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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 | 18

Vereinswesen flüchtete. Zudem kam das Reich an den

Zäsuren der folgenden Jahrhunderte stets ins Gespräch,

bei allen Fragen an die deutsche Geschichte spielte es eine

oft mehr als orientierende Rolle auch für politische Ent-

scheidungen, von 1848 über 1871 und 1918 bis 1945.

Stets war das Alte Reich präsent mit seiner religiösen

Vielfalt, seiner auf Subsidiarität aufgebauten Machtver-

teilung, seiner stabilen Rechtsordnung, seiner vorparla-

mentarischen Partizipation, seiner kulturellen und wirt-

schaftlichen Pluralität und seinem internationalen und

friedensstiftenden Charakter, Merkmale, die vor allem die

Forschungen zur Frühen Neuzeit in den letzten Jahren

besonders hervorhebt. Die föderale Organisation deut-

scher Staatlichkeit und die bundesstaatliche Gliederung

sind Ergebnisse dieser tausendjährigen Reichsgeschichte,

die bis heute die Geschichtsbilder der Menschen beein-

flusst und die Grundlage für ein vielfältiges regionales

Geschichtsbewusstsein bietet.

Nicht zuletzt hat das Alte Reich nach 1945 zunehmend

als Anreger und Modell für den Aufbau des künftigen Euro-

päischen Bundes gedient, der als neue übernationale Frie-

densordnung den Kontinent befrieden und einen sollte.

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Reformen Montgelas´ und Konstitution von 1808

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Napoleon war für Bayern allerdings zunächst kein

Zwangsherr. Die eigentliche Bindung der süddeutschen

Rheinbundfürsten mit Napoleon bestand darin, „dass er

sie durch seine Politik selber zu Revolutionären gemacht

hatte, die Opposition gegen ihn nur unter Verzicht auf die

erreichte Machtfülle hätten machen können. Er hatte so

nicht Kreaturen geschaffen, nicht Satelliten, die mit mili-

tärischer Gewalt zum Gehorsam gezwungen und politisch

aktionsfähig gemacht worden waren, sondern echte Ver-

bündete, die in wohlverstandener Staatsräson seiner Poli-

tik anhingen.“

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Die kleindeutsch-preußische Geschichtsschreibung hat

nach 1871 die Entscheidung Bayerns für Napoleon als

6 Für die politischen und kulturellen Nachwirkungen der vorzügliche Sam-

melband: Was vom Alten Reiche blieb.... Deutungen, Institutionen und

Bilder des frühneuzeitlichen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Na-

tion im 19. und 20. Jahrhundert. hg. Matthias Asche u.a. Hrsg. von der

Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 2011.

7 Überblicke dazu von Walter Demel: Der bayerische Staatsabsolutismus

1806/08–1817. Staats- und gesellschaftspolitische Motivationen und

Hintergründe der Reformära in der ersten Phase des Königreichs Bay-

ern, München 1983 und Karl Möckl: Der moderne bayerische Staat. Eine

Verfassungsgeschichte vom aufgeklärten Absolutismus bis zum Ende der

Reformepoche, München 1979.

8 Lothar Gall, Der Liberalismus als regierende Partei. Das Großherzogtum

Baden zwischen Restauration und Reichsgründung, Wiesbaden 1968, S. 5.

Verrat am Nationalgedanken und als Betrug gegenüber

den Verbündeten bezeichnet.

Demgegenüber ist festzustellen, dass nicht nur kühle

Berechnung Montgelas leitete, sondern auch der harte

Zwang außenpolitischer Fakten, insbesondere die unge-

stillten österreichischen Annexionsgelüste, den Weg wies.

Dazu kamen innenpolitische Möglichkeiten, nämlich im

Bündnis mit Frankreich fortschrittliche Reformen durch-

zuführen, ein zentralisiertes Staatswesen aufzubauen und

zusätzlich die Hoffnung auf weitere territoriale Gewinne.

Mag Max I. Joseph zunächst noch ein traditioneller

Reichspatriotismus von diesem Schritt abgehalten haben,

so folgte er nach kurzem Zaudern doch seinem Minister.

Für Montgelas war das Bündnis mit Frankreich ein Akt

der Staatsräson, wie er später in seinen Denkwürdigkeiten

ausführte:

„Sie war weder aus besonderer Vorliebe für den Staat,

noch aus Haß gegen irgend einen anderen, sondern ledig-

lich deshalb geschlossen worden, weil sie dem Lande

Sicherheit und Nutzen versprach, auch bei der damaligen

Lage Deutschlands die feste Stütze, deren wir nicht ent-

behren konnten, ...“

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Bayern war trotz dieser engen Bindung zugleich auf die

Erhaltung der neu gewonnenen Souveränität bedacht und

hat deshalb stets gegen den Ausbau des Rheinbundes zu

einem Bundesstaat agiert. Die Konstitution von 1808, die

erste moderne Verfassungskodifikation in Bayern, stand

unter diesem Vorzeichen und war auch als staatsrechtli-

ches Schutzschild gegen Einflüsse des Bundes und seines

Protektors gedacht. So hatte die bayerische Souveränitäts-

politik bereits in dieser Phase eine defensive Komponente,

die im Grunde für das gesamte Jahrhundert typisch blei-

ben sollte.

Auf demWeg zum gemeinsamen Staatsgebilde

Das heutige „Staatsbayern“, das von Berchtesgaden bis

Aschaffenburg, von Kempten bis Hof reicht, ist in weni-

gen Jahren entstanden. Zunächst war es ein Konglome-

rat aus über 70 Territorien, die sich im Rechtswesen, den

Staatstraditionen, in Größe und Finanzkraft und vielen

anderen Bereichen erheblich voneinander unterschieden.

Die kriegerischen Jahre der Napoleonischen Zeit ließen

kein gemächliches Wachsen zu, sondern konfrontierten

die Menschen mit rasanten Veränderungen.

9 Denkwürdigkeiten des Bayerischen Staatsministers Grafen von Montge-

las, übers. v. M. Frh. v. Freyberg-Eisenberg, hg. v. L. Gf. v. Montgelas, Stutt-

gart 1887, S. 137.

Mit Krone und Verfassung ins neue Jahrhundert