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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

den

Typ ganz wahrhaftig und schonungslos zu zeigen,

auf den einst die deutsche Revolution gehofft hat, auf

den heute noch die meisten Genossen hereinfallen.

Hätte ich beispielsweise meine Lebensgeschichte

nicht in Ichform, sondern als Roman geschrieben, was

dann? Dann hättet wahrscheinlich ihr, Genossen, und

die ganzen Kritiker ein Loblied etwa so gesungen: ‚Fein,

er zeigt diese Revolutionswanzen richtig. Das ist einmal

ein revolutionäres Buch, weil es uns aufklärt über die

Verrottetheit und Unzuverlässigkeit solcher Gestalten.‘

Und die Kritiker hätten vielleicht noch hinzugefügt:

‚Dieses Buch ist eine Anklage, ein Fanal einer... na, und

so weiter!‘

Ich aber hätte entweder bitter lachen müssen über

euch, Genossen, oder ich hätte eine Wut bekommen,

weil ihr so gutgläubig und dumm seid. Gerade weil

ich das Buch in Ichform schrieb, forderte ich euch und

forderte ich alle heraus, denn mir kam und kommt

es immer beim Schreiben darauf an, den Menschen

so darzustellen, wie er in Wirklichkeit ist, mit seinen

Schwächen, seinem Dreck, seiner Verlogenheit und

all seinen inneren und äußeren Hemmnissen. Was ist

denn letzten Endes Sinn und Zweck der Literatur?

Etwa das Volk und die Menschen, den Menschen

so darzustellen, wie er euch behagt, wie ihr, Genossen,

ihn euch

wünscht

, etwa die Welt und ihr Getriebe zu

schildern, wie

beide nicht

sind, bloß damit ein Bild her-

auskommt, das euch irreführt und – strenggenommen

– gutgläubig und unkämpferisch macht?

Oder: Soll der Schriftsteller versuchen, ein Bild

dieser Welt und dieser Menschen zu geben, dass jeder

Genosse sich sagen muss, mit dieser Wirklichkeit

haben wir zu rechnen, die haben wir totzuschlagen und

zu verändern.

Mit Versen, mit Lobliedern und Romanen, die

immer nur darauf hinauslaufen, dass die Genossen

recht haben, gut sind, zu Unrecht unterliegen oder

mit Begeisterung siegen, ist wenig getan. Tendenz hin,

Tendenz her. Literatur ist: Das Wissen um den Men-

schen und das Wissen um alle Hintergründe der Welt

vermehren. Du, Genosse Metallschmelzer, arbeitest für

den Nutzen deiner Klasse. Glaubst du wirklich, dass

ein Mann, der ‚Wir sind Gefangene‘ geschrieben hat,

aus Eitelkeit oder, um was Schönes für bessere Leute zu

machen, Bücher schreibt? Er schreibt sie auch nur für

den Nutzen derer, zu denen er sich zählt.“

21

21 Oskar Maria Graf: Antwort an einen und viele Genossen, in: Linkskurve, 2.

Jg., 1930, H. 1, S. 16 f.

Die programmatischen Unterschiede zur Position der

Herausgeber der „Linkskurve“ treten deutlich hervor:

Graf will keine Tendenzliteratur schreiben und versteht

sich als engagierter Autor, der für Einzelne spricht. Es fällt

nicht leicht, Grafs politische Position genau zu verorten,

darauf hat schon Friedrich Prinz hingewiesen.

22

Man kann

Graf jedoch als einen Autor verstehen, der sich gegen sozi-

ale Ungerechtigkeiten auflehnte, ohne dieses Handeln aus

einer Theorie oder Ideologie abzuleiten. Peter Gay hat in

einer Studie die 1920er Jahre unter dem Stichwort der

„Republik der Außenseiter“ beschrieben.

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Vergleichbar

verwies Graf, der sich als Außenseiter verstand, durch

seine literarischen Werke jedoch für öffentliche Aufmerk-

samkeit sorgen konnte, auf soziale Ungerechtigkeiten hin

und setzte sich für Außenseiter ein.

Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen

Graf sprachen in den 1920er Jahren besonders genossen-

schaftliche Projekte an. In dem 1927 erschienenen Buch

„Wunderbare Menschen“ erzählt er aus der Zeit bei der

„Neuen Bühne“, einer Arbeiterbühne in München, die

sich 1920 gründete und nur ein Jahr bestand. Das The-

ater allgemein war in den 1920er Jahren der entschei-

dende Ort, an dem die Kunst- und Gesellschaftsdebatten

der Zeit ausgetragen wurden. Es erlebte durch die Über-

gabe in die öffentliche Hand wie kaum eine andere Kunst

einen grundlegenden Wandel. Fragen der Gestaltung und

Finanzierung waren grundsätzlicher Art, weil sie impli-

zierten, für welches Gesellschaftsmodell die Beteiligten

einstanden. Ein Buch über die „Neue Bühne“ war deshalb

auch ein Statement zur künstlerischen und gesellschaftli-

chen Entwicklung der Zeit. Graf faszinierte am Projekt

einer Arbeiterbühne das „Gemeinschaftsbewusstsein des

proletarischen Menschen“.

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Als Dramaturg war er damit

beauftragt, eingereichte Stücke für mögliche Aufführun-

gen zu prüfen. Er lernte dabei das Spektrum linksenga-

gierter Literatur kennen. Was er auf die Bühne bringen

wollte, stammte jedoch nicht selten aus der Tradition:

„Die ewigen Worte der Dichtung kann niemand verbie-

ten, die Kunst als Ausdruck des Bleibenden einer Zeit

und unserer Sehnsucht […] dieser Geist war immer das

Sprachrohr der Unterdrückten“.

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22 Friedrich Prinz: Oskar Maria Grafs Werk – eine Antwort auf eine zerrüttete

Gesellschaft, in: Jahrbuch der Oskar Maria Graf-Gesellschaft 1994/95, S.

297-319.

23 Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer

Republik 1918-1933, Frankfurt am Main 2004.

24 Graf (wie Anm. 8), S. 223.

25 Ebd., S. 327.

Von der Revolution zum Exil