13.12.2019 Wir brauchen den Schulterschluss

Wer meint, der Antisemitismus sei nur für die Juden eine Gefahr, verkennt seine zersetzende Wirkung.

Ein Essay von Jo-Achim Hamburger

Anat Manor © aus der Serie „Among Equals“

Im Hochsommer 2015 finde ich in unserem Briefkasten ein kleines Büchlein. Als Überschrift lese ich „am Beispiel eines Hauses“, Nürnberg am Maxfeld 173.

Mir fällt ein, dass die Adresse Nordring 193 erst seit etwa 40 Jahren besteht und dass sie früher eben auf „Maxfeld 173“ lautete. Es geht im Buche also um unser Haus, das Haus, das mein seliger Großvater im Jahre 1953 käuflich erwirbt und in dem meine Schwester und ich eine glückliche und fast sorglose Kindheit erleben.

Was ich dann in dem Büchlein lese, berührt mich sehr, ja es wühlt mich auf und macht mich sowohl traurig als auch neugierig.

Die betagte Historikerin Frau Dr. Schödel, die es in unseren Briefkasten gelegt hat, begibt sich in dem Büchlein, das reich bebildert ist, nach Jahren auf die Suche nach den jüdischen Bewohnern des Hauses Maxfeld 173 und ihrem Schicksal. Frau Schödel lebt mit ihrer Familie dort für 3 Jahre von 1942 an, als das Haus längst „judenrein” ist.

Es wird im Jahre 1933 für Dr. Justin Weinschenk erbaut, er ist Jude, Nürnberger und von Beruf Allgemeinmediziner. Weinschenk und seine Frau erkennen die bösen Zeichen der Zeit früh und sie wandern nach Erez Israel, den sich im Entstehen befindenden Staat Israel, aus. Seinen Schwiegereltern, den Eltern seiner Frau, der Familie Kohn, überlässt er das Haus bis 1939. Nachdem die Nazis den Kohns die Würde und die Lebensgrundlage gestohlen haben, schaffen sie es, als eine der letzten deutschen Juden, in allerletzter Stunde in die USA und nach Erez Israel zu flüchten.

Von 1940 bis 1942 verzeichnen die Einwohnerbücher der Stadt keine Bewohner für das Wohnhaus. Das hat einen Grund. Mit dem Gesetz über die Mietverhältnisse von Juden vom 30.04.1939 schaffen die Nazi-Verbrecher die Grundlage für die Konzentration der jüdischen Stadtbevölkerung in sogenannten „Judenhäusern“. Das Haus wird zu einem „Judenhaus“ erklärt. Insgesamt sind acht Personen von 1939 bis 1942 im Haus eingepfercht. Alle werden 1942 nach Riga deportiert und alle werden ermordet.

Der frei werdende, gestohlene Wohnraum kann dann mit verdienten Parteimitgliedern belegt werden. Die damals noch junge Jutta Schödel zieht mit ihrer Familie in das Haus ein, der Vater ist Arzt und verdientes Parteimitglied.

Sie schildert uns später, als wir sie und ihren Mann zum Kaffee einladen, dass sie seit der Kindheit immer ein gewisses Unbehagen in diesem, wie sie es nennt, „Geisterhaus“ hat.

1945 requirieren die Amerikaner das Haus und machen es zu ihrem Hauptquartier. 1950 erhält Justin Weinschenk das Haus zurück.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen gelingt es meinem seligen Großvater im Jahre 1953, das Haus von seinem ursprünglichen Besitzer Justin Weinschenk zu kaufen.   

