane Einfall ein ziemliches Loch in meine Stu-

dentenkasse riss, nahm ich dabei in Kauf. Aber das Erleb-

nis dieser ersten gesamtdeutschen Nacht möchte ich wirk-

lich nicht missen!

S.St

.

Stau nach der Maueröffnung am 9.11.1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße/Boesebrücke

Foto: Rolf Zöllner/Süddeutsche Zeitung Photo