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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Von der Revolution zum Exil

Grafs literarischer Durchbruch

Mit dem Bekenntnisbuch „Wir sind Gefangene“ erfuhr

Graf 1927 seinen literarischen Durchbruch. In einer

Rezeption in der „Frankfurter Zeitung“ schrieb Thomas

Mann, das Buch gewinne das Herz des Lesers bzw. der

Leserin, auch wenn der Autor Lachen und Kopfschüt-

teln errege: „Ich kann nicht sagen, wie die Originalität

des Buches mich gereizt und belustigt hat, die eins ist mit

der Natur des erlebnistragenden ‚Helden‘: ungeschlacht

und sensibel, grundsonderbar, leicht idiotisch, tief humo-

ristisch, unmöglich und gewinnend“. Das Buch sei, so

Mann, ein „menschlich-historisches Zeugnis von unver-

gänglichem Werte“.

Graf stellt seine autobiografisch geprägte Figur immer

wieder infrage, zweifelt an deren Zielgerichtetheit und

deren Handlungen oder nimmt eine humoristische Per-

spektive darauf ein. Im Vordergrund steht die Entwick-

lung des Einzelnen angesichts historischer Ereignisse. Das

Buch ist von einer Erinnerungsbewegung getragen, in der

zwei Kräftefelder wirken: derjenige, der erinnert, und der-

jenige, der erinnert wird. Insofern ist das Buch ein Prozess,

eine Suchbewegung: Die erinnernde Stimme stellt sich

und die Ereignisse schamhaft, tollpatschig oder leidend

dar und gibt demGeschehen ein distanzierendes narratives

Gerüst. Die Figur selbst, über die berichtet wird, hat sich

allerdings geschämt oder gelitten, sie hatte keine Mittel

der Distanzierung vom Geschehen zur Verfügung gehabt.

Sie lernt bitter aus den geschichtlichen Ereignissen.

„Wir sind Gefangene“ nahm die erste eigenständige

Prosaveröffentlichung Grafs, „Frühzeit“ aus dem Jahr

1922, auf. Die zweite Veröffentlichung Grafs, der Erzähl-

band „Zur freundlichen Erinnerung“, schildert mit

einem kritischen Blick auf die Gesellschaft Verlierer und

Ausgestoßene der frühen Weimarer Jahre: „Man sagt“,

heißt es zu Beginn der Erzählung „Ablauf“, „wenn sich

die zwanziger Jahre aus einem Menschenleben winden,

fangen die Reibungen an zwischen natürlichem Denken

und dunklem Trieb. Es beginnt ein Aufruhr im Innern.

Über die Dämme, die die Erziehung notdürftig aufgebaut

hat, bricht das Blut und je nach Festigkeit des Betroffenen

folgt einer solchen Krise die Zerrüttung […]. Johann Krill

fiel so in den Rachen der Zeit“.

In der zitierten Passage wird die Hauptfigur Johann Krill

buchstäblich aus der Zeit heraus geboren. Die titelgebende

Formulierung „Zur freundlichen Erinnerung“ enthält eine

auffordernde Geste an das Publikum, die Schwierigkeiten

der unteren sozialen Schicht zu bedenken. Graf vermeidet

dabei psychologische Schilderungen. Er skizziert Figuren

über soziale Kontexte.

„Weißblaue Kulturbilder“: Der Volksschriftsteller

Graf bringt zwei Erfahrungsräume mit, die sich nicht ohne

Weiteres miteinander verbinden lassen: das Land und die

Stadt. Beide benötigen literarisch eine eigene Form und

eine eigene Sprache, um überzeugend dargestellt werden

zu können. Während Graf mit „Wir sind Gefangene“ die

dokumentarische Form der Zeit aufgreift, muss er für die

Darstellung des ländlichen Lebens nach anderen Formen

suchen. In der Literatur fand er eine Reihe von Vorbildern,

Land und Leute darzustellen, wie Josef Ruederer, Georg

Queri, Ludwig Thoma oder Lena Christ. Graf aber war es

wichtig, genauer zu sein als seine Vorgängerin und die Vor-

gänger. In einem Brief an seinen Münchner Verlag Desch

schrieb er, seine Geschichten vom Land gingen über jene

von Thoma und Lena Christ hinaus, weil sie „nicht mehr

im Heimatlichen allein, sondern im Menschlichen, Schick-

salsmäßigen das Ziel der Gestaltung“ fänden.

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Man versteht Grafs Romane und Erzählungen über das

ländliche Leben besser, wenn man seine Unterscheidung

zwischen Nation und Volk bedenkt. „Nation“ erscheint

ihm als abstrakte Einheit nicht plausibel, das Volk hin-

gegen natürlich. Ein gutes Beispiel dafür, was Graf unter

Volk versteht, ist sein Roman „Das Leben meiner Mut-

ter“, der im Exil in Brünn begonnen und in New York

fertiggestellt wurde. Die Mutter steht exemplarisch für

einen Menschentypus, der den Frieden, die Arbeit und

das Recht liebt, und nicht daran denkt „Leben, Gesund-

heit, Wohlfahrt für kriegerische Abenteuer einzusetzen“.

27

26 Gerhard Bauer, Helmut F. Pfanner: Oskar Maria Graf in seinen Briefen,

München 1994, S. 303 f.

27 Graf (wie Anm. 9), S. 52.

Bei der Arbeit, 1930er Jahre

Foto: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Konv. OMG F 1-3