05.02.2021
Themenforum Flucht und Vertreibung
Die Eingliederung der Vertriebenen in Bayern. Kalte, fremde oder neue Heimat?

Straßenzug in Neugablonz, 1950er Jahre. Foto: Isergebirgs-Museum Neugablonz

von Walter Ziegler

Man hat vor einiger Zeit von einer „Kalten Heimat“ gesprochen, die die Vertriebenen aus dem Osten nach 1945 vorfanden, und wollte damit zeigen, dass das Bild des großen Erfolges, das sich bis in die achtziger Jahre für deren Aufnahme herausgebildet hatte, so nicht zutrifft, dass vielmehr die Vertriebenen in eine fremde, sie nicht freundlich aufnehmende Welt gekommen seien.[1] Ist diese Einschätzung, die vor allem aus Entwicklungen in Norddeutschland gefolgert wurde, auch für Bayern richtig?

Voraussetzungen: Situation, Zahlen, Verteilung

Als in der letzten Kriegsphase zuerst Flüchtlinge, dann nach dem Krieg in großem Maß zwangsweise Ausgesiedelte nach Bayern kamen, handelte es sich hier keineswegs mehr um ein Land mit traditionellen Strukturen und Erscheinungsformen, wie man sich Bayern in früherer Zeit, etwa vor 1914, vorstellen konnte, ein eigenständiges, bäuerlich geprägtes, von Traditionskräften wie König und Adel, Kirchen und Brauchtum, Fremdenverkehr und Festen geprägtes Gebiet. Es war jetzt vielmehr ein Land, das zuerst durch die Revolution 1918 und die Weimarer Zeit, dann durch die NS-Diktatur tief umgestaltet worden war:

Die Traditionskräfte, auch die Kirchen, waren weit zurückgedrängt zugunsten der nationalen gesamtdeutschen Einheit, das staatliche Schicksal Bayerns war dem anderer Regionen gleich und nun durch Krieg und Zerstörung gekennzeichnet. Auch die Bevölkerung war durcheinandergewürfelt, besonders durch den Dienst in der Wehrmacht, durch Evakuierungen und Aufnahme von Flüchtlingen schon vor 1945. Natürlich gab es hie und da Dörfer, wo die Traditionen ungebrochen schienen, insgesamt aber hatte die nicht vertriebene Bevölkerung in vielen Lebensbereichen ein ähnliches Schicksal wie die vertriebene erlitten (abgesehen vom Verlust der Heimat): Nur deshalb, weil alle, ob aus Ost oder West, von den Siegermächten wie von den Besiegten selbst als der deutschen Nation zugehörig angesehen wurden, war eine Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen[2] in diesem Maßstab überhaupt möglich.[3]

Bis 1952 kamen rund 1,9 Millionen Ostvertriebene nach Bayern, das 1939 (ohne die Pfalz) 7,1 Millionen Einwohner gehabt hatte. Das bedeutete einen Zuwachs von über 26 Prozent Neubürger, also ein Viertel aller Bewohner des neuen Freistaates. Seit 1815, als große Teile von Franken und Schwaben zu Bayern geschlagen worden waren, fand damit der größte Bevölkerungszuwachs hier statt. Herkunftsländer der Ankömmlinge waren, wie überall im verbliebenen Deutschland, die Ostgebiete des Reiches, die durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz an Polen und die Sowjetunion gegeben worden waren, sowie mittel-, ost- und osteuropäische Staaten, die ihre deutsche Bevölkerung vertrieben. Dabei ist eine Besonderheit, dass in Bayern die aus der Tschechoslowakei (ČSR) stammenden Sudetendeutschen unter den Vertriebenen eine Mehrheit von 55 Prozent ausmachten, also über die Hälfte; erst mit 24 Prozent folgten die Schlesier, mit vier Prozent die Ostpreußen.

Die Hauptmasse der Ausgesiedelten kam 1946 in 764 Transporten (über 700.000 Menschen) aus der ČSR, und zwar vor allem über die Grenzdurchgangslager Wiesau bei Hof im Norden und Furth im Wald im Osten. Zu dieser großen Anzahl von Menschen kamen noch kleinere von speziellen Gruppen: Flüchtlinge aus der SBZ/DDR (bis 1955 ca. 281.000, zum Teil dort früher Ansässige, zum Teil dorthin aus dem Osten Ausgesiedelte), Kriegsgefangene und Displaced Persons (zuerst ca. 360.000, bald durch Auswanderung stark abnehmend), Spätaussiedler (bis 1961 ca. 362.000). Zu nennen sind auch die im Kriegsverlauf Evakuierten (ca. 468.000), also Einheimische, die auf die Rückkehr aus anderen Gebieten Bayerns oder Deutschlands harrten, aber nicht als Vertriebene gerechnet wurden. Eine ganz kleine, gleichwohl bald einflussreiche Gruppe war die der „Remigranten“, die einst das NS-Reich verlassen und im Exil im Ausland gelebt hatten (etwa Waldemar von Knoeringen, Hans Habe, Annette Kolb).[4]

Die Hauptfrage war, wie diese Menschen, die zum großen Teil völlig besitzlos waren, verteilt werden sollten. Da nach dem Willen der für Bayern zuständigen amerikanischen Besatzungsmacht die Ankömmlinge in der bisherigen Bevölkerung aufgehen sollten, ohne Rücksicht auf Herkunft und Konfession, war die Bildung zusammengehöriger Gruppen im Allgemeinen nicht möglich. Bis heute ist nicht genau erforscht, wie im Einzelnen und aus welchen Gründen die ankommenden Flüchtlingszüge im Land verteilt wurden. Klar ist nur, dass angesichts der Zerstörung der großen Städte eine Überstellung in ländliche Gebiete den Vorrang hatte, weiter dass die Regierungsbezirke Niederbayern und Oberpfalz, da schon vorher mit Flüchtlingen stark belegt, eher verschont werden sollten. Im Ergebnis hatten dann im Oktober 1946 die Regierungsbezirke Oberbayern und Schwaben die meisten Vertriebenen, die wenigsten Unterfranken und die Oberpfalz zugeteilt erhalten.[5] Die Hoffnungen, die man zeitweise auf Rückkehr, Umsiedlung oder Auswanderung in die USA setzte, erfüllten sich kaum, nur an die 200.000 Personen zogen später in andere Bundesländer.

