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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 | 18

französischen Partner, die Montgelas aus Vorsicht gegen-

über Österreich und mit dem sicheren Gespür für die

überlegenere Kraft in Europa betrieb. 1805 schloss Bayern

im Vertrag von Bogenhausen ein geheimes Schutz- und

Trutzbündnis mit Napoleon, das der ängstliche bayerische

Monarch erst ratifizierte, nachdem schon französische

Truppen in Bayern einmarschiert waren. Im dritten Koali-

tionskrieg war Bayern auf der Seite Napoleons und damit

des Siegers. Das unterlegene Österreich verlor im Frieden

von Pressburg nicht nur ein Achtel seines Gebietes, son-

dern musste auch die Erhebung Bayerns und Württem-

bergs zu Königreichen akzeptieren.

Für Bayern begann damit ein neues Kapitel seiner

Geschichte, in dem die Frage der staatlichen Souveränität

und Integration zentrale Bedeutung erhielt. Die Ranger-

höhung zum Königreich von Napoleons Gnaden

3

fand

in einem sehr bescheidenen Akt in den Zimmern der

Königin in der Residenz am 1. Januar 1806 statt. Weder

Napoleon, der in München weilte, noch Montgelas waren

anwesend. In der Proklamation vom 1. Januar 1806 ließ

der König allerdings keinen Zweifel an seinem festen Wil-

len, selbstständige Politik zu betreiben. Er betonte, dass

er „durch die vielen Beweiße von Treue und Anhäng-

lichkeit der Baiern an ihren Fürsten und Vaterland sich

bewogen gefunden, Baierns Unabhängigkeit zu begrün-

den, indem Allerhöchst Sie in dem gegenwärtigen Zeit-

punckte, wo es durch die Vorsehung Gottes dahin gedie-

hen, daß das Ansehen und die Würde des Herrschers in

Baiern seinen alten Glanz und vorige Höhe zur Wohlfahrt

des Volkes und zum Flore des Landes wieder erreicht, den

dem Regenten Baierns angestammten Titel eines Königs

von Baiern anzunehmen und öffentlich proklamieren zu

laßen, sich entschloßen.“

4

3 Die jubiläumsbedingte Produktion von 2006 tendiert zur Überbewertung

des Ereignisses und großer Abstinenz gegenüber neuen Forschungser-

gebnissen. Die beste Zusammenfassung mit internationaler Perspekti-

ve und Beiträgen zur Integration der neubayerischen Territorien bietet

der Sammelband von Alois Schmid (Hg.): 1806. Bayern wird Königreich.

Vorgeschichte, Inszenierung, europäischer Rahmen, Regensburg 2006;

materialreich der Ausstellungskatalog der Schlösserverwaltung: Bayerns

Krone 1806 – 200 Jahre Königreich. Katalogbuch zur Ausstellung, hg. von

Johannes Erichsen und Katharina Heinemann, München 2006; speziell

zur Krone: Hannelore Putz, Die Königskrone von 1806, in: Ein Museum

der bayerischen Geschichte, hg. von Katharina Weigand und Jörg Zedler,

München 2015, S. 361-378.

4 Einen neuen Blick auf ein bekanntes Ereignis eröffnet Ferdinand Kramer, der

das offizielle Protokoll zur Annahme der Königswürde ausfindig gemacht

und ediert hat: Bayerns Erhebung zum Königreich. Das offizielle Protokoll

zur Annahme der Königswürde am 1. Januar 1806 (mit Edition), in: Zeit-

schrift für bayerische Landesgeschichte 68 (2005), S. 815-834, hier S. 830.

Obwohl er durch den Rückgriff auf mittelalterliche

Traditionen die neue Rangerhöhung zu legitimieren ver-

suchte, hat Max I. Joseph seinen Königstitel nicht ohne

Preis erhalten. Die private Konzession war die Ehe seiner

ältestenTochter Augusta Amalia mit dem Stief- und Adop-

tivsohn Napoleons, Eugène Beauharnais, die politische der

Beitritt Bayerns zum Rheinbund. Die Rheinbundakte, die

Bayern und weitere 15 süd- und mitteldeutsche Staaten

unter erheblichem Druck unterzeichnet hatten, beinhal-

tete ein Defensiv- und Offensivbündnis, zu dem Bayern

30.000 Soldaten beisteuern musste. Sie erlaubte allerdings

Bayern nach der Säkularisation der geistlichen Gebiete

nun auch die Mediatisierung der weltlichen Territorien

im Staatsgebiet und den Austritt aus dem Reich. Mit die-

sem Vertrag – völlig vom Protektor Napoleon dominiert

– hatte auch das Heilige Römische Reich seine Grundla-

gen verloren. Der Rücktritt Kaiser Franz II. am 6. August

1806, den Napoleon durch ein Ultimatum erzwungen

hat, war daher nur konsequent.

Scheinbar sang- und klanglos verschwand so dieses

„Alte Reich“

5

, das einzige – von Karl dem Großen an

gerechnet – wirkliche tausendjährige in der deutschen

Geschichte – ein Traditionsbruch ohnegleichen und eine

der ganz tiefen Zäsuren in Deutschland und Europa.

Allerdings ist es auch in der Folgezeit geschichtsmächtig

geblieben, in den entmachteten Funktionseliten ebenso

wie in seinen Institutionen, seiner Verfassung und auch

im kulturellen Gedächtnis der Deutschen. Allerdings

hat die dem Mittelalter entstammende Germania Sacra,

das geistige und institutionelle Geflecht des katholischen

Deutschlands, nach mehr als tausend Jahren ein radikales

Ende gefunden. Und damit hat die ‚katholische Inferio-

rität‘ des 19. und 20. Jahrhunderts begonnen, die sich in

einem deutlichen gesellschaftlichen Rückstand gegenüber

der protestantischen Bevölkerung ausdrückte.

Das Hl. Römische Reich – untergegangen und doch

lebendig

Erhalten aber blieben Bilder und Sinnbilder, Bauwerke

und Monumente, nicht zuletzt in den Reichsstädten, wo

sich ein einstmals selbstbewusstes und kulturaffines Bür-

gertum nun in eine intensive reichsbezogenen Traditions-

pflege mit historischen Festen, Spielen und einem reichen

5 Allgemeiner Überblick mit neuestem Forschungsstand: Barbara Stollberg-

Rillinger, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Vom Ende des

Mittelalters bis 1806, München

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2009; Peter Claus Hartmann / Florian

Schuller (Hg.), Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806. Zäsur in

der deutschen und europäischen Geschichte, Regensburg 2006.

Mit Krone und Verfassung ins neue Jahrhundert