Meine Kindheit im Nachkriegsdeutschland

Hier haben wir, meine Schwester und ich, also unsere Jugend verbracht. Wir wissen nichts von der Geschichte des Hauses, niemand will nach der Shoa mit uns über die Vergangenheit reden. Mein Vater flieht 1939 mit dem letzten Schiff nach Erez Israel und kämpft dort mit den Engländern in der jüdischen Brigade. Er kommt nach dem Krieg als englischer Soldat nach Nürnberg zurück, um seine Eltern zu suchen. Sie sind versteckt am neuen jüdischen Friedhof, sie sollten im Februar 1945 nach Auschwitz deportiert werden. Die amerikanischen Luftangriffe auf Nürnberg zerstören die Bahnlinien und verhindern so den sicheren Tod der Großeltern. Vater arbeitet nach dem Krieg als Übersetzer in den Nachfolgeprozessen. Über das Ungeheuerliche, was er dort erfährt, spricht er nie.  Man selbst fängt natürlich irgendwann an nachzudenken und man überlegt, ob man nach Ausgrenzung, Beraubung. Unterdrückung, Mord und Totschlag zurückgekommen wäre, ins Land der Mörder, so wie die Eltern. Vor allem mit dem Wissen, dass es diesmal abscheulicher und grausamer war als die Male zuvor, aber dass es bei weitem nicht das erste Pogrom gegen die Juden in Deutschland war.

Ich gehe dann zur Grundschule in der Stadt der Reichsparteitage und der Stadt der Rassegesetze und bekomme nichts mit von Antisemitismus, außer, dass dich in der Geschichtsstunde im Gymnasium alle Mitschüler anglotzen, wenn über den Holocaust geredet wird. Viel wird verschwiegen. Damals ist es so. Zwei Juden gibt es an der Schule und klar, wir werden wie Außerirdische behandelt. Manchmal verstecke ich mich und versuche meine „Jüdischkeit“ zu verleugnen. Nur einmal sagt einer „Saujude“ zu mir.

Antisemitismus – immer allgegenwärtig, auch in der Bundesrepublik

Das ändert sich schnell. Mein Vater wird Stadtrat und engagiert sich gegen die NPD und die Neonazis, die in Wirklichkeit dieselben Verbrecher sind wie die Machthaber im „Dritten Reich“.[1] Keine Ahnung, ob heute noch jemand weiß, wie knapp diese Herrschaften etwa 1969 vor dem Einzug in den Bundestag standen. Stramm ausgerichtet, extrem national, rassistisch und natürlich antisemitisch, ganz in der Tradition der Nazis. Ich mache mir auch damals schon keine Illusionen. Die Nazis sind sicher nicht einfach verschwunden nach dem Krieg, sondern sie sind nach wie vor in bester Gesellschaft, inmitten der ehemaligen Gesinnungsgenossen. Also publiziert Vater Artikel gegen die Alt-und Neonazis. Dann ist der Teufel los. Drohanrufe übelster Sorte, haufenweise ekelhafte, schamlose antisemitische Briefe und Postkarten mit veritablen und ernst gemeinten Anschlagsplänen, die uns nach dem Leben trachten. Da bin ich etwa 13 Jahre alt und kurz nach der Bar Mizwah. Die Briefe und Postkarten habe ich teilweise immer noch. Heute schaue ich in die Facebookseiten und entdecke dieselbe Sprache eins zu eins wie damals. Nur das Medium ist anders. Das Haus wird bewacht und die Polizei fragt regelmäßig nach unserem Wohlergehen. Klar haben wir Angst und meine Schwester und ich besprechen das erste Mal die Möglichkeit, unser Vaterland zu verlassen. Das mit der „Aufarbeitung“ ist irgendwo stecken geblieben, die Wurzeln des Hasses in Deutschland sind immer noch da und wieder sichtbar. Der Antisemitismus ist wie ein Chamäleon, er nimmt verschiedene Formen an, es gibt Transformationen und Modifikationen, aber die Grundzüge sind immer gleich. Die Forscherin Monika Schwarz-Friesel spricht heute von Antisemitismus als einer „kulturellen Kategorie“, die nicht gleichzusetzen sei mit Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus.