Die nüchternen Zahlen zeigen allerdings nicht an, welche Probleme diese erzwungene Verschiebung der Bevölkerung mit sich brachte, von persönlichem Leid und traumatischen Erfahrungen durch die Vertreibung, über schlechte Versorgung, die Unterbringung an unbekannten und ungewünschten Orten bis zu Konflikten innerhalb der Vertriebenen und mit den Einheimischen. Die Zahlen zeigen aber auch nicht sogleich, wie viel aktiven und erfolgreichen Einsatz es dabei gab, bei den Vertriebenen wie bei den Einheimischen, etwa um Familien und Gruppen zusammenzuhalten und die täglichen Schwierigkeiten zu bewältigen. Jedenfalls entsprach das Endergebnis durchaus nicht überall den genannten Prämissen von Streuung und Verteilung: Viele Familien unternahmen es in Eigeninitiative und auf persönlicher Gefahr hin, vom Land in die Städte zu gehen, um Arbeit und Unterkunft zu finden, und oft gab es durch mancherlei Einsatz die Möglichkeit, früheren Zusammenhalt zu wahren oder wiederherzustellen, so dass schließlich die meisten Schlesier und Ostpreußen in Oberfranken und Niederbayern, sehr viele Sudetendeutsche in Schwaben ansässig wurden.

Und dann gibt es in Bayern, fast einmalig in Deutschland, fünf spezielle Flüchtlingsgemeinden (in Oberbayern Geretsried bei Wolfratshausen, Traunreut bei Traunstein, Waldkraiburg bei Mühldorf; in der Oberpfalz Neutraubling bei Regensburg; in Schwaben Neugablonz/Stadtteil von Kaufbeuren), wo die Vertriebenen, zuerst ohne Zuzug von Einheimischen, auf ehemaligen, nun aufgelassenen und halb zerstörten (aber noch mit Infrastruktur versehenen) Munitionsfabriken und einem Militärflugplatz angesiedelt wurden. Diese Gemeinden stiegen, trotz aller Schwierigkeiten, bald schnell auf und wurden schon in den 1950er Jahren zu Städten erhoben, heute sind sie die größten Kommunen in ihren Landkreisen. Eine davon, Neugablonz, konnte einen großen Teil der vertriebenen Arbeiter der einst weltberühmten Gablonzer Modeschmuckindustrie an sich ziehen (der Ort blieb merkwürdigerweise ein Stadtteil von Kaufbeuren). Das Schicksal dieser Gemeinden, gerade auch das von Neugablonz, ist ein besonders interessanter Aspekt der Integration in Bayern.[6]

Wohnung und Arbeit

Eine solche Flut von Menschen unterzubringen, war eine besonders hohe Herausforderung. Zur ersten Versorgung dienten Flüchtlingslager unterschiedlichster Gestaltung und Verteilung: 1381 waren es mit über 151.000 Bewohnern im Oktober 1946 (1949 noch 465, 1957 wurden die letzten aufgelöst). Dafür wurden alle nur denkbaren größeren Gebäude und Barackenlager benutzt, sogar die des ehemaligen KZ Dachau; das Leben in den Lagern, das anfangs kaum menschenwürdig war, stellt eine eigene (und bisher nur wenig untersuchte) Geschichte im Gesamtprozess dar. Trotzdem war, angesichts der großen Zahlen, die Unterbringung in Privatwohnungen noch erheblich wichtiger. Diese erfolgte normalerweise über erzwungene Einweisung, wobei in den Kommunen staatliche Flüchtlingskommissare, die mit geradezu diktatorischen Vollmachten ausgestattet waren, das entscheidende Wort bei der Belegung des vorhandenen Wohnraums mit Vertriebenen hatten. Dies bedeutete äußerste Beengung im täglichen Leben für alle, was bei den Eingewiesenen noch durch das Fehlen von Möbeln erschwert war. Dass es dabei Ungerechtigkeiten und auch Korruption gab, verwundert nicht; ebenso gab es aber auch enorme Hilfsbereitschaft, auf beiden Seiten. Auch hier ist zu vermerken, dass die Wohnsituation der Einheimischen, und nicht nur in den zerstörten Städten, meist ebenfalls keineswegs heutigen Maßstäben entsprach, dass das Leben mehrerer, auch fremder Personen in einem Raum etwa oder die gemeinsame Nutzung von Toiletten durch mehrere Familien oft allgemein üblich waren. Obwohl anfangs das Wohnungsproblem geradezu ungeheuerlich erschien, konnte es doch innerhalb von etwa zehn Jahren gelöst oder wenigsten stark gemildert werden, wozu auch Wohnungsbauprogramme der Gemeinden und der Kirchen beitrugen. Die vielen Flüchtlingssiedlungen am Rand von Städten und Dörfern sind heute noch ein sichtbares Zeugnis dieses Aufbauwillens (z.B. Hochbrück bei Garching).

