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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Warum können Worte verletzen?

deutige Grenze zwischen erlaubter und verbotener Gewalt;

nun erst wird die persönliche Ausübung von Gewalt zu

einem kulturellen Tabu, ohne damit allerdings Formen

zerstörerischer Gewalt in der Gesellschaft unterbinden zu

können. Die Idee einer gewaltfreien Kultur scheint ebenso

utopisch wie die Idee einer gewaltfreien Sprache: Als regu-

lative Utopie sind beide unabdingbar; zur Beschreibung

der Wirklichkeit taugen sie weniger. Denn Gewalt ist

nicht einfach ‚das Andere‘ von Kultur, sondern ihr genu-

ines Inkrement. Dass dies – verstörender Weise – so ist,

tritt gerade am Phänomen verletzender Worte hervor.

Die ‚Doppelkörperlichkeit‘ von Personen

Ernst Kantorowicz

4

schrieb, zurückgehend auf einen

Topos aus elisabethanischer Zeit, von den zwei Kör-

pern des Königs, dem natürlichen, sterblichen und dem

öffentlichen, übernatürlichen. Aufzeigen wollte er, wie die

Entstehung des modernen Staates die öffentliche Funk-

tion abspaltet von der natürlichen Person. Dies ist ver-

allgemeinerbar: Eine Doppelkörperlichkeit kommt

allen

Menschen zu, die als Personen stets beides sind, physisch-

leiblicher wie sozial-symbolisch konstituierter Körper.

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Allerdings ist diese Trennung zwischen dem Somatischen

4 Ernst Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen

Theologie des Mittelalters, Stuttgart 1992.

5 Sybille Krämer: Sprache als Gewalt oder: Warum verletzen Worte?, in:

Steffen K. Herrmann/Sybille Krämer/Hannes Kuch (Hg.): Verletzende Wor-

te. Die Grammatik sprachlicher Missachtung, Bielefeld 2007, S. 31-48,

hier S. 36.

und dem Semantischen eine rein begriffliche; faktisch

durchwirken sich beide Dimensionen im Realen: Kaum

ein physischer Gewaltakt, dem nicht auch eine symboli-

sche Dimension zukommt.

Worauf es nun ankommt, ist: Einen Ort einzunehmen,

ist für beide Arten von Körperlichkeit grundlegend. Phy-

sische Körper nehmen einen Platz ein, von dem sie mit

Kraft und Gewalt verdrängt werden können. Die Ver-

treibung bildet daher die Urform physischer Gewalt. Die

symbolische Körperlichkeit bezieht sich dagegen auf den

Platz, den wir innerhalb einer Gesellschaft und im Gefüge

der sozialen Interaktionen und Beziehungen einnehmen.

Charakteristisch für die symbolische Konstitution unserer

Körperlichkeit nun ist, dass diese auf der Anerkennung

durch andere beruht. Im Sprechen bringen wir überhaupt

erst unsere Welt als eine soziale Welt, in der wir einen

Ort einnehmen, hervor. Eine Sprache zu haben, bedeu-

tet nicht einfach zu reden, sondern von anderen ange-

sprochen werden zu können. Erst die Anrede, Ansprache

und Adressierung macht uns zum anerkannten Teil einer

Gemeinschaft. Dem Sprechen geht das Angesprochenwer-

den voraus.

Kaum etwas erläutert dies deutlicher als die Institution

des Eigennamens: Der Name wird (gewöhnlich) nicht

erworben, sondern mit der Geburt verliehen. Er stiftet

Unverwechselbarkeit und verleiht eine soziale Identität

noch vor aller biologischen und psychologischen Entfal-

tung von Individualität. Einen Namen zu haben, macht

uns als Menschen kenntlich, der einen Ort im öffentlichen

Raum der Gemeinschaft und innerhalb sozialer Beziehun-

gen innehat. Es wundert nicht – gerade Kinder haben dafür

ein feines Gespür –, dass die Verballhornung, Verhöhnung

und Desavouierung des Namens das Eingangsportal zur

seelischen Verletzung bildet. Doch bei der eher kindlichen

Diskriminierung des Namens bleibt es nicht.

Wenn die Rede in ihrer Beziehungsdimension immer

auch ein Akt der Anerkennung ist, dann kann sie zugleich

auch ein Akt der Aberkennung von Achtung, Ehre und

Würde einer Person sein. Da Verdrängung und Vertrei-

bung das Signum physischer Gewalt sind, findet dies in

der Sphäre des Symbolischen darin eine Entsprechung,

dass die Opfer sprachlicher Verletzung aus dem Diskurs

verdrängt, ihrer ‚Stimme beraubt‘, zum Verstummen

gebracht werden. Kommunikation ist Diskurs (‚discur-

sus’: Hin- und Herlaufen), also eine Wechselrede, die

gerade nach Anschließbarkeit strebt. Doch mit der Macht

verletzender Sprache kann die Sprechfähigkeit des Ande-

ren beschädigt werden. Hetzreden und Hasskommentare

haben gerade in dieser Praxis‚ den anderen ‚zum Ver-

Die Justitia auf dem Giebel des Münchner Justizpalastes als Symbol für die

Dritte Gewalt impliziert die ordnungsstiftende Bedeutungsdimension des

Wortes ‚Gewalt‘.

Foto: picture alliance/dpa/Sven Hoppe