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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 | 18

Am Ende dieses Prozesses umfasste Bayern im Jahre

1818 über 75.000 Quadratkilometer gegenüber 61.200

vor 1803; seine Bevölkerung hatte sich gegenüber dem

Stand unter Karl Theodor von 1,9 Millionen auf 3,7

Millionen Bewohner nahezu verdoppelt. Anders als das

alte Bayern war das neue Staatsgebiet auch konfessio-

nell gemischt: 75% der Bevölkerung waren katholisch,

23,8% evangelisch, wobei die Protestanten in den neu-

bayerischen Gebieten dominierten. Eine kleinere jüdische

Bevölkerungsgruppe lebte vor allem in den ländlichen

Gebieten Frankens und Schwabens. Die Kriege und ihre

Folgen waren nicht ohne Auswirkung auf die Bevölkerung

geblieben.

Diesen „Fleckerlteppich“ aus Territorien, diese Gemen-

gelage aus Rechten, Traditionen und Bewusstseinslagen

in ein gemeinsames Staatsgebilde zu integrieren und die-

ses regierbar zu machen, war nun das Ziel des gewaltigen

Reformwerkes Montgelas’. Säkularisation und Mediatisie-

rung, das Bündnis mit Napoleon und der Rheinbund hat-

ten unübersehbar politische Handlungszwänge geschaf-

fen. Dabei galt es, den territorialen Zuwachs nicht nur zu

verwalten, sondern zugleich einzubinden, eine Aufgabe,

die Jahrzehnte in Anspruch nahm und zu einer neuen

bayerischen Staatsnation führte. Unübersehbar allerdings

blieben die erheblichen regionalen Unterschiede, die inte-

grationsfördernd oder -hemmend wirkten. Dazu kam

eine höchst unterschiedliche Integrationsbereitschaft in

den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, die eine

Zustimmung zu den massiven Veränderungen vom zu

erwartenden Vorteil abhängig machten.

10

Die daraus resultierende beständige Gratwanderung

zwischen zentralistischer Vereinheitlichung und regiona-

listischer Differenzierung konnte nur durch ein neues,

gemeinsames Staatsbewusstsein erfolgreich bestanden wer-

den. Zur machtpolitisch motivierten Notwendigkeit einer

wirksamen Reformpolitik trat die erklärte Absicht Mont-

gelas’ und seiner Mitarbeiter, sich vom Protektor Napo-

leon keine Eingriffe in die innere Souveränität aufzwingen

zu lassen. Ein weiterer massiver Sachzwang kam dazu,

nämlich der ungeheure Schuldenberg, der den bayeri-

schen Staat mehrmals an die Grenze des Bankrotts geführt

hatte. Nur durch effiziente Verwaltung waren gesicherte

Einnahmen und planbare Staatsfinanzen zu erzielen, ein

Faktum, das als Motiv nicht hoch genug veranschlagt wer-

den kann. Nicht zufällig stand daher im Zentrum dieser

10 Wolfgang Wüst: Standardisierung und Staatsintegration. Probleme baye-

rischer Politik im 19. und 20 Jahrhundert, in: Oberbayerisches Archiv 126

(2002) , S. 199-228.

vielfältigen Maßnahmen die Verwaltungsreform, die neue

Strukturen schuf und mit Rationalisierung, Zentralisie-

rung und Bürokratisierung das Land erfasste. Geistige

Grundlage für diese „Revolution von oben“ war ein neues

Staatsverständnis, das allerdings zutiefst im Aufgeklärten

Absolutismus wurzelte und nicht nur durch das Personal,

einen neuen Beamtentyp, sondern auch durch Institutio-

nen, Ideen und vor allem „die Mentalität einer politischen

Bürgerlichkeit“ des 18. Jahrhunderts beeinflusst war. Der

entscheidende Unterschied allerdings konzentrierte sich

in Begriff und Zuordnung der Souveränität. Hatte die

absolutistische Ära noch den Fürsten alle Machtfülle zuge-

wiesen, so wurde nun der Staat zum Sitz und Quell aller

Hoheitsrechte. Der Wechsel von der Fürsten- zur Staats-

souveränität ließ so den modernen Monopolstaat entste-

hen, der keine selbstständigen Gewalten neben sich dulden

konnte und deshalb auch als Staatsabsolutismus bezeich-

net worden ist. Zugleich übernahm der Staat aber auch

den Schutz von Recht und Eigentum seiner Bürger und

schrieb dies in fundamentalen Gesetzen und Verfassungen

fest, so dass die Anfänge des Rechts- und Verfassungsstaa-

tes in dieser Phase deutlich Gestalt annahmen und sich

bereits wenig später erste Ansätze von sozial- und kultur-

staatlichen Verpflichtungen abzeichneten. Schon bald ver-

banden sich ein früher „Verfassungspatriotismus“ und ein

bayerischer Nationalstaatsgedanke zur integrativen, mehr

oder weniger wirksamen staatsbayerischen Reichsideolo-

gie, die alle typischen Elemente einer Nationsbildung auf-

wies: die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols,

die Integration regionaler oder partikularer Interessen, die

Identität der Staatsbürger, die Legitimierung der eigenen

Herrschaft, die Partizipation der Bürger und die Distribu-

tion von Gütern, Leistungen und Werten.

Im Verlaufe der Ära Montgelas wurde Bayern zu einem

Mustertypus des süddeutschen Konstitutionalismus, der

trotz mancher Einschränkungen und Verzögerungen

wesentliche zukunftsweisende Modernisierungsfaktoren

aufwies. Die alte Ständegesellschaft wurde zugunsten

einer bürgerlichen Eigentümergesellschaft aufgelöst, die

„Nation“ ersetzte die traditionelle Ständeordnung und

entwickelte in der Folge ihre eigenen Formen der Reprä-

sentation. Die politische Auseinandersetzung des 19. Jahr-

hunderts aber spitzte sich immer wieder in der Frage zu,

wer der eigentliche Souverän sei, der Fürst, der Staat mit

seiner Verwaltung oder das im Parlament repräsentierte

Volk. Die Entscheidung für die Volkssouveränität sollte

dabei erst 1918 revolutionär fallen.

Die Vielzahl der Reformen ist nahezu unüberschaubar.

Im Zentrum standen die Maßnahmen zur Einrichtung

Mit Krone und Verfassung ins neue Jahrhundert