Die Eingliederung in den Arbeitsmarkt schien vielleicht nicht im Erleben, wohl aber in der Sache weit schwieriger. Bayern war immer noch vorzüglich ein Agrarland; dagegen kamen viele sudetendeutsche Flüchtlinge aus handwerklichen und industriellen Berufen, für die es hier nur eine geringe Basis gab. Dazu kamen, etwa bei den Beamten und Lehrern, völlig andere Traditionen und Vorschriften. Trotzdem wurde bald überall beobachtet, dass die Flüchtlinge schnell Arbeit fanden, vor allem deswegen, weil sie erst einmal keinerlei Ansprüche stellten und jede Tätigkeit annahmen. Das bedeutet freilich, dass sie nicht oft im gleichen Beruf wie früher unterkamen, wobei es die Landwirte am schwersten hatten, da die (an sich geplante) Bodenreform in Bayern kaum zum Zug kam; schwer hatten es auch insgesamt ältere Menschen und Frauen mit Kindern, deren Männer tot oder verwundet oder noch nicht aus der Gefangenschaft heimgekommen waren. Doch der schnelle Aufschwung der westdeutschen Wirtschaft nach der Währungsreform war bei der Verbesserung der Lebensverhältnisse sehr hilfreich, ebenso dass durch Art. 131 des Grundgesetzes auch ehemalige Beamte aus dem Osten, ganz gleich aus welcher Stellung, wieder in den öffentlichen Dienst übernommen werden konnten. Das spielte insbesondere bei den Lehrkräften eine Rolle, die, auch wegen einer hervorragenden Ausbildung gerade in Böhmen (nach altösterreichischem Muster), den einheimischen Kollegen oft überlegen waren; 1950 waren immerhin 28 Prozent der hauptamtlichen bayerischen Volksschullehrer und -lehrerinnen Vertriebene. Ähnliches gilt für die Hochschullehrkräfte, wobei besonders solche der Universitäten Breslau und Prag hier gute Wirkungsmöglichkeiten fanden, ja bis in höchste Stellen der Wissenschaft in Bayern aufstiegen.[7] Aber auch im gewissermaßen normalen Geschäftsleben zeichneten sich die Vertriebenen schnell besonders aus, durch den Zwang der Verhältnisse, durch ihre persönliche Agilität, aber auch gestützt durch staatliche Hilfen. Am auffälligsten waren die vielen Flüchtlings-Industriebetriebe, die sich bald auch in Bayern entwickelten und das Know-how meist aus ihrer alten Heimat mitbrachten, angefangen von regionalen und nur zeitweise bestehenden wie der bis 1987 produzierenden Glashütte Phoenix in Konstein bei Eichstätt (aus Schlesien) oder der erst 2005 aufgelösten bekannten Firma „Müllers Karlsbader Backpulver“ in Neutraubling über bis heute tätige ansehnliche Betriebe wie die Medikamentenfirma Verla in Tutzing („Von Erlichs Reichenberger Löwen-Apotheke“) bis hin zu Weltfirmen wie der Strumpffabrik Kunert in Immenstadt (aus Warnsdorf in Böhmen); immer muss auch die bald wieder in alle Welt exportierende Schmuckwarenindustrie in Neugablonz genannt werden.[8] Besonders bekannt, da mit Heimaterinnerungen verbunden, sind auch Firmen der Genussbranche, etwa der Produzent der bekannten Karlsbader Oblaten (Firma Wetzel aus Marienbad in Böhmen, heute Dillingen an der Donau) oder die Schokoladenfabrik Schwermer aus Königsberg in Ostpreußen (heute Bad Wörishofen).

Staatliche Hilfe und Selbsthilfe

Es war überhaupt keine Frage, dass die ankommenden Flüchtlinge und Vertriebenen eingegliedert werden mussten: Sie waren deutsche Staatsbürger (was durch das NS-Regime auch in nicht-deutschen Staaten erzwungen worden war), hatten die gleiche Sprache, bekannten sich fast alle zur christlichen Religion und waren auch von der geschichtlichen Tradition her Angehörige der deutschen Nation, damit in den Augen der Siegermächte auch haftbar für alles im „Dritten Reich“ Geschehene. Für Bayern kam noch dazu, dass die Bevölkerung Süd- und Westböhmens bayerischen Dialekt sprach (mit spezifischen Abwandlungen) und die von ihr bewohnten Regionen bereits seit den 1920er Jahren als Nachbargebiete Ostbayerns mehr als früher wahrgenommen worden waren. Eine ernsthafte Diskussion, ob man die Vertriebenen übernehmen müsse, konnte es, auch bei manchem Unmut, nicht geben.

Deshalb nahm sich die neu gebildete bayerische Staatsverwaltung alsbald dieses Problems an. Es wurde eine mit weitgehenden Kompetenzen ausgestattete Sonderbehörde etabliert, mit Staatssekretär Wolfgang Jänicke (aus Schlesien) an der Spitze und den schon genannten Kommissaren im Land; 1950 wurde diese dann in das Ressort eingegliedert, das für Arbeit zuständig war (heute: Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales). Sodann wurde ein Hauptausschuss der Flüchtlinge und Ausgewiesenen gebildet, der mit Parteivertretern alle Probleme zu diskutieren hatte.[9] Wirtschaftlich nahm sich der Staat vor allem der Notwendigkeit von Krediten an, die die Vertriebenen benötigten, weshalb 1950 eine Landesanstalt für Aufbaufinanzierung gegründet wurde (heute LfA Förderbank Bayern).[10] Von Seiten der neu errichten Bundesrepublik wurde zuerst ein Soforthilfegesetz (1949), dann das hoch bedeutende Lastenausgleichsgesetz erlassen (1952): Indem man alle nichtvertriebenen Deutschen mit einer Vermögensabgabe von 50 Prozent belastete (auf Jahrzehnte gestreckt), sollte wenigstens ein Teil des Verlustes von Hab und Gut der Vertriebenen aus dem Gesamtvermögen der Nation erbracht werden. Dass dies durchsetzbar war, gehört zu den bewundernswerten Leistungen der jungen Demokratie in Westdeutschland.

Man darf aber auch die Selbsthilfe nicht unterschätzen, die von den Vertriebenen vielfach unternommen wurde, sowohl von Einzelpersonen wie von Instituten wie etwa den Kirchen. Bedeutend wurden die bald begründeten „Landsmannschaften“ (z. B. in Bayern „Sudetendeutsche Landsmannschaft“ 1947, von Ostpreußen 1948, der Schlesier 1950), die sich aller Belange ihrer Gruppen annahmen und besonders die fortbestehende Zusammengehörigkeit in der neuen Heimat betonen wollten, dann – stärker politisch ausgerichtet – 1957 der „Bund der Vertriebenen“ in Westdeutschland. Zentren der bayerischen Vereinigungen, stark vom Freistaat unterstützt, wurden in München das „Haus des deutschen Ostern“ (1970), das noch heute für alle Gruppen zuständig ist und vor allem durch Vorträge und Ausstellungen einen ausstrahlenden Schwerpunkt bildet, sowie das „Sudetendeutsche Haus“ (1985) mit vielen unterschiedlichen Veranstaltungen und Aktivitäten (z.B. Adalbert-Stifter-Verein). Besondere Erwähnung verdienen im diesem Haus die Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste (gegründet 1979), vor allem aber das 1956 gegründete Wissenschaftliche Institut „Collegium Carolinum“, das sich in der Tradition der alten Universität Prag sieht, mit einer großen Bibliothek und internationalen Veranstaltungen und Projekten, gerade auch zum Verhältnis von Tschechen und Deutschen in Böhmen. Im Jahr 2020 ist dann die lang erwartete Eröffnung eines Sudetendeutschen Museums, ebenfalls in München, erfolgt. Besondere Zentren der Schlesier in Bayern sind Würzburg, der Ostpreußen Ellingen in Mittelfranken, der Deutschen aus der Bukowina (früher Österreich-Ungarn, heute: Rumänien und Ukraine) Augsburg.

