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Einsichten und Perspektiven 4 | 19

Warum können Worte verletzen?

Zum Unterschied zwischen physischer und sprachli-

cher Gewalt

Wir haben bisher auf die Verwandtschaft zwischen physi-

scher und symbolischer Gewaltausübung verwiesen; doch

nun ist ein wichtiger Unterschied zu betonen. Die Wirk-

kraft verbaler Aggression setzt voraus, dass eine sprachli-

che Äußerung seitens der Adressaten der Aggression auch

verstanden

wird. Ein Bedeutungs- und Sinnverstehen, gar

ein Vertrautsein mit kulturellen Sprachgebräuchen ist

vorausgesetzt, damit verletzende Worte ihren Adressaten

persönlich ‚treffen‘ können. Genau darin liegt ein Unter-

schied: Physische Gewalt vollzieht sich – in gewisser Weise

– monokausal bzw. ‚monologisch‘.

7

Sie geht vomTäter aus

und trifft das Opfer, welches durch die Gewaltausübung

7 Gertrud Nummer Winkler: Mobbing und Gewalt in der Schule. Sprechakt-

theoretische Überlegungen, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialfor-

schung 1/2014 S. 91-100, hier S. 94.

wie ein traktierbares Ding behandelt wird, bei dem die

Tötung als Übergang vom Lebendigen in ein lebloses

Ding nur die letzte Konsequenz ist. Symbolische Gewalt

dagegen ist interpretationsabhängig und – so rudimentär

das auch sein mag – bildet immer noch eine Art zwischen-

menschlicher Interaktion. Während der körperlichen

Gewalt immer ein Zug zur Ent-Menschlichung eigen ist,

spricht die symbolische Gewalt ihr Opfer als einen Men-

schen an, und zwar nicht nur als ein sprechendes und ver-

stehendes, sondern als ein interpretierendes und fühlendes

Wesen; das aber sind Dimensionen, die für das, was ein

Lebewesen zumMenschen macht, grundständig sind. Wir

sehen also: Was die spezifisch menschliche Weise in der

Welt zu sein auszeichnet, ist zugleich das, was uns psy-

chisch kränkbar und sozial diffamierbar macht: dass wir

erst durch Sprache zu sozialer Existenz kommen und in

dieser Existenzweise auf andere angewiesen, jedoch immer

auch gefährdet sind.

Die persönlich von Hate Speech betroffene Bundestagsabgeordnete Renate Künast engagiert sich gegen Hasskommentare im Netz.

Foto: picture alliance/dpa/Bernd Jutrczenka