Bemühungen und Enttäuschungen

Wir ziehen dann nach Israel nach meinem Abitur. Erst 1983 komme ich zurück. In der Heimat bekomme ich dann den Höhepunkt des „Falls Schönhuber“ mit. Der Gründer der „Republikaner“ gibt ein Buch heraus mit dem schönen Titel „Ich war dabei“. Dort erzählt er in schwülstigen, die Verbrechen der SS-Schergen verharmlosenden Worten die Romantik, bei der Mördertruppe dabeigewesen zu sein. Vater schreibt dagegen, er sei auch dabeigewesen, auf der anderen Seite, geflüchtet und entrechtet vor und von eben diesen Schergen, und bezichtigt ihn der Heuchelei und des Geschichtsrevisionismus. Schönhuber ist auch noch ein beliebter Fernsehjournalist. Er wird im Zuge der Auseinandersetzung entlassen. Dann bricht der Sturm wieder los.  Bombendrohungen folgen. Unser Haus wird zweimal pro Woche geräumt, Hundestaffeln suchen nach Bomben. Briefe mit „wir wollen die Gaskammern zurück“ und „man hat vergessen dich zu vergasen“ kommen zuhauf. Vater bekommt Personenschutz und das Haus wird zur Festung aus- und umgebaut. Das ist meine „Normalität“ bei uns in den frühen Achtzigern. Nürnberg hat sich gewandelt, bekommt „die Straße der Menschenrechte“ und wird dann auch die „Stadt der Menschenrechte“. Inzwischen gibt es, dank des politischen Wirkens meines Vaters und der Bereitschaft der Stadtspitze, einen „Ben-Gurion-Ring“ in Nürnberg und einen „Izchak-Rabin-Platz“. Die „Treitschke-Straße“ wurde umbenannt. (Er war einer der Begründer des rassischen Antisemitismus, dessen Slogan „Die Juden sind unser Unglück“, stets die Überschrift des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ des Unmenschen Streicher war.) Bei der Europawahl 2019 tritt eine Partei mit dem Wahlspruch an: „Israel ist unser Unglück“. Ich stelle Strafantrag und nichts passiert.

1991 erlässt die Bundesregierung das sogenannte „Kontingentflüchtlingsgesetz“ für Juden aus der Sowjetunion. Ziel ist die Stärkung der sterbenden jüdischen Gemeinden in Deutschland. Heute gibt es wieder etwa 2300 Juden, die in der Nürnberger Gemeinde heimisch geworden sind. Die zweite und dritte Generation ist der deutschen Sprache mächtig, wir geben in unseren neuen Räumen 120 Kindern jüdischen Religionsunterricht. Das klingt normal. Der Sicherheitszaun, die Hecke, die vielen Kameras, die schussfeste Panzerglasschleuse sprechen eine andere Sprache. Die Furcht ist immer noch da.

Und heute? – Der immerwährende Kampf gegen den Antisemitismus

Mein Vater stirbt mit 90 Jahren im September 2013. Ich übernehme Aufgaben und bin auch verantwortlich für die Kommunikation mit der Presse und den Behörden. Die erste Bewährungsprobe gibt es im sogenannten Gaza-Konflikt im Juli 2014. Israel wehrt sich gegen die Raketenangriffe der Hamas. Kurz nach Kriegsbeginn steht das Telefon nicht mehr still und man wirft uns „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, „Kindermord“ und auch „Völkermord“ vor. Wiederholt weise ich darauf hin, dass ich mich gerade in Nürnberg befinde und wir auch nicht die Vertreter der israelischen Regierung sind. Vergeblich. Hass. Man nennt mich „Judenschwein“, „ab ins Gas“ oder „ekelhaftes Pack“ sind noch die harmloseren Begriffe, die ich mir anhöre. Die Korrespondenz ist voll von Schmähschriften und auf den Straßen skandieren „Biodeutsche“, Nazis, Linke, Palästinenser und Türken unter anderem: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „Israel Kindermörder“. Unsere Kinder in den Schulen werden angegriffen, bespuckt und erniedrigt, weil sie Juden sind. Die Situation wird unerträglich und ich rufe Oberbürgermeister Dr. Maly an. Der verspricht sofort eine große Demonstration in Nürnberg gegen Antisemitismus zu organisieren.