Kulturelle Veränderungen

Es kamen nicht einheitlich „Vertriebene“ nach Bayern, sondern Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen, die jeweils eigenständige kulturelle Traditionen hatten, von der Sprache, den Konfessionen, über Eigenheiten von Schulen, Literatur und Musik, dann auch von sportlicher Betätigung bis hin zu ausgeprägten Speisegewohnheiten. Es ist deshalb zu bedenken, was daraus geworden ist und wie die einheimische Bevölkerung davon beeinflusst wurde. Für diese Fragestellung passt gut die seit längerem in der Migrationsforschung geführte Diskussion über die richtigen Begriffe.[11] Wenn man dabei „Integration“ als Oberbegriff für die Eingliederung nimmt, so würde „Assimilation“ bezeichnen, dass eine Gruppe ihre bisherige Identität ganz aufgibt und sich voll an die neue anschließt, „Akkulturation“ aber eine gemäßigtere Art von Anpassung meinen, wo man nicht alles Eigene ablegt und nur manches Neue übernimmt, „Hybridität“ schließlich einen Vorgang, bei dem von zwei aufeinander treffenden Kulturen jede sich verändert und gewissermaßen eine neue entstehen lässt.

Was zuerst die heimatlichen Dialekte betrifft, so sind sie fast durchwegs rasch verloren gegangen und mit der älteren Generation als Umgangssprache ausgestorben, und zwar nicht nur, weil sich die Jugend den einheimischen Dialekten (bayerisch, fränkisch, schwäbisch) angepasst hat, sondern weil auch zwischen den Vertriebenen unterschiedlicher Herkunft nur ein allgemeines Verkehrsdeutsch möglich war (so z.B. in den Flüchtlingsstädten, abgesehen von Neugablonz); gepflegt werden die Dialekte der alten Heimat fast nur noch in Gruppen wie den Landsmannschaften – ein Beispiel weitgehender Assimilation. In Bezug auf die christliche Religion haben die Vertriebenen (aus Böhmen meist katholisch, aus den deutschen Ostgebieten meist evangelisch) zwar die allgemeine Religionsstatistik Bayerns kaum geändert, doch ist durch die Verteilung ohne Rücksicht auf die Konfession die Existenz der konfessionell einheitlichen Kommunen in Bayern (in Altbayern viele katholische, in Franken evangelische) praktisch beendet worden, was bedeutende Folgen vor allem für die bisherigen Konfessionsschulen hatte, die eben deshalb bald ihr Ende fanden, aber auch etwa für kirchliche Friedhöfe. Trotzdem war der religiöse Bereich einer der ersten, in dem Flüchtlinge und Einheimische sich trafen und Kontakt fanden, besonders im einheitlichen lateinischen Gottesdienst der Katholiken – bei den Evangelischen war es wegen der unterschiedlichen Traditionen der Landeskirchen schwieriger. Allerdings haben sich anfangs teilweise entwickelte Sondergruppierungen in den Kirchen nicht gehalten (abgesehen von gelegentlichen kirchlichen Feiern). Ebenfalls bald gute Kontakte gab es im Sport und bei der Volksmusik, wobei oft der Anstoß von den Vertriebenen kam, die solches in der alten Heimat intensiv betrieben hatten und nun in Bayern manche etwas eingeschlafenen Vereine aktivierten, wie immer wieder berichtet wird.

Dem Bildungswesen gehörten dann besondere Bemühungen der Vertriebenen, aus eigener Erfahrung und aus Notwendigkeit für die Zukunft; es ist bemerkenswert, dass die moderne bayerische Realschule auf Initiative des sudetendeutschen Pädagogen Viktor Karell (1898-1979), nach dem Vorbild der böhmisch-österreichischen „Bürgerschule“, begründet wurde (in Landau an der Isar).[12] Hier könnte man von umgekehrter Akkulturation sprechen, Bayern lernte von den Vertriebenen. Bei der Literatur ist nicht so leicht zu beurteilen, ob etwa das große Ansehen, welches das Werk Adalbert Stifters, der aus dem Böhmerwald stammte und diesen vielfach beschrieben hat, nach dem Krieg erreicht hat, eine allgemein europäische Erscheinung ist oder speziell mit den Vertriebenen zu tun hat, für die er geradezu als Emblem steht; Ähnliches gilt für die Prager Literaten um Franz Kafka und Franz Werfel. Doch dass für die gehobene Literatur Ernst Wiechert (1887-1950, aus Masuren), der längere Zeit in Wolfratshausen gelebt hatte, in Bayern so bekannt wurde, oder für die Kinderbücher der aus Reichenberg stammende, später bei Rosenheim ansässige Lehrer Otfried Preußler (1923-2013), hängt zweifellos mit den Vertriebenen zusammen. In der Musik sind die Bamberger Symphoniker, die die Tradition der Prager Orchester weitergeführt haben, dann die Instrumentenbauer von Graslitz zu nennen, die sich in Waldkraiburg zusammenfanden, oder auch der Promotor der Jugendsingbewegung und Volksliedersammler Walther Hensel aus Mähren (1887-1956, eigentlich Julius Janiczek), der zum Schluss in München wirkte: Angesichts der großen musikalischen Traditionen in Bayern trifft hier aber wohl eine Akkulturation der Neubürger zu. Von großer Bedeutung als Gradmesser der Integration sind schließlich die Ehen zwischen Einheimischen und Vertriebenen. Die Begründung dieser Partnerschaften erfolgte, wider Erwarten konservativer einheimischer Kreise, schnell und offenbar weitgehend problemlos (wobei freilich auch der von den Folgen des Krieges verursachte Männermangel eine Rolle spielte): 1948 gab es in Bayern nur noch 38 Prozent reine „Vertriebenen-Ehen“, was später schnell noch weiter abnahm[13]. Hier entstand tatsächlich für beide Teile Neues (Hybridität), was bei einer Vergrößerung der Bevölkerung um ein ganzes Viertel auch gar nicht anders anzunehmen war. Es ist aber hinzuzufügen, dass immer eine kleine Zahl reiner „Vertriebenen-Ehen“ erhalten blieb, ja dass oft noch heute, wie man immer wieder beobachten kann, junge Menschen, deren weitere Vorfahren einst aus dem Osten kamen, sich leicht verbinden, ohne zuerst darauf zu achten: Offenbar wirken bestimmte persönliche Eigenheiten über Generationen weiter. Wenn also die früheren Vertriebenen in ihren Nachkommen als solche kaum mehr sichtbar sind, wirken die Folgen der Integration durchaus weiter.

Es gibt aber auch Bereiche, wo offensichtlich weder Assimilierung noch Akkulturation geplant waren oder einfach nicht erfolgten. Hier sind besonders die regionalen Vertriebenengemeinschaften zu nennen, die das Erbe der alten Heimat wahren wollen, durch Jahrestreffen, Trachtenfeste und anderes, etwa die Egerländer Gmoi, die Landsmannschaft der Banater Schwaben oder die Landsmannschaft der Russlanddeutschen, um nur wenige anzuführen – angesichts der Überalterung vieler Mitglieder bemühen sie sich aber in letzter Zeit besonders um Öffnung zu den anderen Vertriebenen-Gemeinschaften und solchen angestammter regionaler Tradition. Auch die Speisen, die man als besonders wichtige Erinnerung aus der Heimat im Gedächtnis behielt und an die Jugend weitergab,[14] wurden im Allgemeinen nicht in Bayern übernommen, mit Ausnahme des im Osten überaus weit verbreiteten Mohn, den man seit damals ganz selbstverständlich, etwa bei Backwaren, auch hier findet. Typisch für dieses selbstbezogene Traditionsdenken sind dann die sehr vielen und kulturgeschichtlich durchaus wertvollen Heimatstuben (etwa das Freudenthal/Altvater-Museum in Memmingen),[15] die heute allerdings immer mehr aufgegeben werden müssen; hier blieben die Vertriebenen weitgehend unter sich. Und bis heute werden in der Adventszeit fast immer für die Bayern Ludwigs Thomas Weihnachtsgeschichte „Heilige Nacht“ und für die Sudetendeutschen Adalbert Stifters „Bergkristall“ vorgetragen, und keineswegs umgekehrt.

Schließlich noch eine Bemerkung zu den Denkmälern für die Vertreibung und die Vertriebenen. Obwohl manche, wie das erst 1999 errichtete Denkmal in Nürnberg (Hallplatz), in der Öffentlichkeit hohes Interesse fanden, sind sie insgesamt – wenn man von den Gedenkkreuzen auf den Friedhöfen absieht – nicht besonders zahlreich, gerade auch nicht in den Flüchtlingsstädten. Hervorgehoben seien aber besonders eindrucksvolle in Neugablonz, darunter der berühmte Rüdigerbrunnen aus der alten Stadt Gablonz.[16]

Die Vertriebenen und die Politik

Die Vertriebenen aus dem Osten, besonders aus den nichtdeutschen Staaten, waren in besonderer Weise politisch interessiert: zum einen durch die dort vielfach sehr aktiven Parteien und parteinahen Organisationen (z.B. Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Böhmen, Memelländische Volkspartei im Memelland/Litauen; Jugendverbände usw.), zum anderen infolge des überall in diesen Staaten, besonders aber in Polen und der ČSR, seit mindestens 1918 virulenten „Volkstumskampfs“, der von Seiten der nicht-deutschen Staatsführungen wie von den nun deutschen Minderheiten intensiv geführt wurde, um die Stellung der jeweiligen ethnischen Gemeinschaft zu sichern und möglichst zu erweitern. Dies geschah mit Schutzverbänden für Kultur und Schule, aber auch im Rahmen der sog. Turnbewegung, die über Vereine der Leibesübung immer auch nationale Ziele verband. Das hatte oft erbitterte Auseinandersetzungen mit sich gebracht, die dann seit Errichtung von Hitlerdeutschland leicht zum Kontakt mit und später zum Anschluss an die NS-Partei geführt hatten. Da die Mehrzahl der Menschen aus dem Osten mit diesem „Gepäck“ hier ankam, war eine baldige politische Positionierung ganz natürlich. Sie fiel anfangs überwiegend zugunsten der SPD aus, weil dies eine seit alters bekannte, mit den sozialistischen Parteien in den Herkunftsländern eng verbundene und dann durch den vielfachen Widerstand gegen das Dritte Reich besonders bewunderte Traditionspartei war, die zudem in der ersten Zeit nach dem Krieg stark national argumentierte, für ein Gesamtdeutschland eintrat und der westlich orientierten Bundesrepublik kritisch gegenüberstand. Richard Reitzner aus Marienbad (1893-1962) war als stellvertretender Landesvorsitzender der bayerischen SPD, dann auch im Bundestag, einer der führenden Köpfe, die sogleich am neuen Freistaat mitarbeiteten, später auch Volkmar Gabert aus Nordböhmen (1923-2003) als Landesvorsitzender. Allerdings veränderte sich in Bayern bei den Flüchtlingen die Parteipräferenz zweimal entscheidend. Zuerst durch den im Norden gegründeten, in Bayern vor allem durch Theodor Oberländer (1905-1998) und Walter Becher (1912-2005) vertretenen BHE (Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten), der bei den Landtagswahlen 1950 immerhin auf 12 Prozent kam und bis 1962 in der Regierung vertreten war (bei baldigem Bedeutungsverlust).[17] Wichtiger waren als zweites dann die immer stärkeren Sympathien der nun schon länger ansässigen Neubürger für die CSU, die anfangs als partikularistisch und fremdenfeindlich angesehen worden war; doch spätestens seit 1969, als die SPD freundliche Verbindungen mit der Sowjetunion und ihren Satelliten herstellen wollte, die die völkerrechtswidrige Vertreibung leugneten und nur von „Umsiedlung“ sprachen, wurde die CSU mehr und mehr als Sachwalter der Vertriebenen verstanden. Daneben gab es bei den Vertriebenen immer auch rechtskonservative bis rechtsradikale Tendenzen, etwa bei dem ersten Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Robert Lodgman von Auen (1877-1962), die aber insgesamt randständig gehalten werden konnten, wie die Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950 zeigt. Auch die enge politische Verbindung der von den Vertriebenen bevorzugten Parteien SPD, BHE und vor allem der CSU mit der bayerischen Staatsregierung, die sich von allen Rechtstendenzen fernhielt, trug dazu bei.