Die Demo besuchen rund 2000 Menschen. Es sind auch die scheinheiligen „Friedensbewegten“ dabei, die Israel auf Transparenten beschuldigen, dass es sich wehrt … dieselben Menschen, die sich jedes Jahr mit Leidensmiene zusammenfinden, um auf unzähligen Gedenkveranstaltung der toten Juden zu gedenken, und gleichzeitig mit den BDS Leuten „Kauft nicht beim Juden“ postulieren.

Ja, ich nehme ihn wieder wahr, den globalen Antisemitismus. Die Ressentiments, die einem immer wieder entgegenschlagen. Da ist der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Egal, in welchem Kontext, egal, in welchem Land, er schlägt mir ins Gesicht. Der Jude, Geld, Macht, Einfluss, Manipulation, das sind die Schlagworte. Der Antisemitismus kommt von links, von rechts, ist in der sogenannten Mitte der Gesellschaft angekommen.

Eine Partei hat es mit Glanz und Gloria in den deutschen Bundestag geschafft, die in ihren Reihen unerträgliche Scharfmacher beherbergt und deren Parolen fatal an die der Nazis erinnern. Das Denkmal an die in Europa ermordeten Juden in Berlin wird als „Denkmal der Schande“[2] verunglimpft und die Leistungen der deutschen Wehrmacht, die dem Völkermord Vorschub leistete und den  Vernichtungs- und Angriffskrieg erst möglich machte, werden gelobt.[3] Diese Rechtspopulisten haben dafür gesorgt, dass der Antisemitismus lauter geworden ist und schamloser.

Wir brauchen einen Schulterschluss

Wir suchen den Schulterschluss mit den Anständigen. Wir glauben fest daran, dass Indifferenz gefährlich ist. Wir betreiben Aufklärung, wir laden Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen zu uns ein, nehmen an Demonstrationen gegen die Scharfmacher von Links und Rechts teil. Ich wünsche mir, dass Proteste gegen die Antisemiten nicht nur von uns Juden kämen. Dass noch mehr Menschen Flagge zeigten. Es gibt sehr wenige Juden in Deutschland. Dies ist auch unser Land. Wir wollen es zusammen verteidigen gegen Hass, Intoleranz und Geschichtsrevisionismus. Ich glaube an die Vernunft und Selbstreinigungskraft der deutschen Bevölkerung. Wir erfahren mannigfache Unterstützung von vielen Demokratinnen und Demokraten. Ich brauche auch keine komplexen Definitionen von Antisemitismus. Wer einem Juden etwas übel nimmt, was er einem anderen durchgehen lässt, ist ein Antisemit. Ich will nicht einige wenige Antisemitismusbeauftragte, ich will, dass alle Antisemitismusbeauftragte sind. Wir wollen Normalität.

Wer meint, der Antisemitismus sei nur für die Juden eine Gefahr, verkennt seine zersetzende Wirkung. Wie man bei uns in Deutschland sieht, werden Ethik, Moral, Toleranz, Empathie, alles wichtige Bestandteile einer funktionierenden, demokratischen und offenen Gesellschaft, immer mehr ausgehöhlt. Was mit dem Antisemitismus beginnt, endet mit einem Brachialangriff auf eben diese Werte der Gesellschaft. Wer dem Antisemitismus anhängt, ist gedanklich unfrei.

Jo-Achim Hamburger im Juli 2019

Jo-Achim Hamburger ist Vorsitzender des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg. 

[1] Ein Gespräch mit Arno Hamburger ist in „Einsichten & Perspektiven“ – Ausgabe 3/2013 zu finden.

[2] Björn Höcke, AfD, in seiner Rede in Dresden, Januar 2017: „Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, zit. nach https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/analyse-sind-afd-politiker-geistige-brandstifter,ReyGTZT [Stand: 13.11.2019].

[3] Alexander Gauland, AfD, in seiner Rede beim „Kyffhäuser-Treffen“, Thüringen, Juli 2017: „ […] haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, zit. nach https://www.welt.de/politik/deutschland/article168663338/Gauland-fordert-Recht-stolz-zu-sein-auf-Leistungen-in-beiden-Weltkriegen.html [Stand: 13.11.2019].

 

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