Diese Zusammenarbeit wurde weithin sichtbar gewürdigt, als 1954 die bayerische Staatsregierung die Schirmherrschaft über die Sudetendeutsche Volksgruppe übernahm (Patenschaft über die Ostpreußen 1978) und diese sogar 1962 als „Vierten Stamm Bayerns“ proklamierte, neben den traditionellen „Stämmen“ Altbayern, Franken und Schwaben.[18] Und ganz im Sinne der Vertriebenenvertreter war es, dass Bayern 1973 zum Initiator des berühmten Urteils des Bundesverfassungsgerichts wurde, das die Ostverträge der Bonner Regierung zwar nicht beanstandete, aber bindend festlegte, dass das Deutsche Reich trotz des Zusammenbruchs 1945 weiter existiere, womit die Rechte der Vertriebenen aus den Ostgebieten (und auch der DDR-Flüchtlinge) zumindest psychologisch unterstrichen wurden. Des Weiteren konterkarierte die bayerische Regierung stets die Prag besonders entgegenkommende Haltung der Bundesregierung durch wesentlich härtere Formulierungen, die auch das Recht auf die alte Heimat vor allem im Sudetenland betonten. Auch die regelmäßige Teilnahme von Mitgliedern der Staatsregierung am jährlichen „Sudetendeutschen Tag“ unterstreicht bis heute die Bedeutung dieses Volksteils für Bayern.

Man muss freilich hinzufügen, dass im Fortschritt der Zeit, zum einen wegen der nachwachsenden Generationen nach der Vertreibung von 1945, zum anderen wegen des Endes der sowjetischen Herrschaft in Europa, sich die Verhältnisse doch deutlich geändert haben, etwa durch die Aufnahme von persönlichen oder institutionellen Kontakten auf unterer oder mittlerer Ebene mit Bewohnern von Tschechien und Polen, vor allem in den früher von Deutschen bewohnten Regionen. Im Fall von Ungarn sind solche Beziehungen sogar auf höchster Ebene erfolgt (Einführung eines Gedenktages der Vertreibung 2012). Damit hat sich das vorher schwierige Verhältnis doch deutlich entspannt, ging aber auch das Gewicht der Vertriebenen in der Öffentlichkeit zurück, gerade was die Politik, weniger was kulturelle Traditionen betrifft. Positiv könnte man dafür nun die Vertriebenen und ihre Nachkommen als Vermittler zur Geschichte und Kultur der mittel-und osteuropäischen Länder in Deutschland begreifen; eine solche Entwicklung sollte man mit Nachdruck bejahen.

Erfolg oder Misserfolg der Integration?

Das oben genannte Schlagwort von der „Kalten Heimat“ stellt die Frage, ob die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen geglückt ist oder nicht, ob also das Aufnahmeland, in das diese verbracht wurden, sie wirklich akzeptiert hat oder ob sie, für längere Zeit oder letztlich für immer, Fremde geblieben sind. Bei der Betrachtung dieses Themas muss man zwischen der grundsätzlichen Diskussion und den Problemen bei der Eingliederung selbst unterscheiden.

Natürlich war jeder in Verantwortung Stehende sich der Tragweite dieser erzwungenen Massenzuwanderung bewusst und versuchte, sich eine Meinung zu bilden und eine Position zu finden. So stellte etwa Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD) in seiner Regierungserklärung vom 22. Oktober 1945 fest, dass das Flüchtlingsproblem eine der größten Sorgen darstelle. Es gehe über die Kraft des Landes, drei Millionen fremde Menschen auf Dauer aufzunehmen: „Wir müssen diesen wurzellos gewordenen Menschen im Benehmen mit der Besatzungsmacht so rasch wie möglich wieder zu ihrer Heimat verhelfen“; bis dahin dürfe man sie aber nicht verkommen lassen. Das entsprach auch der Meinung des Münchener Erzbischofs, Kardinal Michael von Faulhaber, weil, trotz aller Hilfe durch die Caritas, Bayern unmöglich auf Dauer so viele Flüchtlinge aufnehmen könne, das würde einen ewigen Krieg mit den Einheimischen geben – so bleibe nur möglich entweder die Rückkehr oder die Ansiedlung nach Übersee.[19] Zwei Jahre später, am 24. Oktober 1947, erklärte dagegen Ministerpräsident Hans Ehard (CSU) zwar auch noch, man hoffe, dass bei den Friedensverhandlungen die Rückkehr in die Heimat ermöglicht werde, doch steht bei ihm jetzt etwas ganz anderes im Vordergrund: Es müsse der Flüchtling „zunächst das bittere Gefühl verlieren, dass er ein heimatloser Fremdling ist. Er soll Wurzel schlagen in unserem Land und in unserem Volk“; die organische Verschmelzung von Fremden und Einheimischen sei das Hauptziel.[20]

Ganz anders sahen die, oft persönlich erlebten, konkreten Probleme bei der Eingliederung der Vertriebenen aus. Natürlich stand im Vordergrund die Beschlagnahme von Wohnraum zu deren Gunsten. Jede Einschränkung der Einheimischen hier war bitter – allerdings hatte es solche, in kleinerem Maß, schon bei der Unterbringung der Evakuierten im Zweiten Weltkrieg gegeben. Da die Flüchtlingskommissare nicht nur einen zweifelhaften Ruf hatten, sondern wohl tatsächlich nicht überall „Idealfiguren“ waren, gab es Anlass genug zu klagen (z. B. rücksichtsloses Vorgehen, illegale Bevorzugung). Sodann fürchteten viele Einheimische, dass Bayern „überfremdet“ werde: Gute Sitten und Traditionen, gerade auch religiöse und volkstümliche, würden in einer mit den Vertriebenen verschmolzenen Gesellschaft schnell ans Ende kommen. Im persönlichen Umgang gab es auch viel Unverständnis von beiden Seiten, angefangen von den jeweiligen Dialekten, die man schwer verstand, über unterschiedliche Kleidung und Arbeitsweisen, über die Berichte eines angeblichen früheren Wohlstandes der Flüchtlinge – sie kamen wie Landstreicher daher, hätten aber angeblich einst lauter Schlösser gehabt – bis zu einem herablassenden Benehmen mancher Flüchtlinge, so als seien sie mit ihrer gutbürgerlichen Tradition nun in Gegenden von ungebildeten Eingeborenen verschlagen worden. Nicht selten interpretierten dies Einheimische, vor allem bei der sich damals gerade bildenden Bayernpartei, als überhebliches Preußentum, welches seit Ende des 19. Jahrhunderts in Bayern einen sehr schlechten Ruf hatte: Allerdings konnte der Vorwurf nur einen kleineren Teil der Flüchtlinge treffen, da ja die aus Böhmen stammende Mehrzahl wirklich keine „Preußen“ waren.

Bei diesen größeren und kleineren Misshelligkeiten, die vor allem auch atmosphärischer Art waren, muss man sagen, dass sie offenbar nicht von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt und im Lauf weniger Jahre weit in den Hintergrund gedrängt wurden, vor allem als klar wurde, welche Vorteile gerade die Aktivität der Neuankömmlinge für Staat und Bevölkerung mit sich brachten.[21] Insgesamt wird man also das Verdikt der „Kalten Heimat“ oder der „Fremden Heimat“ auf die Entwicklung in Bayern nur bedingt und höchstens für eine kurze Zeit anwenden können. Aber auch pauschal von „Neuer Heimat“ zu sprechen, wäre wohl zu einfach. Besser wird man die oben genannten Begriffe wie Assimilierung und Akkulturation verwenden, weil sie die Entwicklungen differenzierter erfassen, eben Integration bei Beibehaltung überkommener kultureller Identitäten deutlich werden lassen.[22] So wird man trotz aller Probleme und obwohl es bei einer so gewaltigen Bevölkerungsverschiebung auch viele Verlierer gegeben hat, doch grundsätzlich von einem erstaunlichen Erfolg der Eingliederung der Vertriebenen in Bayern sprechen dürfen.

Zur Erforschung der Integration in Bayern

Blickt man auf die Vorlage von Quellen, Darstellungen und auf die Forschungen zur Lage der Vertriebenen in Bayern, so spiegeln diese das allgemeine Auf und Ab der Flüchtlingsforschung wider, die zuerst sehr produktiv war, um 1960 stark zurücktrat und dann erst nach einem Jahrzehnt langsam wieder neu begann. Schon ab 1945 gab es zahlreiche statistische Analysen und Schriften aus dem Bereich der Verwaltung, es folgten einige allgemeine Übersichtsdarstellungen. Doch erst um 1970/80 beginnt eine neue, nun moderne Phase der Bearbeitung des Themas.[23] Nach frühen Bemühungen wie etwa der Arbeit von Martin Kornrumpf[24] ist vor allem eine große Aufsatz- und Quellensammlung des Münchner Professors Friedrich Prinz[25] zu nennen, die einen wichtigen  Anstoß bildete, dann auch die schon genannte Arbeit von Franz Bauer. Auch zwei weitere maßgebliche Initiativen gingen von Universitäten aus, wobei aber jeweils das zuständige Ministerium Hilfe bot. Zuerst wurde 1990 bis 1994 ein mehrteiliges Forschungsprojekt der Universität Bayreuth durchgeführt,[26] wo Rudolf Endres einer der Protagonisten war,[27] dann ein zweites, noch umfangreicheres vor allem von Münchner Institutionen, herausgegeben im Auftrag des Arbeitsministeriums, wobei von 1993 bis 2009 insgesamt 13, zum Teil sehr umfangreiche Bände erschienen sind;[28] sie  behandeln verschiedenste Materien, von Rechtsfragen über die Probleme der Eingliederung, Familienschicksale, weiter über Flüchtlingslehrer, das Vereinswesen, kulturelle Aspekte bis hin zum Verhalten der katholischen Kirche – leider ist die Reihe nicht fortgesetzt worden. Zu nennen sind weiter wichtige Auseinandersetzungen mit theoretischen Fragen, besonders bei Marita Krauss (Universität Augsburg)[29] oder regionale, aber in die Tiefe gehende Arbeiten wie die über Mittelfranken von Paul Erker.[30] Insgesamt wird deutlich, wie intensiv sich Regierung und Universitäten dieses Themas angenommen und damit Leitlinien gesetzt haben, wobei aber Veröffentlichungen von privater Seite und auch sehr viele kleinere Aufsätze keineswegs unterschätzt werden sollen. Trotzdem bleibt noch viel zu erforschen, wie etwa die genaue Verteilung der Angekommenen und die Gründe dafür, das Personal der Flüchtlingskommissare und ihr Wirken, die Flüchtlingslager, die fast ganz aus dem Blick geraten sind, die Art und Entstehung der Denkmäler, schließlich, was lange ganz fern lag, die Entwicklung der im Osten von Deutschen verlassenen Gebiete, oder die Kontakte, die erst langsam, dann immer deutlicher mit den jetzigen Bewohnern und Vertretern der ehemaligen Heimat aufgenommen werden konnten. Gerade die letztgenannten Themen können je länger je mehr in die Zukunft der Vertriebenengeschichte weisen.

Fußnoten

[1] Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 2009.

[2] In der Publizistik und auch in den wissenschaftlichen Darstellungen ist es üblich, die Begriffe „Flüchtlinge“ und „Vertriebene“ identisch zu gebrauchen, da auch die Flucht kaum je freiwillig war.  Allerdings hat das Bundesvertriebenengesetz von 1953 alle Deutschen, die den Osten verlassen mussten, als „Vertriebene“, die dort schon vor dem 31. Dezember 1937 Lebenden als „Heimatvertriebene“ bezeichnet und den Ausdruck „Flüchtlinge“ für die aus der Sowjetischen Zone (ab 1949 DDR) Geflüchteten reserviert, was aber meist in den Darstellungen nicht übernommen wird.

[3] S. für die Fakten den Artikel „Flüchtlinge und Vertriebene“ in: Historisches Lexikon Bayerns (Internet-Lexikon), München 2011/2018.

[4] Waldemar von Knoeringen, Politiker (1906-1971) aus Bayern, im Exil in England, 1947/63 Landesvorsitzender der SPD in Bayern; Hans Habe, Journalist (1911-1977) aus Ungarn, im Exil in den USA, nach 1945 u.a. Gründer der Neuen Zeitung München; Annette Kolb, Schriftstellerin (1870-1967) aus München, Exil in Frankreich und in den USA, nach 1945 zum Teil wieder in München lebend.

[5] Die Flüchtlinge in Bayern (Beiträge zur Statistik Bayerns 142), München 1948, S. 7.

[6] Vgl. Martin Renghart: Vertriebenengemeinden und –siedlungen, in: Historisches Lexikon Bayerns, (Internet-Lexikon), 2017.

[7] Z. B. Prof. Friedrich Prinz aus dem Sudetenland (1928-2003), Historiker für Mittelalter und Bayerische Geschichte; Dr. Walter Jaroschka ebenfalls von dort (1922-2008), Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns, später Präsident der Sudetendeutschen Akademie; Prof. Horst Fuhrmann aus Schlesien (1926-2011), Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; einer seiner Nachfolger in diesem Amt war Prof. Dietmar Willoweit aus Memel/Litauen (geb. 1936).

[8] S. Walter Ziegler: Der Beitrag der Vertriebenen zu Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, in: Christoph Daxelmüller u.a. (Hg.): Wiederaufbau und Wirtschaftswunder (Bayerische Landesausstellung 2009), Augsburg 2009, S. 146 ff.

[9] Franz J. Bauer: Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik in Bayern 1945-1950, Stuttgart 1982.

[10] Richard Winkler: Bayerische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung, in: Historisches Lexikon Bayerns (Internet-Lexikon), 2014.

[11] Vgl. dazu Marita Krauss: Migration, Assimilierung, Hybridität, in: Eckart Conze u.a. (Hg.): Geschichte der internationalen Beziehungen, Köln 2004, S. 258 ff.

[12] Sechzig Jahre für die „Sudeten“ und Deutschland. Der sudetendeutsche Beitrag zum deutschen Schulwesen nach 1945, Frontenhausen 2013.

[13] Bayern in Zahlen 9 (1955), S. 33.

[14] Dazu: Andreas Otto Weber u.a. (Hg.): Kann Spuren von Heimat enthalten. Typische Rezepte der Deutschen aus dem östlichen Europa, München 2018.

[15] Michael Henker (Hg.): Die Heimatsammlungen der Sudeten- und Ostdeutschen in Bayern, München 22009.

[16] Wikipedia: Liste der Vertriebenendenkmale in Bayern (A-L, M-Z) [Stand 12.09.2020].

[17] Daniel Schönwald: Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten, in: Historisches Lexikon Bayerns (Internet-Lexikon), 2013.

[18] Erik K. Franzen: Der vierte Stamm Bayerns. Die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen 1954-74, München 2010; s. auch Manfred Kittel: Bayerns „fünfter Stamm“. Schlesier, Ostpreußen und viele andere Vertriebenengruppen im integrationspolitischen Vergleich mit den Sudetendeutschen, München 2010.

[19] Heinz Hürten (Hg.): Akten Kardinal Michael von Faulhabers, Bd. 3 (1945-1952), Paderborn u.a. 2002, S. 239 (Aufzeichnung Faulhabers vom 30. November 1946).

[20] Zitate aus: Fritz Baer (Hg.): Die Regierungen 1945-1962 (Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern, III/9), München 1976, S. 43 (Hoegner) und S. 142 (Ehard).

[21] S. dazu Ausführungen und Tabellen bei Michael von Engelhardt: Lebensgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. Biographieverläufe von Heimatvertriebenen des Zweiten Weltkriegs, München 2001.

[22] S. Andreas Otto Weber u. a. (Hg.): Mitgenommen – Heimat in Dingen, Ausstellungskatalog München 2015.

[23] Arbeiten bis 1986 sind erfasst von Gertrud Krallert-Sattler: Kommentierte Bibliographie zum Flüchtlings- und Vertriebenenproblem in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und der Schweiz, München 1989.

[24] Martin Kornrumpf: In Bayern angekommen. Die Eingliederung der Vertriebenen, München 1979.

[25] Friedrich Prinz (Hg.): Integration und Neubeginn. Dokumentation über die Leistung des Freistaates Bayern und des Bundes zur Eingliederung der Wirtschaftsbetriebe der Vertriebenen und Flüchtlinge und deren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Land es, zwei Bde., München 1984.

[26] Robert Simon u.a. (Hg.): Die Entwicklung Bayerns durch die Integration der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, sechs Hefte, Bayreuth 1990 bis 1994.

[27] Rudolf Endres (Hg.): Bayerns vierter Stamm. Die Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen nach 1945, Köln 1998.

[28] Hermann-Joseph Busley u.a. (Hg.): Die Entwicklung Bayerns durch die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge, 13 Bde., München 1993 bis 2009.

[29] Z. B. Marita Krauss (Hg.): Integrationen. Vertriebene in den deutschen Ländern anch1945, Göttingen 2008.

[30] Paul Erker: Vom Heimatvertriebenen zum Neubürger. Sozialgeschichte der Flüchtlinge in einer agrarischen Region Mittelfrankens 1945-1955, Wiesbaden 1988.



 

Autor

Prof. em. Dr. Walter Ziegler lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 Bayerische Landesgeschichte an der LMU München. Er ist ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sowie der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft und Träger des Bayerischen Verdienstordens.

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